#76 Gartenbaumesse Tulln

Die Gartenbaumesse Tulln wird groß angekündigt. Und da wir (siehe hier) gerade total motiviert am Garteln sind, wollten wir uns die eine oder andere tolle Idee dort holen. Beim Anblick der Preise (13 Euro! Pro Person!) kommt uns zugute, dass Mitmensch ein NÖN-Abo hat, das uns für „nur“ 8 Euro pro Person Zutritt verschafft. Wir fahren am Samstag Vormittag, gleich in der Früh, und hoffen darauf, dass alle anderen lange schlafen. Und wir haben Glück: Es regnet nicht nur, es schüttet. Super, dann wird ja wohl nicht so viel los sein. Um 9 sperren sie auf, um halb 10 sind wir dort – und schon müssen wir 10 Minuten vom Parkplatz bis zum Eingang gehen. Aber drinnen sind trotzdem noch angenehm wenig Menschen. Etwa 20 Meter nach dem Eingang bekomme ich etwa ein Kilo Garten-Zeitschriften in die Hand gedrückt. Mitmensch meint, ich bräuchte die jetzt nicht alle die ganze Zeit mitzutragen, die würden wir später sicher auch noch bekommen. Aber ich denke mir, ach, so schwer ist das ja nicht und packe alles in den Rucksack. Der auf einmal ganz schön nach unten zieht. Wir laufen durch eine Halle mit Pools und Jacuzzis und aufblasbaren Delphinen. In der nächsten Halle gibt es Gartendeko und Kartoffelsalbe. Was macht man mit Kartoffelsalbe?

In der Mitte der Halle, stehen Olivenbäume. Mit Stämmen so dick, dass wir uns zu zweit  Mühe geben müssten, sie zu umfassen. Sie sind knorrig, verwachsen, mit Einkerbungen, einer ist hohl und wächst trotzdem weiter. Wir fragen nach, wie alt sie sind: 1000 Jahre, sie stammen aus der Gardasee-Region. Beeindruckend. Aber ein bisschen zu alt für unseren Garten, wir haben nur junges Gemüse, das würde sich nicht vertragen.

In der nächsten Halle preist ein Niederländer seine Tulpenzwiebeln an, wie im Bilderbuch. Ich liebe diese Akzent! Wie ein Marktschreier wandert er durch die aufgeschütteten Zwiebeln: „Zehn Stück für 10 Euro, 25 Stück für 20 Euro!“ Wieder sehe ich die Kartoffelsalbe. Wieso gibt es da keine Schilder, wozu man die braucht? In einer Regenpause gehen wir ins Außengelände. Wir finden eine wilde Mischung: Es gibt einige wenige Stände, an denen man tatsächlich Pflanzen kaufen kann, es gibt Steinmetze (mit Show-Gräbern), mehrere Mähroboter-Anbieter, Gartendeko und noch mehr Kartoffelsalbe (aber wozu?!). Um einen Marktschreier hat sich eine Traube Menschen geschart, er verteilt Kostproben von neuen Gemüsesorten: „Sie sehen, das lässt sich schneiden wie Butter, probieren Sie!“ Zurück zu den Hallen. In der nächsten gibt es noch mehr Dekozeug, alles nicht besonders attraktiv ausgestellt. Wir sehen eine hübsche Leiter, an die man Pflanzentöpfe binden könnte. Da sehe ich, sie ist nicht genagelt oder geschraubt, sondern geklebt. Und verziehe das Gesicht. Die Verkäuferin taucht plötzlich neben mir auf und fragt nach. Unvorsichtigerweise erwähne ich meinen Einwand und sie sieht aus, als hätte ich gesagt, ihr Kind sei leider dumm. Sie pfaucht, dass die Leiter sehr schön sei und: „Zu dem Preis finden Sie das nirgends.“ Ich versichere ihr, dass ich sie auch schön fände, aber wir würden noch herumgehen und kämen später vielleicht nochmal und eine Leiter mitzutragen wäre doch ein wenig aufwändig. Das ist natürlich geflunkert, aber sie hat lange rote und spitze Fingernägel, und die will ich nicht im Gesicht haben. „Ich sag‘ Ihnen, wir haben nur die paar, die da sind. Wenn sie weg sind, sind sie weg. Wenn Sie eine wollen, kaufen Sie sie gleich und Sie können sie später abholen.“ Ich nicke und lächle. Sie nickt auch und geht. Wir beide wissen, dass ich keine kaufen werde. Aber das hat sie noch anbringen müssen, um ihr Sortiment zu verteidigen. Pfauch.

Vom Dekozeug wechseln wir zur Blumenshow. Aber hallo. Ich habe noch nie so, hm… wie soll ich sagen… interessante Pfauen gesehen. Also keine echten. Sondern gebastelte. Sie stehen auf Heckenpodesten und schweben über dem Wasser und sind aus glitzerndem Plüsch, mit Leopardenmuster überzogen, in Tüll gehüllt oder kariert. Die Flügel wurden durch Blumenarrangements ersetzt. Manchmal würde ich gerne die Arbeitsaufgaben für solche Dinge lesen: „Wir hätten gerne etwas Mutiges!“ Oder: „Machen Sie Konversationsstücke! Die Leute sollen darüber reden.“ Oder „Es soll schön bunt sein!“ Oder „Packen Sie alle Materialien hinein, die Sie im letzten Jahr nicht verkaufen konnten!“ Ich tippe ja auf eine Mischung… Bevor uns die Augen herausfallen, gehen wir wieder. Sind wir fertig? Ja. Es hat wieder zu regnen begonnen und ich hole noch schnell ein paar Sukkulenten von einem Stand im Freigelände. Also ’schnell‘ ist übertrieben. Leute mit Schirmen sind wahnsinnig unflexibel. Und stehen doppelt so breit im Weg wie normal. Aahhh!

Zu Hause topfe ich die Pflanzen um und dann schnappe ich mir mein schwer herumgetragenes Zeitschriftenkilo. Es sind ORF-Hefte (Nachlese und Sonderausgaben) zum Thema Garten von 2014 (!) bis Juli 2018. Ich blättere durch. Nichts, was ich nicht schon wüsste und unglaublich oberflächlich. Auf dem Heft aus 2014 klebt eine kleine Samentüte mit Sommerblumen. Ich säe sie ohne viel Hoffnung in ein leeres Balkonkisterl und da ich in den Zeitschriften nichts über die Kartoffelsalbe gefunden habe, wandern sie zum Altpapier.

 

#75 Baumscheiben und Töpfe

Die Wiener Gärten haben eine Karte online, die alle Grünflächen und Bäume (jawoll, ALLE einzelnen Bäume) anzeigt: den Baumkataster. Jeder Baum ist mit einer Nummer versehen, die Baumart wird angezeigt, seit wann er dort steht, wie große seine Krone und wie hoch er in etwa ist. Verrückt. Wenn man sich von der Karte wieder erholt hat, kann man den Wiener Gärten eine Email schreiben und sie fragen, ob eine bestimmte Baumscheibe (d.h. der Platz unter dem Baum) noch „frei“ ist. „Frei“ meint nicht, dass der Baum weg ist, sondern ob das kleine Stückchen Erde, auf dem er steht, schon von jemandem betreut wird. Wenn sie frei ist und die Wiener Gärten zustimmen, dann kann man auf dieser Baumscheibe einen Mini-Garten anlegen und anpflanzen, was man möchte. Also nichts, was den Baum stören würde (ein zweiter Baum würde glaube ich nicht so gut ankommen bei der Magistratsabteilung 22), aber Blumen oder sogar – für die ganz Mutigen – einige Kräuter und Gemüse können dort gut wachsen.

Ich strebe nicht nach einer Baumscheibe, aber ich merke doch, dass ich gerade zu viele englische Gartensendungen anschaue. Bei Betrachtung der näheren Gründlandschaft (d.h. das Topfpflanzenensemble) juckt es wieder unter den Fingern. Ja. Da ist durchaus noch Platz. Ziemlich viel sogar. Und jetzt, nachdem die letzten Tomaten geerntet, die Tomatenpflanzengerippe entfernt wurden und man sich am Balkon wieder umdrehen kann, sieht er fast leer aus. Schrecklich. Das kann man gar nicht mitansehen. Aber für Pflanzen bräuchte man ja auch irgendetwas, wo man sie hineingeben kann. Also mache ich mich auf den Weg zur ARGE, einer Arbeitsgemeinschaft für Nichtsesshaftenhilfe in Wien, die Räumungen, Übersiedelungen und Wohnungsauflösungen durchführt. Dort gibt es zwar keine Pflanzen, aber von Mittwoch bis Samstag Flohmarkt und ich stöbere durch alte Lampen, Gläser, Spiele, Besteck und anderes Zeug, um passende Pflanzgefäße zu finden.

Das weitere Publikum ist wesentlich älter als ich. Ein Mann versucht seine Lunge heraus zu husten, während ich versuche einen Gang Abstand zu ihm zu halten. Mindestens. Ein anderer hat eine kalte Zigarette im weit nach unten gezogenen Mundwinkel und stochert durch die Altkleider. Einer etwa 50-jährigen Dame mit haselnussbrauner Schneckerlfrisur kommt offensichtlich immer wieder der Tandler in die Quere: „Das hab’ ich doch da gerade hergstellt.“ Sie sieht sich suchend um. Und findet ihre Tasse einen Meter weiter im Regal wieder. „Da ist sie.“ Minuten später: „Wo ist das jetzt wieder? Ich hab’s doch da hergestellt. Sie, ich stell‘ jetzt alles auf den Tisch, ja?“ Der Mann, der da sitzt und auf den laufenden Fernseher schaut, nickt. Der hat hier aber offensichtlich nichts zu sagen, denn als sie gerade wieder im Gang verschwindet, kommt erneut der Tandler, sieht den Abstellplatz für seine Kisten vollgeräumt und stellt die Sachen wieder zur Seite.

Ich stackse durch den vollgestellten Raum. Drei flache, kleine Riess-Reindln und eine dreckige, vielleicht weiße Blechgießkanne, das passt schon mal ganz gut. Dann finde ich noch eine Vase in der Größe und Form eines Astronautenhelmes, die wahrscheinlich grauer aussieht als sie eigentlich ist. Herr Ober, zahlen bitte! Ich zeige meine Fundstücke – sechs insgesamt und nehme mir vor, mich nicht über den Tisch ziehen zu lassen. Der Tandler schaut und sagt: „5 Euro“. Ich schlucke jegliche Widerrede hinunter und gebe ihm 5 Euro. Dafür würde ich in einem normalen Blumenladen wahrscheinlich einen tassengroßen Topf in der Trendfarbe der vorletzten Saison bekommen.

Zu Hause wird geputzt. Die Pflanzen sollen sich ja nichts holen. Der Astronautenhelm wird wieder glasklar, die letzten Essenreste aus den Reindln ertrinken im Spülwasser und die Gießkanne wird fast wieder weiß. Die Reindln brauchen noch Löcher, damit das Wasser abfließen kann und die Gießkanne wird zum Übertopf, ein alter Plastiktopf passt wie angegossen. Fehlen noch die Pflanzen. Ein Efeu, der seinem Topf langsam entwächst, wird in die Gießkanne umziehen. Und für die Reindln? Ich schwankte zwischen Saatgut oder ausgewachsenen Pflanzen und entscheide mich für einen Kompromiss: Im Blumengeschäft um die Ecke gibt es immer wieder kleine Ableger für einen Pappenstiel, und da sie gerade ein paar kleine Farne haben, nehme ich vier mit. Man kann nie genug Farne haben. Und die werden ja größer. Irgendwann. Hoffentlich.

Fazit: Pflanzen und Gefäße müssen nicht teuer sind. Es ist zwar etwas zeitaufwändiger als nur ins Geschäft zu gehen (und – man erinnere sich an den hustenden Mann im Nebengang – manchmal sogar gesundheitsgefährdend!), dafür ist es wesentlich interessanter – man weiß nie, was man findet. Und wenn es ein Astronautenhelm ist.

 

Heute eine Aufwärmskizze (d.h. Stift raus, Augen möglichst nicht aufs Blatt und zeichnen was man sieht) aus den Lagern der ARGE:

#74 Das KHM

Seit 2010 gibt es die Jahreskarte für die unterschiedlichen Sammlungen und Ausstellungsorte des Kunsthistorischen Museums. Damals hat sie noch 29 € gekostet – mittlerweile ist der Preis auf gesalzene 44 € gestiegen. Ich unterstütze die Museen gerne und ja klar, man kann sagen, für sieben Museen ist das noch günstig. Aber ein bisschen schockiert hat mich der Preis dann doch. Und wer kommt schon nach Schloss Ambras in Tirol? Ich nehme es mir zwar bei jeder Jahreskarte vor (und das ist mittlerweile meine 3.), aber ich bin sehr skeptisch, ob es dieses Jahr etwas wird.

Die Jahreskarte ist mir übrigens nicht aufgrund einer besonderen Ausstellung eingefallen. Das hatte eher mit den aktuellen Außentemperaturen zu tun. Die Kunstkammer im Kunsthistorischen ist angenehm gekühlt (siehe auch #65), und ich wollte sowieso ein wenig außer Haus zeichnen, das traf sich ganz gut. Der Mensch an der Kassa fragt mich, wie alt ich sei, denn bis unter 25 zahle man weniger. Ich meine, nein, mit über 30 würde ich diese Hürde wohl nicht mehr schaffen. Er gratuliert mir. Spannend. Und ich dachte schon, die Tage, an denen man an der Kassa nach dem Ausweis gefragt wird, weil man ja Alkohol kaufe, seien vorbei. Sie werden zwar seltener, aber sie kommen offensichtlich in neuen Formen wieder. Da habe ich nichts dagegen. Ich sollte mir öfter eine Jahreskarte kaufen. Jetzt aber hinein.

Vor mir schieben sich zwei etwas beleibtere junge Männer durch die Drehtüre zur Kunstkammer. Die Drehtüre dient dazu, das Klima innen möglichst stabil zu halten und ist offensichtlich gleichzeitig ein Intelligenztest, um die Besucher in „geeignet“ und „ungeeignet“ zu trennen. In welche Richtung dreht sie wohl? Eine junge Familie nach mir scheitert beinahe an dieser Frage, kommt dann aber doch noch hinter das Rätsel. Kaum ist man drinnen, schon fühlt man sich erfrischt. Ich schlendere durch die mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Schätze und suche mir ein geeignetes Zeichenobjekt. Vier Skizzen mache ich insgesamt und stolpere dabei immer wieder den beiden etwas beleibteren jungen Männern über den Weg, die alle Objekte eingehend studieren. Langsam wird es mir peinlich, mich neben sie hinzustellen und den Stift rauszukramen oder zu merken, dass sie sich neben mich stellen. Dann reicht mir das Mittelalter für heute ohnehin. Gerade als ich auf dem Weg nach draußen bin, kommt eine amerikanische Familie herein. Der Vater sagt: „Wow, look at that shit!“ Und ich frage mich schon, wie der wohl das Rätsel mit der Drehtüre gelöst hat. Ich drehe mich um, um zu inspizieren, was er meint. Da steht ein zierliches und detailreich gearbeitetes Schiff aus Silber. Ob er „ship“ gesagt hat? Neeeeeein, sicher nicht. Ich verhöre mich doch nicht.

Links und rechts neben den riesigen Statuen der Theseusgruppe und ihren Fotografen stehen zwei imposante Liliensträuße und schicken ihren schweren Duft treppauf und treppab. Es wird einem beinahe schwindelig, aber wegen ihnen werde ich auf ein Schild aufmerksam: „Stairway to Klimt“. Aha. Keine Ahnung, was das heißen soll, aber gehen wir dem mal nach.

Die Stairway entpuppt sich als 10 Meter über dem Stiegenhaus gespanntes Gerüst, das es den BesucherInnen ermöglicht, einen Teil des Bilderzyklus von Klimt, der sich unter der Decke und zwischen den Säulen befindet, genau ins Auge zu nehmen. Ich liebe es unter der Decke großer Gebäude herumzulaufen und finde solche Konstruktionen toll. Und ich bin nicht die Einzige, neben mir steht gut ein Dutzend Menschen, alle mit Fotoapparaten bewaffnet. Ich natürlich auch. Alle sind sehr höflich und jeder warten, bis jemand sein Foto geschossen hat, bevor er die Seiten wechselt und vom Gemälde „Antike“ zu „Ägypten“ geht. Auch wenn es, wie bei einem chinesischen Touristen, ein wenig länger dauert, bis die wohl riesige Kamera richtig eingestellt ist.

Danach laufe ich noch ein wenig durch das Gebäude und verlasse dann das KHM. Ich kann ja jetzt jederzeit wieder kommen. Gleichzeitig mit mir passieren auch zwei etwas beleibtere junge Männer den Ausgang. Wir sehen uns an und schauen dann schnell wieder weg. Ich glaube, sie glauben, ich verfolge sie. Und ich glaube, sie glauben, dass ich glaube, dass sie mich verfolgen. Und dann gehen wir sehr rasch durch die Sonne in getrennte Richtungen Richtung Schatten.

 

#73 Der Stephansdom

Nach einem Treffen im ersten Bezirk sehe ich aus den Augenwinkeln die gespiegelte Glasfassade des Haas-Hauses. Da kann der Stephansdom nicht weit sein, denke ich mir. Egal wie lange ich schon in Wien wohne, im ersten Bezirk funktioniert mein Straßengedächtnis nicht: Alle Gassen scheinen mich im Kreis zu führen und wenn ich denke, ich weiß, wo ich in etwa wieder zum Ring kommt, macht die Straße eine 90° Kurve und lacht mich laut aus – aber vom Haas-Haus aus den Stephansdom zu finden, das kriege ich auch noch hin. Zum Dom will ich, um ein paar Referenz-Fotos zu machen: Sie sind für einen neuen Comic, der in Wien spielt, und ich habe schon eine ziemlich gute Vorstellung, wie ich den Dom unterbringen möchte. Ich umrunde also (am frühen Nachmittag und bei knalligen 32°) den Dom und suche eine geeignete Ecke, um eine gute Froschperspektivenaufnahme machen zu können. Was anderes als Froschperspektive geht jetzt auch nicht wirklich, da man selbst keine zwei Meter, der Dom aber 136,4 Meter hoch ist – aber ich bin motiviert und kniee mich auch wirklich hin. Leider überfordert der Wunsch nach einem Weitwinkelobjektiv meine kleine Kompaktkamera, das werde ich mir später am Blatt noch zusammenbasteln müssen. Ich bin natürlich nicht die einzige, die dort fotografiert und mit einem Seitenblick auf Dutzende Menschen mit Schirmkappen, Sandalen und riesigen Kameraobjektiven muss ich mir eingestehen, dass ich mir schon lange nicht mehr so touristisch vorgekommen bin. Es hätte gerade noch gefehlt, dass mich einer der Karten verkaufenden Mozarte angesprochen hätte, aber da reicht immer ein Blick, um ihnen zu verstehen zu geben: „Sicher nicht.“

Aber, Touristen hin oder her, wenn ich schon mal hier bin, denke ich, dann schaue ich doch auch gleich noch in den Dom – vielleicht ergibt sich ja noch das eine oder andere Motiv. Schon beim Betreten des Doms bereue ich die Entscheidung, ich werde mit einer Masse an Menschen mitgeschoben. Es ist eindeutig zu warm für Körperkontakt, vor allem wenn zu viel Schweiß, zu viel Parfum und zu viel Deo dabei involviert sind. Innen verteilt sich die Masse glücklicherweise ein wenig und ich wandere in das vom restlichen Stephansdom abgesperrte linke Seitenschiff, das offensichtlich für den profanen Besucherverkehr vorgesehen ist. Ein Gitter trennt vom Mittelschiff und dem rechten Seitenschiff, das im Moment offensichtlich nur von zahlenden Gruppen besucht wird.

Ich stelle mich an das Gitter und beobachte die Leute. Die meisten wirken etwas gehetzt, gelangweilt oder müde, immerhin ist es früher Nachmittag und viele von ihnen sind wahrscheinlich schon den ganzen Vormittag durch die Stadt gelaufen. Ich fühle mich ob der ständig sich vorbeischiebenden Menschen auch gehetzt, gleichzeitig finde ich die Anonymität beruhigend: Hier fällt man mit der Kamera in der Hand nicht auf, ich fotografiere Menschen und Details des Doms und komme mir vor, wie die Museumsbesucher, die mit Blick auf ihr Smartphone durch die Hallen laufen und sich die Gemälde, die sie fotografieren, nur via Bildschirm ansehen. Gruselig. Ich entschuldige mich stumm beim Dom und hänge mich an eine Gruppe an, die dem Ausgang entgegensteuert. Das teilt schon mal den Gegenverkehr und erleichtert das Vorankommen. Außen würde ich wohl tief durchatmen, wenn es nicht so heiß wäre. So aber suche ich die Schattenseiten der Gassen auf und gehe der Nase nach Richtung Ring. Ich komme nicht dort raus, wo ich geglaubt hätte, aber nah genug, um eine passende Straßenbahn zu finden, die mich wieder in absolut untouristischen Straßen des 16. bringt.

 

#72 Am See

Wir sind am Balaton und dürfen dort bei Freunden übernachten. Das ist jetzt zwar nicht in Österreich, aber ehemaliges K&K-Gebiet, da will ich mal nicht kleinlich sein. Der Plattensee, so der deutsche Name, sagt schon alles: Der Plattensee ist platt. Wie die meisten Seen. Außer es geht Wind, dann kommen die Wellen. Das Haus liegt am Nordufer und wenn sich am Nachmittag die Gewitter zusammenbrauen und es auf der Südseite zu regnen beginnt, sagt unser Freund: „Über dem Nordufer lacht die Sonne, über das Südufer die ganze Welt.“ Manchmal bleiben die Gewitter und Wolken aber nicht am Südufer sondern ufern aus und dann sagt die Lautsprecherstimme im Strandbad auf Ungarisch, dass jetzt schon Gewitterwarnstufe 2 bestehe und jeder nur mehr auf eigene Verantwortung hin ins Wasser gehen dürfe. Was ich nicht ganz verstehe, denn wer übernimmt denn vorher die Verantwortung dafür, dass ich ins Wasser gehe? Aber gut. Wer keine Freunde hat, die das Ungarische beherrschen, der weiß leider nichts von der Warnstufe und geht einfach so ins Wasser. Manchmal sagt die Stimme auch „Achtung! Achtung!“ (also auf Ungarisch), „Es herrscht Gewitterwarnstufe 3.“ Gewitterwarnstufe 3 wird dann nach einer kleinen Künstlerpause tatsächlich auch auf Deutsch ausgerufen. Bzw. in einem Idiom, das sich so ähnlich anhört wie Deutsch. Man kann zumindest erahnen, worum es geht. Bei Warnstufe 2 kann man noch schauen, was wettermäßig weiter passiert, manchmal nämlich rein gar nichts und die Wolken verziehen sich (ans Südufer). Stufe 3 ist dann schon nicht mehr zu übersehen, schwarze, tiefhängende Wolken und auffrischender Wind lassen einen dann doch recht flott zusammenpacken. Und was man alles zusammenpacken muss! Da die Freunde öfter am See sind, sind sie bis ins Kleinste ausgerüstet. Glücklicherweise nehmen sie nicht immer alles mit, aber von Campingstühlen bis einem kleinen Sonnenzelt gibt es alles. Sie haben sogar einen kleinen Griller, der etwa so groß ist wie ein aufgeblasener Wasserball. Ich muss sagen, meistens bin ich auch nicht ganz leicht unterwegs, da ich eine ganze Batterie Stifte mit mir herumtrage und mindestens ein Skizzenbuch. Nicht, dass ich mehr als ein paar Seiten schaffe, aber man möchte ja die Wahl haben, ein anderes Format hernehmen zu können. Also ist der Rucksack voll mit Zeichensachen und der Korb muss für alles andere herhalten (Buch, Handtuch, Bikini zum Wechseln, Wasser, Essen).

Apropos Essen. Wieso ist das Essen in jedem mir bekannten Schwimm- und Strandbad eigentlich das schwerste und fettigste, das man sich nur vorstellen kann? Es ist heiß, man läuft im Badeanzug herum, und ich stelle mir dann immer Tomaten mit Mozzarella oder Wassermelone oder Couscous-Salat oder Obstsalat oder Wraps vor. Leicht und erfrischend halt. Aber was gibt es? Pommes, gebackenen Karfiol (am Balaton gesehen und ausprobiert, schmeckt ganz gut, nur ziemlich heiß), Ente mit Rotkraut und Semmelknödel (ich kenne drei Bäder, wo das auf der Karte steht!), Cordon Bleu, Schnitzel, gebackenen Fisch… Ich glaube einfach nicht, dass die Leute bei 34 Grad unbedingt Pommes und Ente haben wollen. Aber es gibt nichts anderes.

Halt. Doch, es gibt etwas anderes. Zumindest am Balaton. Man kann sich auch Palatschinken bestellen. Kein Scherz! Für 150 Forint, also ca. 50 Cent, gibt es eine Marmeladen-Palatschinke. Nutella-Palatschinken kosten 200 Forint. Mangels gesunder Alternativen bestand eines unserer Mittagessen zu viert aus neun Marmeladen- und sechs Nutellapalatschinken. Man gönnt sich ja sonst nix.

#71 Kriecherl

Sommer ist Einkochzeit. Es fängt mit den Erdbeeren an (die heuer einfach nur gegessen, nicht verarbeitet wurden), geht über zu den Kirschen, es folgen die Ribiseln und dann die Stachelbeeren, derer Ernte wir nie Herr werden und so den größten Teil Vögeln und Ameisen überlassen (und dabei sind das nur zwei Sträucher!). Dieses Jahr habe ich mir eine Flotte Lotte ausgeborgt und zum ersten Mal Stachelbeerennektar gemacht, schmeckt ganz ok. Nächstes Jahr vielleicht mehr. Die geborgte Flotte Lotte kommt übrigens aus bella Italia und trägt auf der Verpackung den Namen „Emanuel 2“. Ob wohl alle Küchenhelfer in Italien männliche Namen haben?

Nach den Marillen wird langsam das Wildobst reif, die Kriecherl (auch Mirabellen genannt) gehören dazu. Sie wachsen oft als Teil von wilden Hecken und vermehren sich freudig selbst. Das ist kein Wunder, denn alle Bäume, die ich kenne, tragen so viele Früchte, dass kein Mensch sie alle verarbeiten kann. Letztens war ich mit zwei Freundinnen auf dem Grundstück der Mutter von einer anderen Freundin, um dort die Kriecherllast zu reduzieren. Auch dort haben sich die Kriecherl offensichtlich freudig selbst vermehrt, die halbe Hecke besteht aus ihnen und – laut der einen anderen Freundin, deren Mutter der Garten gehört – verwendet sie niemand. Die Äste waren brechend voll und die gelben zwar noch nicht reif, dafür aber die roten. Mit einem Rechen etwas an den Ästen gerüttelt, und schon hagelt es die etwa kirschgroßen Früchte. Dann fängt es ein wenig zu regnen an – nicht Früchte, sondern Englandwetterregen. Aber wir sind ja nicht aus Zucker. Wir holen die Leiter und pflücken per Hand weiter, um nicht die Hälfte aufgrund von Flugschäden aussortieren zu müssen. Es sind sicher 10 bis 12 Kilo, die wir sammeln – man sieht es dem Baum aber nicht an, die Äste sind immer noch ziemlich voll. Nochmal Dank an die Gartenbesitzerin!

Zu Hause entkerne ich einen Teil der Beute: Gerne spritzt der süßsaure Saft dabei beim Aufschneiden der Früchte in alle Richtungen. Alles pickt. Früchte abwiegen, Gelierzucker abwiegen, vermischen, einen Schuss Rum dazu (geht immer) und für eine Stunde ziehen lassen. In der Zwischenzeit Gläser sterilisieren – ich nehme dazu Alkohol aus der Apotheke. Auskochen ist mir zu aufwändig und nachher hat man Kalk an den Gläsern, da geht das Auswischen mit Alkohol wesentlich einfacher. Die Dame aus der Apotheke, bei der ich den Alkohol letztens gekauft habe, hat mir gesagt, sie sterilisiert ihre Gläser immer bei 100 bis 150 Grad im Backofen – auch eine gute Möglichkeit. Wie wir aufs Einkochen gekommen sind? Die fragen einen dort immer, wozu man den hochprozentigen Alkohol braucht…

Also: Langsam erhitzen, dann fünf Minuten kochen lassen, Gelierprobe auf einem Teller, der im Tiefkühlfach war, Marmelade wird fest – super, fertig! In die Gläser füllen, versuchen, dabei nicht so viel zu patzen weil durch den Zucker ist jetzt alles noch viel pickiger, Glasrand sauber machen, Deckel druff (Achtung, heiß! sehr heiß!), umdrehen, fertig.

Apropos Wildobst: Der Hollunder wird reif. Mir gehen die Gläser aus.

 

PS.: Manchen mag die Kriecherlmarmelade mit dem Gelierzucker 3:1 zu sauer sein – aber ich finde, so schmeckt sie fast wie das Knister-Zeug, das man sich als Kind auf die Zunge geleert hat…

 

#70 Neuberger Kulturtage oder „Iss mich!“

Vor zwei Wochen wurden die Neuberger Kulturtage eröffnet und ein Freund hat uns zum Eröffnungskonzert im Münster Neuberg eingeladen: Guiseppe Verdis „Quattro pezzi sacri“ und Anton Bruckners „Te Deum“ stehen am Programm.

Unsere Unterkunft ist in Mürzsteg, heißt Villa Violetta und gehört irgendwie mit dem Hotel Appelhof zusammen, wo wir stehenbleiben. Ich springe schnell rein, frage nach der Villa und man erklärt mir, wo sie ist. Ich wieder raus und wir fahren etwa zweihundert Meter weiter. Tatsächlich, da steht ein schönes ehemaliges Gasthaus gleichen Namens und wir parken. Am Hang draußen wird Lavendel geerntet, innen gibt es knarrige, von der Zeit dunkel gefärbte Holzdielen, alles schön hergerichtet, und da treffen wir auch schon die ersten Bekannten. Wo denn hier die Rezeption sei, fragen wir sie, das Gepäck schon in der Hand. Hier gäbe es keine, den Schlüssel hätten sie uns beim Appelhof geben sollen. Ah. Ok. Wie haben die nicht…? Naja. Mitmensch geht zurück, um den Schlüssel zu holen. Als er wieder kommt, stellt es sich heraus, dass wir im Zimmer neben unseren Bekannten schlafen. Und dass wir Bad und Klo haben, sie aber nicht. Dafür ist die Türe zwischen unseren Zimmern offen. Der Bekannte begibt sich ebenfalls wieder auf den Weg zum Appelhof. Als er wieder zurück kommt, ist er ein wenig verärgert, die dachten dort, dass wir das ja gemeinsam nutzen könnten. Und es gäbe ja noch eine Toilette am Gang, einen Stock höher. (Zum gleichen Preis, wohlgemerkt. Und die wussten auch nicht, dass wir uns kannten.) Der Bekannte bestand auf ein Zimmer mit Bad und hat Glück, es gibt noch eines. Ein bisschen schräg, die Leute an der Rezeption dort.

Es wird vier und wir fahren ein paar Kilometer weiter nach Neuberg zur Greißlerei von Traude Holzer, einer wahnsinnig netten Frau, die noch dazu singen kann und bekommen dort im Hof vom unglaublich guten Koch Hubert Holzer Eierschwammerlsuppe und Paprikasuppe serviert. Zum Niederknien. Die Eierschwammerlsuppe kenne ich schon vom letzten Jahr und habe schon mal vorsorglich wenig gegessen bis jetzt. Es fängt ein wenig zu regnen an, aber gleich sind wir ohnehin unter Dach: Um fünf Uhr gibt es eine Führung im Münster – wir dürfen den mittelalterlichen Dachstuhl ansehen, der gerade etwas hergerichtet wird. Die Balken sind jetzt um die 600 Jahre alt und – wie die Holznägel – immer noch wie neu. Zur Zeit Kaiser Franz Josefs hat man entlang des Dachs ‚zur Sicherheit‘ quasi noch zusätzliche Balken mit Eisenschrauben befestigt – völlig unnötig, nach Meinung heutiger Zimmerleute. Das einzige, was das gebracht hat, ist dass jetzt dort die Eisenschrauben vor sich hinrosten und das Holz angreifen.

Nach der Dachstuhlführung geht es zurück zu Traude und es gibt Aufschnitt, Aufstrich und sehr gutes Brot. Ich probiere beim Mitmenschen ein Stück unglaublich guten Marillenkuchen. So. Jetzt bin ich satt, und das trifft sich gut, das Konzert fängt gleich an. Der steirische Landeshauptmann Hermann Schützenhöfer zwängt sich an den Sesseln des Orchesters vorne vorbei und sagt: „Keine Angst, ich dirigier‘ nicht!“ Nach einer sehr kurzen Ansprache folgt das Konzert, sehr schön, sehr gewaltig – manchmal etwas zu gewaltig, für meine Ohren sitzen wir ein wenig zu weit vorne.

Danach geht es zurück zu Traude und es gibt – Essen. Der Freund, der uns zum Konzert eingeladen hat, hat nach der Nachmittagsjause auch noch ein kleines Menu organisiert. Hm. Satt ich bin, eigentlich. Es gibt einen Gabelbissen Saibling und Tafelspitzsulz. Als Vorspeise. Ich esse den Saibling und versichte auf die Tafelspitzsulz. Dann wahlweise ein Hirschragout mit Semmelknödel oder einen Forellenstrudel. Hirschragout! Da kann man nicht nein sagen… Die Dame mir gegenüber bestellt eine kleine Portion – clever! Ich schließe mich an. Ich esse, bin froh ob der kleinen Portion, finde es aber gleichzeitig schade, weil es viel zu gut ist. Es folgt das Desert. Huh. Wieder die Wahl: Himbeertiramisu oder Hollersorbet. Hollersorbet – das ist hauptsächlich Wasser, denke ich mir. Dazwischen wird geredet, erzählt und gelacht. Der Appelhof ist ebenfalls Thema, wir sind nicht die Ersten, die mit der Rezeption dort seltsame Erlebnisse hatten.

Nach einem sehr netten Abend geht es zurück zur Villa Violetta – und im Zimmer will ich die Türe zu unserem Nachbarzimmer aufmachen. Mitmensch hält mich davon ab: „Nicht! Draußen vor der Tür hängt ein ‚Bitte nicht stören-Schild‘!“ Öm. Wie jetzt? Aber die Türe zu unserem Zimmer ist doch offen. Die werden doch nicht jemanden anderen da einquartiert haben? Wir sehen uns an. Lauschen an der Türe. Flüstern ab jetzt nur mehr. Knarrt das da drüben nicht? Die Nacht ist spannend. Kommt jetzt jemand zu uns rüber, um auf die Toilette zu gehen? Am nächsten Tag sehen wir durch das münzgroße Schlüsselloch. Alles aufgeräumt. Ich öffne langsam. Das Zimmer ist nicht bezogen.

Auf Wiedersehen (?), Villa Violetta. Wir gehen jetzt erstmal zu Traude, Frühstücken. Endlich wieder was zum Essen!

 

#69 Adlerwarte Kreuzenstein

Da sind wir nun also. Mitmensch, ich und fünf andere Menschen warten um 12 Uhr beim Eingang der Adlerwarte Kreuzenstein in Niederösterreich, um ein bisschen zu lernen, worum es in der Falknerei geht. Die Stimmung ist gut, alle sind ein bisschen aufgekratzt.

Der Halbtagesworkshop besteht aus vier Teilen: Im ersten bekommt jeder von uns einen Falknerhandschuh für die linke Hand, die in Europa traditionelle Seite (weil man ja im Mittelalter, als sich diese Tradition in Europa etabliert hat, in gehobenen Kreisen meist zu Pferd unterwegs war und die rechte Hand für die Zügel brauchte) und Falkner Marek erklärt uns, wie wir die Hand halten müssen, damit der Vogel auch darauf sitzen bleibt. Dann bekommen jeder von uns auch gleich einen Greifvogel auf den Handschuh, den wir  durch die Gegend tragen dürfen, um uns daran zu gewöhnen. Mitmensch bekommt einen Falken mit Haube (‚Chuck‘), ich einen Wüstenbussard – ohne Haube.

Respekteinflößend ist das schon, so ein Schnabel nur wenige Zentimeter weg von den eigenen Augen. Der Wüstenbussard heißt Pepone und schnarrt die ganze Zeit ein bisschen. Statt oben auf der Faust sitzt er eher grätschend auf dem Handschuh, will sich aber nicht wirklich von seinem seltsamen Stand abbringen lassen. Irgendwann zieht er zu meinem Erstaunen dann auch noch ein Bein ein. Hm. Erst später erfahre ich, dass er das nur macht, wenn er sich wohlfühlt. Für den Moment aber halte ich es für seltsam und versuche ihn wieder auf zwei Beine zu bringen, was Pepone irritiert. So sind wir beide etwas ratlos, und Pepone versucht zu starten. Ich halte ihn am Geschüh fest (das sind die Lederfesseln an seinen Füßen) und er setzt sich wieder auf die Hand. Jetzt sind wir beide noch mehr verwirrt. Aber da werden Pepone und seine KollegenInnen aber auch schon wieder in die Voliere zurückgebracht und wir gehen ein wenig Theorie lernen, denn Greifvögel sind nicht ganz so einfach zu trainieren: Sie kennen keine negative Verstärkung, sie verstehen nur Belohnung. Ergo kann man auch nur mit Belohnungen arbeiten. Hah. Sehr intelligent.

Nach der Theorie und einer kurzen Pause fängt die Nachmittagsveranstaltung, die Flugshow an, die wir ebenfalls ansehen. Wahnsinn. Falkner Björn führt schlagfertig durch die Show und achtet darauf, dass niemand einen Greifvogel in die Haare bekommt. Das wäre auch nicht ratsam, denn die und ihre Krallen werden immer größer. Das Kind neben mir duckt sich nicht schnell genug und wird von den Lederfesseln am Kopf gestreift, was es mit „Böser Adler!“ kommentiert. Tja, muttu schneller sein nächstes Mal, aber das sage ich ihm nicht.

Nachdem die Besucher weg sind, geht es für uns weiter, jetzt fliegen wir (so sagt man) mit den Vögeln: Es gibt ein Wiedersehen mit den Wüstenbussarden. Pepone ist zwar nicht dabei, aber eine Hermine, wenn ich mich richtig erinnere und noch ein weiterer Wüstenbussard. Abwechselnd bekommen wir Stubenkückenstücke (also Teile von toten Kücken) in die Handschuhe und die Greifvögel fliegen darauf. Wortwörtlich. Kurz bleiben sie am Handschuh, schnappen sich ihre Belohnung (positive Verstärkung!) und dann lassen wir sie aufs Holzgeländer hinter uns springen. Mitmenschs Bussard verfehlt das Holzgeländer und fällt dahinter herunter. Gut, dass er Flügel hat.

Nach den Würstenbussarden kommt ein Adlerbussardweibchen: Mit ihr wird uns das auf die Faust nehmen nicht ganz so einfach gemacht wie mit den Bussarden. Wieder bekommen wir ein Stubenkückenteil in die Hand, sollen das aber dieses Mal ja nicht loslassen: Wenn die Adlerbussarddame anfliegt, soll sie damit beschäftigt sein, damit wir mit der bloßen rechten Hand das Geschüh nach vorne holen und zwischen Mittel- und Ringfinger des Falknerhandschuhs klemmen können. Manche lassen das Stubenkücken los – oder sie rupft zu stark und Happ! ist das Stubenkücken weg. Und dann ist die Dame nicht mehr beschäftigt und achtet sehr genau auf die bloßen Finger, die sich da nähern. Mancher versucht trotzdem am Geschüh herumzufummeln und dann ruft Björn: „Wenn sie nicht kuckt! Wenn sie nicht kuckt!“ Aber Madame kuckt sehr genau und meistens kommen dann Björn oder Marek zu Hilfe. Die Dame hat nicht nur einen scharfen Schnabel, sondern auch eine imposante Flügelspannweite von etwa eineinhalb Metern. Bei mir funktioniert der erste Anflug tadellos, ich halte das Kükenteil so fest, dass sie gut beschäftigt ist, während ich das Seil durch die Finger fummle. Beim zweiten Mal kriege ich das Geschnüre nicht richtig durch die starren Lederfinger, Marek muss nachhelfen. Dazwischen posen wir, eine freiwillige Helferin macht Fotos von uns.

Nach dem Adlerbussardweibchen kommt der Steppenadler Schnappi. Schnappi heißt so, weil er offensichtlich gerne einmal Finger oder Gesicht ins Visier nimmt, sagt man uns. Wir sind nicht sicher, ob wir es glauben sollen, Schnappi sieht aber respekteinflößend genug aus, um die Sache nicht auf die Probe zu stellen.

Der letzte Flug steht an und Marek bringt einen Weißkopfseeadler. Hallali. Wenn der auf einen zufliegt, das ist schon mehr als beeindruckend. Er setzt sich auf die Hand, kurz nur, sagen sie uns, wir sollen ihm die Beute gleich geben. Und dann stößt er sich kräftig ab und springt einen Meter weiter zur nächsten behandschuhten Hand, entweder der von Marek oder Björn, wo noch ein Kükenteil auf ihn wartet.

Ich könnte ja noch ewig weiterfüttern, wenn sich jetzt nicht mein eigener Magen langsam melden würde. Und da, der Kurs geht dem Ende zu, und es gibt Futter für uns in der Taverne, wo auf Tongeschirr wahlweise Falafel oder Linseneintopf serviert werden. Ohne Stubenkückenteile.