#88 Grafenegg

Zwar gibt es innerhalb Wiens ja genug Weihnachtsmärkte, die man besuchen könnte, aber der Mitmensch und ich fahren auf einen nach Niederösterreich, und zwar nach Grafenegg. Den haben wir uns irgendwie angewöhnt. Zum einen ist er wirklich nett, die Hütten stehen zum Teil im Park und zum Teil sind sie in den Räumlichkeiten des Schlosses untergebracht, zum anderen gibt es wirklich hübsches Kunsthandwerk, frische Bauernkrapfen und deftiges Essen. Und: hier wird Murmeltiersalbe verkauft. Dazu aber später.

Der Weihnachtsmarkt in Grafenegg geht immer über vier Tage, Donnerstag bis Sonntag, meist um den zweiten Advent herum. Man merke: Möchte man ihn besuchen, komme man möglichst früh, und zwar aus mehreren Gründen: Erstens ist bei diesem Markt Eintritt zu bezahlen (und mit 8 Euro pro erwachsenem Kopf nicht zu knapp), und da kann man schon mal länger in der Schlange vor den Kassen warten, bis die älteren Herrschaften vor einem fertig im Kleingeldfach herumgekramt haben, um irgendwann einzusehen, dass es sich wirklich nicht ausgeht und dann doch mit Karte zahlen wollen. Zweitens ist der Weihnachtsmarkt wirklich gut besucht. Draußen, im Park, ist das ja noch ok, da weicht man gegebenenfalls auf den Rasen aus und geht Alpakas und Lamas streicheln. Im Schloss ist das schon schwieriger. Die dort untergebrachten Stände und Verkaufsflächen sind in einem Einbahnsystem angelegt, das einen über Treppen, schmale Durchgänge und kleine Zimmer führt (die z.T. wahnsinnig aufwändig gearbeiteten Kassettendecken haben), in denen es sich bald gegen Mittag zu stauen beginnt. Manchmal wird man mehr durchgeschoben, als dass man gehen würde. Kommt man aber zeitig, hat man die Chance, nicht nur hin und wieder die eigenen Füße zu sehen, sondern auch Töpfereien, Mineralien aus Niederösterreich, Bienenwachskerzen und Wollsocken eingehender betrachten zu können.

Dieses Mal gibt es an den Weihnachtsschmuckständen auffallend viele vergoldete Nüsse und eine findige Wachauerin bietet vergoldete Marillenkerne an, die man sich als Einzelschmuckstücke um den Hals hängen kann. Es gibt ja einige, die Upcyceln zum Sport erhoben haben, aber ob diese Idee fliegen wird? Ich würde mir keinen abgelutschten Kern um den Hals hängen – auch nicht vergoldet.

Apropos Gold: Ein Kind findet im Antiquariatsteil eines Buchhändlers ein Buch mit vergoldetem Schnitt und ist begeistert. Die Eltern ziehen die Augenbrauen hoch und sagen hastig: „Nein, nein, die alten Bücher, die sind nur zum Ansehen da, die kann man nicht kaufen.“ Das Kind ist nicht ganz überzeugt und muss mir auf die Zunge beißen, um es nicht aufzuklären: „Doch, doch! Die kann man kaufen!“ Aber ich will ja in der Adventszeit keine Verwünschungen auf mich ziehen. Ich kaufe ein Buch aus dem Antiquariat, um ein paar Euro werden mit die „Charlatanerien“ von einem gewissen August Friedrich Cranz überlassen. Ich frage nicht nach dem Preis des Goldschnitt-Buchs, bin mir aber ziemlich sicher, dass es keinen besonders hohen Preis hat – zu einer so gedrängten Veranstaltung nimmt man keine Schätze mit, die man mitten im Raum in Richtung Ausgang einfach so stehen lässt.

Ein Einkaufs-Muss ist außerdem jedes Mal die oben bereits erwähnte Murmeltiersalbe: Sie hilft besonders bei Verspannungen, und von diesen wird der Mitmensch regelmäßig heimtückig heimgesucht. Die Murmeltiersalbe heißt übrigens nicht nur so, sie wird tatsächlich aus dem Fett von Murmeltieren hergestellt, dessen Bestandteile eben gegen Muskel- und Gelenksbeschwerden (und auch Rheuma ^^) helfen.

Nach der zweistöckigen Runde im Schloss haben wir Hunger bekommen und wollen uns die Essensstände im Park näher ansehen. Gerade als wir dorthin abbiegen, wird ein Schild aufgestellt, dass es bei der Indoor-Runde im Schloss zu längeren Wartezeiten kommen kann. Ein High Five für die Frühaufsteher!

Ein Rieslingsragout und ein Chili Con Carne später trinken wir noch etwas Heißes (Glühmost für mich, Kinderpunsch für den Autofahrer). Auf dem Rückweg zum Parkplatz sehen wir die Familie mit dem Kind wieder, denen wir vorhin beim Antiquariat begegnet sind. Sie stehen vor den Lamas. Das Kind bettelt. Ich bin leider zu weit weg, ob die Eltern auch hier sagen: „Nein, nein, die sind leider nur zum Anschauen da.“

 

#87 Kekse!

Der Dezember ist Keks-, Kipferl-, Makronen- und Busserlmonat. Das merkt man unter anderem daran, dass regelmäßig Ende November sowohl Butter als auch Nüsse zur Mangelware werden: Ich musste in drei Geschäfte um gemahlene Mandeln zu finden – habe dann aber natürlich (wie alle anderen auch) sofort vier Packungen davon gekauft, damit ich nicht nochmal auf Odyssee gehen muss. Dieses Verhalten des Hortens erklärt den Mangel an Nüssen in der Backabteilung ziemlich gut, denke ich. Bis jetzt habe ich eine Packung davon zu ca. zwei Dritteln für Linzer Augen verwendet. Der Rest wartet noch. Während andere verzweifelte Keksbäcker und Keksbäckerinnen von einem Laden zum anderen laufen, um geriebene Mandeln zu finden. Ja, das sind so die Gemeinheiten des Alltags.

Übrigens: Im österreichweit berühmten kleinen gelben Rezeptbuch der Kronen-Zeitung (das einzig brauchbare was dieser Konzern zustande gebracht hat) sucht man Linzer Augen vergebens, wenn man nicht zu den Eingeweihten gehört. Wir sollen unter „Ischgler Plätzchen“ nachsehen, das sei der entsprechende Teig, meint die Mutter des Mitmenschen, und siehe da, die Ischgler Plätzchen werden ganz schnell zu Linzer Augen. Nur übersehen darf man sie im Ofen nicht, das letzte der drei Bleche ist etwas dunkel geworden. Aber ein wenig Ribiselmarmelade und Staubzucker später sieht man davon fast gar nichts mehr. Denke ich mir halt. Bevor der Mitmensch nach Hause kommt, einen Blick darauf wirft und fragt: „Sind die verbrannt?“

*Räusper*

Also, was gehört noch zu meiner persönlichen klassischen Weihnachtsbäckerei?

Dominosteine. Dominosteine sind zwar aufwändig, aber sie sind es wert! Wer kann auch schon etwas gegen die Kombination von Lebkuchen, Marillenmarmelade, Marzipan und Schokolade sagen?

Vanillekipferl. Natürlich Vanillekipferl. Die dürfen einfach nicht fehlen. Ein Tipp für zu krümelig gewordenen Teig: Ein Eiweiß hineinkneten und er kann wiederbelebt werden.

Aniskekse: Hier gibt es geteilte Meinungen. Auf jeden Fall! Sage ich. Auf keinen Fall! Sagt der Mitmensch. Zu Aniskeksen gehört traditionell ein kleiner Fuß, auf dem sie stehen, habe ich jetzt gehört. Bei mir haben sie keinen Fuß. Den bekommen sie auch nur, wenn man sie abtrocknen lässt, das heißt, wenn man die aufs Blech gegebene Keksmasse ein paar Stunden lang antrocknen lässt. Dann bildet sich (bei trockener Witterung) eine Haut, die den Aniskeks oben zusammenhält und die Hitze drückt den Teig so in die Höhe. Es war mir bis jetzt immer zu aufwändig, auf diese Füßchen zu achten, aber vielleicht probiere ich es doch nochmal aus. Aber sie schmecken so oder so wunderbar, finde ich.

Kokosbusserl. Kokosbusserl müssen auch sein, sehen aber jedes Jahr trotz gleichbleibendem Rezept immer anders aus. Liegt es am Luftdruck, am Mond, an den Hühnern, die die verwendeten Eier legen? Ich weiß es nicht. Aber für die habe ich jetzt im Bayerischen Rundfunk einen Trick gelernt: Damit sie nicht so lange im Ofen sind und Gefahr laufen, trocken zu werden, soll man die Masse im Topf auf 55 bis 60 Grad erwärmen und so „abrösten“ (huh, ein neues Wort!). Danach die Masse aus dem Topf nehmen, auf 30 Grad abkühlen lassen und dann erst die Busserl aufs Bachblech setzen. Dadurch bleibt die Form stabiler und sie haben eine kürzere Backzeit, was sie nicht so trocken werden lässt. Das ist auf jeden Fall den Versuch wert.

In diesem Sinne: Fröhlicher Keksmonat! (Ah ja – Lebkuchen muss man nicht erwähnen. Die verstehen sich ohnehin von selbst.)

#86 Drei Ausstellungen

Ausstellung, die erste. Vor zwei Wochen war ich in der Monet-Ausstellung in der Albertina. Es war ziemlich voll, aber nicht überfüllt, und man konnte das Glück haben, auch einmal kurz alleine vor einem der Bilder zu stehen und in Ruhe schauen zu können. Ich kannte  vorher bereits Werke von Monet, hauptsächlich aber nur Abbildungen davon und muss sagen, die Ausstellung hat mich doch sehr beeindruckt: Keine Reproduktion kommt an die Leuchtkraft oder die unterschiedlichen Stimmungen seiner Bilder heran. Unter einer Landschaft in Schnee stand ein Kommentar, sinngemäß etwa: „keiner malt Schnee kälter als Monet“ – und es stimmt. Man erinnert sich an genau solche Momente: Leichter Schneefall und Matsch und das Licht im Winter, und man weiß wie es sich anfühlt. Und daneben spürt man bei einem Bild die Sommerluft und sieht das tanzende Licht, das durch die Blätter fällt. Wahnsinn. Vor den Seerosen habe ich ein Plätzen zum Sitzen gefunden und den Aquarellkasten herausgeholt, um die Farben nachzumischen – eine kleine Sehübung quasi: Treffe ich den Ton oder treffe ich ihn nicht. Ich bin aber nicht weit gekommen, ein Museumsmitarbeiter tritt an mich heran: „Bitte nicht malen“, sagt er. „Nicht malen?“ „Nein, bitte nicht.“ Aha. Ok. Gerade Museen haben eigentlich nichts dagegen, wenn in ihnen gezeichnet wird, aber bitte. So gehe ich nochmals langsam durch die Ausstellung, und dann hinaus in die frische Luft.

Ausstellung, die zweite. Wer es noch nicht mitbekommen hat: Im KHM läuft eine Bruegel-Ausstellung, die man so wahrscheinlich nicht so schnell wieder sehen wird: Ein guter Teil seines Werkes, Gemälde und Zeichnungen, werden gemeinsam ausgestellt. Das Ganze führt zu solchem Andrang, dass das KHM dazu übergegangen ist, Zeitkarten auszugeben. D.h. man sucht sich ein noch offenes Zeitfenster aus, und darf dann genau zu diesem Zeitpunkt die Ausstellung betreten. Wir haben eine Gruppenführung um halb 8 am Abend und nachdem endlich jeder unseren Museumsführer durch den Knopf im Ohr hört, betreten wir die Ausstellungsräume. Es ist unglaublich voll.

Unser Guide lenkt uns zu ausgewählten Bildern und unseren Blick auf Details: Eine Gemse auf der Bergspitze, ein Hinrichtungsplatz im Landschaftsbild, eine Spinne im Netz auf einer Passionsdarstellung. Er erzählt von den Holztafeln, auf denen Bruegel gemalt hat und dass diese extra aus Polen herangeschafft wurden und von den interaktiven Möglichkeiten, die die KHM-Seite hier bietet. Interessant, aber eine Stunde ist zu wenig und das Gedränge groß.

Am Ende der Ausstellung gibt es einen Shop – extra für diese Ausstellung eingerichtet. Es gibt hier nur Dinge, mit Bruegel-Motiven. Und was es für Dinge gibt: Bleistifte und Kugelschreiber und Blöcke sind ja normal, aber Weihnachtskugeln, Spielmannsuhren und Magnete, Schals, Badetücher, Brillenetuis, T-Shirts, Seife, ein Espresso-Tassen-Set, Taschen, diese kleinen Plastikfernseher zum Durchklicken für Kinder mit Bruegel-Motiven, Flaschenöffner, i-Phone-Hüllen, Pillendosen, Servietten, Uhren und noch viel mehr – alles mit Bruegel-Gemälden bedruckt und verziert. Scheußlich.

Ich kaufe den Katalog und nehme mir vor, ihn mir zuerst anzusehen, bevor ich wiederkomme. Und dann: endlich draußen. Ich glaube, ohne Zeitkarten würde es sich besser und freier im Haus verteilen: So hat man das Gefühl, man muss hier bleiben, um alles zu sehen, denn einmal draußen kommt man nicht wieder zurück. Und was ich vom restlichen Haus so beim kurzen Durcheilen sehe, so ist es leer. Aber das ist nur meine Meinung.

Die dritte. Im Haus AWAT in der Gumpendorferstraße, gibt es eine Vernissage von Markus Dressler: „Klimts Katze in Gold und andere Meisterwerke“. Ich gehe ins Haus und dann, etwas zögernd die Treppen hinauf. Wird schon irgendwo angeschrieben sein, denke ich mir. Im sechsten Stock angekommen bin ich dann etwas ratlos. In allen Stockwerken wird gewohnt, aber eher nicht ausgestellt. Mit mir sind zwei andere Menschen ratlos, die ebenfalls die Vernissage suchen. Tja. Ich klopfe mal an der AWAT-Bürotüre, und siehe da – wir sind richtig! Und die ersten, die hergefunden haben. Markus ist glaube ich ein bisschen erleichtert – aber die Türe bleibt trotzdem schilderlos. „Die finden schon her“, meint er. An den Wänden: Katzen, mit Klimt und ohne, mit Stilleben und in der Katzenkiste. Nachdem sich die Sesselreihen gefüllt haben gibt es eine Lesung seiner Comics (Klimts Katze in Gold, Mancat, Spacecat und Astromausi). Danach werden Werke verkauft, getrunken und geredet. Mit Helmut, der Collagen macht, versuche ich die Ausrichtung der Terrasse herauszufinden, bevor es uns schließlich doch zu kalt wird und wir wieder hineingehen. Eine wahnsinnig nette und lustige Ausstellung. Und die zwei Mini-Comics von Spacecat und Astromausi kommen mit nach Hause – der Druck vom „Wachauer Miauer“, einem leider, leider verschollenem Filmschatz, wird nachgeliefert 😉

#85 ViennaComicCon 2018

Da der Weg zur Messe doch ein gutes Stück von mir zu Hause entfernt ist, spare ich mir das Aufbauen am Freitag und komme erst Samstag Vormittag mit Sack und Pack – das Aufbauen dauert ja nicht sehr lange. Ich hole zwei Aussteller-Ausweise und hänge dem Mitmenschen, der mir tragen und beim Aufbauen hilft, einen davon um. Er schaut ein wenig komisch und fragt: „Seit wann bist du ein Influencer?“ Jetzt schaue ich komisch – und tatsächlich: Auf den Ausweisen steht „Influencer“. Nochmal zurück, nachfragen. „Ja, die Exhibitor-Pässe sind leider ausgegangen.“ „Aha“, sage ich und denke mir sonstwas, immerhin wissen die doch seit Wochen wieviele Menschen hier Tische haben. Hah. Naja.
Influencer also. Das heißt wohl, ich muss jetzt ganz viele Fotos mit meinem nicht vorhandenen Smartphone machen 🙂

Der Tisch ist vorzeigbar gemacht und der Mitmensch verabschiedet sich. Los geht’s! Nett, dass es dieses Jahr einen Abstand zwischen den einzelnen Tischen in der Artist-Alley gibt – man kann dazwischen raus und als BesucherIn ist man nicht ganz so überfordert, wenn alles eng an eng steht und der Blick von Manga-Fanart übergangslos zu selbst gehäkelten Fantasytieren und Indie-Comics wandert. Noch ist alles ruhig. Da fängt ein Mensch im Eingangsbereich an, einen Countdown herunterzuzählen, die ComicCon wird offiziell eröffnet und eine Horde kreischender Mädchen läuft herein, einen Gang hinunter und dann wieder zurück, weil sie sich offensichtlich verlaufen haben. Dann findet sie ihren Weg – wahrscheinlich zu den Autogrammständen der Filmsternchen, die hier (gegen Bezahlung) Uterschrift und Foto anbieten. Verstörte Blicke folgen ihnen von den Tischen, diese werden aber rasch auf die eintreffenden Cosplayer gelenkt. Ich mag es, an einem Tisch zu sitzen, man sieht immer spannende Kostüme vorbeikommen. Und ganze Familien, die sich in Schale geworfen haben: Familie Incredibles, Familie Flash und eine ganze Sippe Game of Thrones.

Einige Impressionen von der Con:

Gegenüber von mir hat George aus Kanada einen großen Stand, er verkauft US-amerikanische Comichefte und hat weder Socken noch Schuhe an. Das Rätsel klärt sich am nächsten Tag, er erzählt, dass er seine Socken vergessen hat und es hasst, barfuß in Schuhen zu stehen – da steht er lieber barfuß am Boden. Ich borge ihm einen Sessel, damit er dazwischen mal die Beine hochlegen kann. Drei Shows macht er in Europa, meint er – am schwierigsten sind immer die neuen, weil man nicht weiß, wie sie laufen. Ein Geschäftsmann durch und durch, der nichts in seinen Kalkulationen vergisst. Am ersten Tag wird ihm ein Heft im Wert von 600 Euro gestohlen. Nicht gut, sagt er, aber er habe es vorher „cheap“ gekauft. „That’s what you have to do: Buy cheap, cheap, cheap, cheap!“

Zwei sehr schön gekleidete Damen kommen am Tisch vorbei, wir unterhalten uns ein wenig und sie erzählen, dass man in ihrem Dorf, gleich den Gang runter, LARP (Live Action Rolle Play) ausprobieren kann: Eine Stunde dauert ein Durchgang, immer um halb fangen sie an. Es würde mich interessieren, einmal mitzumachen, aber ich bin meistens alleine am Stand, da kann ich zum einen schlecht weg und zum anderen finde ich es total nett am Tisch zu sein und die Leute, die hängen bleiben, aus den Augenwinkeln zu beobachten, wenn sie durch das eine oder andere Heft blättern. Direkt darf man sie nicht anschauen, da fühlen sie sich beobachtet und verschwinden sehr schnell wieder. Kommt zumindest mir so vor. Meine Nachbarin dagegen geht völlig offensiv vor. Kaum gehen Leute vorbei, quatscht sie sie an: „Hey, willst du ein tolles Buch lesen? Das hier habe ich geschrieben!“ Das ist mir eindeutig zu direkt.

Am Samstag kommen zwei Mädchen vorbei und wühlen sich durch die Buttons. Sie kaufen zwei oder drei. Und eine Stunde später sind sie wieder da. Und dann wieder. Und dann wieder – total nett 😀

Ein paar Meter von meinem Tisch hat „Mjam“, ein Lieferdienstservice in Wien, eine Fotobox, grüne Sitzsäcke und einen Zuckerwattestand aufgebaut, der gut besucht ist. Ständig laufen Eltern mit Kindern und grüner Zuckerwatte vorbei – und die Eltern wachen mit Argusaugen über ihre Sprösslinge, damit nicht jeder Stand mit Zuckerwatte vollgekleistert und nach Entschädigungen verlangt wird. Jetzt frage ich mich gerade , wieviele Kilo Zucker die wohl das Wochenende über verbraucht haben.. Ich hätte fragen sollen!

Mein liebstes Kostüm auf der Con: Eine Tube Mautner-Senf. Leider bin ich nicht dazu gekommen sie zu fotografieren, aber ich fand sie super!

Bestes Kommentar am Tisch: Drei Mädels blättern durch die Comics, und als sie wieder gehen sagt die eine zu den anderen (offensichtlich über „Fux & Rabe“): „Das ist wie die Fabeln in der Schule – nur geiler.“

Ein Mann sieht sich alles haargenau und detailliert an, schaut mich an und sagt dann: „Sie sind ein wildes Mädchen.“ Ich lache etwas schief, verkneife mir die Antwort, dass ich über 30 und sicher kein Mädchen mehr bin, und sage: „Naja, man will ja nicht langweilig sein.“

Eine Frau nimmt einmal „Von einem, der auszog das Fürchten zu lernen“ mit – mit den Worten: „Das kann ich als Inspiration für meine Schülerinnen brauchen.“ Offensichtlich eine Deutsch-Lehrerin 🙂

Am Abend, als Mitmensch wieder kommt, habe ich noch eine Stunde Zeit, die Tische von Freunden und Bekannten zu besuchen. Weit komme ich nicht: Ich rede mit Johannes und Xenia von Karrakula, finde Julians Stand, rede kurz mit Denise, sehe im Vorbeigehen Allessandro Giampaoletti, den ich letztes Jahr auf der Con kennengelernt habe und kaufe ein Heft von Stefan Gutternigh („The Common Good“, über Kickstarter finanziert), das ich noch am gleichen Abend lese.

Dann schnell wieder zurück – der Mitmensch winkt mir schon. Am Tisch steht Helmut Maria und er lädt mich für den nächsten Tag zum Comic-Jam am Comix-Stand ein: Auf acht Panels wird eine kleine Geschichte erzählt, jeder zeichnet ein Panel und man schaut, wohin die Geschichte führen wird. Sehr nette Idee, und ich komme am Sonntag tatsächlich dazu, mitzuzeichnen, Mitmensch hält in der Zwischenzeit solange am Tisch aus.

 

Wie nett, Markus Dressler ist auch da und lädt zu seiner Vernissage ein: „Klimts Katze in Gold – und andere Meisterwerke“, am 28. November um 19 Uhr ist im Haus AWAT in der Gumpendorferstraße 65 im 6. Bezirk die Eröffnung (mit Lesung des Autors!). Ich gehe auf jeden Fall hin 🙂

Am Sonntag in der Früh, noch vor dem Comic-Jam, haben Mitmensch und ich den Stand bereits wieder fertig aufgebaut, als George kommt (diesmal mit Socken), um seine Abdeckungen herunterzunehmen. Neal Adams, ein Marvel- und DC-Zeichner, trifft gerade mit seiner Frau ein. Seine Signierstunde startet um 10 Uhr und George stellt Mitmenschen und mich „his very good friends“ vor. Wir schütteln Hände, Neal Adams schaut etwas irritiert drein – schräg ist das schon ein wenig. Aber irgendwie auch ziemlich cool.

Was man als durchgehendes Statement für die VIECC2018 hernehmen könnte: Schräg ist das schon ein wenig. Aber irgendwie auch ziemlich cool.

 

#84 Das Kabarett Niedermair

Untertitel: Das nächste Kapitel im Bereich „Wiener Kabaretts“ 😉

„Bussi, bussi, haaalloo!“ Ich drehe mich um, obwohl ich weiß, dass ich sicher nicht gemeint bin. Einerseits, weil mich niemand so begrüßt (glücklicherweise) und andererseits, weil ich niemanden erwarte. Aber eine Begrüßung in so hohen Tönen, da muss man einfach schauen. Da das Gesehene überschwänglichen „Bussi, bussi“ sehr gerecht wird, grinse ich kurz und widme mich dann wieder meinen 1/8 Grünem Veltliner. Er schmeckt weniger sauer als befürchtet. Es ist 19 Uhr, die Tageskasse sollte gleich schließen. Das ist hier im Kabarett Niedermair nämlich so, habe ich stirnrunzelnd zu Hause bemerkt, bevor ich mich auf die Socken gemacht habe: Das Programm fängt um 19:30 an, aber die Kasse schließt schon eine halbe Stunde vorher. Hinterlegte Karten sollte man bis 19 Uhr holen. Wie perfide. Man wird quasi zum Trinken gezwungen, denn was macht man sonst schon in einer halben Stunde im Eingangsbereich eines Theaters? Da ich das erste Mal hier bin, war ich brav um 18:45 da, damit ich auch wirklich hinein darf.

Da bin ich nun. Mit meiner Karte. Alleine (bitte kein Mitleid, das war reine Absicht), mit 45 Minuten Zeit an der Hand, um auf den Beginn des eigentlichen Programms zu warten. Ergo der Veltliner. Mit dem sitze ich nun auf einem festgeschraubten Stuhl im Bereich der Bar bzw. des Eingangsbereichs. So genau lässt sich das hier nicht trennen. Von hier aus beobachte ich, was die Kassenfrau macht, denn die sollte wohl jetzt um 19 Uhr ihren Computer hinunterfahren und nach Hause gehen. Tut sie aber nicht. Zumindest aber steht sie auf, macht zwei Seitwärtsschritte vom Computer weg und ist ab jetzt offensichtlich Garderobenfrau. Aha! Wie das mit der Garderobe funktioniert war mir bis jetzt auch nicht klar, da sie zwar angeschrieben ist, aber irgendwie im toten Bereich zwischen Kassa und Bar liegt. Sofort gebe ich freudig meine Jacke ab.

Das Kabarett Niedermair liegt gleich um die Ecke der 2er Haltestelle beim Rathaus in einer gepflasterten Seitengasse. 100 Leute sollen in den Saal passen, die Kapazität des Vorraums ist nicht angegeben. Im Moment stehen und sitzen da ca. 30 Personen und ich sage mal, er „wirkt“ schon relativ voll. Bevor die Tuchfühlung zu eng wird, geht um 19:20 die Doppeltür zum Saal auf. Zumindest denke ich zuerst „die Türe“. Singular. Aber es ist nur die erste Türe von sage und schreibe fünf. Es stellt sich heraus, dass der Saal so schmal ist, dass man bei der passenden Türe hineingehen muss, um zu seinem Platz zu gelangen. Gang gibt es keinen, das geht sich bei allem guten Willen nicht aus, sonst würde es nur Stehplätze geben. Doch dann würde „bussi bussi“ sicher nicht zu den Vorstellungen kommen. Sieben Sitzplätze gibt es pro Reihe – und die sind unverrückbar: Erinnert alles ein wenig an Kirchenbänke, nur tut man so, als ob man sie gepolstert hätte. Dazwischen gibt es Armlehnen und hinter der Stange für die Füße, die an der nächsten Kirchenbank montiert ist, bleibt genug Platz, um sein Glas abzustellen. Blöd. Ich hätte den Veltliner doch nicht noch schnell draußen austrinken müssen. Hätte ich mir aber auch denken können. Denn egal ob Kabarett oder Kirche, ein Schluck Wein findet immer irgendwo Platz.

Pigor und Eichhorn, zwei Berliner, kommen auf die Bühne. Sie geben die allgemeinen Geschäftsbedingungen bekannt, teilen Cookies aus und singen „Baut den Palast der Republik wieder auf“. Die beiden schönsten Lieder des Abends sind, finde ich „Bärte zählen in Mitte“:

„Wenn’s mir langweilig wird im ollen Berlin
Wenn ich’s leid bin allein um die Häuser zu ziehn
Wenn ich keine Lust mehr hab auf Premieren zu gehn
Weil dort immer dieselben Nasen rumstehn

 

Dann schreib ich: Tim, ist’s nicht wieder mal an der Zeit?
Dann antworte ich: Pigor, immer bereit!
Wann geht’s los? – Was meinst du? – Von mir aus sofort!
Und dann treffen wir uns zu unserm Lieblingssport

 

Zwischen Hackeschem Markt und Kastanienallee
Setzen wir uns in ein veganes Café
Und bei Sojalatte und Rhabarbersaft
Frönen wir unserer Leidenschaft

Bärte zählen in Mitte
Im Mekka der Hipster am Nabel der Welt
Bärte zählen in Mitte
Wo man den Vollbart für smart und voll angesagt hält

 

Zwischen Laptops und Jute und Retro-Ästhetik
Betreiben wir fein unsere Bart-Arithmetik
Der erste, der zweite, der dritte
Bärte zählen in Mitte“

 

(zitiert nach hier – der Homepage von Pigor und Eichhorn, wo man sich den Rest des Liedes auch den Clip dazu anschauen kann)

Das zweite ist „Maulende Rentner“:

„Wenn du im hintersten Dschungel von Malaysia
Zehntausend Meilen entfernt von Zuhaus
Wenn dich am Ende der Welt
Diese Sehnsucht befällt
Du hältst das Fremdsein in der Fremde nicht mehr aus

 

Wenn du durch die Schluchten von Yokohama irrst
Verängstigt, verstört und verklemmt
So einsam bist du nie gewesen
Unter all diesen Chinesen
Verlassen, verloren und fremd

 

Da hilft kein Sauerkraut kein Bier, auch kein Dreier-BMW
Junge, dann hast du wirklich Heimweh

 

Doch plötzlich steht da im hintersten Winkel der Welt
Ein Ehepaar gekleidet Ton in Ton
Er mit Mütze und sie in einem Poloshirt von Benetton
Der liebe Gott hat sie für dich dorthin gestellt

 

Maulende Rentner
Du erkennst sie schon am Gang
Maulende Rentner
Du hörst von ferne den vertrauten Klang
Maulende Rentner
Holn dich aus dem Heimweh wieder raus
Maulende Rentner
Sind ein Gruß von Zuhaus“

 

(zitiert wieder nach hier, wo man auch die weiteren Strophen und ebenfalls einen Clip dazu findet)

 

Ein sehr netter Abend. Auch wenn ich mich in der Pause nicht mehr traue, ein zweites Glas Wein zu holen, das ich mir zu Füßen hinstellen könnte, weil sich alle Bussi Bussis gleichzeitig an die Bar werfen.

 

Ich weiß, da fehlt schon wieder die Zeichnung – ich hoffe, ab nächster Woche geht es etwas ruhiger weiter.

#83 Schnitzel-DRIVE IN

Wir sind ja schon öfter daran vorbeigefahren, aber dieses Mal war es Mittag und wir hatten Hunger und da wir jedes Mal, wenn wir daran vorbeikommen, sagen „irgendwann gehen wir da mal rein“, haben wir es dieses Mal tatsächlich getan: Wir sind zum „Schnitzel-DRIVE IN“ abgebogen. Wenn schon, denn schon, denken wir uns und benützen eben nicht den DRIVE IN-Schalter, sondern suchen uns am gut gefüllten Parkplatz eine Lücke. Der Schnitzel-DRIVE IN ist im März 2017 abgebrannt, wurde neu aufgebaut und im August 2017 wieder eröffnet. Das alles wissen wir aus den Niederösterrichischen Nachrichten, wo man das Gedeih und Geschick der Umgebung minutiös mitbekommt. Die Neuoeröffnung wurde sehnsüchtig erwartet, denn – so schreibt „MeinBezirk“: „Mit der Wiedereröffnung des ‚Schnitzel-Drive-In‘ ist die schnitzellose Zeit an der B 37 in Gneixendorf jetzt endlich wieder vorbei.“

Wir betreten das – ja, was eigentlich? Es ist ein Glaskubus, aber ‚Lokal‘ ist zu viel und ‚Imbissbude‘ deutlich zu wenig, um es zu beschreiben. Es riecht nach Fett, wie zu erwarten war, aber nicht übermäßig – die Lüftung funktioniert. Kaum stehe ich am Schalter, komme ich bereits dran, die beiden Herren vor mir schieben ihre Tablets schon weiter Richtung Essensausgabe. Ich merke, hier weiß man normalerweise, was man bestellt und überlegt nicht lange. Ich bestellte im Flug und lasse dabei die Augen über die über Kopf montierte Karte schweifen: „Ein kleines Schweinsschnitzel bitte, und… hmm… einen Kartoffelsalat… und Pommes bitte.“ (Erst während ich das sage, fällt mir ein, dass das ja dann Kartoffeln mit Kartoffeln sind, aber was soll’s.) „Und Ketchup.“ Getränke? „Wasser, bitte. Leitungswasser.“ Die Bedienung scheint nett, und alles geht sehr zackig. Mitmensch hinter mir bestellt ein großes Surschnitzel mit Preiselbeeren und Kartoffelsalat. Wir zahlen heiße 14,95 €, klauben Besteck aus den Behältern und schieben die Tablets weiter. Drei MitarbeiterInnen arbeiten an Schnitzelsemmeln für die Männer vor uns, an unseren Schnitzeln und der Salatausgabe. Zeit sich umzusehen und um die Karte genauer in Augenschein zu nehmen. Es gibt Schnitzel vom Schwei, von der Pute und vom Huhn sowie Surschnitzel, es gibt Cordon bleus von Schwein, Pute und ein „Bauern Cordon“ („reichlich gefüllt mit Speck, Käse“), sowie ein „Chilli Cordon bleu“ („v. Schweinderl, scharf“) – und man hat tatsächlich auch „Vegetarisches“ auf der Karte: Camembert, Langos, Pommes und – man halte sich fest: Geb. Fisch und geb. Dorsch. Wo der Unterschied zwischen geb. Fisch und geb. Dorsch ist, kann ich so jetzt nicht beantworten, aber ich nehme mal an, beim Dorsch weiß man, welches vegetarische Tier man auf dem Teller findet.
Nachdem wir unsere Schnitzel erhalten haben (groß = zwei Schnitzel in der Größe von je einem Desertteller, klein = ein Schnitzel in der Größe eines Deserttellers), suchen wir uns einen Platz im Nebenraum. Die Einrichtung ist im amerikanischen Diner-Stil gehalten, an den Wänden gibt es Fotos von Prominenten, die sich hier eine Schnitzelsemmel gegönnt haben: Von Christa Kummer über Peter Rapp, der alte Landespapi, Josef Pröll, die neue Landesmutti Johanna Mikl-Leitner samt Nachwuchs und Waterloo. Und viele mehr, die Wand ist groß (auch ein Foto einer ‚sexy Autowäsche‘ zum 10jährigen Jubiläum hängt da). Dazwischen prangt eine Tafel, auf der steht „Schnitzel Küsse schmecken besser.“ Ah ja. Passend dazu hatte man im Oktober vergangenen Jahres eine Aktion: „Jeder Gast, der uns bis 10:30h besucht bekommt ein Busserl!“ Es war nicht genauer spezifiziert, von wem das Busserl verschenkt wurde oder ob man sich das aussuchen konnte.

Der Schnitzel-DRIVE IN scheint in der Umgebung weit bekannt zu sein, die Nummernschilder und die Besucher sind durchaus gemischt: Ältere Herrschaften, Familien, Einzelpersonen, Menschen auf Durchfahrt, zwei Hunde. Und immer gut besucht. Es wird wenig geredet, schade. Ich hätte gerne das eine oder andere Gespräch aufgeschnappt. Aber da sind wir schon fertig mit den Schnitzeln, die Pommes sind alle und den Kartoffelsalat haben wir beide je nur zur Hälfte gegessen. Er kam so kalt aus dem Kühlschrank, dass es zumindest mir die Zähne dabei zusammengezogen hat. Aber das Schnitzel war nicht schlecht.

Das ist also Fast Food auf österreichisch. Wir stellen die Tablets in den Wagen und gehen. „Schnitzel Küsse schmecken besser“, kommt mir noch einmal in den Sinn. Ich entscheide mich dagegen und nehme mir einen Kaugummi.

#82 Herbstzeit

Herbstzeit ist Pflanzzeit. Also pflanzen wir – insgesamt wohl über 600 Blumenzwiebeln: Darunter sind Narzissen und Tulpen, Schneeglöckchen und Krokusse, Schachbrettblumen, Hyazinthen und Allium (was ist der Plural von Allium? Alliume? Allium?). Bei manchen wissen wir bereits, dass eine Pflanzung vergebene Liebesmüh wäre. Gelbe Krokusse zum Beispiel. Das ansässige Amselmännchen ist zum Zeitpunkt der Krokusblüte nämlich eifrig dabei, sein Reviere abzustecken und greift alles in ‚seinem‘ Reich an, was nur annähernd die Farbe eines rivalisierenden gelben Schnabels hat. So die Fachliteratur, die ich konsultierte (also um genau zu sein, es war ein Foreneintrag im Internet), als ich das erste Mal das wild gewordene Amsel-Männchen (wir haben ihn Fritz getauft) wutentbrannt auf einen armen gelben Krokus einhacken sah. Die Anzahl der gelben Krokusse hat sich daraufhin drastisch reduziert (von sicher etwa zwanzig auf mittlerweile null) und Fritz war wohl schon ziemlich nah am Infarkt. Aber ja. Dann halt kein Gelb, dafür weiß und lila, dagegen hat Herr Amsel offensichtlich nichts.

Das Hinterhältige an den Zwiebeln ist, dass die Säckchen, in denen sie kommen, so klein aussehen. Na, denkt man sich, das ist ja gar nicht so viel (siehe Bild unten). Und wenn man – wie die Krokus- und Schneeglöckchenzwiebeln – gleich mehrere in ein Loch stecken kann, dann geht das auch relativ flott. Aber dann kommen die größeren Kaliber an die Reihe, d.h. Allium(e?), Narzissen, Hyazinthen und Tulpen, und auf einmal fällt die Steckgeschwindigkeit steil ab. Denn Zwiebeln steckt man immer ca. zwei bzw. dreimal so tief, wie sie selbst hoch sind. Bei einer zwei Zentimeter hohen Krokuszwiebel geht das ratz-fatz. Ist die Zwiebel auf einmal sechs Zentimeter lang, muss man tatsächlich anfangen, ein eigenes Loch zu graben. Und zwischen Erdoberfläche und Loch gibt es bei uns ziemlich viele Steine. „Wir sind steinreich“, sagt man hier in der Gegend und klopft sich dabei auf die Schenkel. Ich finde den Witz etwas lahm, lächle aber höflichkeitshalber immer ein wenig, wenn jemand den Satz fallen lässt.

Aber zurück zum Thema. Wer kommt überhaupt auf die Idee, so viele Blumenzwiebeln zu setzen, könnte man fragen. Man könnte auch einfach im Frühling nach Holland fahren, sich die ganze Blüte dort vor Ort ansehen und sich den Griff zur Schaufel einfach sparen. Aber! Der Mitmensch möchte im nächsten Frühjahr Bienen einziehen lassen, und will sie mit Futter bestechen. Ob sie ihn deswegen weniger stechen werden? Wir werden sehen. Das Pflanzen hat übrigens nicht ganz so lange gedauert wie befürchtet, wir waren je Mensch wohl etwa vier Stunden beschäftigt. Da hatten wir schon ärgerer Projekte. Trotzdem ist die Mine des Mitmenschen länger geworden, als ich ihn darauf aufmerksam gemacht habe, dass sich unter anderem die Tulpen wohl nach maximal drei Jahren nicht mehr blicken lassen würden. Aber neben den hochgezüchteten langstieligen Blumen haben wir auch eine botanische Tulpe gesteckt, das heißt, eine Wildform, die vielleicht – wenn es ihr denn gefällt – länger bleiben und sich (man will es sich gar nicht ausmalen) von selbst vermehren könnte. (Ich bleibe mal sehr vorsichtig beim Konjunktiv – sie könnte nämlich auch einfach sang- und klanglos überhaupt nicht kommen.) Aber auch da werden wir sehen. Man muss überhaupt bei vielen Dingen im Garten „mal sehen“. Nur eines ist ziemlich sicher. Es wird aber wohl auch in den folgenden Jahren heißen: Der Frühling wird im Herbst gepflanzt.

Her mit der Schaufel.

 

#81 Der Wagram

„Rettet den Wagram!“ So heißt es auf einem großen Plakat, wenn man mit dem Zug die Strecke zwischen Hadersdorf am Kampf und Fels am Wagram fährt. Und man denkt sich: Oh nein! Warum muss der Wagram gerettet werden? Und was genau meinen sie mit „Wagram“? Der Wagram ist laut Wikipedia „ein bis zu 40 Meter hoher, langgestreckter Höhenzug in Niederösterreich. Er begleitet die Donau zu beiden Seiten und stellt auf ihrer Nordseite eine steile, weithin sichtbare Geländestufe aus eiszeitlichem Löss dar.“ Ja, die Stufe sieht man. Gerettet werden soll die Geländestufe vor einem Projekt. Man baut dort nämlich einen Stupa, und was man so vom Zug aus sieht, ist der Stupa schon ziemlich weit fortgeschritten. Ich wusste vorher nicht, dass es ein Stupa war. Ich wusste auch nicht, was ein Stupa ist. Ein Stupa ist ein buddhistischer Tempel und der Stupa in Grafenwörth soll eine Friedensstupa und ein Ort des Glücks sein (laut der Homepage für den Stupa). Dort schreibt man:

„Der Stupa ist ein Zeichen des Friedens, der Freude, des Glücks und der Verständigung. Es wird ein Zeichen gegen Zwietracht und Egoismus in unserer globalen Lebenswirklichkeit gesetzt, um Menschen zusammenzuführen und Meinungsaustausch in Gang zu halten und um ein harmonisches Miteinander jenseits von Weltanschauungen und ideologischen Positionen zu ermöglichen. Der Friedensstupa schafft einen Raum der Konzentration. Er ist ein Bauwerk, das Anziehungskraft und Ausstrahlung besitzt, um zum Frieden zusammenzuführen und Frieden zu verbreiten. Er ist ein Ort der Stille und Besinnung.“ (siehe hier)

In Grafenwörth und Umgebung dürfte die Erklärung nicht so gut angekommen sein, von Frieden, harmonischem Miteinander und Freude keine Spur, ein Teil der Bevölkerung hat die Pläne eher als Kampfansage verstanden: Es wurde – wie zuvor in Gföhl, wo der Stupa abgelehnt wurde – eine Bürgerbefragung gefordert, während des Spatenstichs gab es eine lautstarke Demonstration und sogar eine Festnahme. Der Bürgermeister aber steht hinter seiner Entscheidung, das 1,3 Hektar Gebiet für das Projekt freizugeben – 1,3 Hektar, die von Sonnentor-Gründer Johannes Gutmann zur Verfügung gestellt wurden. Es gibt also durchaus Fürsprecher und Unterstützer des Projekts in der Region. Und diese haben sich offensichtlich erfolgreich durchgesetzt, wie es aussieht, denn wie gesagt – der Bau der Stupa sieht ziemlich weit fortgeschritten aus. Das Schild „Rettet den Wagram“ steht immer noch – genauso wie der Wagram selbst.

Ist man übrigens mit dem Auto unterwegs, liest man nichts von der Rettung des Wagrams. Von der S5 aus sieht man nur ein schönes Plakat auf dem „In Wagram Veritas“ steht – und im Hintergrund bilden liegende Weinflaschen die Geländestufe ab.

Vielleicht könnte man sich mal auf ein Schlückchen zusammensetzen.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/6/60/Stupa_am_Wagram_Rohbau_04.jpg/1200px-Stupa_am_Wagram_Rohbau_04.jpg

AHH! Keine Zeit für eine Zeichnung! Weil Inktober! Siehe nachfolgenden Post ^^