#92 Aufräumen

Onlinedienste wie Netflix sind immer auch ein bisschen Trendbarometer: Was beschäftigt die Menschen gerade so, was sehen sie sich gerne an und worüber wird gelacht. Es gibt jetzt zwei Aufräumserien: Eine US-amerikanische und eine mit Marie Kondo, eine Japanerin, die ein Buch über das gute Ausmisten geschrieben hat (wenn etwas keine Freunde bringt, soll man sich davon trennen), und ebenfalls in den USA gedreht wurde. Beide laufen in etwa gleich ab: Eine Familie, die sich vor lauter Zeug nicht mehr im Leben zurechtfindet, deren Beziehungen in die Brüche zu gehen drohen und die die eigenen Kinder nicht mehr findet, wendet sich hilfesuchend an einen Fernsehsender, damit dieser ihre Probleme löst. Der schickt dann eine Expertin und die hilft beim Ausmisten. Und am Ende ist alles gut und die Familie strahlt glücklich aus einem Wohnzimmer heraus, das in seiner aufgeräumten Nichtssagendheit auch aus einem Möbelkatalog stammen könnte.

Wie weit das Ausmisten Beziehungen kitten kann, da bin ich überfragt. Sich alle paar Jahre mal durch die eigenen Sachen zu wühlen und zu sehen, was da überhaupt in dieser hintersten Kiste herumsteht, an die man sich gar nicht mehr erinnern kann, hat aber durchaus ein bisschen etwas mit Psychohygiene zu tun, wie ich finde. (Also wenn man nicht nur herumwühlt, sondern auch entsorgt.) Der freie Platz wirkt lockerer und offener und man bleibt gedanklich nicht mehr daran hängen (À la „eigentlich sollte ich hier mal aufräumen.“) Die Küchenschublade oder die Abstellkammer (oder – uiuiui – den Keller!) von unnötigem Kram zu befreien, das alles geht sehr in Ordnung. Aber diese Frau (also Marie Kondo) meint doch ganz ernsthaft, man käme mit weniger als 30 Büchern aus. Bis jetzt mochte ich sie und ihre Methode eigentlich ganz gerne. Aber 30 Bücher maximal? Diverseste Reaktionen sind auf dies „Idealzahl“ im Internet zu finden, u.a. der schöne Satz: „Sie meint pro Thema, oder?“

Spannend.

Natürlich, wir haben zu viel Zeug, sind eine Konsum- und Wegwerfgesellschaft, und die 10.000 Dinge, die ein westlicher Mensch im Durchschnitt so bei sich zu Hause herumstehen hat, sind ein riesiger Material-, Kosten und Zeitaufwand und der Großteil davon dient sicher nicht unserem Überleben, wenn wir ehrlich sind.

Aber.

Aber!

Hatte Frau Kondo denn noch nie ein anderes Hobby als das Aufräumen und Ausmisten? Oder eine andere Arbeit? Der Ordner mit meinen Rechnungen funkelt mich nicht wirklich verheißungsvoll an, wenn ich ihn sehe, aber deswegen kann ich ihn trotzdem nicht wegschmeißen. Alte Skizzenbücher sind nicht nur vollbeschriebenes Papier, sondern auch Wegmarkierungen und verstecken doch noch die eine oder andere Idee, auf die ich vielleicht (vielleicht aber auch nicht) wieder zurückkomme.

Und Bücher… Also ich habe vor dem Umzug einmal zwischen 300 und 400 Bücher aussortiert, weitergeschenkt und in Buchkästen zur freien Entnahme gestellt. Aber es blieb trotzdem noch eine gute Zahl übrig, die mit mir umgezogen sind. Ich mag diese Bücher und sie erinnern mich an Geschichten, an Momente, an Menschen. Man nimmt nicht jeden Tag jedes Buch in die Hand, wie man es vielleicht mit einem Topf oder (hoffentlich) mit der Zahnbürste tut. Aber ich brauche sie, um meine Arbeit gut zu machen – und sei es nur, um einen Blick auf sie zu werfen und zu wissen, dass ich das eine hier und etwas anderes dort nachschlagen könnte oder um mich zu erinnern.

30 Bücher? Nie im Leben.

Heute Abend bleibt der Fernseher sicher aus.

Ich gehe lesen.