#80 Urlaub

Ich war mit dem Mitmenschen auf Urlaub in Schottland. Schottland ist ein großartiges Land und ich fahre immer wieder gerne hin – es gibt viele Lochs, Glens und Bens (also Seen, Flüsse und Berge), fünf Jahreszeiten an einem Tag, großartige Kuchen und überall – wirklich überall – bekommt man Tee. Was man dort alles auf der Straße trifft, ist allerdings erstaunlich. Schafe sind da noch die kleinste Überraschung, wenn sie auf einmal hinter einer Kurve die Straßenseite wechseln wollen und einen stoisch anglotzen, wenn man auf die Bremse springt. Eines späten Abends sind wir eine Viertelstunde hinter einer Hochlandrinderkuh und ihrem Kalb hinterhergezuckelt, in Schrittgeschwindigkeit. Einspurige Straße, links und rechts Zäune und vor uns ein Vieh mit sehr imposanten Hörnern – was bleibt einem da auch anderes übrig? Erlöst hat uns die Polizei, die uns plötzlich entgegenkam und während wir in eine Ausweichstelle zurückgesetzt haben, haben sie (im Auto sitzend und nicht wirklich langsamer werdend) die ohnehin schon sehr nervöse Kuh und ihr Kalb an uns vorbeigedrängt. Wir sahen die Hörner schon das Fenster demolieren, aber die Kuh ist dann im Dunkeln hinter uns verschwunden, samt Kalb und Polizei.

Was es neben dem lieben Vieh in Schottland auch gibt, und an das konnte ich mich nicht mehr so wirklich erinnern – vielleicht liegt mein letzter Besuch in der Gegend nördlich von Glasgow bis Skye schon zu weit zurück und die Gegebenheiten haben sich in der Zwischenzeit geändert – was wir auf jeden Fall in rauen Mengen vorgefunden haben, waren Schlaglöcher. Die Schlaglöcher waren meist am äußeren, d.h. linken Straßenrand platziert, seltener auch mal mitten auf der Straße, und variierten in der Größe von größeren Fäusten bis hin zu Kopfkissen mit 10 bis 15 Zentimeter Tiefe. An einem der letzten Tage, bei einem Ausflug nach Glasgow, durften wir erkennen, dass dies nicht nur ein Phänomen der abgeschiedenen Straßen des Westens ist, nein, auch auf der Autobahn gab (und gibt es wohl immer noch) Schlaglöcher, bei denen ein Achsenbruch befürchtet werden darf. Ich bin mir sicher, wenn irgendwo auf der Welt ein Schlagloch zugeschüttet wird, wandert es direkt nach Schottland aus. Habe ich schon gesagt, dass man auf diesen Straßen meistens nicht ausweichen kann, weil sie zu eng sind? Aber meistens sieht man die Schlaglöcher ohnehin nicht, weil das Regenwasser auf den Straßen so schlecht abläuft (und es regnet doch immer wieder mal), dass sich kleine Seen darauf bilden. Die Schotten lieben halt ihre Lochs. Es kann nie genug Wasser geben. Glücklicherweise kamen wir nie in die Situation, uns zwischen dem Zusammenstoß mit einem entgegenkommenden Auto und dem völligen Einwässern einer am Straßenrand befindlichen Person entscheiden zu müssen. Denn das Wasser muss ja irgendwohin, wenn man durchfährt (und dann merkt man meistens auch, ob sich unter dem kleinen ‚Loch‘ ein großes Loch versteckt).

Die Schlaglöcher sind aber nicht das Schlimmste an den schottischen Straßen. Das Schlimmste sind die Touristen. Nicht die, die auf einen Parkplatz abbiegen, und sich von dort die Landschaft ansehen und wie die Wolken über die gletschergeformten Bens und Lochs ziehen – was wahrlich beeindruckend ist. Nein, ich rede von denjenigen Touristen, die während des Fahrens schauen. Aber dann halt beides nur so halb machen. Wir hatten einen Fahrtag, an dem wir von Uig bis Tarbet am Loch Lomond fuhren. Das sind nicht ganz 200 Meilen. Unser Auto hat uns später die Durchschnittsgeschwindigkeit auf dieser (zum Teil wahrlich pittoresken) Strecke angezeigt: Es waren 37km/h. Ohne Scherz. Und überholen kann man entweder aufgrund von Kurven oder Gegenverkehr nicht. Der Gegenverkehr fährt übrigens auch 37 km/h im Durchschnitt. In Österreich wären die Fahrer der nachkommenden Autos längst Amok gelaufen. Aber dort: Alle halten einen gebührenden Sicherheitsabstand. Niemand hupt. Und so gondelt man durch die Gegend. Schottland, ich habe dich sehr lieb. Aber beim nächsten Mal nehme ich vielleicht doch den Zug.

 

Da ich im Moment keine Schlaglöcher sehen und schon gar nicht zeichnen möchte, hier ein Foto des Hochlandrinds.

#73 Der Stephansdom

Nach einem Treffen im ersten Bezirk sehe ich aus den Augenwinkeln die gespiegelte Glasfassade des Haas-Hauses. Da kann der Stephansdom nicht weit sein, denke ich mir. Egal wie lange ich schon in Wien wohne, im ersten Bezirk funktioniert mein Straßengedächtnis nicht: Alle Gassen scheinen mich im Kreis zu führen und wenn ich denke, ich weiß, wo ich in etwa wieder zum Ring kommt, macht die Straße eine 90° Kurve und lacht mich laut aus – aber vom Haas-Haus aus den Stephansdom zu finden, das kriege ich auch noch hin. Zum Dom will ich, um ein paar Referenz-Fotos zu machen: Sie sind für einen neuen Comic, der in Wien spielt, und ich habe schon eine ziemlich gute Vorstellung, wie ich den Dom unterbringen möchte. Ich umrunde also (am frühen Nachmittag und bei knalligen 32°) den Dom und suche eine geeignete Ecke, um eine gute Froschperspektivenaufnahme machen zu können. Was anderes als Froschperspektive geht jetzt auch nicht wirklich, da man selbst keine zwei Meter, der Dom aber 136,4 Meter hoch ist – aber ich bin motiviert und kniee mich auch wirklich hin. Leider überfordert der Wunsch nach einem Weitwinkelobjektiv meine kleine Kompaktkamera, das werde ich mir später am Blatt noch zusammenbasteln müssen. Ich bin natürlich nicht die einzige, die dort fotografiert und mit einem Seitenblick auf Dutzende Menschen mit Schirmkappen, Sandalen und riesigen Kameraobjektiven muss ich mir eingestehen, dass ich mir schon lange nicht mehr so touristisch vorgekommen bin. Es hätte gerade noch gefehlt, dass mich einer der Karten verkaufenden Mozarte angesprochen hätte, aber da reicht immer ein Blick, um ihnen zu verstehen zu geben: „Sicher nicht.“

Aber, Touristen hin oder her, wenn ich schon mal hier bin, denke ich, dann schaue ich doch auch gleich noch in den Dom – vielleicht ergibt sich ja noch das eine oder andere Motiv. Schon beim Betreten des Doms bereue ich die Entscheidung, ich werde mit einer Masse an Menschen mitgeschoben. Es ist eindeutig zu warm für Körperkontakt, vor allem wenn zu viel Schweiß, zu viel Parfum und zu viel Deo dabei involviert sind. Innen verteilt sich die Masse glücklicherweise ein wenig und ich wandere in das vom restlichen Stephansdom abgesperrte linke Seitenschiff, das offensichtlich für den profanen Besucherverkehr vorgesehen ist. Ein Gitter trennt vom Mittelschiff und dem rechten Seitenschiff, das im Moment offensichtlich nur von zahlenden Gruppen besucht wird.

Ich stelle mich an das Gitter und beobachte die Leute. Die meisten wirken etwas gehetzt, gelangweilt oder müde, immerhin ist es früher Nachmittag und viele von ihnen sind wahrscheinlich schon den ganzen Vormittag durch die Stadt gelaufen. Ich fühle mich ob der ständig sich vorbeischiebenden Menschen auch gehetzt, gleichzeitig finde ich die Anonymität beruhigend: Hier fällt man mit der Kamera in der Hand nicht auf, ich fotografiere Menschen und Details des Doms und komme mir vor, wie die Museumsbesucher, die mit Blick auf ihr Smartphone durch die Hallen laufen und sich die Gemälde, die sie fotografieren, nur via Bildschirm ansehen. Gruselig. Ich entschuldige mich stumm beim Dom und hänge mich an eine Gruppe an, die dem Ausgang entgegensteuert. Das teilt schon mal den Gegenverkehr und erleichtert das Vorankommen. Außen würde ich wohl tief durchatmen, wenn es nicht so heiß wäre. So aber suche ich die Schattenseiten der Gassen auf und gehe der Nase nach Richtung Ring. Ich komme nicht dort raus, wo ich geglaubt hätte, aber nah genug, um eine passende Straßenbahn zu finden, die mich wieder in absolut untouristischen Straßen des 16. bringt.