#96 Hamburg

Ich bin noch nicht lange in Hamburg, da versuche ich mich dort auch gleich im U-Bahn-Netz zurechtzufinden. Die U2 und die Emilienstraße ist meint Ziel. Dort angekommen finde ich am Bahnsteig neben einer dummen Werbung eine kleine Bude: „Das Ohr.“ Ist der kleine Kiosk besetzt, kann man dem Menschen darin etwas erzählen: Schönes, Nettes, Trauriges, und auch sonst alles, was einem das Leben so vor die Füße wirft. Und schon mag ich Hamburg.

Die dumme Werbung:

Wann bitte hat man „planmäßig“ Husten?

Und hier ein Blick auf die Seitenfläche vom Ohr:

Ich laufe die Fruchtallee entlang, und da ist auch bald mein Ziel: Das „Kollektiv“, Norddeutschlands größtes Comic-Antiquariat. Den Laden gibt es seit 1992, da haben sich drei Sammler zusammengetan und – wie sie selbst hier sagen – „mit nur einigen tausend doppelten Heften und Comicalben“ einen kleinen Laden aufgemacht. Heute sind aus den einigen tausend Heften etwa hundertausend geworden – und dementsprechend überfordert war ich auch, als ich den Laden betreten hatte. Boxen über Boxen und Wäschekörbe voller Comics und Heftreihen. Ich stöbere mich stichprobenartig durch die Regale und stolpere über nette Zufallsfunde. Und dann halte ich auf einmal „Die Frau des Magiers“ von … in der Hand. Ich mache Augen. Das Heft habe ich vor langer Zeit einmal gesucht, aber es war nirgends greifbar und ich habe es gedanklich ad acta gelegt. Ich bin erstaunt und freudig überrascht zugleich – und fange an, den zweiten Band zu suchen. Einer der drei Herren kommt mir zu Hilfe: Wenn ich mir hier die Boxen ansehe, dann sieht er in der Zwischenzeit im Lager nach, dort haben sie alles alphabetisch sortiert. Wenn der Band da ist, muss er entweder dort oder eben in den Boxen stecken. Das Lager? Im Nachhinein ärgere mich, dass ich mir das „Lager“ nicht angesehen habe, die Verkaufsräume fand ich ja schon überbordend genug. Ich widme mich den Boxen und gehe die Hefte der Reihe nach durch. Und nur eine Viertelstunde später finde ich tatsächlich den zweiten Band. Der nette Mensch kommt auch gleich darauf aus dem Lager zurück und ich winke ihm – gefunden! Er lacht und fragt, ob ich gerne einen Kaffee hätte. Zum Abschied bekomme ich noch ihren Katalog mit – wenn ich noch ein paar Tage in Hamburg bin, kann ich ja nochmal vorbeischauen.

Mit etwa zwei Kilo Comics bepackt mache ich mich wieder auf den Weg. Ich suche ein bestimmtes Tee-Haus, den „Golden Temple“, werde tatsächlich fündig und fühle mich wohl. In gemütlicher Atmosphäre, bei sehr gutem Bananenbrot und einer Kanne Milky Oolong lese ich gleich das erste meiner Fundstücke aus dem „Kollektiv“. Hamburg gefällt mir – auch wenn das Wetter ein, zwei Tage lang mit leichtem Regen nicht ganz so nett zum Herumstreunern ist. Die letzten beiden Tage klart es aber wieder auf und am letzten Nachmittag gehe ich in den Abendsonnenstrahlen am Alsterufer spazieren und fange noch ein paar Impressionen ein. Im „Kollektiv“ war ich nicht mehr, auch wenn ich den Katalog gefunden und noch ein paar „Oh’s“ dabei gemacht habe – glücklicherweise für meine Geldtasche ist mein Koffer einfach schon zu voll.