#97 Buchbindekurs

Ja, manchmal muss man auch verrückte Sachen machen. Zum Beispiel einen Buchbindekurs bei der VHS. Eine Freundin hat mir den Kurs zum Geburtstag geschenkt und wir gehen zu zweit hin. Und so tragen wir Metallliniale, Cutter, Bleistifte und einen Pinsel zum VHS-Gebäude in der Nähe der Alserstraße. Die erste Herausforderung dort besteht darin, unseren Kurs zu finden. Zwar sind die Kurse im Eingangsbereich angeschrieben und auch mit einer Raumnummer versehen, doch bezieht sich die Raumnummer weder auf ein Stockwerk noch ist sie sonst irgendwie für uns mit der Orientierung im Gebäude zu verbinden. Es gibt auch keinen Plan. Dafür sehr viele Türen, verteilt über vier (fünf?) Stockwerke. Wir sehen uns gegenseitig an. Das könnte jetzt etwas dauern. Zwei junge Frauen kommen an uns vorbei, sie reden ebenfalls über den Buchbindekurs. Sie haben sich offensichtlich bereits durchgefragt und wissen nun, wo es hingeht. Wir laufen ihnen hinterher, drei oder vier Stockwerke hoch, einen Gang entlang, eine unscheinbare Türe hinein. Und da, ein Werkraum mit bereits recht mitgenommenen Tischen und Bänken und einer wuchtigen Buchpresse. Frau Jesch, die Buchbinderin, ist bereits da und ist wenig später wohlwollend überrascht, dass einige tatsächlich ein Falzbein besitzen (wir nicht) und mit dem geht es auch gleich los: Wir falten A4-Papier zu einzelnen Lagen (d.h. wir legen jeweils 4 gefaltete Blätter ineinander – das ist eine Lage), schneiden Vor- und Nachsatzblätter zu, kleben sie auf jeweils die vorderste und hinterste Lage und nähen im Anschluss die einzelnen Lagen aneinander.

Nein, keine Angst, ich erkläre jetzt nicht von vorne bis hinten, wie man ein Buch bindet. Ich picke nur die (für mich) überraschenden Teile heraus. Zum Beispiel: Man verwendet überraschend oft Kleber. Der Kleber ist auch nicht wirklich ein Kleber, sondern ein Leim. Einer, den man sich dann von den Finger runterkletzeln muss, weil man irgendwann entweder den Leim von den einzelnen Teilen des zukünftigen Buchs wegkratzen musste (weil man natürlich mit Pinseln, die drei Zentimeter im Durchmesser haben und schon ziemlich steif von dem ganzen Leim sind, nicht mehr wirklich gut trifft) oder den Pinsel schon längst (aufgrund der eben angeführten Gründe) aufgegeben hat und nun (wie ich) einfach die Finger zum Auftragen des Leims verwendet. Was weitere Probleme mit sich bringt (aber das würde zu weit führen und ich überlasse das der Phantasie des Publikums).

Überraschend war auch, dass man die gehefteten Lagen mit der langen Seite des Hammers schlägt, um diese nette Rundung des Buchblocks zu erzielen, die vor allem bei dickeren, gebundenen Büchern so schön ist. Ich dachte, das wird dann einfach von selbst so. Aber nein, man schlägt zu – und nicht zu wenig.

Zwischen Leim, Hammer und sehr präzisen Anweisungen lässt die Buchbinderin hin und wieder Sätze zu ihren Lehrlingen fallen, die offensichtlich eher zur anstrengenden Seite gehören und wie sie die von ihnen gebundenen Bücher benotet. Aber sie scheint auch ein bisschen stolz auf sie zu sein, denn sie meint, im dritten Jahr seien bei manchen die Bücher wirklich – und statt ihre Antwort auszuführen zieht sie die Augenbrauen hoch und nickt. Eine eindeutige Antwort!

Überraschend auch das Ende des Kurses: Ist das Buch nach zwei Dienstag Abenden dann pikobello fertig und man selbst erstaunt über das plötzlich höchst professionell aussehende Werk, da bemerkt man, dass sich die Ecken etwas aufbiegen. Ganz normal, meint Frau Jesch. Jetzt heißt es Sitzfleisch beweisen: Wir werden beordet, uns auf die fertigen Bücher zu setzen. Ja, so macht man das. Also sitzen wir sicher 20 Minuten auf unseren Büchern. Am Tisch, denn der hatte im Gegensatz zu den Sesseln eine gerade Oberfläche.

Wir bedanken und verabschieden uns und nehmen unsere flachgesessenen Bücher mit nach Hause. Nach einer Note für unsere Bücher haben wir nicht gefragt.

 

2 Gedanken zu „#97 Buchbindekurs

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