#66 Manner

Das hier soll keine Werbeeinschaltung sein, aber eine offene Packung Neapolitaner-Schnitten liegt neben mir am Schreibtisch. Beim Skifahren war immer eine Packung dabei, die meistens bei der Heimfahrt im Bus gegessen wurde – gut gekühlt (oft ein wenig zu kalt), leicht angestoßen und bröselig vom einen oder anderen Sturz oder einem kleinen Stoß am Sessellift. Im Sommer und beim Baden waren ja eher Leibnitz-Butterkekse dabei, da kann nichts schmelzen und die Ameisen interesserieren sich auch nicht so rasend dafür, aber bei den momentanen Temperaturen sind Mannerschnitten auch mal ok.
Farbe und Form der Verpackung ist ja unverkennbar. Der Geruch auch, aber den kenne ich noch nicht so lange. Also nicht den Geruch von fertigen Manner- oder Mignonschnitten, wenn man die Packung aufmacht, sondern den süßlichen, den schweren der Manner-Fabrik, die im 17. Bezirk steht, und der einem hier in der Gegend des je nach Luftdruck, Windrichtung und Produktionszyklus um die Nase weht. In Kombination mit dem Geruch der Hefe der Ottakringerbrauerei eine manchmal ziemlich schlagkräftige und gewöhnungsbedürftige Mischung.

Ich habe mich ja nie gefragt, warum der Stephansdom auf der Mannerschnittenpackung prangt. Jetzt weiß ich es trotzdem: Das erste Geschäft lag am Stephansplatz (man verkaufte Schokolade und Feigenkaffee, einen sogenannten „Fruchtkaffee“ – wie auch immer man sich das geschmacklich vorzustellen hat) und 1889 hat Herr Manner den Domals als das Markenzeichen von Josef Manner & Comp. AG eintragen lassen. Jahre später, als das Unternehmen wuchs, sagte man sich wohl, es solle der Schaden des Domes nicht sein, dass man unter seinem Zeichen so schön wächst und gedeiht (oder so stelle ich mir das vor, vielleicht sind aber auch die Ministranten des Stephansdoms einmal auf Besuch gekommen und haben den Feigenkaffee ausgeleert): Jedenfalls finanziert Manner seitdem einen Steinmetz der Dombauhütte St. Stephan und trägt somit ständig zur Erhaltung des eigenen Wahrzeichens und dem der Stadt Wien bei. Ja. So ist das.

Und wenn wir schon dabei sind, es gibt ein weiteres Legendenstück: Man munkelt, früher habe es im Mannershop Mannerbruch, die langen Randteile mit gehärteter, überquellender Schokolade in Plastiksackerl zu kaufen gegeben. Heute, auf Nachfrage hin, hat man mir versichert, dass das nicht mehr verkauft werde. Was total gemein ist, denn von allem anderen gibt es Bruch, sogar von Rum-Kokoskugeln! Wohin geht der Mannerbruch, wenn nicht in die Mägen der Kundschaft? Gibt es ihn vielleicht gar nicht mehr, weil milimetergenau produziert wird? Wird der Mannerbruch zu horrenden Preisen am Schwarzmarkt gehandelt? Oder landet er nur mehr auf den Tellern und in den Naschschüsselchen der Schönen und Reichen? Und wieso eigentlich Neapolitaner? Was haben die Italiener damit zu tun? (Jaja, das kommt daher, weil damals, ein paar Jahre vor 1900, die Zutaten dafür noch aus der Gegend um Neapel kamen.) Trotzdem. Irgendetwas stimmt da nicht. Vielleicht sollte man den Ministranten am Stephansdom mal einen Überraschungsbesuch abstatten…

 

2 Gedanken zu „#66 Manner

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