#74 Das KHM

Seit 2010 gibt es die Jahreskarte für die unterschiedlichen Sammlungen und Ausstellungsorte des Kunsthistorischen Museums. Damals hat sie noch 29 € gekostet – mittlerweile ist der Preis auf gesalzene 44 € gestiegen. Ich unterstütze die Museen gerne und ja klar, man kann sagen, für sieben Museen ist das noch günstig. Aber ein bisschen schockiert hat mich der Preis dann doch. Und wer kommt schon nach Schloss Ambras in Tirol? Ich nehme es mir zwar bei jeder Jahreskarte vor (und das ist mittlerweile meine 3.), aber ich bin sehr skeptisch, ob es dieses Jahr etwas wird.

Die Jahreskarte ist mir übrigens nicht aufgrund einer besonderen Ausstellung eingefallen. Das hatte eher mit den aktuellen Außentemperaturen zu tun. Die Kunstkammer im Kunsthistorischen ist angenehm gekühlt (siehe auch #65), und ich wollte sowieso ein wenig außer Haus zeichnen, das traf sich ganz gut. Der Mensch an der Kassa fragt mich, wie alt ich sei, denn bis unter 25 zahle man weniger. Ich meine, nein, mit über 30 würde ich diese Hürde wohl nicht mehr schaffen. Er gratuliert mir. Spannend. Und ich dachte schon, die Tage, an denen man an der Kassa nach dem Ausweis gefragt wird, weil man ja Alkohol kaufe, seien vorbei. Sie werden zwar seltener, aber sie kommen offensichtlich in neuen Formen wieder. Da habe ich nichts dagegen. Ich sollte mir öfter eine Jahreskarte kaufen. Jetzt aber hinein.

Vor mir schieben sich zwei etwas beleibtere junge Männer durch die Drehtüre zur Kunstkammer. Die Drehtüre dient dazu, das Klima innen möglichst stabil zu halten und ist offensichtlich gleichzeitig ein Intelligenztest, um die Besucher in „geeignet“ und „ungeeignet“ zu trennen. In welche Richtung dreht sie wohl? Eine junge Familie nach mir scheitert beinahe an dieser Frage, kommt dann aber doch noch hinter das Rätsel. Kaum ist man drinnen, schon fühlt man sich erfrischt. Ich schlendere durch die mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Schätze und suche mir ein geeignetes Zeichenobjekt. Vier Skizzen mache ich insgesamt und stolpere dabei immer wieder den beiden etwas beleibteren jungen Männern über den Weg, die alle Objekte eingehend studieren. Langsam wird es mir peinlich, mich neben sie hinzustellen und den Stift rauszukramen oder zu merken, dass sie sich neben mich stellen. Dann reicht mir das Mittelalter für heute ohnehin. Gerade als ich auf dem Weg nach draußen bin, kommt eine amerikanische Familie herein. Der Vater sagt: „Wow, look at that shit!“ Und ich frage mich schon, wie der wohl das Rätsel mit der Drehtüre gelöst hat. Ich drehe mich um, um zu inspizieren, was er meint. Da steht ein zierliches und detailreich gearbeitetes Schiff aus Silber. Ob er „ship“ gesagt hat? Neeeeeein, sicher nicht. Ich verhöre mich doch nicht.

Links und rechts neben den riesigen Statuen der Theseusgruppe und ihren Fotografen stehen zwei imposante Liliensträuße und schicken ihren schweren Duft treppauf und treppab. Es wird einem beinahe schwindelig, aber wegen ihnen werde ich auf ein Schild aufmerksam: „Stairway to Klimt“. Aha. Keine Ahnung, was das heißen soll, aber gehen wir dem mal nach.

Die Stairway entpuppt sich als 10 Meter über dem Stiegenhaus gespanntes Gerüst, das es den BesucherInnen ermöglicht, einen Teil des Bilderzyklus von Klimt, der sich unter der Decke und zwischen den Säulen befindet, genau ins Auge zu nehmen. Ich liebe es unter der Decke großer Gebäude herumzulaufen und finde solche Konstruktionen toll. Und ich bin nicht die Einzige, neben mir steht gut ein Dutzend Menschen, alle mit Fotoapparaten bewaffnet. Ich natürlich auch. Alle sind sehr höflich und jeder warten, bis jemand sein Foto geschossen hat, bevor er die Seiten wechselt und vom Gemälde „Antike“ zu „Ägypten“ geht. Auch wenn es, wie bei einem chinesischen Touristen, ein wenig länger dauert, bis die wohl riesige Kamera richtig eingestellt ist.

Danach laufe ich noch ein wenig durch das Gebäude und verlasse dann das KHM. Ich kann ja jetzt jederzeit wieder kommen. Gleichzeitig mit mir passieren auch zwei etwas beleibtere junge Männer den Ausgang. Wir sehen uns an und schauen dann schnell wieder weg. Ich glaube, sie glauben, ich verfolge sie. Und ich glaube, sie glauben, dass ich glaube, dass sie mich verfolgen. Und dann gehen wir sehr rasch durch die Sonne in getrennte Richtungen Richtung Schatten.

 

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