#84 Das Kabarett Niedermair

Untertitel: Das nächste Kapitel im Bereich „Wiener Kabaretts“ 😉

„Bussi, bussi, haaalloo!“ Ich drehe mich um, obwohl ich weiß, dass ich sicher nicht gemeint bin. Einerseits, weil mich niemand so begrüßt (glücklicherweise) und andererseits, weil ich niemanden erwarte. Aber eine Begrüßung in so hohen Tönen, da muss man einfach schauen. Da das Gesehene überschwänglichen „Bussi, bussi“ sehr gerecht wird, grinse ich kurz und widme mich dann wieder meinen 1/8 Grünem Veltliner. Er schmeckt weniger sauer als befürchtet. Es ist 19 Uhr, die Tageskasse sollte gleich schließen. Das ist hier im Kabarett Niedermair nämlich so, habe ich stirnrunzelnd zu Hause bemerkt, bevor ich mich auf die Socken gemacht habe: Das Programm fängt um 19:30 an, aber die Kasse schließt schon eine halbe Stunde vorher. Hinterlegte Karten sollte man bis 19 Uhr holen. Wie perfide. Man wird quasi zum Trinken gezwungen, denn was macht man sonst schon in einer halben Stunde im Eingangsbereich eines Theaters? Da ich das erste Mal hier bin, war ich brav um 18:45 da, damit ich auch wirklich hinein darf.

Da bin ich nun. Mit meiner Karte. Alleine (bitte kein Mitleid, das war reine Absicht), mit 45 Minuten Zeit an der Hand, um auf den Beginn des eigentlichen Programms zu warten. Ergo der Veltliner. Mit dem sitze ich nun auf einem festgeschraubten Stuhl im Bereich der Bar bzw. des Eingangsbereichs. So genau lässt sich das hier nicht trennen. Von hier aus beobachte ich, was die Kassenfrau macht, denn die sollte wohl jetzt um 19 Uhr ihren Computer hinunterfahren und nach Hause gehen. Tut sie aber nicht. Zumindest aber steht sie auf, macht zwei Seitwärtsschritte vom Computer weg und ist ab jetzt offensichtlich Garderobenfrau. Aha! Wie das mit der Garderobe funktioniert war mir bis jetzt auch nicht klar, da sie zwar angeschrieben ist, aber irgendwie im toten Bereich zwischen Kassa und Bar liegt. Sofort gebe ich freudig meine Jacke ab.

Das Kabarett Niedermair liegt gleich um die Ecke der 2er Haltestelle beim Rathaus in einer gepflasterten Seitengasse. 100 Leute sollen in den Saal passen, die Kapazität des Vorraums ist nicht angegeben. Im Moment stehen und sitzen da ca. 30 Personen und ich sage mal, er „wirkt“ schon relativ voll. Bevor die Tuchfühlung zu eng wird, geht um 19:20 die Doppeltür zum Saal auf. Zumindest denke ich zuerst „die Türe“. Singular. Aber es ist nur die erste Türe von sage und schreibe fünf. Es stellt sich heraus, dass der Saal so schmal ist, dass man bei der passenden Türe hineingehen muss, um zu seinem Platz zu gelangen. Gang gibt es keinen, das geht sich bei allem guten Willen nicht aus, sonst würde es nur Stehplätze geben. Doch dann würde „bussi bussi“ sicher nicht zu den Vorstellungen kommen. Sieben Sitzplätze gibt es pro Reihe – und die sind unverrückbar: Erinnert alles ein wenig an Kirchenbänke, nur tut man so, als ob man sie gepolstert hätte. Dazwischen gibt es Armlehnen und hinter der Stange für die Füße, die an der nächsten Kirchenbank montiert ist, bleibt genug Platz, um sein Glas abzustellen. Blöd. Ich hätte den Veltliner doch nicht noch schnell draußen austrinken müssen. Hätte ich mir aber auch denken können. Denn egal ob Kabarett oder Kirche, ein Schluck Wein findet immer irgendwo Platz.

Pigor und Eichhorn, zwei Berliner, kommen auf die Bühne. Sie geben die allgemeinen Geschäftsbedingungen bekannt, teilen Cookies aus und singen „Baut den Palast der Republik wieder auf“. Die beiden schönsten Lieder des Abends sind, finde ich „Bärte zählen in Mitte“:

„Wenn’s mir langweilig wird im ollen Berlin
Wenn ich’s leid bin allein um die Häuser zu ziehn
Wenn ich keine Lust mehr hab auf Premieren zu gehn
Weil dort immer dieselben Nasen rumstehn

 

Dann schreib ich: Tim, ist’s nicht wieder mal an der Zeit?
Dann antworte ich: Pigor, immer bereit!
Wann geht’s los? – Was meinst du? – Von mir aus sofort!
Und dann treffen wir uns zu unserm Lieblingssport

 

Zwischen Hackeschem Markt und Kastanienallee
Setzen wir uns in ein veganes Café
Und bei Sojalatte und Rhabarbersaft
Frönen wir unserer Leidenschaft

Bärte zählen in Mitte
Im Mekka der Hipster am Nabel der Welt
Bärte zählen in Mitte
Wo man den Vollbart für smart und voll angesagt hält

 

Zwischen Laptops und Jute und Retro-Ästhetik
Betreiben wir fein unsere Bart-Arithmetik
Der erste, der zweite, der dritte
Bärte zählen in Mitte“

 

(zitiert nach hier – der Homepage von Pigor und Eichhorn, wo man sich den Rest des Liedes auch den Clip dazu anschauen kann)

Das zweite ist „Maulende Rentner“:

„Wenn du im hintersten Dschungel von Malaysia
Zehntausend Meilen entfernt von Zuhaus
Wenn dich am Ende der Welt
Diese Sehnsucht befällt
Du hältst das Fremdsein in der Fremde nicht mehr aus

 

Wenn du durch die Schluchten von Yokohama irrst
Verängstigt, verstört und verklemmt
So einsam bist du nie gewesen
Unter all diesen Chinesen
Verlassen, verloren und fremd

 

Da hilft kein Sauerkraut kein Bier, auch kein Dreier-BMW
Junge, dann hast du wirklich Heimweh

 

Doch plötzlich steht da im hintersten Winkel der Welt
Ein Ehepaar gekleidet Ton in Ton
Er mit Mütze und sie in einem Poloshirt von Benetton
Der liebe Gott hat sie für dich dorthin gestellt

 

Maulende Rentner
Du erkennst sie schon am Gang
Maulende Rentner
Du hörst von ferne den vertrauten Klang
Maulende Rentner
Holn dich aus dem Heimweh wieder raus
Maulende Rentner
Sind ein Gruß von Zuhaus“

 

(zitiert wieder nach hier, wo man auch die weiteren Strophen und ebenfalls einen Clip dazu findet)

 

Ein sehr netter Abend. Auch wenn ich mich in der Pause nicht mehr traue, ein zweites Glas Wein zu holen, das ich mir zu Füßen hinstellen könnte, weil sich alle Bussi Bussis gleichzeitig an die Bar werfen.

 

Ich weiß, da fehlt schon wieder die Zeichnung – ich hoffe, ab nächster Woche geht es etwas ruhiger weiter.

#48 Die Kulisse

Die Kulisse ist eine der bekanntesten Wiener Kabarett-Bühnen und wurde 1980 von Fritz Aumayr gegründet. Sie liegt in der Rosensteingasse im 17. Bezirk und läuft nach dem Prinzip Gasthaus mit Bühne, aber wenn auf der Bühne geredet wird, wird im Saal bitteschön nicht mehr gekaut. Dafür sorgt die rigorose Kellnerriege, die (fast) immer den Überblick und auf jede blöde Bemerkung – je nach Tagesverfassung – eine launige Erwiederung oder einen eisigen Blick parat hat. Keine Zeit für Späßchen, wir arbeiten hier!, sagt dieser Blick. Zackig geht es zu, sowohl beim Bestellen als auch beim Servieren, denn bis zu Vorstellungsbeginn muss jeder Gast nicht nur versorgt, sondern auch jedes Teller wieder abserviert und alles kassiert sein. Bevor die Teller wieder weggetragen werden findet man auf ihnen gutbürgerliche Wirtshausküche, von Sacherwürsteln über Blunzengröstl bis zum Wiener Schnitzel, aufgepeppt mit einigen vegetarischen Leihgaben anderer Länder. Chili sine carne mit geräuchertem Tofu etwa. Aus welchem Land genau das geborgt ist, darüber habe ich mich jetzt aber nicht erkundigt.

Bevor man zum Essen in den Bühnensaal der Kulisse vorgelassen wird, muss man aber erstmal ein Ticket haben. Das wird einem meistens von einer netten jungen Frau verkauft, die auch gleich die Garderobe abnimmt, wenn man sie nicht haben will. Zwanzig Zentimeter neben der Frau, die die Tickets verkauft, steht der Mann, der sie abreißt. Man nimmt die Tickets also kurz in die Hand, gibt sie am gleichen Fleck stehend dem Herrn in die Hand weiter, der sie kurz anschaut, lächelt, abreißt und einen schönen Abend wünscht. Mit dieser Handlung kommt eine weitere junge Frau ins Spiel, die mit einem Clipboard an der Eingangstür zum Saal steht. Hier soll man nicht noch einmal das Ticket vorweisen, nein, man wird gefragt wieviele man ist (also physisch) und dann zeigt sie einem auf einem Saalausdruck die noch möglichen freien Sitzmöglichkeiten. „Dort drüben sind noch zwei Plätze frei“, sagt sie und deutet mit dem Kugelschreiber herum, „und dort auch noch. Oder lieber hier hinten?“ Man schaut und schaut und ist immer ein wenig überfordert und wählt dann das, was man meistens wählt, weil man immer so spät kommt, dass die besten Plätze auf jeden Fall schon weg sind. Sie lächelt freundlich und nickt, ixt die Plätze auf ihrem Saalplan aus und widmet sich den nächsten Menschen, die ein wenig unschlüssig die nächsten in der Türe zum grün-vertäfelten Saal stehen.

Man nimmt Platz, die Kaffeehausstühle sind schwarz lackiert und die Lehne schwingt sich im Bogen unter die Arme. Ich mag diese Sesseln nicht. Die Lehnenkante schneidet irgendwo zwischen Lenden- und Brustwirbelsäule in den Rücken und ist trotzdem zu hoch, als dass man (oder halt ich) die Arme mit entspannten Schultern darauf liegen lassen könnte. Aber sie sind klug gewählt. Durch die rundherum gehende Lehne ist der Platz, den man damit einnehmen kann, von vornherein beschränkt – um die Tische ökonomisch klug, d.h. engstmöglich zu besetzen. Normale 6er Tische werden hier mit acht Stühlen versehen, manchmal rutscht links oder rechts noch einer dazu. Wer hier ohne Ellbogenkämpfe vor dem Kabarett noch etwas essen möchte, möge früh genug erscheinen.

Um kurz nach acht Uhr ist der letzte Tisch fertig kassiert, es wird dunkel im Saal und alles wartet auf „Jack Nuri, de[n] Mann mit dem Migrationsvordergrund“. Nach einem kleinen und vielversprechenden Aufwärmakt des Kollegen John fängt der gebürtige Türke und nun Österreicher (er hat eine Autowerkstatt in Ottakring) an – entgegen den Erwartungen ist es aber kein Kabarett im klassischen Sinne, das einen irgendwie von A nach B bringt, sondern Standup-Comedy. Tja, schlecht recherchiert. Das heißt für diesen Abend: Eine Reihe erzählter Witze mit ganz viel „Bruder“ (Hörst du, Bruder! Ah, Bruder! Heh komm, Bruder!) und dazwischen etwas Interaktion mit dem Publikum der ersten Reihe, das Süßigkeiten geschenkt bekommt, wenn Jack Nuri aus der Unterhaltung mit Ihnen Lacher kassiert. Der Umgang zwischen in Wien lebenden Menschen mit „Migrationsvordergrund“ und dem Rest ist selten Thema, verstehst du, Bruder! Es gibt keine kritische Stimme oder scharfe Beobachtungen dazu, Bruder, es ist mehr ein Abend der persönlichen Anekdoten mit Pointe und ein durch-den-Kakao-ziehen seiner türkischstämmigen Umgebung hier in Wien. Naja, Bruder. Nächstes Mal, Bruder: Politisches Kabarett, Bruder!

 

Bild ist schon fertig, aber die SD-Karte kaputt… Ich hatte doch noch wo eine zweite…? Arrr!

Der Nachtrag:

 

MA 2412

1998 bis 2002 flimmerten in vier Staffeln 34 Folgen über „das Amt für Weihnachtsdekoration am Rande der Stadt“ über die Bildschirme österreichischer Haushalte. Da ich in den letzten Wochen mehrmals Gespräche darüber führte (es muss am Alter liegen; oder am Wein; oder so), blieb mir die Serie irgendwie hängen. Ich hatte ihre Entstehungszeit übrigens auf Anfang der 90er Jahre geschätzt, aber so alt sind Roland Düringer, Alfred Dorfer und Monika Weinzettel doch auch wieder nicht…

Das Rennen hat dann aber weder Herr Breitfuß, Herr Weber noch Frau Knackal gemacht, sondern Herr Klaus, gespielt von Karl Ferdinand Kratzl. Ein sympathischer Weihnachtsmann mit fantastisch abstehendem Bart. Er wohnt übrigens im Kopierkammerl, für alle, die sich nicht mehr erinnern: