#84 Das Kabarett Niedermair

Untertitel: Das nächste Kapitel im Bereich „Wiener Kabaretts“ 😉

„Bussi, bussi, haaalloo!“ Ich drehe mich um, obwohl ich weiß, dass ich sicher nicht gemeint bin. Einerseits, weil mich niemand so begrüßt (glücklicherweise) und andererseits, weil ich niemanden erwarte. Aber eine Begrüßung in so hohen Tönen, da muss man einfach schauen. Da das Gesehene überschwänglichen „Bussi, bussi“ sehr gerecht wird, grinse ich kurz und widme mich dann wieder meinen 1/8 Grünem Veltliner. Er schmeckt weniger sauer als befürchtet. Es ist 19 Uhr, die Tageskasse sollte gleich schließen. Das ist hier im Kabarett Niedermair nämlich so, habe ich stirnrunzelnd zu Hause bemerkt, bevor ich mich auf die Socken gemacht habe: Das Programm fängt um 19:30 an, aber die Kasse schließt schon eine halbe Stunde vorher. Hinterlegte Karten sollte man bis 19 Uhr holen. Wie perfide. Man wird quasi zum Trinken gezwungen, denn was macht man sonst schon in einer halben Stunde im Eingangsbereich eines Theaters? Da ich das erste Mal hier bin, war ich brav um 18:45 da, damit ich auch wirklich hinein darf.

Da bin ich nun. Mit meiner Karte. Alleine (bitte kein Mitleid, das war reine Absicht), mit 45 Minuten Zeit an der Hand, um auf den Beginn des eigentlichen Programms zu warten. Ergo der Veltliner. Mit dem sitze ich nun auf einem festgeschraubten Stuhl im Bereich der Bar bzw. des Eingangsbereichs. So genau lässt sich das hier nicht trennen. Von hier aus beobachte ich, was die Kassenfrau macht, denn die sollte wohl jetzt um 19 Uhr ihren Computer hinunterfahren und nach Hause gehen. Tut sie aber nicht. Zumindest aber steht sie auf, macht zwei Seitwärtsschritte vom Computer weg und ist ab jetzt offensichtlich Garderobenfrau. Aha! Wie das mit der Garderobe funktioniert war mir bis jetzt auch nicht klar, da sie zwar angeschrieben ist, aber irgendwie im toten Bereich zwischen Kassa und Bar liegt. Sofort gebe ich freudig meine Jacke ab.

Das Kabarett Niedermair liegt gleich um die Ecke der 2er Haltestelle beim Rathaus in einer gepflasterten Seitengasse. 100 Leute sollen in den Saal passen, die Kapazität des Vorraums ist nicht angegeben. Im Moment stehen und sitzen da ca. 30 Personen und ich sage mal, er „wirkt“ schon relativ voll. Bevor die Tuchfühlung zu eng wird, geht um 19:20 die Doppeltür zum Saal auf. Zumindest denke ich zuerst „die Türe“. Singular. Aber es ist nur die erste Türe von sage und schreibe fünf. Es stellt sich heraus, dass der Saal so schmal ist, dass man bei der passenden Türe hineingehen muss, um zu seinem Platz zu gelangen. Gang gibt es keinen, das geht sich bei allem guten Willen nicht aus, sonst würde es nur Stehplätze geben. Doch dann würde „bussi bussi“ sicher nicht zu den Vorstellungen kommen. Sieben Sitzplätze gibt es pro Reihe – und die sind unverrückbar: Erinnert alles ein wenig an Kirchenbänke, nur tut man so, als ob man sie gepolstert hätte. Dazwischen gibt es Armlehnen und hinter der Stange für die Füße, die an der nächsten Kirchenbank montiert ist, bleibt genug Platz, um sein Glas abzustellen. Blöd. Ich hätte den Veltliner doch nicht noch schnell draußen austrinken müssen. Hätte ich mir aber auch denken können. Denn egal ob Kabarett oder Kirche, ein Schluck Wein findet immer irgendwo Platz.

Pigor und Eichhorn, zwei Berliner, kommen auf die Bühne. Sie geben die allgemeinen Geschäftsbedingungen bekannt, teilen Cookies aus und singen „Baut den Palast der Republik wieder auf“. Die beiden schönsten Lieder des Abends sind, finde ich „Bärte zählen in Mitte“:

„Wenn’s mir langweilig wird im ollen Berlin
Wenn ich’s leid bin allein um die Häuser zu ziehn
Wenn ich keine Lust mehr hab auf Premieren zu gehn
Weil dort immer dieselben Nasen rumstehn

 

Dann schreib ich: Tim, ist’s nicht wieder mal an der Zeit?
Dann antworte ich: Pigor, immer bereit!
Wann geht’s los? – Was meinst du? – Von mir aus sofort!
Und dann treffen wir uns zu unserm Lieblingssport

 

Zwischen Hackeschem Markt und Kastanienallee
Setzen wir uns in ein veganes Café
Und bei Sojalatte und Rhabarbersaft
Frönen wir unserer Leidenschaft

Bärte zählen in Mitte
Im Mekka der Hipster am Nabel der Welt
Bärte zählen in Mitte
Wo man den Vollbart für smart und voll angesagt hält

 

Zwischen Laptops und Jute und Retro-Ästhetik
Betreiben wir fein unsere Bart-Arithmetik
Der erste, der zweite, der dritte
Bärte zählen in Mitte“

 

(zitiert nach hier – der Homepage von Pigor und Eichhorn, wo man sich den Rest des Liedes auch den Clip dazu anschauen kann)

Das zweite ist „Maulende Rentner“:

„Wenn du im hintersten Dschungel von Malaysia
Zehntausend Meilen entfernt von Zuhaus
Wenn dich am Ende der Welt
Diese Sehnsucht befällt
Du hältst das Fremdsein in der Fremde nicht mehr aus

 

Wenn du durch die Schluchten von Yokohama irrst
Verängstigt, verstört und verklemmt
So einsam bist du nie gewesen
Unter all diesen Chinesen
Verlassen, verloren und fremd

 

Da hilft kein Sauerkraut kein Bier, auch kein Dreier-BMW
Junge, dann hast du wirklich Heimweh

 

Doch plötzlich steht da im hintersten Winkel der Welt
Ein Ehepaar gekleidet Ton in Ton
Er mit Mütze und sie in einem Poloshirt von Benetton
Der liebe Gott hat sie für dich dorthin gestellt

 

Maulende Rentner
Du erkennst sie schon am Gang
Maulende Rentner
Du hörst von ferne den vertrauten Klang
Maulende Rentner
Holn dich aus dem Heimweh wieder raus
Maulende Rentner
Sind ein Gruß von Zuhaus“

 

(zitiert wieder nach hier, wo man auch die weiteren Strophen und ebenfalls einen Clip dazu findet)

 

Ein sehr netter Abend. Auch wenn ich mich in der Pause nicht mehr traue, ein zweites Glas Wein zu holen, das ich mir zu Füßen hinstellen könnte, weil sich alle Bussi Bussis gleichzeitig an die Bar werfen.

 

Ich weiß, da fehlt schon wieder die Zeichnung – ich hoffe, ab nächster Woche geht es etwas ruhiger weiter.

#83 Schnitzel-DRIVE IN

Wir sind ja schon öfter daran vorbeigefahren, aber dieses Mal war es Mittag und wir hatten Hunger und da wir jedes Mal, wenn wir daran vorbeikommen, sagen „irgendwann gehen wir da mal rein“, haben wir es dieses Mal tatsächlich getan: Wir sind zum „Schnitzel-DRIVE IN“ abgebogen. Wenn schon, denn schon, denken wir uns und benützen eben nicht den DRIVE IN-Schalter, sondern suchen uns am gut gefüllten Parkplatz eine Lücke. Der Schnitzel-DRIVE IN ist im März 2017 abgebrannt, wurde neu aufgebaut und im August 2017 wieder eröffnet. Das alles wissen wir aus den Niederösterrichischen Nachrichten, wo man das Gedeih und Geschick der Umgebung minutiös mitbekommt. Die Neuoeröffnung wurde sehnsüchtig erwartet, denn – so schreibt „MeinBezirk“: „Mit der Wiedereröffnung des ‚Schnitzel-Drive-In‘ ist die schnitzellose Zeit an der B 37 in Gneixendorf jetzt endlich wieder vorbei.“

Wir betreten das – ja, was eigentlich? Es ist ein Glaskubus, aber ‚Lokal‘ ist zu viel und ‚Imbissbude‘ deutlich zu wenig, um es zu beschreiben. Es riecht nach Fett, wie zu erwarten war, aber nicht übermäßig – die Lüftung funktioniert. Kaum stehe ich am Schalter, komme ich bereits dran, die beiden Herren vor mir schieben ihre Tablets schon weiter Richtung Essensausgabe. Ich merke, hier weiß man normalerweise, was man bestellt und überlegt nicht lange. Ich bestellte im Flug und lasse dabei die Augen über die über Kopf montierte Karte schweifen: „Ein kleines Schweinsschnitzel bitte, und… hmm… einen Kartoffelsalat… und Pommes bitte.“ (Erst während ich das sage, fällt mir ein, dass das ja dann Kartoffeln mit Kartoffeln sind, aber was soll’s.) „Und Ketchup.“ Getränke? „Wasser, bitte. Leitungswasser.“ Die Bedienung scheint nett, und alles geht sehr zackig. Mitmensch hinter mir bestellt ein großes Surschnitzel mit Preiselbeeren und Kartoffelsalat. Wir zahlen heiße 14,95 €, klauben Besteck aus den Behältern und schieben die Tablets weiter. Drei MitarbeiterInnen arbeiten an Schnitzelsemmeln für die Männer vor uns, an unseren Schnitzeln und der Salatausgabe. Zeit sich umzusehen und um die Karte genauer in Augenschein zu nehmen. Es gibt Schnitzel vom Schwei, von der Pute und vom Huhn sowie Surschnitzel, es gibt Cordon bleus von Schwein, Pute und ein „Bauern Cordon“ („reichlich gefüllt mit Speck, Käse“), sowie ein „Chilli Cordon bleu“ („v. Schweinderl, scharf“) – und man hat tatsächlich auch „Vegetarisches“ auf der Karte: Camembert, Langos, Pommes und – man halte sich fest: Geb. Fisch und geb. Dorsch. Wo der Unterschied zwischen geb. Fisch und geb. Dorsch ist, kann ich so jetzt nicht beantworten, aber ich nehme mal an, beim Dorsch weiß man, welches vegetarische Tier man auf dem Teller findet.
Nachdem wir unsere Schnitzel erhalten haben (groß = zwei Schnitzel in der Größe von je einem Desertteller, klein = ein Schnitzel in der Größe eines Deserttellers), suchen wir uns einen Platz im Nebenraum. Die Einrichtung ist im amerikanischen Diner-Stil gehalten, an den Wänden gibt es Fotos von Prominenten, die sich hier eine Schnitzelsemmel gegönnt haben: Von Christa Kummer über Peter Rapp, der alte Landespapi, Josef Pröll, die neue Landesmutti Johanna Mikl-Leitner samt Nachwuchs und Waterloo. Und viele mehr, die Wand ist groß (auch ein Foto einer ‚sexy Autowäsche‘ zum 10jährigen Jubiläum hängt da). Dazwischen prangt eine Tafel, auf der steht „Schnitzel Küsse schmecken besser.“ Ah ja. Passend dazu hatte man im Oktober vergangenen Jahres eine Aktion: „Jeder Gast, der uns bis 10:30h besucht bekommt ein Busserl!“ Es war nicht genauer spezifiziert, von wem das Busserl verschenkt wurde oder ob man sich das aussuchen konnte.

Der Schnitzel-DRIVE IN scheint in der Umgebung weit bekannt zu sein, die Nummernschilder und die Besucher sind durchaus gemischt: Ältere Herrschaften, Familien, Einzelpersonen, Menschen auf Durchfahrt, zwei Hunde. Und immer gut besucht. Es wird wenig geredet, schade. Ich hätte gerne das eine oder andere Gespräch aufgeschnappt. Aber da sind wir schon fertig mit den Schnitzeln, die Pommes sind alle und den Kartoffelsalat haben wir beide je nur zur Hälfte gegessen. Er kam so kalt aus dem Kühlschrank, dass es zumindest mir die Zähne dabei zusammengezogen hat. Aber das Schnitzel war nicht schlecht.

Das ist also Fast Food auf österreichisch. Wir stellen die Tablets in den Wagen und gehen. „Schnitzel Küsse schmecken besser“, kommt mir noch einmal in den Sinn. Ich entscheide mich dagegen und nehme mir einen Kaugummi.

#82 Herbstzeit

Herbstzeit ist Pflanzzeit. Also pflanzen wir – insgesamt wohl über 600 Blumenzwiebeln: Darunter sind Narzissen und Tulpen, Schneeglöckchen und Krokusse, Schachbrettblumen, Hyazinthen und Allium (was ist der Plural von Allium? Alliume? Allium?). Bei manchen wissen wir bereits, dass eine Pflanzung vergebene Liebesmüh wäre. Gelbe Krokusse zum Beispiel. Das ansässige Amselmännchen ist zum Zeitpunkt der Krokusblüte nämlich eifrig dabei, sein Reviere abzustecken und greift alles in ‚seinem‘ Reich an, was nur annähernd die Farbe eines rivalisierenden gelben Schnabels hat. So die Fachliteratur, die ich konsultierte (also um genau zu sein, es war ein Foreneintrag im Internet), als ich das erste Mal das wild gewordene Amsel-Männchen (wir haben ihn Fritz getauft) wutentbrannt auf einen armen gelben Krokus einhacken sah. Die Anzahl der gelben Krokusse hat sich daraufhin drastisch reduziert (von sicher etwa zwanzig auf mittlerweile null) und Fritz war wohl schon ziemlich nah am Infarkt. Aber ja. Dann halt kein Gelb, dafür weiß und lila, dagegen hat Herr Amsel offensichtlich nichts.

Das Hinterhältige an den Zwiebeln ist, dass die Säckchen, in denen sie kommen, so klein aussehen. Na, denkt man sich, das ist ja gar nicht so viel (siehe Bild unten). Und wenn man – wie die Krokus- und Schneeglöckchenzwiebeln – gleich mehrere in ein Loch stecken kann, dann geht das auch relativ flott. Aber dann kommen die größeren Kaliber an die Reihe, d.h. Allium(e?), Narzissen, Hyazinthen und Tulpen, und auf einmal fällt die Steckgeschwindigkeit steil ab. Denn Zwiebeln steckt man immer ca. zwei bzw. dreimal so tief, wie sie selbst hoch sind. Bei einer zwei Zentimeter hohen Krokuszwiebel geht das ratz-fatz. Ist die Zwiebel auf einmal sechs Zentimeter lang, muss man tatsächlich anfangen, ein eigenes Loch zu graben. Und zwischen Erdoberfläche und Loch gibt es bei uns ziemlich viele Steine. „Wir sind steinreich“, sagt man hier in der Gegend und klopft sich dabei auf die Schenkel. Ich finde den Witz etwas lahm, lächle aber höflichkeitshalber immer ein wenig, wenn jemand den Satz fallen lässt.

Aber zurück zum Thema. Wer kommt überhaupt auf die Idee, so viele Blumenzwiebeln zu setzen, könnte man fragen. Man könnte auch einfach im Frühling nach Holland fahren, sich die ganze Blüte dort vor Ort ansehen und sich den Griff zur Schaufel einfach sparen. Aber! Der Mitmensch möchte im nächsten Frühjahr Bienen einziehen lassen, und will sie mit Futter bestechen. Ob sie ihn deswegen weniger stechen werden? Wir werden sehen. Das Pflanzen hat übrigens nicht ganz so lange gedauert wie befürchtet, wir waren je Mensch wohl etwa vier Stunden beschäftigt. Da hatten wir schon ärgerer Projekte. Trotzdem ist die Mine des Mitmenschen länger geworden, als ich ihn darauf aufmerksam gemacht habe, dass sich unter anderem die Tulpen wohl nach maximal drei Jahren nicht mehr blicken lassen würden. Aber neben den hochgezüchteten langstieligen Blumen haben wir auch eine botanische Tulpe gesteckt, das heißt, eine Wildform, die vielleicht – wenn es ihr denn gefällt – länger bleiben und sich (man will es sich gar nicht ausmalen) von selbst vermehren könnte. (Ich bleibe mal sehr vorsichtig beim Konjunktiv – sie könnte nämlich auch einfach sang- und klanglos überhaupt nicht kommen.) Aber auch da werden wir sehen. Man muss überhaupt bei vielen Dingen im Garten „mal sehen“. Nur eines ist ziemlich sicher. Es wird aber wohl auch in den folgenden Jahren heißen: Der Frühling wird im Herbst gepflanzt.

Her mit der Schaufel.

 

#81 Der Wagram

„Rettet den Wagram!“ So heißt es auf einem großen Plakat, wenn man mit dem Zug die Strecke zwischen Hadersdorf am Kampf und Fels am Wagram fährt. Und man denkt sich: Oh nein! Warum muss der Wagram gerettet werden? Und was genau meinen sie mit „Wagram“? Der Wagram ist laut Wikipedia „ein bis zu 40 Meter hoher, langgestreckter Höhenzug in Niederösterreich. Er begleitet die Donau zu beiden Seiten und stellt auf ihrer Nordseite eine steile, weithin sichtbare Geländestufe aus eiszeitlichem Löss dar.“ Ja, die Stufe sieht man. Gerettet werden soll die Geländestufe vor einem Projekt. Man baut dort nämlich einen Stupa, und was man so vom Zug aus sieht, ist der Stupa schon ziemlich weit fortgeschritten. Ich wusste vorher nicht, dass es ein Stupa war. Ich wusste auch nicht, was ein Stupa ist. Ein Stupa ist ein buddhistischer Tempel und der Stupa in Grafenwörth soll eine Friedensstupa und ein Ort des Glücks sein (laut der Homepage für den Stupa). Dort schreibt man:

„Der Stupa ist ein Zeichen des Friedens, der Freude, des Glücks und der Verständigung. Es wird ein Zeichen gegen Zwietracht und Egoismus in unserer globalen Lebenswirklichkeit gesetzt, um Menschen zusammenzuführen und Meinungsaustausch in Gang zu halten und um ein harmonisches Miteinander jenseits von Weltanschauungen und ideologischen Positionen zu ermöglichen. Der Friedensstupa schafft einen Raum der Konzentration. Er ist ein Bauwerk, das Anziehungskraft und Ausstrahlung besitzt, um zum Frieden zusammenzuführen und Frieden zu verbreiten. Er ist ein Ort der Stille und Besinnung.“ (siehe hier)

In Grafenwörth und Umgebung dürfte die Erklärung nicht so gut angekommen sein, von Frieden, harmonischem Miteinander und Freude keine Spur, ein Teil der Bevölkerung hat die Pläne eher als Kampfansage verstanden: Es wurde – wie zuvor in Gföhl, wo der Stupa abgelehnt wurde – eine Bürgerbefragung gefordert, während des Spatenstichs gab es eine lautstarke Demonstration und sogar eine Festnahme. Der Bürgermeister aber steht hinter seiner Entscheidung, das 1,3 Hektar Gebiet für das Projekt freizugeben – 1,3 Hektar, die von Sonnentor-Gründer Johannes Gutmann zur Verfügung gestellt wurden. Es gibt also durchaus Fürsprecher und Unterstützer des Projekts in der Region. Und diese haben sich offensichtlich erfolgreich durchgesetzt, wie es aussieht, denn wie gesagt – der Bau der Stupa sieht ziemlich weit fortgeschritten aus. Das Schild „Rettet den Wagram“ steht immer noch – genauso wie der Wagram selbst.

Ist man übrigens mit dem Auto unterwegs, liest man nichts von der Rettung des Wagrams. Von der S5 aus sieht man nur ein schönes Plakat auf dem „In Wagram Veritas“ steht – und im Hintergrund bilden liegende Weinflaschen die Geländestufe ab.

Vielleicht könnte man sich mal auf ein Schlückchen zusammensetzen.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/6/60/Stupa_am_Wagram_Rohbau_04.jpg/1200px-Stupa_am_Wagram_Rohbau_04.jpg

AHH! Keine Zeit für eine Zeichnung! Weil Inktober! Siehe nachfolgenden Post ^^

#80 Urlaub

Ich war mit dem Mitmenschen auf Urlaub in Schottland. Schottland ist ein großartiges Land und ich fahre immer wieder gerne hin – es gibt viele Lochs, Glens und Bens (also Seen, Flüsse und Berge), fünf Jahreszeiten an einem Tag, großartige Kuchen und überall – wirklich überall – bekommt man Tee. Was man dort alles auf der Straße trifft, ist allerdings erstaunlich. Schafe sind da noch die kleinste Überraschung, wenn sie auf einmal hinter einer Kurve die Straßenseite wechseln wollen und einen stoisch anglotzen, wenn man auf die Bremse springt. Eines späten Abends sind wir eine Viertelstunde hinter einer Hochlandrinderkuh und ihrem Kalb hinterhergezuckelt, in Schrittgeschwindigkeit. Einspurige Straße, links und rechts Zäune und vor uns ein Vieh mit sehr imposanten Hörnern – was bleibt einem da auch anderes übrig? Erlöst hat uns die Polizei, die uns plötzlich entgegenkam und während wir in eine Ausweichstelle zurückgesetzt haben, haben sie (im Auto sitzend und nicht wirklich langsamer werdend) die ohnehin schon sehr nervöse Kuh und ihr Kalb an uns vorbeigedrängt. Wir sahen die Hörner schon das Fenster demolieren, aber die Kuh ist dann im Dunkeln hinter uns verschwunden, samt Kalb und Polizei.

Was es neben dem lieben Vieh in Schottland auch gibt, und an das konnte ich mich nicht mehr so wirklich erinnern – vielleicht liegt mein letzter Besuch in der Gegend nördlich von Glasgow bis Skye schon zu weit zurück und die Gegebenheiten haben sich in der Zwischenzeit geändert – was wir auf jeden Fall in rauen Mengen vorgefunden haben, waren Schlaglöcher. Die Schlaglöcher waren meist am äußeren, d.h. linken Straßenrand platziert, seltener auch mal mitten auf der Straße, und variierten in der Größe von größeren Fäusten bis hin zu Kopfkissen mit 10 bis 15 Zentimeter Tiefe. An einem der letzten Tage, bei einem Ausflug nach Glasgow, durften wir erkennen, dass dies nicht nur ein Phänomen der abgeschiedenen Straßen des Westens ist, nein, auch auf der Autobahn gab (und gibt es wohl immer noch) Schlaglöcher, bei denen ein Achsenbruch befürchtet werden darf. Ich bin mir sicher, wenn irgendwo auf der Welt ein Schlagloch zugeschüttet wird, wandert es direkt nach Schottland aus. Habe ich schon gesagt, dass man auf diesen Straßen meistens nicht ausweichen kann, weil sie zu eng sind? Aber meistens sieht man die Schlaglöcher ohnehin nicht, weil das Regenwasser auf den Straßen so schlecht abläuft (und es regnet doch immer wieder mal), dass sich kleine Seen darauf bilden. Die Schotten lieben halt ihre Lochs. Es kann nie genug Wasser geben. Glücklicherweise kamen wir nie in die Situation, uns zwischen dem Zusammenstoß mit einem entgegenkommenden Auto und dem völligen Einwässern einer am Straßenrand befindlichen Person entscheiden zu müssen. Denn das Wasser muss ja irgendwohin, wenn man durchfährt (und dann merkt man meistens auch, ob sich unter dem kleinen ‚Loch‘ ein großes Loch versteckt).

Die Schlaglöcher sind aber nicht das Schlimmste an den schottischen Straßen. Das Schlimmste sind die Touristen. Nicht die, die auf einen Parkplatz abbiegen, und sich von dort die Landschaft ansehen und wie die Wolken über die gletschergeformten Bens und Lochs ziehen – was wahrlich beeindruckend ist. Nein, ich rede von denjenigen Touristen, die während des Fahrens schauen. Aber dann halt beides nur so halb machen. Wir hatten einen Fahrtag, an dem wir von Uig bis Tarbet am Loch Lomond fuhren. Das sind nicht ganz 200 Meilen. Unser Auto hat uns später die Durchschnittsgeschwindigkeit auf dieser (zum Teil wahrlich pittoresken) Strecke angezeigt: Es waren 37km/h. Ohne Scherz. Und überholen kann man entweder aufgrund von Kurven oder Gegenverkehr nicht. Der Gegenverkehr fährt übrigens auch 37 km/h im Durchschnitt. In Österreich wären die Fahrer der nachkommenden Autos längst Amok gelaufen. Aber dort: Alle halten einen gebührenden Sicherheitsabstand. Niemand hupt. Und so gondelt man durch die Gegend. Schottland, ich habe dich sehr lieb. Aber beim nächsten Mal nehme ich vielleicht doch den Zug.

 

Da ich im Moment keine Schlaglöcher sehen und schon gar nicht zeichnen möchte, hier ein Foto des Hochlandrinds.

#79 Mittelalterfest Eggenburg Teil 2

Sonntag in Eggenburg am Mittelalterfest. Ich gehe zum Frühstück der Mitwirkenden und sehe, dass ich damit um 9 Uhr etwas spät dran bin – sie räumen gerade zusammen. Ah! Niemand hat mir gesagt, wann es Frühstück gibt (ich habe auch nicht gefragt, muss ich sagen), und ich dachte, da Einzug und Markteröffnung um 10 bzw. 10:30 seien, komme ich lieber nicht zu früh, immerhin war die Nacht lang. Netterweise bekomme ich noch Tee und ein Kipferl, und als der Tee endlich Trinktemperatur hat, wischt eine Frau rund um mich schon mal den Tisch ab. Schon gut, schon gut, ich geh‘ ja schon! Bis zum Einzug ist noch Zeit, also sehe ich mir die Buden und Stände an. Es gibt Schmuck, Räucherwerk, Holzbretter für die Jause, Lebkuchen, Schwerter und geschmiedete Gürtelschnallen, Dolche, Leder, Stoffe, noch mehr Schmuck, Seife, dazwischen immer wieder Essensstände mit deftiger Kost, Keramik, noch mehr Schmuck. Ein kleines Mädchen versucht seine Oma zu diversen Ketten und Ringen zu ziehen, aber Oma sagt: „Du bist eh schon geschmückt genug!“ Das Mädchen ist nicht überzeugt, aber Oma bleibt standhaft. Die Menschen beginnen sich am Straßenrand aufzustellen und ich folge dem Herdentrieb. Es dauert nicht lange, dann ziehen die Musik- und Gauklergruppen ein, allerlei mit prächtigen Gewändern ausgestattete Leute, das Kirchenvolk, Ritter und ihre Damen, Turnier- und Kampfgruppierungen, Stelzengeher, und natürlich der Bürgermeister für zwei Tage, der die Eröffnungsrede für den Sonntag hält. Das Wort bekommt er vom Bürgermeister überreicht, der die restlichen 363 Tage in Eggenburg das Sagen hat. „Jubel!“

Danach laufe ich weiter zwischen den Ständen hindurch und kaufe zwei eiserne Essspieße und ein kleines, geschmiedetes Messer. Der Verkäufer rechnet: „18 und 12… 42!“ Ich schaue ihn an. „Nein.“ – „Was? Ah ja! 30! Achso, ich habe die Spieße zweimal gerechnet! Aber versuchen kann man es ja,“ lacht er. Ich grinse, , das waren wohl ein paar mehr Bier am Abend. An einem anderen Stand erzählt der Standler, dass er Pecher ist, d.h. aus der Schwarzföhre Pech gewinnt und dann weiterverarbeitet – zu Pechbalsam, der gegen rissige und spröde Haut hilft, zu Seife und Badezusätzen, zu Anzündhilfen und Baumwundbalsam, und noch anderes mehr. Nachdem der Beruf durch den Aufschwung der chemischen Industrie fast ausgestorben ist, ist es manchmal schwierig, sagt er, noch alte Rezepte zu finden und dass sicher viel Wissen auf dem Gebiet verloren gegangen sei. Aber so gut es geht möchte er das, was er weiß, weitergeben, und, sagt er, er hat Glück: Sein Sohn ist letzte Woche in den Betrieb eingestiegen und hilft ihm jetzt.

Ich werfe einen Blick ins Programm. Eine Bauchtänzerinnengruppe, die „Wüstenrosen“ treten am Grätzel auf, die Damen haben eine unglaublich tolle Ausstrahlung und eine wirklich gute Körperbeherrschung. Handgeklapper! (Arr, dieses Wort! Furtchbar!) Nach den Wüstenrosen gibt es eine kurze Pause, in der ein älterer Herr zu mir kommt. Er zeigt auf den Brunnen hinter mir, bei dem das Stadtgericht stattfindet und erzählt, dass es am Vortag einen kleinen Unfall mit dem Stadtgericht gab. Über eine Hebelstange wird ein Käfig mit einem Angeklagten in den Brunnen getaucht – nur leider landete der Angeklagte schneller und vollständiger im Wasser, als ihm lieb war. Der Haken, der den Käfig hielt, ist abgebrochen und der Käfig samt Mensch ins Wasser gefallen und untergegangen. Aber Mensch wurde sofort gerettet (es waren ja genügend Leute da) und bei 27 Grad und Sonnenschein ist er sicher auch schnell wieder trocken geworden. „Weils den Haken falsch montiert haben, ist er abgebrochen“, sagt der alte Mann und verabschiedet sich. Wie nett, dass einem die Geschichten hier einfach so zugetragen werden.

Nach einem wunschönen Marionettenstück mit zwei Holzmarionetten (einem Skelett und einem Drachen) und ein paar Liedern der Schandgesellen mache ich mich auf den Weg, das Rathaus zu suchen, um 14 Uhr beginnt der Science Slam. U.a. zeigt Martin Schreiber von der MedUni Wien innerhalb von sechs Minuten wie wichtig die Urinprobe in der mittelalterlichen Medizin war – so spektakulär, dass er den Science Slam auch gewinnt. Danach gibt es noch ein kleines Bier und das Mittelalterwochenende in Eggenburg ist vorbei. Zurück zur Arbeit. Schade. Aber hier kann man sich versichern, dass es eigentlich jedes Wochenende irgendwo ein Mittelalterfest gibt – also nicht traurig sein. Und Eggenburg ist ja nächstes Jahr auch wieder.

#78 Mittelalterfest Eggenburg Teil 1

Der Zug, der uns um halb 12 von Wien nach Eggenburg bringt, ist voll und man sieht bereits einige Gewandete. Nicht falsch verstehen: Alle Zugpassagiere haben etwas an, nur manche sind bereits im mittelalterlichen Outfit unterwegs. Kein Wunder, denn in Eggenburg findet an diesem sonnigen Septemberwochenende ein Mittelalterfest statt – und zwar das größte Österreichs. Etwa 30.000 Gäste besuchen das Fest jährlich, und da Eggenburg normal nur etwa 3500 Einwohner hat, ist das schon eine ziemlich ordentliche Besucherzahl. So ist dann auch ein guter Teil der Bewohner aktiv dabei oder verdient etwas daran: Die Buchhändler, die Lokale, das Café, der Bastelladen und weitere Geschäfte haben das ganze Wochenende geöffnet, ihre Lokalflächen durch Tische und Bierbänke nach außen hin erweitert und die Mitarbeiter wurden ebenfalls in mittelalterlich aussehende Gewänder gesteckt. Jemand erzählt mir, dass an diesem Wochenende ungefähr so viel eingenommen wird wie sonst in zwei Monaten.

Das Programm ist dicht: Zweimal täglich findet auf der Kanzlerwiese ein Turnier statt, bei dem vier Ritter zuerst in Exerzitien gegeneinander antreten (d.h. mit dem Schwert Äpfel von einem Pfosten herunterschlagen, einen Sack aufspießen, etc.), um sich am Ende in der Tjost, dem berittenen Lanzenkampf, zu messen. Kommentiert wird das alles von einem Mann mit schulterlangen, glatten blonden Haaren, den ich mir auch gut als Animateur in einem Ferienclub vorstellen könnte. Auch wenn das Publikum gegen ihn war, gewinnt am Ende der Habsburger und wird als neuer Herrscher ausgerufen. Zumindest bis zum nächsten Turnier. Dann dürfen die Kinder nach vorne an die Absperrung gehen, die vier Ritter gehen mit ihren Pferde eine Runde und klatschen (naja, „streifen“ trifft es wohl eher) die ihnen entgegengestreckten Hände ab und lassen die Kinder die Pferde genau in Augenschein nehmen. Sehr nett. Und nicht nur Kinder stehen da, auch eine ältere Dame, die sich sehr freut, dass die Ritter auch ihre Hand nicht übersehen. Die Gruppe Dreynschlag, eine Schwertkampftruppe, tritt ebenfalls auf der Kanzlerwiese auf, aber die habe ich versäumt. Es gibt viel zu viel zum Ansehen! Die Bogenschießplätze zum Beispiel, das Beil-Werfen oder die Lagerplätze und Zelte, wo Ritter und Damen auf Strohballen sitzen und Bier trinken, Musikgruppen und Tanzvorführungen. Wohin als nächstes?

Um 17 Uhr höre ich mir einen Vortrag an: „Wer wohnt am Rande der Welt?“ Es geht u.a. darum, dass man auch im Mittelalter schon wusste, dass die Erde eine Kugel war, nur Abbildungen auf ebenen Flächen wie Pergament und Papier eben immer – auch heute noch – flach sind. Danach gibt es noch einige Fragen und Anmerkungen, u.a. von einem Mann, der zwei weiße Hunde (die wie Eisbären aussehen) mithat. Er meint, dass es ja noch immer keine Beweise für die Erdkrümmung gäbe. Öm. Die Vortragende meint später, man denke sich ja immer, das sind nur Leute in den USA, die solche Meinungen vertreten. Aber nein. Es gibt sie auch am Mittelalterfest in Eggenburg.

Langsam bekomme ich Hunger. Ich entscheide mich für Kässpätzle und stelle mich an. Das geht ruck-zuck, und ich spekuliere, ob die bairischen Köche da hinter der Theke wohl Oktoberfesterfahrung haben? Im Nu bin ich dran, mein Geld los und während ich noch nicht mal meine Portion in die Hand genommen habe, wird der nächste schon bedient.

Ich wandere auf dem Markt herum, es wird kühler. An den Ständen bekommt man Bier, mir ist aber im Moment mehr nach Tee. Ich suche ein Café und frage eine Frau, die eben aus der Küche gekommen ist, ob denn drinnen denn auch Betrieb sei? Die Frau sieht mich groß an. Und sagt nichts. Leicht irritiert wende ich mich an eine Bedieung. Ja, natürlich. Alle sehen ein bisschen gehetzt aus. Ich bestelle Tee und zwei Mini-Kokoskuppeln. Ich bekomme Tee und eine große Kokoskuppel. Naja. Fast. Ein gewandetes Paar kommt direkt zu der kleinen Ecke, wo die Getränke zubereitet werden. Ob sie zwei Bier haben können? Die Bedienung murmelt etwas, offensichtlich eine etwas genervte Zustimmung. Das dürfte nicht der Ort sein, an dem Bestellungen aufgenommen werden, aber sie macht es. Zuerst macht sie aber eine Tasse Kaffee. Die Frau fragt (und ist plötzlich per Du): „Machst du jetzt unser Bier oder nicht?“ – Kellnerin: „Ja, aber ich muss voher noch die Bestellungen machen.“ – Frau: „Nein, ich will dich wirklich nicht stressen.“ Und nachdem die Kellnerin nicht darauf reagiert, sagt sie noch einmal: „Nein, ich wollt dich voll nicht stressen. Ich hab auch mal als Kellnerin gearbeitet.“ – Mann: „Waßt eh, ich bin der Lord und das is mei Prinzessin.“ – Frau: „Na, ich war nämlich auch mal Kellnerin. Und meine Mutter auch. Der geht’s jetzt gesundheitlich soo schlecht deswegen.“ Pause. Die Frau setzt nach: „Na, mach wirklich was anderes, weil da stehst den ganzen Tag.“ (In den Augen der Kellnerin sieht man ein „Nein, wirklich?“) – Mann: „Dafür stehts den ganzen Tag vorm Zapfhahn!“ – Frau: „Na und was hat die Kellnerin davon?“ – Mann: „Na ich hab nur gmeint, das ist doch super!“ Die Kellnerin zieht die zwei Bier vor und bekommt Trinkgeld. Und muss sich auch noch bedanken. Ich glaube, ich weiß, warum die alle hier so genervt dreinschauen…

Gute Nacht, Eggenburg, bis morgen!

 

#77 Adlerwarte Kreuzenstein Teil 2

Der Falkner-Schnupperkurs hat mich so beeindruckt, dass ich auch den zweiten Teil besuche. Dieses Mal bin ich alleine und öffentlich unterwegs. Die ÖBB-Website spuckt mir horrende Zeiten aus, etwa eine Zug-Bus-Verbindung, die zweieinhalb Stunden dauert und bei der ich eineinhalb Stunden vor Beginn auf der Burg wäre. Ja, nein, eher nicht. Der Bus fährt ungefähr fünfmal am Tag und so verzichte ich auf ihn und gehe lieber eine Stunde zu Fuß von Korneuburg nach Kreuzenstein. Idyllisch. Der Weg führt durch Industriegebiet und über die Autobahn. Ein LKW-Fahrer blockiert meinen Weg (er fährt einfach mit dem ganzen LKW in die Kreuzung) und fragt mich, ob es hier zu MONDI geht. Ich habe keine Ahnung. Er schaut auf seinen Zettel, schüttelt den Kopf und fährt weiter.

Nach der Autobahnüberführung wird der Asphalt weniger, dafür gibt es Felder, Bäume, und Leobersdorf. Verlaufen kann man sich auf der Strecke von Korneuburg zur Burg nicht wirklich, nahe beim Bahnhof beginnt die „Kreuzensteinstraße“. Und die führt tatsächlich die ganze Strecke bis zur Burg. Um 13 Uhr geht es los und wir sind nur zu dritt, Karin, Sabrina (oder war es Sabine?) und ich. Marek – ich kenne ihn schon vom ersten Workshop – gibt uns eine kurze Einführung und nach einer kleinen Wiederholung lernen wir den Falknerknoten. Einhändig und mit rechts natürlich, denn auf der linken Hand sitzt ja der imaginäre Vogel. Danach stellen wir uns draußen in guten Abständen voneinander entfernt auf und üben das Drehen des Federspiels – einem wie zwei stilisierte Schwingen geformten und gepolstertem Lederstück, das man für das Training von Falken verwendet. Das Federspiel hat kleine Taschen, in das man die Schwingen echter Vögel stecken kann, um die Falken auf bestimmte Jagdbeute einzustimmen. Danach wird es spannend. Chuck, ein Falke, wird gebracht und wir üben mit ihm das Einziehen mit dem Federspiel: Das heißt, wir drehen das Federspiel, der Falke wird einige Meter entfernt von der Hand geschickt, wir schicken das Federspiel leicht schräg nach vorne vor uns auf den Boden und der Falke stürzt sich auf das darauf befestigte halbe Kücken. Die Federspielschnur wird mit dem Fuß am Boden befestigt, und während Chuck noch mit dem Federspiel beschäftigt ist, muss man aus der Tasche eine neue Belohnung herausfuzeln, ohne dass er das mitbekommt. Sobald er mit dem Federspiel fertig ist, bietet man ihm am Falknerhandschuh die neue Belohnung an. Chuck kommt auf den Handschuh, und während er frisst, sichert man das Geschüh (die Schnüre am Fuß) zwischen Mittel- und Ringfinger. Fertig. Total einfach – jede darf zweimal. Nach Chuck kommt Hermine, der Adlerbussard, den ich schon vom letzten Mal kenne. Habe ich schon gesagt, dass Karin am linken Arm tätowiert ist? Von oben bis unten – mit Motiven aus „Alice im Wunderland“ von Tim Burton. Hermine zwickt Karin ziemlich heftig in den Arm – nachdem sie mit der Belohnung vom Handschuh fertig war, sah sie sich auf einmal vom Auge des weißen Kaninchens angesprochen und ist mit dem Schnabel darauf losgegangen. Mein Mitmensch meint später dazu: Ein ziemliches Kompliment für einen Tätowierer, wenn seine Arbeit sogar von einem Greifvogel für echt gehalten wird.

Nach einer kurzen Pause (in der wir die Blasen vom Federspieldrehen an unseren Fingern bemerken) arbeiten wir weiter mit Vögeln. Nur etwas anders als vorher. Vicky, eine junge Kollegin von Marek, bringt uns eine Kiste mit toten Kücken und zeigt uns, wie wir den Kücken die Beine ausreißen und dann mit der Schere jedes Bein an den Gelenken in drei Teile (Ober- und Unterschenkel sowie Fuß) zerschneiden. Ja. Hm. Das muss wohl auch sein, wenn man so einen Job macht. Vicky ist übrigens Vegetarierin. Und ich lerne, die Küken haben noch einen Dottersack im Körper – drückt oder zieht man an der falschen Stelle, kann der auf einmal platzen und dann spritzt der Dotter überall dort hin, wo man ihn wirklich nicht haben möchte. Uah. Wir reißen und schnipseln herum – danach packen wir die Ober- und Unterschenkel in die Falknertasche und waschen uns die Hände. Sehr lange.

Mit der Falknertasche, drei Wüstenbussarden (Chilli, Lord und Camillo), Vicky und Theresa fahren wir zu einem Feldweg, um die freie Folge zu üben: Wir beginnen mit Camillo und mir, Karin und Sabine (Sabrina? Sandra?) tragen ihre behaubten Bussarde einstweilen auf der Hand. Bei der freien Folge fliegt der Bussard in einen Baum und man geht ohne ihn weiter. Irgendwann überholt er einen dann und setzt sich auf den nächsten Baum. Dann bleibt man sofort stehen, zeigt ihm die Belohnung am Handschuh (wahlweise Ober- oder Unterschenkel der zerteilten Küken von vorhin), er kommt, frisst die Belohnung, und dann schickt man ihn wieder in den nächsten Baum. Und so weiter. Fehlerfrei geht das erst mal nicht: Camillo kommt zum Beispiel einmal ohne dass ich ihn gerufen hätte. Überrascht biete ich ihm den Handschuh zum Landen, was er auch macht. Und dann frisst er natürlich auch die Belohnung. Was ich eigentlich hätte tun sollen, ist, mich umzudrehen und ihm den Rücken zeigen – eine Belohnung sollte er nur kriegen, wenn er sich an die Regeln hält. Naja. Man lernt. Ein paar Bäume später wird gewechselt, die anderen kommen der Reihe nach dran und ich trage Lord. Mit Lord gibt es dann ebenfalls einen Durchgang, diesmal läuft alles ganz gut (bis auf das, dass ich es irgendwie nicht ganz schaffe, ihn wieder von der Hand weg in den Baum zu schicken – die Bewegung darf nicht ruckartig sein, die Hand soll oben sein, aber höher geht dann fast nicht mehr – ah das ist kompliziert zu erklären und noch komplizierter auszuführen). Lord ist zwischenzeitlich mal abgelenkt – statt der Faust jagt er eine Maus, aber sie entwischt.

Wir bringen die Bussarde zurück zum Transporter – und nachdem wir mit fremder Hilfe die nicht mehr ganz tadellos funktionierende Türe wieder zu bekommen, gibt es noch eine Falknerjause in der Burgtaverne. Feierabend. Vicky erzählt haarsträubende Geschichten aus Afrika, von Spinnenbissen und tierischen Besuchern. Es fängt zu regnen an, wir erhalten eine Urkunde und dann gehe ich mit Theresa nicht eine Stunde nach Korneuburg zum Bahnhof, sondern nur eine halbe zur Bahnstation Leobersdorf Burg Kreuzenstein. Allerdings versäumen wir unseren Zug um ein paar Minuten und warten eine halbe Stunde auf den nächsten.