#99 Im Universitätsklinikum

Das ist doch ein netter Aufhänger, da wird es gleich spannend, wie ich dorthin gekommen bin.

Also. Am Wochenende waren Mitmensch und ich im Garten. Und dann hat mich ein Insekt am Unterarm gestochen. Und am Sonntag in der Früh war der Stich relativ heiß und geschwollen und ein leichter roter Strich ging vom Unterarm zu meiner Achsel. Na gut, dachten Mitmensch und ich, vielleicht fahren wir mal zur Apotheke und ich hole mir ein Insektengel. Die Apothekerin sieht sich Stich und Strich an und meint dann, also sie würde das noch heute von einem Arzt ansehen lassen. Mit so einem Blick bei dem man sich denk: Ok. Na dann mache ich das lieber mal. Habe ich schon gesagt, dass es Sonntag ist? Und wir am Land sind? Aber kein Problem, wir finden einen, der nur 3 Kilometer weiter wohnt. Der ist aber dann doch nicht da – trotz Hinweis auf der Homepage, dass er genau an diesem Sonntag Dienst in seiner Ordination hätte. Beim nächsten Arzt rufe ich vorher an – der wohnt wieder ein paar Kilometer weiter und auf seiner Mailbox erfährt man, dass man ihn zuvor am Handy kontaktieren müsse. Aha. Ich habe nichts zum Schreiben mit und die runtergeratschte Handynummer merke ich mir nicht. Wir disponieren um, das Universitätsklinikum Krems liegt näher und man muss sich keine Nummern merken.

Das Krankenhaus Krems ist angenehm leer, die Ambulanz angenehm klein. Nach der Anmeldung und etwa einer Stunde Wartezeit komme ich zu einer Erstbegutachtung dran – die mich meiner Meinung nach wohl wieder nach Hause schicken wird. Aber die Sanitäterin meint, also DAS werden wir die Ärztin ansehen lassen. Im Moment sei etwas mehr los, bei der Ärzte-am-Sonntag-Regelung sei im Bezirk etwas geändert worden und das funktioniere gerade nicht wirklich (ahja) und deswegen müsse ich bis zu zwei Stunden Wartezeit in Kauf nehmen. Ich bekomme ein Markerl ums Handgelenk, bin ab jetzt offensichtlich Eigentum des Universitätsklinikums und informiere den Mitmenschen. Der bringt mir netterweise ein Buch, damit ich ein bisschen etwas arbeiten kann und erbittet sich dann, draußen warten zu dürfen, Krankenhäuser machen ihn immer so unrund. Die kleine Ambulanz ist gut voll, ich setze mich in einen Rollstuhl, kann tatsächlich etwas arbeiten und höre nebenbei den anderen Anwesenden zu. Die Hälfte scheint sich gegenseitig zu kennen und man grüßt die immer wieder hereinschneienden Sanitäter wie  lange verlorene Verwandte. Nicht ganz zwei Stunden später komme ich schließlich dran. Die Ärztin untersucht meinen Arm freundlich, aber mit ernser Miene und meint dann, dass sie den Arm ruhigstellen werde, ich ihn kühl halten soll und ich Antibiotika verschrieben bekomme. Aha. Unter „ruhig stellen“ kann ich mir nicht wirklich etwas vorstellen, aber dann fragt sie die Arzthelferin, ob sie eine sehr kleine Korkschiene hätten. „XS?“, fragt diese mit einem Seitenblick auf mich. „Wir sehen selten so schmale Oberarme hier“, sagt die Ärztin zu mir. Ich nehme den anderen Arm hoch, spanne die Muskeln an und die Arzthelferin lacht. Die Ärztin nimmt mich durch einen Geheimgang (das hat sie gesagt, nicht ich!) zur Verbandsstation mit und nachdem der Chef der Station meinen Arm in einen Strumpf gesteckt und mit Watte eingepackt hat, bekomme ich eine meinen ganzen (!) Arm bedeckende Schiene, die dann mit Mull umwunden wird. Ich sehe aus als hätte ich gerade einen Mehrfachbruch überlebt. Wie ich diesen für den Winter eingepackten Arm kühlen soll ist mir ein Rätsel.

Fertig und gute Besserung. Ich darf gehen.

Ich laufe durch die Gänge des Krankenhauses zum Ausgang und suche den Mitmenschen. Als er mich sieht, klappt seine Kinnlade nach unten. Er sagt: „Also. Du hast gesagt dich hat ein Insekt gestochen. … Was ist dann passiert?“

Wir sind uns einig, dass es (wenngleich sehr lustig) zuviel Aufregung für die Verwandtschaft wäre ein Bild mit dem eingemotteten Arm herumzuschicken. Wenn dieser Blogbeitrag online geht, ist der Arm schon lange wieder frei und die Antibiotika sind auch bereits  aufgebraucht.

Cheers 🙂

 

#98 Cocktailbars

Mitmensch und ich sind „BeiMir“. Also nicht bei uns, sondern wo anders. Genauer: in einer Cocktailbar im 16. Wiener Gemeindebezirk. In einer Ecke, in der es sonst nichts gibt, außer vorbeifahrende Straßenbahnen und Wohnhäuser. Der Tip dazu kam von einer Freundin, die eigentlich ganz am anderen Ende der Stadt wohnt, Wien aber extra für die kleine Bar durchquert und diese tatsächlich auch als sehr fein befunden hat. Das sehen wir uns an, denke ich mir, und jetzt sind wir hier. Holztische, weiß gestrichene Wände, eine nette Theke, durch deren Holzleisten warmes Licht scheint. Fast jeder Tisch ist besetzt und in einem zweiten Raum stehen ein paar sehr gemütlich aussehende Couchs. Das Licht ist warm und gedämpft, und die Karte angenehm übersichtlich. Mitmensch bestellt einen Cosmopolitan mit Himbeere und ich einen Green Gin & Tonic. Wir sehen dem Barkeeper bei seiner Arbeit zu – an unseren und anderen Cocktails und beim Flambieren von zwei Marshmallows. Hallo? Wo genau gehören die dazu? Was haben wir übersehen? Was muss man bestellen, damit einem Marshmallows vor die Nase gestellt werden? Aber da kommt er schon mit unseren Gläsern und serviert – der Barkeeper macht hier alles selbst und ist alleine – und die sind auch ohne Marshmallows sehr hübsch: Dem Cosmopolitan wurde eine kleine braun-weiß gemusterten Feder an den Glasrand geklemmt und mein G&T ist mit Zitronenthymianzweigen bestückt. Zu den Cocktails gibt es außerdem Wasser und eine kleine Schüssel frisch gemachtes Popcorn, ein nettes Lächeln und gute Musik. Der Cosmopolitan schmeckt durch die Himbeeren ein wenig nach Kindheit (jeder kennt den Himbeersirup, den ich meine, oder?) aber gut, und mein G&T kann sich ebenfalls sehen (besser: schmecken) lassen. In den Regalen hinter der Bar stehen Flasche an Flasche, alte Bonbongläser, gefüllt mit Süßigkeiten und ein kleines Kreidetafelschild, auf dem steht „God knows if you don’t tip“. Wir verbringen eine gute Stunde in der wirklich angenehmen Atmosphäre, „BeiMir“ soll Wohnzimmerfeeling machen, und das tut es tatsächlich – nur ein kleines wenig schicker als zu Hause. Alles unaufregend, und trotzdem (oder gerade deswegen) ein sehr netter Ausflug. Nach unseren Drinks (und natürlich einem „Tip“, wir wollen IHN ja nicht verärgern) geht es hinaus in die Kälte, wo uns auch gleich die Straßenbahn davon fährt. Macht nichts, „BeiMir“ ist nicht soo weit weg von „BeiUns“. Wir laufen nach Hause und kommen sicher wieder.

 

 

#97 Buchbindekurs

Ja, manchmal muss man auch verrückte Sachen machen. Zum Beispiel einen Buchbindekurs bei der VHS. Eine Freundin hat mir den Kurs zum Geburtstag geschenkt und wir gehen zu zweit hin. Und so tragen wir Metallliniale, Cutter, Bleistifte und einen Pinsel zum VHS-Gebäude in der Nähe der Alserstraße. Die erste Herausforderung dort besteht darin, unseren Kurs zu finden. Zwar sind die Kurse im Eingangsbereich angeschrieben und auch mit einer Raumnummer versehen, doch bezieht sich die Raumnummer weder auf ein Stockwerk noch ist sie sonst irgendwie für uns mit der Orientierung im Gebäude zu verbinden. Es gibt auch keinen Plan. Dafür sehr viele Türen, verteilt über vier (fünf?) Stockwerke. Wir sehen uns gegenseitig an. Das könnte jetzt etwas dauern. Zwei junge Frauen kommen an uns vorbei, sie reden ebenfalls über den Buchbindekurs. Sie haben sich offensichtlich bereits durchgefragt und wissen nun, wo es hingeht. Wir laufen ihnen hinterher, drei oder vier Stockwerke hoch, einen Gang entlang, eine unscheinbare Türe hinein. Und da, ein Werkraum mit bereits recht mitgenommenen Tischen und Bänken und einer wuchtigen Buchpresse. Frau Jesch, die Buchbinderin, ist bereits da und ist wenig später wohlwollend überrascht, dass einige tatsächlich ein Falzbein besitzen (wir nicht) und mit dem geht es auch gleich los: Wir falten A4-Papier zu einzelnen Lagen (d.h. wir legen jeweils 4 gefaltete Blätter ineinander – das ist eine Lage), schneiden Vor- und Nachsatzblätter zu, kleben sie auf jeweils die vorderste und hinterste Lage und nähen im Anschluss die einzelnen Lagen aneinander.

Nein, keine Angst, ich erkläre jetzt nicht von vorne bis hinten, wie man ein Buch bindet. Ich picke nur die (für mich) überraschenden Teile heraus. Zum Beispiel: Man verwendet überraschend oft Kleber. Der Kleber ist auch nicht wirklich ein Kleber, sondern ein Leim. Einer, den man sich dann von den Finger runterkletzeln muss, weil man irgendwann entweder den Leim von den einzelnen Teilen des zukünftigen Buchs wegkratzen musste (weil man natürlich mit Pinseln, die drei Zentimeter im Durchmesser haben und schon ziemlich steif von dem ganzen Leim sind, nicht mehr wirklich gut trifft) oder den Pinsel schon längst (aufgrund der eben angeführten Gründe) aufgegeben hat und nun (wie ich) einfach die Finger zum Auftragen des Leims verwendet. Was weitere Probleme mit sich bringt (aber das würde zu weit führen und ich überlasse das der Phantasie des Publikums).

Überraschend war auch, dass man die gehefteten Lagen mit der langen Seite des Hammers schlägt, um diese nette Rundung des Buchblocks zu erzielen, die vor allem bei dickeren, gebundenen Büchern so schön ist. Ich dachte, das wird dann einfach von selbst so. Aber nein, man schlägt zu – und nicht zu wenig.

Zwischen Leim, Hammer und sehr präzisen Anweisungen lässt die Buchbinderin hin und wieder Sätze zu ihren Lehrlingen fallen, die offensichtlich eher zur anstrengenden Seite gehören und wie sie die von ihnen gebundenen Bücher benotet. Aber sie scheint auch ein bisschen stolz auf sie zu sein, denn sie meint, im dritten Jahr seien bei manchen die Bücher wirklich – und statt ihre Antwort auszuführen zieht sie die Augenbrauen hoch und nickt. Eine eindeutige Antwort!

Überraschend auch das Ende des Kurses: Ist das Buch nach zwei Dienstag Abenden dann pikobello fertig und man selbst erstaunt über das plötzlich höchst professionell aussehende Werk, da bemerkt man, dass sich die Ecken etwas aufbiegen. Ganz normal, meint Frau Jesch. Jetzt heißt es Sitzfleisch beweisen: Wir werden beordet, uns auf die fertigen Bücher zu setzen. Ja, so macht man das. Also sitzen wir sicher 20 Minuten auf unseren Büchern. Am Tisch, denn der hatte im Gegensatz zu den Sesseln eine gerade Oberfläche.

Wir bedanken und verabschieden uns und nehmen unsere flachgesessenen Bücher mit nach Hause. Nach einer Note für unsere Bücher haben wir nicht gefragt.

 

#96 Hamburg

Ich bin noch nicht lange in Hamburg, da versuche ich mich dort auch gleich im U-Bahn-Netz zurechtzufinden. Die U2 und die Emilienstraße ist meint Ziel. Dort angekommen finde ich am Bahnsteig neben einer dummen Werbung eine kleine Bude: „Das Ohr.“ Ist der kleine Kiosk besetzt, kann man dem Menschen darin etwas erzählen: Schönes, Nettes, Trauriges, und auch sonst alles, was einem das Leben so vor die Füße wirft. Und schon mag ich Hamburg.

Die dumme Werbung:

Wann bitte hat man „planmäßig“ Husten?

Und hier ein Blick auf die Seitenfläche vom Ohr:

Ich laufe die Fruchtallee entlang, und da ist auch bald mein Ziel: Das „Kollektiv“, Norddeutschlands größtes Comic-Antiquariat. Den Laden gibt es seit 1992, da haben sich drei Sammler zusammengetan und – wie sie selbst hier sagen – „mit nur einigen tausend doppelten Heften und Comicalben“ einen kleinen Laden aufgemacht. Heute sind aus den einigen tausend Heften etwa hundertausend geworden – und dementsprechend überfordert war ich auch, als ich den Laden betreten hatte. Boxen über Boxen und Wäschekörbe voller Comics und Heftreihen. Ich stöbere mich stichprobenartig durch die Regale und stolpere über nette Zufallsfunde. Und dann halte ich auf einmal „Die Frau des Magiers“ von … in der Hand. Ich mache Augen. Das Heft habe ich vor langer Zeit einmal gesucht, aber es war nirgends greifbar und ich habe es gedanklich ad acta gelegt. Ich bin erstaunt und freudig überrascht zugleich – und fange an, den zweiten Band zu suchen. Einer der drei Herren kommt mir zu Hilfe: Wenn ich mir hier die Boxen ansehe, dann sieht er in der Zwischenzeit im Lager nach, dort haben sie alles alphabetisch sortiert. Wenn der Band da ist, muss er entweder dort oder eben in den Boxen stecken. Das Lager? Im Nachhinein ärgere mich, dass ich mir das „Lager“ nicht angesehen habe, die Verkaufsräume fand ich ja schon überbordend genug. Ich widme mich den Boxen und gehe die Hefte der Reihe nach durch. Und nur eine Viertelstunde später finde ich tatsächlich den zweiten Band. Der nette Mensch kommt auch gleich darauf aus dem Lager zurück und ich winke ihm – gefunden! Er lacht und fragt, ob ich gerne einen Kaffee hätte. Zum Abschied bekomme ich noch ihren Katalog mit – wenn ich noch ein paar Tage in Hamburg bin, kann ich ja nochmal vorbeischauen.

Mit etwa zwei Kilo Comics bepackt mache ich mich wieder auf den Weg. Ich suche ein bestimmtes Tee-Haus, den „Golden Temple“, werde tatsächlich fündig und fühle mich wohl. In gemütlicher Atmosphäre, bei sehr gutem Bananenbrot und einer Kanne Milky Oolong lese ich gleich das erste meiner Fundstücke aus dem „Kollektiv“. Hamburg gefällt mir – auch wenn das Wetter ein, zwei Tage lang mit leichtem Regen nicht ganz so nett zum Herumstreunern ist. Die letzten beiden Tage klart es aber wieder auf und am letzten Nachmittag gehe ich in den Abendsonnenstrahlen am Alsterufer spazieren und fange noch ein paar Impressionen ein. Im „Kollektiv“ war ich nicht mehr, auch wenn ich den Katalog gefunden und noch ein paar „Oh’s“ dabei gemacht habe – glücklicherweise für meine Geldtasche ist mein Koffer einfach schon zu voll.

#95 Berlin

Ich war auf Urlaub in Berlin und habe dabei dem Naturkundemuseum einen Besuch abgestattet. Skelette haben etwas Faszinierendes, finde ich, da liegen Dinosaurier immer nahe – recht viel mehr als Knochen findet man bei Ausgrabungen da meistens ja nicht. Und bei den Grabungen in Tansania zwischen 1909 und 1913, von denen die meisten der Funde in Berlin stammen, waren das immerhin 230 Tonnen (!) Knochen. Man ist immer noch dabei, diese Knochenfunde zu analysieren und die Highlights stehen hier im Museum. Der Dinosauriersaal, der gleich hinter der Eingangshalle beginnt, ist wirklich sehr schön – ein Brachiosaurierskelett, ein Stegosaurus, ein Allosaurus (wie auch in Wien), und noch mehr. Davor sind zum Teil kleine Bildschirme installiert, vor denen auf der Homepage gewarnt wird: „In den Saurierausstellungen werden real anmutende Animationsfilme mit Jagdszenen von Sauriern gezeigt, die Kinder erschrecken könnten.“ Die anwesenden Kinder sind von den Szenen weniger erschrocken, vielmehr gelangweilt – Fernsehen kennen sie ja. Aber die Skelette, an denen hängen die Augen! Zumindest für die paar Sekunden Aufmerksamkeit, die sie zur Verfügung haben, bevor sie wieder abzischen und zum nächsten Exponat laufen. Es wuselt geradezu – zwei Kindergruppen plus Eltern mit Kindern, die fieberhaft versuchen, das eigene Kind nicht zu verlieren.

Der große, helle Sauriersaal ist nicht der einzige Ausstellungsraum für die Urzeit – es gibt einen zweiten mit einem einzigen Exponat: Tristan Otto. Ich verlaufe mich erstmals bei der Suche danach, denn das Museum hat – oder ich habe ihn nicht gefunden – keinen Saalplan. Und die aufgestellten Richtungsschilder sind nicht wirklich eindeutig. Meiner Meinung nach. Aus Versehen lande ich also am anderen Ende des Gebäudes und finde die Forschungs-Nass-Sammlungen. Faszinierend und abschreckend zugleich ragt in einem riesigen Raum ein Kubus aus meterhohen Regalen in die Höhe, der mit bernsteinfarben schimmernden Exponaten gefüllt ist: Über eine Million in 70% Alkohol eingelegter Tiere – ich sehe hauptsächlich Fische und Schlangen – warten hier in Glasbehältern.

Fun Fact: Meine Reise wird mich weiter nach Hamburg führen und dort lese ich in einem Museum, dass Hamburg ebenfalls eine sehr große Nass-Sammlung hat, die während des 2. Weltkriegs aufgrund der großen Brandgefahr (Tonnen von Alkohol, na klar) zur Sicherheit in die U-Bahn-Schächte gebracht und dort zwischengelagert wurde. Nach dem Krieg hat man die Sammlung wieder an die Oberfläche geholt, allerdings fehlten in etwa 14% der Glasbehälter. Diese 14% wurden offensichtlich – und das ist wirklich ekelhaft – gestohlen, weil man an den Alkohol kommen wollte… Aber das wusste ich zu diesem Zeitpunkt glücklicherweise noch nicht. Ich verlasse die etwas unheimliche Nass-Sammlung und ihre bleichen Exponate wieder und finde am anderen Ende des Gebäudes endlich Tristan Otto.

In einem abgedunkelten Raum baut sich ein weiteres riesiges Skelett vor mir auf: Tristan Otto, das bislang best erhaltendste T-Rex-Skelett. Der Beginn von Tristan Ottos zweitem Leben ist noch gar nicht so lange her: Erst 2012 wurde er in den USA gefunden. Zwölf Meter ist der Gute lang, war wahrscheinlich 20 Jahre alt und trägt die Namen der Kinder seiner Besitzer (zweier dänischstämmiger Investmentbanker). Bis zum Frühjahr 2020 soll das Skelett in Berlin bleiben, danach zieht es wahrscheinlich nach Kopenhagen um (sollte jemand seinen Urlaub danach planen wollen). Neben Tristan Otto steht eine Vitrine mit dem mächtigen Schädel des T-Rex: Das aufgebaute Skelett trägt zwar auch einen, aber nur eine Replik des Originals: 180 Kilogramm wiegt der Schädel alleine, das hätte die Konstruktion aus schmalen Pfeilern und Seilen nicht getragen.

Ich sehe auf die Uhr – langsam werde ich mich wohl auf den Weg machen. Mein Zug nach Hamburg geht bald und ich schlendere zurück, vorbei an Jahrmillionen der Erdgeschichte – aber der Fahrplan der Bahn wartet trotzdem nicht auf mich.

#94 Die Druckstube

Letztes Semester habe ich einen Kurs zu Farben bei Ana Paola Castro Villegas gemacht. Was für ein Name! Ana kommt aus Kolumbien und lebt und arbeitet seit ein paar Jahren in Wien. In der letzten Kurseinheit haben wir in ihrem Atelier, der „Druckstube“, gearbeitet und ein Bild mit Komplementärfarben fertig gemalt (meine Farben waren gelb/orange und lila – aber ob Acrylfarben und ich noch große Freunde werden? Not sure). Die Druckstube ist nett, in einem ehemaligen Café mit großen Fensterscheiben untergebracht und etwas kühl. Ana stellt einen kleinen Heizstrahler neben uns, bringt uns Mannerschnitten und Tee an die Holztische. Sie teilt sich die Räumlichkeiten mit befreundeten Künstlerinnen und Künstlern, die ebenfalls da sind – und lautstark in einer Mischung aus Spanisch, Italienisch und manchmal Deutsch miteinander reden. Dazu gibt es Musik (u.a. Feliz Navidad und Frank Sinatra).

Es liegt eine gewisse Spannung in der Luft – die Druckstube wartet auf eine Lieferung. Um etwa halb Fünf kommt ein Mann , sieht sich von außen den Eingangsbereich an und schaut dann zur Türe herein. Ob hier denn die Druckerpresse herkommen würde? Ein Bayer. Im Raum wird genickt und der Bayer wiegt bedächtig den Kopf. Ob es noch einen anderen Weg herein gäbe? Nicht wirklich. Seine Miene wird skeptisch. „Najo. Da müssn ma mal schaun.“

Draußen hieven er und drei Kollegen die Druckerpresse vom LKW. Das Ding ist größer als von den KünstlerInnen gedacht, hat über 300 Kilogramm und sollte – das Abmessen bestätigt es – gerade eben mal so durch die Eingangstüre passen. Das viel größere Problem ist aber die Stufe zur Türe. Und ab jetzt sind im Schnitt sechs Personen daran beteiligt (plus vier Umstehende), eine riesige, alte, schwarz lackierte Druckerpresse eine wahrscheinlich 15 Zentimeter hohe Stufe überwinden zu lassen. Der kleine Hubwagen schafft es nicht hoch genug, man kippt und versucht zu heben, holt Gurte und Holzstücke zum Aufbocken und nach einer halben Stunde steht die die Presse tatsächlich 15 Zentimeter höher und im Raum. „Das ham ma gschafft, Bruno“, sagt der Chef zu einem seiner Mitarbeiter und Bruno geht und holt mit einem Kollegen noch das zur Presse zugehörige Rad. „Wollens as so stehnlassen?“, fragt der Chef die Atelierbewohner. Die nicken etwas zögerlich. „Weil jetzt san ma nu da. Jetzt kennan mas nu umstelln. Nachher kriegens des nie wieder wo anders hin.“ Da hat er wohl recht und die Presse wird doch nochmal etwas anders im Raum ausgerichtet. Bruno und das Rad kommen, das sicher so groß wie Ana ist (die zwar nicht sehr groß ist – aber trotzdem!), und es wird montiert. Der Besitzer der Presse ist mittlerweile auch eingetroffen – ein alter Druckmeister, der der Druckstube die Presse leiht, da er sie nicht mehr verwendet. Aber wenn sie nicht in Gebrauch ist, geht sie kaputt, sagt er. Und das wäre schade. Finde ich auch und bin beeindruckt von dem riesigen Gerät. Alle stehen um die Presse herum – etwas andächtig und es fühlt sich ein bisschen wie Weihnachten an.

Mein Bild ist fertig und ich verabschiede mich – habe mir aber fest vorgenommen, Ana und die Druckpresse wieder einmal zu besuchen 🙂

 

Zur Druckstube geht es übrigens hier.

#93 Schuhe

Ich mag Einkaufstage nicht. Ich habe immer sehr konkrete Vorstellungen von dem, was ich gerne möchte, so dass mich in den Geschäften meistens nur Enttäuschungen erwarten. Und nein, danke, übers Internet kaufe ich keine Schuhe, denn das würde die Beziehung zwischen mir und der österreichischen Post nur unnötig strapazieren (Beziehungsstatus: Waffenstillstand). Ja. Genau. Ich brauche nämlich Schuhe. Ich will eine ganz bestimmte Art Stiefel und nachdem ich letzte Woche die beiden großen Läden auf der Mariahilfer und ein paar kleine Shops am Weg abgeklappert habe, ringe ich mich nun dazu durch, zum ersten Mal die Ringstraßengalerien zu besuchen (man gönnt sich ja sonst nichts). Ich war da noch nie. Und ich werde wohl auch nicht wieder hingehen. Abgesehen davon, dass es in Bezug auf Schuhe mal grundsätzlich sehr mager aussah (ein winziges Geschäft mit zwei Verkäuferinnen, die sich über die verkorkste Beziehung einer dritten unterhalten), wirkt es etwas trostlos. Es ist Mittag und sehr (sehr) wenig los. Zwei Geschäfte werden umgebaut bzw. sind nicht bezogen. Die Verkäufer und Verkäuferinnen stehen etwas verloren in den Geschäften oder tun beschäftigt. Allein ein Chocolatier hat ein paar besetzte Tische. Schnell weg hier wieder, raus und auf die Kärtnerstraße Richtung Stephansdom. Fünf oder sechs Schuhgeschäfte später bin ich am Stephansdom und nicht klüger – und ich war sogar im „Steffl“. Das kannte ich auch noch nicht. Wenn ich es gekannt hätte, ich wäre Lift gefahren, denn die Schuhabteilung liegt im 6. Stock und ich bin in dem leicht überheizten Gebäude alle Rolltreppen hinaufgegangen und einigermaßen verschwitzt (Jacke und so) oben angekommen. Ich erkläre der Verkäuferin was ich suche – sie schüttelt den Kopf. Nein. Das gibt es nicht. Ich gebe auf, gehe zum Stephansplatz und fahre mit der U3 zur Mariahilferstraße. Nochmal in den Humanic dort. Wenn ich die Stiefel nicht finde, dann suche ich halt schöne Lederschuhe. Ich finde auch welche. Aber nicht in meiner Größe. Ob sie sie denn in einer anderen Filia noch hätten? Die Verkäuferin sieht nach. Ja, tatsächlich. Am Stephansplatz haben sie noch ein Paar in meiner Größe.

Schuhgeschäfte können mich gern haben.

#92 Aufräumen

Onlinedienste wie Netflix sind immer auch ein bisschen Trendbarometer: Was beschäftigt die Menschen gerade so, was sehen sie sich gerne an und worüber wird gelacht. Es gibt jetzt zwei Aufräumserien: Eine US-amerikanische und eine mit Marie Kondo, eine Japanerin, die ein Buch über das gute Ausmisten geschrieben hat (wenn etwas keine Freunde bringt, soll man sich davon trennen), und ebenfalls in den USA gedreht wurde. Beide laufen in etwa gleich ab: Eine Familie, die sich vor lauter Zeug nicht mehr im Leben zurechtfindet, deren Beziehungen in die Brüche zu gehen drohen und die die eigenen Kinder nicht mehr findet, wendet sich hilfesuchend an einen Fernsehsender, damit dieser ihre Probleme löst. Der schickt dann eine Expertin und die hilft beim Ausmisten. Und am Ende ist alles gut und die Familie strahlt glücklich aus einem Wohnzimmer heraus, das in seiner aufgeräumten Nichtssagendheit auch aus einem Möbelkatalog stammen könnte.

Wie weit das Ausmisten Beziehungen kitten kann, da bin ich überfragt. Sich alle paar Jahre mal durch die eigenen Sachen zu wühlen und zu sehen, was da überhaupt in dieser hintersten Kiste herumsteht, an die man sich gar nicht mehr erinnern kann, hat aber durchaus ein bisschen etwas mit Psychohygiene zu tun, wie ich finde. (Also wenn man nicht nur herumwühlt, sondern auch entsorgt.) Der freie Platz wirkt lockerer und offener und man bleibt gedanklich nicht mehr daran hängen (À la „eigentlich sollte ich hier mal aufräumen.“) Die Küchenschublade oder die Abstellkammer (oder – uiuiui – den Keller!) von unnötigem Kram zu befreien, das alles geht sehr in Ordnung. Aber diese Frau (also Marie Kondo) meint doch ganz ernsthaft, man käme mit weniger als 30 Büchern aus. Bis jetzt mochte ich sie und ihre Methode eigentlich ganz gerne. Aber 30 Bücher maximal? Diverseste Reaktionen sind auf dies „Idealzahl“ im Internet zu finden, u.a. der schöne Satz: „Sie meint pro Thema, oder?“

Spannend.

Natürlich, wir haben zu viel Zeug, sind eine Konsum- und Wegwerfgesellschaft, und die 10.000 Dinge, die ein westlicher Mensch im Durchschnitt so bei sich zu Hause herumstehen hat, sind ein riesiger Material-, Kosten und Zeitaufwand und der Großteil davon dient sicher nicht unserem Überleben, wenn wir ehrlich sind.

Aber.

Aber!

Hatte Frau Kondo denn noch nie ein anderes Hobby als das Aufräumen und Ausmisten? Oder eine andere Arbeit? Der Ordner mit meinen Rechnungen funkelt mich nicht wirklich verheißungsvoll an, wenn ich ihn sehe, aber deswegen kann ich ihn trotzdem nicht wegschmeißen. Alte Skizzenbücher sind nicht nur vollbeschriebenes Papier, sondern auch Wegmarkierungen und verstecken doch noch die eine oder andere Idee, auf die ich vielleicht (vielleicht aber auch nicht) wieder zurückkomme.

Und Bücher… Also ich habe vor dem Umzug einmal zwischen 300 und 400 Bücher aussortiert, weitergeschenkt und in Buchkästen zur freien Entnahme gestellt. Aber es blieb trotzdem noch eine gute Zahl übrig, die mit mir umgezogen sind. Ich mag diese Bücher und sie erinnern mich an Geschichten, an Momente, an Menschen. Man nimmt nicht jeden Tag jedes Buch in die Hand, wie man es vielleicht mit einem Topf oder (hoffentlich) mit der Zahnbürste tut. Aber ich brauche sie, um meine Arbeit gut zu machen – und sei es nur, um einen Blick auf sie zu werfen und zu wissen, dass ich das eine hier und etwas anderes dort nachschlagen könnte oder um mich zu erinnern.

30 Bücher? Nie im Leben.

Heute Abend bleibt der Fernseher sicher aus.

Ich gehe lesen.