#71 Kriecherl

Sommer ist Einkochzeit. Es fängt mit den Erdbeeren an (die heuer einfach nur gegessen, nicht verarbeitet wurden), geht über zu den Kirschen, es folgen die Ribiseln und dann die Stachelbeeren, derer Ernte wir nie Herr werden und so den größten Teil Vögeln und Ameisen überlassen (und dabei sind das nur zwei Sträucher!). Dieses Jahr habe ich mir eine Flotte Lotte ausgeborgt und zum ersten Mal Stachelbeerennektar gemacht, schmeckt ganz ok. Nächstes Jahr vielleicht mehr. Die geborgte Flotte Lotte kommt übrigens aus bella Italia und trägt auf der Verpackung den Namen „Emanuel 2“. Ob wohl alle Küchenhelfer in Italien männliche Namen haben?

Nach den Marillen wird langsam das Wildobst reif, die Kriecherl (auch Mirabellen genannt) gehören dazu. Sie wachsen oft als Teil von wilden Hecken und vermehren sich freudig selbst. Das ist kein Wunder, denn alle Bäume, die ich kenne, tragen so viele Früchte, dass kein Mensch sie alle verarbeiten kann. Letztens war ich mit zwei Freundinnen auf dem Grundstück der Mutter von einer anderen Freundin, um dort die Kriecherllast zu reduzieren. Auch dort haben sich die Kriecherl offensichtlich freudig selbst vermehrt, die halbe Hecke besteht aus ihnen und – laut der einen anderen Freundin, deren Mutter der Garten gehört – verwendet sie niemand. Die Äste waren brechend voll und die gelben zwar noch nicht reif, dafür aber die roten. Mit einem Rechen etwas an den Ästen gerüttelt, und schon hagelt es die etwa kirschgroßen Früchte. Dann fängt es ein wenig zu regnen an – nicht Früchte, sondern Englandwetterregen. Aber wir sind ja nicht aus Zucker. Wir holen die Leiter und pflücken per Hand weiter, um nicht die Hälfte aufgrund von Flugschäden aussortieren zu müssen. Es sind sicher 10 bis 12 Kilo, die wir sammeln – man sieht es dem Baum aber nicht an, die Äste sind immer noch ziemlich voll. Nochmal Dank an die Gartenbesitzerin!

Zu Hause entkerne ich einen Teil der Beute: Gerne spritzt der süßsaure Saft dabei beim Aufschneiden der Früchte in alle Richtungen. Alles pickt. Früchte abwiegen, Gelierzucker abwiegen, vermischen, einen Schuss Rum dazu (geht immer) und für eine Stunde ziehen lassen. In der Zwischenzeit Gläser sterilisieren – ich nehme dazu Alkohol aus der Apotheke. Auskochen ist mir zu aufwändig und nachher hat man Kalk an den Gläsern, da geht das Auswischen mit Alkohol wesentlich einfacher. Die Dame aus der Apotheke, bei der ich den Alkohol letztens gekauft habe, hat mir gesagt, sie sterilisiert ihre Gläser immer bei 100 bis 150 Grad im Backofen – auch eine gute Möglichkeit. Wie wir aufs Einkochen gekommen sind? Die fragen einen dort immer, wozu man den hochprozentigen Alkohol braucht…

Also: Langsam erhitzen, dann fünf Minuten kochen lassen, Gelierprobe auf einem Teller, der im Tiefkühlfach war, Marmelade wird fest – super, fertig! In die Gläser füllen, versuchen, dabei nicht so viel zu patzen weil durch den Zucker ist jetzt alles noch viel pickiger, Glasrand sauber machen, Deckel druff (Achtung, heiß! sehr heiß!), umdrehen, fertig.

Apropos Wildobst: Der Hollunder wird reif. Mir gehen die Gläser aus.

 

PS.: Manchen mag die Kriecherlmarmelade mit dem Gelierzucker 3:1 zu sauer sein – aber ich finde, so schmeckt sie fast wie das Knister-Zeug, das man sich als Kind auf die Zunge geleert hat…

 

4 Gedanken zu „#71 Kriecherl

  1. Also wenn ich „Flotte Lotte“ und „Emanuel(le)“ in einem Satz hoere denke ich an ganz was anderes 😉

    Dass das eine Passiermuehle ist, darauf waere ich nie gekommen … (ohne Wikipedia).

    • 😀 Ich glaube ich kenne die irgendwie vom Fernsehen, zu Hause haben wir sowas (soweit ich weiß) auch nicht gehabt – auf jeden Fall habe ich sie in meiner Umgebung nie in Verwendung gesehen. Ich muss mal meine Oma fragen, ob sie eine hat 🙂

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