#94 Die Druckstube

Letztes Semester habe ich einen Kurs zu Farben bei Ana Paola Castro Villegas gemacht. Was für ein Name! Ana kommt aus Kolumbien und lebt und arbeitet seit ein paar Jahren in Wien. In der letzten Kurseinheit haben wir in ihrem Atelier, der „Druckstube“, gearbeitet und ein Bild mit Komplementärfarben fertig gemalt (meine Farben waren gelb/orange und lila – aber ob Acrylfarben und ich noch große Freunde werden? Not sure). Die Druckstube ist nett, in einem ehemaligen Café mit großen Fensterscheiben untergebracht und etwas kühl. Ana stellt einen kleinen Heizstrahler neben uns, bringt uns Mannerschnitten und Tee an die Holztische. Sie teilt sich die Räumlichkeiten mit befreundeten Künstlerinnen und Künstlern, die ebenfalls da sind – und lautstark in einer Mischung aus Spanisch, Italienisch und manchmal Deutsch miteinander reden. Dazu gibt es Musik (u.a. Feliz Navidad und Frank Sinatra).

Es liegt eine gewisse Spannung in der Luft – die Druckstube wartet auf eine Lieferung. Um etwa halb Fünf kommt ein Mann , sieht sich von außen den Eingangsbereich an und schaut dann zur Türe herein. Ob hier denn die Druckerpresse herkommen würde? Ein Bayer. Im Raum wird genickt und der Bayer wiegt bedächtig den Kopf. Ob es noch einen anderen Weg herein gäbe? Nicht wirklich. Seine Miene wird skeptisch. „Najo. Da müssn ma mal schaun.“

Draußen hieven er und drei Kollegen die Druckerpresse vom LKW. Das Ding ist größer als von den KünstlerInnen gedacht, hat über 300 Kilogramm und sollte – das Abmessen bestätigt es – gerade eben mal so durch die Eingangstüre passen. Das viel größere Problem ist aber die Stufe zur Türe. Und ab jetzt sind im Schnitt sechs Personen daran beteiligt (plus vier Umstehende), eine riesige, alte, schwarz lackierte Druckerpresse eine wahrscheinlich 15 Zentimeter hohe Stufe überwinden zu lassen. Der kleine Hubwagen schafft es nicht hoch genug, man kippt und versucht zu heben, holt Gurte und Holzstücke zum Aufbocken und nach einer halben Stunde steht die die Presse tatsächlich 15 Zentimeter höher und im Raum. „Das ham ma gschafft, Bruno“, sagt der Chef zu einem seiner Mitarbeiter und Bruno geht und holt mit einem Kollegen noch das zur Presse zugehörige Rad. „Wollens as so stehnlassen?“, fragt der Chef die Atelierbewohner. Die nicken etwas zögerlich. „Weil jetzt san ma nu da. Jetzt kennan mas nu umstelln. Nachher kriegens des nie wieder wo anders hin.“ Da hat er wohl recht und die Presse wird doch nochmal etwas anders im Raum ausgerichtet. Bruno und das Rad kommen, das sicher so groß wie Ana ist (die zwar nicht sehr groß ist – aber trotzdem!), und es wird montiert. Der Besitzer der Presse ist mittlerweile auch eingetroffen – ein alter Druckmeister, der der Druckstube die Presse leiht, da er sie nicht mehr verwendet. Aber wenn sie nicht in Gebrauch ist, geht sie kaputt, sagt er. Und das wäre schade. Finde ich auch und bin beeindruckt von dem riesigen Gerät. Alle stehen um die Presse herum – etwas andächtig und es fühlt sich ein bisschen wie Weihnachten an.

Mein Bild ist fertig und ich verabschiede mich – habe mir aber fest vorgenommen, Ana und die Druckpresse wieder einmal zu besuchen 🙂

 

Zur Druckstube geht es übrigens hier.