#85 ViennaComicCon 2018

Da der Weg zur Messe doch ein gutes Stück von mir zu Hause entfernt ist, spare ich mir das Aufbauen am Freitag und komme erst Samstag Vormittag mit Sack und Pack – das Aufbauen dauert ja nicht sehr lange. Ich hole zwei Aussteller-Ausweise und hänge dem Mitmenschen, der mir tragen und beim Aufbauen hilft, einen davon um. Er schaut ein wenig komisch und fragt: „Seit wann bist du ein Influencer?“ Jetzt schaue ich komisch – und tatsächlich: Auf den Ausweisen steht „Influencer“. Nochmal zurück, nachfragen. „Ja, die Exhibitor-Pässe sind leider ausgegangen.“ „Aha“, sage ich und denke mir sonstwas, immerhin wissen die doch seit Wochen wieviele Menschen hier Tische haben. Hah. Naja.
Influencer also. Das heißt wohl, ich muss jetzt ganz viele Fotos mit meinem nicht vorhandenen Smartphone machen 🙂

Der Tisch ist vorzeigbar gemacht und der Mitmensch verabschiedet sich. Los geht’s! Nett, dass es dieses Jahr einen Abstand zwischen den einzelnen Tischen in der Artist-Alley gibt – man kann dazwischen raus und als BesucherIn ist man nicht ganz so überfordert, wenn alles eng an eng steht und der Blick von Manga-Fanart übergangslos zu selbst gehäkelten Fantasytieren und Indie-Comics wandert. Noch ist alles ruhig. Da fängt ein Mensch im Eingangsbereich an, einen Countdown herunterzuzählen, die ComicCon wird offiziell eröffnet und eine Horde kreischender Mädchen läuft herein, einen Gang hinunter und dann wieder zurück, weil sie sich offensichtlich verlaufen haben. Dann findet sie ihren Weg – wahrscheinlich zu den Autogrammständen der Filmsternchen, die hier (gegen Bezahlung) Uterschrift und Foto anbieten. Verstörte Blicke folgen ihnen von den Tischen, diese werden aber rasch auf die eintreffenden Cosplayer gelenkt. Ich mag es, an einem Tisch zu sitzen, man sieht immer spannende Kostüme vorbeikommen. Und ganze Familien, die sich in Schale geworfen haben: Familie Incredibles, Familie Flash und eine ganze Sippe Game of Thrones.

Einige Impressionen von der Con:

Gegenüber von mir hat George aus Kanada einen großen Stand, er verkauft US-amerikanische Comichefte und hat weder Socken noch Schuhe an. Das Rätsel klärt sich am nächsten Tag, er erzählt, dass er seine Socken vergessen hat und es hasst, barfuß in Schuhen zu stehen – da steht er lieber barfuß am Boden. Ich borge ihm einen Sessel, damit er dazwischen mal die Beine hochlegen kann. Drei Shows macht er in Europa, meint er – am schwierigsten sind immer die neuen, weil man nicht weiß, wie sie laufen. Ein Geschäftsmann durch und durch, der nichts in seinen Kalkulationen vergisst. Am ersten Tag wird ihm ein Heft im Wert von 600 Euro gestohlen. Nicht gut, sagt er, aber er habe es vorher „cheap“ gekauft. „That’s what you have to do: Buy cheap, cheap, cheap, cheap!“

Zwei sehr schön gekleidete Damen kommen am Tisch vorbei, wir unterhalten uns ein wenig und sie erzählen, dass man in ihrem Dorf, gleich den Gang runter, LARP (Live Action Rolle Play) ausprobieren kann: Eine Stunde dauert ein Durchgang, immer um halb fangen sie an. Es würde mich interessieren, einmal mitzumachen, aber ich bin meistens alleine am Stand, da kann ich zum einen schlecht weg und zum anderen finde ich es total nett am Tisch zu sein und die Leute, die hängen bleiben, aus den Augenwinkeln zu beobachten, wenn sie durch das eine oder andere Heft blättern. Direkt darf man sie nicht anschauen, da fühlen sie sich beobachtet und verschwinden sehr schnell wieder. Kommt zumindest mir so vor. Meine Nachbarin dagegen geht völlig offensiv vor. Kaum gehen Leute vorbei, quatscht sie sie an: „Hey, willst du ein tolles Buch lesen? Das hier habe ich geschrieben!“ Das ist mir eindeutig zu direkt.

Am Samstag kommen zwei Mädchen vorbei und wühlen sich durch die Buttons. Sie kaufen zwei oder drei. Und eine Stunde später sind sie wieder da. Und dann wieder. Und dann wieder – total nett 😀

Ein paar Meter von meinem Tisch hat „Mjam“, ein Lieferdienstservice in Wien, eine Fotobox, grüne Sitzsäcke und einen Zuckerwattestand aufgebaut, der gut besucht ist. Ständig laufen Eltern mit Kindern und grüner Zuckerwatte vorbei – und die Eltern wachen mit Argusaugen über ihre Sprösslinge, damit nicht jeder Stand mit Zuckerwatte vollgekleistert und nach Entschädigungen verlangt wird. Jetzt frage ich mich gerade , wieviele Kilo Zucker die wohl das Wochenende über verbraucht haben.. Ich hätte fragen sollen!

Mein liebstes Kostüm auf der Con: Eine Tube Mautner-Senf. Leider bin ich nicht dazu gekommen sie zu fotografieren, aber ich fand sie super!

Bestes Kommentar am Tisch: Drei Mädels blättern durch die Comics, und als sie wieder gehen sagt die eine zu den anderen (offensichtlich über „Fux & Rabe“): „Das ist wie die Fabeln in der Schule – nur geiler.“

Ein Mann sieht sich alles haargenau und detailliert an, schaut mich an und sagt dann: „Sie sind ein wildes Mädchen.“ Ich lache etwas schief, verkneife mir die Antwort, dass ich über 30 und sicher kein Mädchen mehr bin, und sage: „Naja, man will ja nicht langweilig sein.“

Eine Frau nimmt einmal „Von einem, der auszog das Fürchten zu lernen“ mit – mit den Worten: „Das kann ich als Inspiration für meine Schülerinnen brauchen.“ Offensichtlich eine Deutsch-Lehrerin 🙂

Am Abend, als Mitmensch wieder kommt, habe ich noch eine Stunde Zeit, die Tische von Freunden und Bekannten zu besuchen. Weit komme ich nicht: Ich rede mit Johannes und Xenia von Karrakula, finde Julians Stand, rede kurz mit Denise, sehe im Vorbeigehen Allessandro Giampaoletti, den ich letztes Jahr auf der Con kennengelernt habe und kaufe ein Heft von Stefan Gutternigh („The Common Good“, über Kickstarter finanziert), das ich noch am gleichen Abend lese.

Dann schnell wieder zurück – der Mitmensch winkt mir schon. Am Tisch steht Helmut Maria und er lädt mich für den nächsten Tag zum Comic-Jam am Comix-Stand ein: Auf acht Panels wird eine kleine Geschichte erzählt, jeder zeichnet ein Panel und man schaut, wohin die Geschichte führen wird. Sehr nette Idee, und ich komme am Sonntag tatsächlich dazu, mitzuzeichnen, Mitmensch hält in der Zwischenzeit solange am Tisch aus.

 

Wie nett, Markus Dressler ist auch da und lädt zu seiner Vernissage ein: „Klimts Katze in Gold – und andere Meisterwerke“, am 28. November um 19 Uhr ist im Haus AWAT in der Gumpendorferstraße 65 im 6. Bezirk die Eröffnung (mit Lesung des Autors!). Ich gehe auf jeden Fall hin 🙂

Am Sonntag in der Früh, noch vor dem Comic-Jam, haben Mitmensch und ich den Stand bereits wieder fertig aufgebaut, als George kommt (diesmal mit Socken), um seine Abdeckungen herunterzunehmen. Neal Adams, ein Marvel- und DC-Zeichner, trifft gerade mit seiner Frau ein. Seine Signierstunde startet um 10 Uhr und George stellt Mitmenschen und mich „his very good friends“ vor. Wir schütteln Hände, Neal Adams schaut etwas irritiert drein – schräg ist das schon ein wenig. Aber irgendwie auch ziemlich cool.

Was man als durchgehendes Statement für die VIECC2018 hernehmen könnte: Schräg ist das schon ein wenig. Aber irgendwie auch ziemlich cool.

 

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