#45 Laxenburg

Laxenburg hat laut seiner Homepage etwa 2900 Einwohner. Die Besucherzahlen im Schlosspark Laxenburg gehen pro Jahr gegen eine Million. Das heißt, dass im Durchschnitt pro Tag fast so viele Leute den Park besuchen, wie in der Gemeinde wohnen. Im Sommer ist es gedrängter und an die Wochenenden will man gar nicht denken. Wenn man da nicht vom Tourismus lebt, zieht man wahrscheinlich weg, denn was zu viel ist, ist zu viel. In der kargen Jahreszeit aber ist alles ein wenig entspannter, obwohl der Parkplatz beim Haupteingang auch an diesem Sonntag im Jänner gut gefüllt ist. Der Wetterbericht verspricht in Wien Fönsturm, in Laxenburg weht nur ein mildes Lüftchen, die Hüte bleiben auf den Köpfen. 2,60 € kostet der Eintritt, wir zahlen – vorbildlich vorbereitet – die 5 € und 20 Cent genau.

Der Schlosspark hat eine Fläche von etwa 2,8 Quadratkilometern und nimmt damit mehr als ein Viertel der ganze Gemeindefläche ein. Wir beginnen den Weg nicht schnurgerade zur Kaiser Franz-Büste (wie alle anderen), sondern biegen scharf links ab, vorbei an einer kleinen Baustelle. Nicht besonders romantisch, aber menschenleer. Der Weg bleibt auch einsam und mutiert schließlich zum Trampelpfad. Die Schritte werden etwas langsamer und wir fragen uns, ob wir hier wirklich richtig sind. Ein einsamer Läufer kommt uns entgegen und ignoriert uns. Wir sind total richtig, stelle ich fest. Mitmensch schaut skeptisch. Aber wir gehen weiter. Und da, plötzlich, wir sind irgendwie an den äußersten Rand des Parks gelangt, leuchtet uns eine kleine gelbe Fläche entgegen. Es sind Dutzende kleine Blumen, Frühlingsboten, die in Österreich zwar nicht heimisch sind, die man aber im 18. Jahrhundert gerne in Landschaftsparks gesetzt hat – so einen wie Laxenburg eben. Total richtig! Wir freuen uns und ich fange an, laut darüber nachzudenken, wann man denn eigentlich die Tomaten setzen kann, offensichtlich hat der Frühling ja bereits Einzug gehalten. Mitmensch versucht zu bremsen und meint, wir seien ja noch mitten im Winter. Ich weise demonstrativ auf die breite Blumenfront (dass sie Winterlinge heißen, konnte zu diesem Zeitpunkt ja noch niemand ahnen) und setze die Mütze ab. Es ist ja schon fast heiß in der Sonne.

Wir gehen weiter, das Tomatenthema wird verschoben. Da, die Ruine eines Ziegelbaus mit einem seltsamen, sternförmigen Grundriss. Wir sind tatsächlich auf dem richtigen Weg, das ist das „Haus der Laune“, das nur wenige Jahre nach seiner Fertigstellung Ende des 18. Jh. zerstört und dann zu einem einfachen Lusthaus umgebaut wurde. Seitdem nagt die Zeit daran und noch immer schaben ihre Zähne über Mörtel und Ziegel. Man lässt sie. Ich stelle mir vor, dass das Haus der Laune voller Spiegel war, deren blinde Scherben unter Staub und Blättern begraben liegen, samt den Spiegelbildern. Eine andere Zeit.

In Laxenburg verschiebt sich die Zeit ohnehin, denn auch was da im 18. Jahrhundert erbaut und gestaltet wurde, war damals schon aus der Zeit gefallen: Rittergruft und Rittersäule sind wie auch der Turnierplatz Bestandteile des „Rittergaus“ des Parks. Eine romantische Idee, kitschig, einen Mythos beschwörend und eine vermeintlich einfache Zeit. Die Ritter wussten noch nichts von Napoleon, den Kriegen und der späteren Besatzung. Sie wussten auch noch nichts vom Bootsverleih, der am künstlich angelegten See angesiedelt ist und im Sommer mit ruderfreudigen Touristen lukrative Geschäfte macht. Jetzt aber ist Winterpause und in der Franzensburg auf der kleinen Insel hallen die eigenen Schritten wider. Es riecht nach feuchter Mauer, die Sonne steht noch nicht hoch genug, um in den Hof zu spähen. Wenige Minuten weiter gelangen wir an zur ebenfalls künstlich angelegten Grotte, die mit Bauzäunen versperrt ist. Ein Trampelpfad zwängt sich am Baugitter vorbei, wie – verwegen! – auch wir, und wir besehen uns das Innere der Grotte. Ein Graffiti prangt auf der steinernen Wand und es riecht feucht und kühl. Eine Kuppel aus Stein, ein Zugang zum Wasser. Im Sommer sicher hübsch und angenehm. Jetzt eher unspektuakulär. Wir zwängen uns durch den Bauzaun wieder nach draußen ins sogenannte Sophiental, in dem verstreut einige seltene Bäume wachsen. „Tal“ ist ein etwas großspuriger Begriff für die kleine Senke, aber das gehört sich hier so. Der „Wasserfall“ fällt auch in diese Kategorie, man darf da nicht so kleinlich sein.

Der Rückweg zum Eingang entpuppt sich länger als gedacht, vor allem, wenn sich der Hunger langsam breit macht und man viel Zeit hat, darüber nachzudenken, was man denn zu Hause kochen könnte. Die Schritte werden immer schneller, keine Zeit mehr für den alten, 500 Quadratmeter großen Eiskeller oder die Kapelle beim Filmarchiv. Beim nächsten Mal dann. Eine einzelne Banane reicht halt nicht sehr weit als Proviant. Der Wind frischt etwas auf, als wir zum Ausgang gelangen. Ein schräges Gelände. Laxenburg, wir kommen wieder.

 

Zeichnung folgt!

 

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