#95 Berlin

Ich war auf Urlaub in Berlin und habe dabei dem Naturkundemuseum einen Besuch abgestattet. Skelette haben etwas Faszinierendes, finde ich, da liegen Dinosaurier immer nahe – recht viel mehr als Knochen findet man bei Ausgrabungen da meistens ja nicht. Und bei den Grabungen in Tansania zwischen 1909 und 1913, von denen die meisten der Funde in Berlin stammen, waren das immerhin 230 Tonnen (!) Knochen. Man ist immer noch dabei, diese Knochenfunde zu analysieren und die Highlights stehen hier im Museum. Der Dinosauriersaal, der gleich hinter der Eingangshalle beginnt, ist wirklich sehr schön – ein Brachiosaurierskelett, ein Stegosaurus, ein Allosaurus (wie auch in Wien), und noch mehr. Davor sind zum Teil kleine Bildschirme installiert, vor denen auf der Homepage gewarnt wird: „In den Saurierausstellungen werden real anmutende Animationsfilme mit Jagdszenen von Sauriern gezeigt, die Kinder erschrecken könnten.“ Die anwesenden Kinder sind von den Szenen weniger erschrocken, vielmehr gelangweilt – Fernsehen kennen sie ja. Aber die Skelette, an denen hängen die Augen! Zumindest für die paar Sekunden Aufmerksamkeit, die sie zur Verfügung haben, bevor sie wieder abzischen und zum nächsten Exponat laufen. Es wuselt geradezu – zwei Kindergruppen plus Eltern mit Kindern, die fieberhaft versuchen, das eigene Kind nicht zu verlieren.

Der große, helle Sauriersaal ist nicht der einzige Ausstellungsraum für die Urzeit – es gibt einen zweiten mit einem einzigen Exponat: Tristan Otto. Ich verlaufe mich erstmals bei der Suche danach, denn das Museum hat – oder ich habe ihn nicht gefunden – keinen Saalplan. Und die aufgestellten Richtungsschilder sind nicht wirklich eindeutig. Meiner Meinung nach. Aus Versehen lande ich also am anderen Ende des Gebäudes und finde die Forschungs-Nass-Sammlungen. Faszinierend und abschreckend zugleich ragt in einem riesigen Raum ein Kubus aus meterhohen Regalen in die Höhe, der mit bernsteinfarben schimmernden Exponaten gefüllt ist: Über eine Million in 70% Alkohol eingelegter Tiere – ich sehe hauptsächlich Fische und Schlangen – warten hier in Glasbehältern.

Fun Fact: Meine Reise wird mich weiter nach Hamburg führen und dort lese ich in einem Museum, dass Hamburg ebenfalls eine sehr große Nass-Sammlung hat, die während des 2. Weltkriegs aufgrund der großen Brandgefahr (Tonnen von Alkohol, na klar) zur Sicherheit in die U-Bahn-Schächte gebracht und dort zwischengelagert wurde. Nach dem Krieg hat man die Sammlung wieder an die Oberfläche geholt, allerdings fehlten in etwa 14% der Glasbehälter. Diese 14% wurden offensichtlich – und das ist wirklich ekelhaft – gestohlen, weil man an den Alkohol kommen wollte… Aber das wusste ich zu diesem Zeitpunkt glücklicherweise noch nicht. Ich verlasse die etwas unheimliche Nass-Sammlung und ihre bleichen Exponate wieder und finde am anderen Ende des Gebäudes endlich Tristan Otto.

In einem abgedunkelten Raum baut sich ein weiteres riesiges Skelett vor mir auf: Tristan Otto, das bislang best erhaltendste T-Rex-Skelett. Der Beginn von Tristan Ottos zweitem Leben ist noch gar nicht so lange her: Erst 2012 wurde er in den USA gefunden. Zwölf Meter ist der Gute lang, war wahrscheinlich 20 Jahre alt und trägt die Namen der Kinder seiner Besitzer (zweier dänischstämmiger Investmentbanker). Bis zum Frühjahr 2020 soll das Skelett in Berlin bleiben, danach zieht es wahrscheinlich nach Kopenhagen um (sollte jemand seinen Urlaub danach planen wollen). Neben Tristan Otto steht eine Vitrine mit dem mächtigen Schädel des T-Rex: Das aufgebaute Skelett trägt zwar auch einen, aber nur eine Replik des Originals: 180 Kilogramm wiegt der Schädel alleine, das hätte die Konstruktion aus schmalen Pfeilern und Seilen nicht getragen.

Ich sehe auf die Uhr – langsam werde ich mich wohl auf den Weg machen. Mein Zug nach Hamburg geht bald und ich schlendere zurück, vorbei an Jahrmillionen der Erdgeschichte – aber der Fahrplan der Bahn wartet trotzdem nicht auf mich.

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