#82 Herbstzeit

Herbstzeit ist Pflanzzeit. Also pflanzen wir – insgesamt wohl über 600 Blumenzwiebeln: Darunter sind Narzissen und Tulpen, Schneeglöckchen und Krokusse, Schachbrettblumen, Hyazinthen und Allium (was ist der Plural von Allium? Alliume? Allium?). Bei manchen wissen wir bereits, dass eine Pflanzung vergebene Liebesmüh wäre. Gelbe Krokusse zum Beispiel. Das ansässige Amselmännchen ist zum Zeitpunkt der Krokusblüte nämlich eifrig dabei, sein Reviere abzustecken und greift alles in ‚seinem‘ Reich an, was nur annähernd die Farbe eines rivalisierenden gelben Schnabels hat. So die Fachliteratur, die ich konsultierte (also um genau zu sein, es war ein Foreneintrag im Internet), als ich das erste Mal das wild gewordene Amsel-Männchen (wir haben ihn Fritz getauft) wutentbrannt auf einen armen gelben Krokus einhacken sah. Die Anzahl der gelben Krokusse hat sich daraufhin drastisch reduziert (von sicher etwa zwanzig auf mittlerweile null) und Fritz war wohl schon ziemlich nah am Infarkt. Aber ja. Dann halt kein Gelb, dafür weiß und lila, dagegen hat Herr Amsel offensichtlich nichts.

Das Hinterhältige an den Zwiebeln ist, dass die Säckchen, in denen sie kommen, so klein aussehen. Na, denkt man sich, das ist ja gar nicht so viel (siehe Bild unten). Und wenn man – wie die Krokus- und Schneeglöckchenzwiebeln – gleich mehrere in ein Loch stecken kann, dann geht das auch relativ flott. Aber dann kommen die größeren Kaliber an die Reihe, d.h. Allium(e?), Narzissen, Hyazinthen und Tulpen, und auf einmal fällt die Steckgeschwindigkeit steil ab. Denn Zwiebeln steckt man immer ca. zwei bzw. dreimal so tief, wie sie selbst hoch sind. Bei einer zwei Zentimeter hohen Krokuszwiebel geht das ratz-fatz. Ist die Zwiebel auf einmal sechs Zentimeter lang, muss man tatsächlich anfangen, ein eigenes Loch zu graben. Und zwischen Erdoberfläche und Loch gibt es bei uns ziemlich viele Steine. „Wir sind steinreich“, sagt man hier in der Gegend und klopft sich dabei auf die Schenkel. Ich finde den Witz etwas lahm, lächle aber höflichkeitshalber immer ein wenig, wenn jemand den Satz fallen lässt.

Aber zurück zum Thema. Wer kommt überhaupt auf die Idee, so viele Blumenzwiebeln zu setzen, könnte man fragen. Man könnte auch einfach im Frühling nach Holland fahren, sich die ganze Blüte dort vor Ort ansehen und sich den Griff zur Schaufel einfach sparen. Aber! Der Mitmensch möchte im nächsten Frühjahr Bienen einziehen lassen, und will sie mit Futter bestechen. Ob sie ihn deswegen weniger stechen werden? Wir werden sehen. Das Pflanzen hat übrigens nicht ganz so lange gedauert wie befürchtet, wir waren je Mensch wohl etwa vier Stunden beschäftigt. Da hatten wir schon ärgerer Projekte. Trotzdem ist die Mine des Mitmenschen länger geworden, als ich ihn darauf aufmerksam gemacht habe, dass sich unter anderem die Tulpen wohl nach maximal drei Jahren nicht mehr blicken lassen würden. Aber neben den hochgezüchteten langstieligen Blumen haben wir auch eine botanische Tulpe gesteckt, das heißt, eine Wildform, die vielleicht – wenn es ihr denn gefällt – länger bleiben und sich (man will es sich gar nicht ausmalen) von selbst vermehren könnte. (Ich bleibe mal sehr vorsichtig beim Konjunktiv – sie könnte nämlich auch einfach sang- und klanglos überhaupt nicht kommen.) Aber auch da werden wir sehen. Man muss überhaupt bei vielen Dingen im Garten „mal sehen“. Nur eines ist ziemlich sicher. Es wird aber wohl auch in den folgenden Jahren heißen: Der Frühling wird im Herbst gepflanzt.

Her mit der Schaufel.

 

Inktober 2018 Teil 2

Tag 5: Chicken. So. There ist this town in Alaska, a goldrush town. And since there were a lot of ptarmigans (German: Schneehühner), they wanted to call it Ptarmigan. (Yes, very creative, but you’ve got to work with what you’ve got.) But during the meeting (there surely was a meeting) one of the guys stood up and said: „Yeah, I really like the idea of the name ’n stuff, but, you see, we’re kind of simple folks here and this sounds so latin an‘ all and it’s a really complicated name an‘ stuff…“ And then they named it „Chicken“.

Tag 6: Drooling.

Tag 7: Exhausted.

Tag 8: Star.

Tag 9: Precious.

Tag 10: Flowing.

Tag 11: Cruel.

 

#81 Der Wagram

„Rettet den Wagram!“ So heißt es auf einem großen Plakat, wenn man mit dem Zug die Strecke zwischen Hadersdorf am Kampf und Fels am Wagram fährt. Und man denkt sich: Oh nein! Warum muss der Wagram gerettet werden? Und was genau meinen sie mit „Wagram“? Der Wagram ist laut Wikipedia „ein bis zu 40 Meter hoher, langgestreckter Höhenzug in Niederösterreich. Er begleitet die Donau zu beiden Seiten und stellt auf ihrer Nordseite eine steile, weithin sichtbare Geländestufe aus eiszeitlichem Löss dar.“ Ja, die Stufe sieht man. Gerettet werden soll die Geländestufe vor einem Projekt. Man baut dort nämlich einen Stupa, und was man so vom Zug aus sieht, ist der Stupa schon ziemlich weit fortgeschritten. Ich wusste vorher nicht, dass es ein Stupa war. Ich wusste auch nicht, was ein Stupa ist. Ein Stupa ist ein buddhistischer Tempel und der Stupa in Grafenwörth soll eine Friedensstupa und ein Ort des Glücks sein (laut der Homepage für den Stupa). Dort schreibt man:

„Der Stupa ist ein Zeichen des Friedens, der Freude, des Glücks und der Verständigung. Es wird ein Zeichen gegen Zwietracht und Egoismus in unserer globalen Lebenswirklichkeit gesetzt, um Menschen zusammenzuführen und Meinungsaustausch in Gang zu halten und um ein harmonisches Miteinander jenseits von Weltanschauungen und ideologischen Positionen zu ermöglichen. Der Friedensstupa schafft einen Raum der Konzentration. Er ist ein Bauwerk, das Anziehungskraft und Ausstrahlung besitzt, um zum Frieden zusammenzuführen und Frieden zu verbreiten. Er ist ein Ort der Stille und Besinnung.“ (siehe hier)

In Grafenwörth und Umgebung dürfte die Erklärung nicht so gut angekommen sein, von Frieden, harmonischem Miteinander und Freude keine Spur, ein Teil der Bevölkerung hat die Pläne eher als Kampfansage verstanden: Es wurde – wie zuvor in Gföhl, wo der Stupa abgelehnt wurde – eine Bürgerbefragung gefordert, während des Spatenstichs gab es eine lautstarke Demonstration und sogar eine Festnahme. Der Bürgermeister aber steht hinter seiner Entscheidung, das 1,3 Hektar Gebiet für das Projekt freizugeben – 1,3 Hektar, die von Sonnentor-Gründer Johannes Gutmann zur Verfügung gestellt wurden. Es gibt also durchaus Fürsprecher und Unterstützer des Projekts in der Region. Und diese haben sich offensichtlich erfolgreich durchgesetzt, wie es aussieht, denn wie gesagt – der Bau der Stupa sieht ziemlich weit fortgeschritten aus. Das Schild „Rettet den Wagram“ steht immer noch – genauso wie der Wagram selbst.

Ist man übrigens mit dem Auto unterwegs, liest man nichts von der Rettung des Wagrams. Von der S5 aus sieht man nur ein schönes Plakat auf dem „In Wagram Veritas“ steht – und im Hintergrund bilden liegende Weinflaschen die Geländestufe ab.

Vielleicht könnte man sich mal auf ein Schlückchen zusammensetzen.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/6/60/Stupa_am_Wagram_Rohbau_04.jpg/1200px-Stupa_am_Wagram_Rohbau_04.jpg

AHH! Keine Zeit für eine Zeichnung! Weil Inktober! Siehe nachfolgenden Post ^^

#80 Urlaub

Ich war mit dem Mitmenschen auf Urlaub in Schottland. Schottland ist ein großartiges Land und ich fahre immer wieder gerne hin – es gibt viele Lochs, Glens und Bens (also Seen, Flüsse und Berge), fünf Jahreszeiten an einem Tag, großartige Kuchen und überall – wirklich überall – bekommt man Tee. Was man dort alles auf der Straße trifft, ist allerdings erstaunlich. Schafe sind da noch die kleinste Überraschung, wenn sie auf einmal hinter einer Kurve die Straßenseite wechseln wollen und einen stoisch anglotzen, wenn man auf die Bremse springt. Eines späten Abends sind wir eine Viertelstunde hinter einer Hochlandrinderkuh und ihrem Kalb hinterhergezuckelt, in Schrittgeschwindigkeit. Einspurige Straße, links und rechts Zäune und vor uns ein Vieh mit sehr imposanten Hörnern – was bleibt einem da auch anderes übrig? Erlöst hat uns die Polizei, die uns plötzlich entgegenkam und während wir in eine Ausweichstelle zurückgesetzt haben, haben sie (im Auto sitzend und nicht wirklich langsamer werdend) die ohnehin schon sehr nervöse Kuh und ihr Kalb an uns vorbeigedrängt. Wir sahen die Hörner schon das Fenster demolieren, aber die Kuh ist dann im Dunkeln hinter uns verschwunden, samt Kalb und Polizei.

Was es neben dem lieben Vieh in Schottland auch gibt, und an das konnte ich mich nicht mehr so wirklich erinnern – vielleicht liegt mein letzter Besuch in der Gegend nördlich von Glasgow bis Skye schon zu weit zurück und die Gegebenheiten haben sich in der Zwischenzeit geändert – was wir auf jeden Fall in rauen Mengen vorgefunden haben, waren Schlaglöcher. Die Schlaglöcher waren meist am äußeren, d.h. linken Straßenrand platziert, seltener auch mal mitten auf der Straße, und variierten in der Größe von größeren Fäusten bis hin zu Kopfkissen mit 10 bis 15 Zentimeter Tiefe. An einem der letzten Tage, bei einem Ausflug nach Glasgow, durften wir erkennen, dass dies nicht nur ein Phänomen der abgeschiedenen Straßen des Westens ist, nein, auch auf der Autobahn gab (und gibt es wohl immer noch) Schlaglöcher, bei denen ein Achsenbruch befürchtet werden darf. Ich bin mir sicher, wenn irgendwo auf der Welt ein Schlagloch zugeschüttet wird, wandert es direkt nach Schottland aus. Habe ich schon gesagt, dass man auf diesen Straßen meistens nicht ausweichen kann, weil sie zu eng sind? Aber meistens sieht man die Schlaglöcher ohnehin nicht, weil das Regenwasser auf den Straßen so schlecht abläuft (und es regnet doch immer wieder mal), dass sich kleine Seen darauf bilden. Die Schotten lieben halt ihre Lochs. Es kann nie genug Wasser geben. Glücklicherweise kamen wir nie in die Situation, uns zwischen dem Zusammenstoß mit einem entgegenkommenden Auto und dem völligen Einwässern einer am Straßenrand befindlichen Person entscheiden zu müssen. Denn das Wasser muss ja irgendwohin, wenn man durchfährt (und dann merkt man meistens auch, ob sich unter dem kleinen ‚Loch‘ ein großes Loch versteckt).

Die Schlaglöcher sind aber nicht das Schlimmste an den schottischen Straßen. Das Schlimmste sind die Touristen. Nicht die, die auf einen Parkplatz abbiegen, und sich von dort die Landschaft ansehen und wie die Wolken über die gletschergeformten Bens und Lochs ziehen – was wahrlich beeindruckend ist. Nein, ich rede von denjenigen Touristen, die während des Fahrens schauen. Aber dann halt beides nur so halb machen. Wir hatten einen Fahrtag, an dem wir von Uig bis Tarbet am Loch Lomond fuhren. Das sind nicht ganz 200 Meilen. Unser Auto hat uns später die Durchschnittsgeschwindigkeit auf dieser (zum Teil wahrlich pittoresken) Strecke angezeigt: Es waren 37km/h. Ohne Scherz. Und überholen kann man entweder aufgrund von Kurven oder Gegenverkehr nicht. Der Gegenverkehr fährt übrigens auch 37 km/h im Durchschnitt. In Österreich wären die Fahrer der nachkommenden Autos längst Amok gelaufen. Aber dort: Alle halten einen gebührenden Sicherheitsabstand. Niemand hupt. Und so gondelt man durch die Gegend. Schottland, ich habe dich sehr lieb. Aber beim nächsten Mal nehme ich vielleicht doch den Zug.

 

Da ich im Moment keine Schlaglöcher sehen und schon gar nicht zeichnen möchte, hier ein Foto des Hochlandrinds.