#88 Grafenegg

Zwar gibt es innerhalb Wiens ja genug Weihnachtsmärkte, die man besuchen könnte, aber der Mitmensch und ich fahren auf einen nach Niederösterreich, und zwar nach Grafenegg. Den haben wir uns irgendwie angewöhnt. Zum einen ist er wirklich nett, die Hütten stehen zum Teil im Park und zum Teil sind sie in den Räumlichkeiten des Schlosses untergebracht, zum anderen gibt es wirklich hübsches Kunsthandwerk, frische Bauernkrapfen und deftiges Essen. Und: hier wird Murmeltiersalbe verkauft. Dazu aber später.

Der Weihnachtsmarkt in Grafenegg geht immer über vier Tage, Donnerstag bis Sonntag, meist um den zweiten Advent herum. Man merke: Möchte man ihn besuchen, komme man möglichst früh, und zwar aus mehreren Gründen: Erstens ist bei diesem Markt Eintritt zu bezahlen (und mit 8 Euro pro erwachsenem Kopf nicht zu knapp), und da kann man schon mal länger in der Schlange vor den Kassen warten, bis die älteren Herrschaften vor einem fertig im Kleingeldfach herumgekramt haben, um irgendwann einzusehen, dass es sich wirklich nicht ausgeht und dann doch mit Karte zahlen wollen. Zweitens ist der Weihnachtsmarkt wirklich gut besucht. Draußen, im Park, ist das ja noch ok, da weicht man gegebenenfalls auf den Rasen aus und geht Alpakas und Lamas streicheln. Im Schloss ist das schon schwieriger. Die dort untergebrachten Stände und Verkaufsflächen sind in einem Einbahnsystem angelegt, das einen über Treppen, schmale Durchgänge und kleine Zimmer führt (die z.T. wahnsinnig aufwändig gearbeiteten Kassettendecken haben), in denen es sich bald gegen Mittag zu stauen beginnt. Manchmal wird man mehr durchgeschoben, als dass man gehen würde. Kommt man aber zeitig, hat man die Chance, nicht nur hin und wieder die eigenen Füße zu sehen, sondern auch Töpfereien, Mineralien aus Niederösterreich, Bienenwachskerzen und Wollsocken eingehender betrachten zu können.

Dieses Mal gibt es an den Weihnachtsschmuckständen auffallend viele vergoldete Nüsse und eine findige Wachauerin bietet vergoldete Marillenkerne an, die man sich als Einzelschmuckstücke um den Hals hängen kann. Es gibt ja einige, die Upcyceln zum Sport erhoben haben, aber ob diese Idee fliegen wird? Ich würde mir keinen abgelutschten Kern um den Hals hängen – auch nicht vergoldet.

Apropos Gold: Ein Kind findet im Antiquariatsteil eines Buchhändlers ein Buch mit vergoldetem Schnitt und ist begeistert. Die Eltern ziehen die Augenbrauen hoch und sagen hastig: „Nein, nein, die alten Bücher, die sind nur zum Ansehen da, die kann man nicht kaufen.“ Das Kind ist nicht ganz überzeugt und muss mir auf die Zunge beißen, um es nicht aufzuklären: „Doch, doch! Die kann man kaufen!“ Aber ich will ja in der Adventszeit keine Verwünschungen auf mich ziehen. Ich kaufe ein Buch aus dem Antiquariat, um ein paar Euro werden mit die „Charlatanerien“ von einem gewissen August Friedrich Cranz überlassen. Ich frage nicht nach dem Preis des Goldschnitt-Buchs, bin mir aber ziemlich sicher, dass es keinen besonders hohen Preis hat – zu einer so gedrängten Veranstaltung nimmt man keine Schätze mit, die man mitten im Raum in Richtung Ausgang einfach so stehen lässt.

Ein Einkaufs-Muss ist außerdem jedes Mal die oben bereits erwähnte Murmeltiersalbe: Sie hilft besonders bei Verspannungen, und von diesen wird der Mitmensch regelmäßig heimtückig heimgesucht. Die Murmeltiersalbe heißt übrigens nicht nur so, sie wird tatsächlich aus dem Fett von Murmeltieren hergestellt, dessen Bestandteile eben gegen Muskel- und Gelenksbeschwerden (und auch Rheuma ^^) helfen.

Nach der zweistöckigen Runde im Schloss haben wir Hunger bekommen und wollen uns die Essensstände im Park näher ansehen. Gerade als wir dorthin abbiegen, wird ein Schild aufgestellt, dass es bei der Indoor-Runde im Schloss zu längeren Wartezeiten kommen kann. Ein High Five für die Frühaufsteher!

Ein Rieslingsragout und ein Chili Con Carne später trinken wir noch etwas Heißes (Glühmost für mich, Kinderpunsch für den Autofahrer). Auf dem Rückweg zum Parkplatz sehen wir die Familie mit dem Kind wieder, denen wir vorhin beim Antiquariat begegnet sind. Sie stehen vor den Lamas. Das Kind bettelt. Ich bin leider zu weit weg, ob die Eltern auch hier sagen: „Nein, nein, die sind leider nur zum Anschauen da.“

 

#39 Weihnachtsmarkt

Ein Weihnachtsmarkt. Das Thema konnte ich nicht umgehen. Also habe ich mich aufgemacht, bei leichtem Schneefall, um den Kunsthandwerksweihnachtsmarkt am Karlsplatz zu besuchen. Dort angekommen hat sich der leichte Schneefall in Regen verwandelt und ich bin ohne Schirm. Umzudrehen kommt natürlich nicht in Frage. Und siehe da, die Stände haben durch ihre aufgeklappten Läden kleine Vordächer, und darunter steht und schaut man dann eben ein wenig länger, bevor man die vier Schritte zum nächsten Vordach macht. Alles nicht so schlimm. Und Mensch besteht ja aus über der Hälfte aus Wasser, nicht aus Zucker (wobei das nicht ganz stimmen kann, weil wir Kohlenhydrate ja in Zucker umwandeln und so… Aber das ist ein anderes Thema). Es ist Nachmittag und nicht viel los, was mir grundsätzlich lieb ist. Aber wenn man sich so umschaut, stellt man schnell fest, dass die Standelansammlungen doch schöner sind, wenn es etwas dunkler ist, man nicht mehr alles so genau sieht und die Lichter brennen. Zumindest wenn die Lichter noch relativ dezent sind, wie hier am Karlsplatz. Der Rathausplatz ist mir persönlich zu bunt, da fühle ich mich die ganze Zeit angeschrien.

Der Regen bringt Kurioses zum Vorschein. Durch das etwas längere Verweilen bei einzelnen Ständen hört man Gespräche, die man beim Vorbeischlendern im Schneetreiben wohl versäumt hätte. Zum Beispiel erklärt eine Frau einer Standlerin, die Marmeladen, Chutneys, Senf, Schmalz und andere Dinge in Gläsern verkauft, was sie alles nicht braucht, weil sie es schon zu Hause hat. Gut, ich wäre auch ohne diese Information ausgekommen (die Standlerin wahrscheinlich ebenfalls), aber es ist wenigstens netter als das „So a Glumpat“, zu dem sich ein weiterer Weihnachtsmarktbesucher in Anbetracht von ein paar Holzfiguren hinreißen lässt. Da ist wohl jemand noch nicht in friedlich-gelassener Weihnachtsstimmung. Ich verwerfe die Idee, ihm einen Glühwein zu spendieren, sofort wieder, denn ein Blick bestätigt, dass er sich nicht nur wie ein grantiger alter Mann anhört, er sieht auch wie ein grantiger alter Mann aus. Und vielleicht hatte er ja auch schon zu viel Glühwein und ist deswegen in seiner Stimmung verstört. Aber es gibt auch nette Dinge: Kinder bei den Tieren etwa, die verlegen versuchen, eine Ziege zu streicheln, und die Ziege, die ihrerseits nicht ganz so verlegen versucht, einen Handschuh zu ergattern. Vielleicht ist der Weihnachtsmarkt dort am Schönsten, wo gerade nicht versucht wird, etwas zu verkaufen.

Ich verlasse die Vordächer: Ein Holzhäuschen, in dem ein Töpfer seine Schüsseln und Vasen aufgebaut hat, macht mich neugierig. Wir plaudern ein wenig und er erzählt mir über seine Techniken, Raku etwa, bei dem man das Gefäß noch heiß aus dem Brennofen nimmt, damit die Glasur springt (wenn ich das richtig verstanden habe). Es sieht sehr schön aus, allerdings ist das, was ich für einen Suppenteller halte, dadurch kein Suppenteller mehr, sondern eine Obstschale, denn Flüssigkeiten verträgt die Keramik aufgrund die Behandlung dann nicht mehr. Ich bedanke mich für die Erklärung und weiß jetzt, dass ich zwei Schüsseln mit Raku-Technik daheim habe, und was ich mit ihnen nicht (mehr) machen werde.

Der Regen hat aufgehört und die Beleuchtung hebt sich langsam vom dunkler werdenden Himmel ab. Ich hole mir eine Tasse Zirbenpunsch, der nicht zu süß und leicht herb schmeckt. Ein bisschen nach Holz halt, wie sich das für Zirbe gehört. Und mit der Tasse in der Hand gehe ich noch eine Runde. Weihnachtsmärkte sind nicht soo schlimm. Aber beim nächsten Mal gehe ich an einem Tag, der mehr nach Dezember als nach November riecht.