#35 Der Wiener Wald

Der Wiener Wald gehört noch zu den Alpen. Das wusste ich nicht. Er ist der nordöstlichste Zipfel der den Alpen zugehörigen Region und schafft so eine für mich eher überraschende Verbindung zwischen dem Wiener Wald und Monaco. Wald ist fabelhaft und Laubwald – wie eben den Wiener Wald – ist ohnehin wahnsinnig schön. Wir gehen oft einfach etwas kreuz und quer durch, und letztes Mal sind wir dabei in einen Teil gekommen, in dem wir das gesehen haben:

Das kann einem nur im Wiener Wald begegnen, haben wir gemeint: depressive Bäume. Zu Hause habe ich ein wenig recherchiert, bin aber schnell weg von den depressiven Bäumen und hin zur beruhigenden, antidepressiven Wirkung von Bäumen auf die menschliche Psyche und den positiven Einfluss auf die Gesundheit gekommen.

In letzter Zeit gab und gibt es einige Studien dazu, die ich ganz interessant finde: Seit dem Jahr 2008, so habe ich gelernt, leben zum ersten Mal in der Geschichte der Menschheit mehr Menschen in Städten als außerhalb von ihnen. Das ist per se nichts Schlechtes, da global gesehen die Gesundheitsversorgung innerhalb von Städten besser ist als jene auf dem Land, Städte höhere Bildungschancen bieten (vor allem für Frauen) und es mehr kulturelle Möglichkeiten gibt. Negativ für Stadtbewohner ist z.B. das höhere Risiko für psychische und  stressbedingte Krankheiten (u.a. ausgelöst durch Luftverschmutzung und Lärm). Da ist auch die höhere Chance auf Behandlung kein wirklich guter Ausgleich dafür.

Die Natur aber kann hier präventiv wirken: In Schottland wurde eine Studie zu Grünbereichen in Auftrag gegeben und je näher Menschen an Grünbereichen (d.h. sei es auch nur ein Park) leben, desto seltener leiden sie an stressbedingten Krankheiten. Diese Auswirkungen zeigen sich vor allem bei den ärmeren Bevölkerungsschichten deutlich. Dass das interessant und wichtig ist, hängt damit zusammen, dass Gesundheit mit dem Einkommen korreliert: Je wohlhabender jemand ist, desto länger lebt er oder sie. Nähe zur Natur aber kann die Gesundheit unabhängig vom Einkommen verbessern. Da muss ich an die älteren Herren im Augarten denken, die dort jeden Tag Boule spielen. Go for it! Es kommt mir aber auch die seltsame Baumgrenze zwischen 8. Bezirk und 16. Bezirk in den Sinn: Sobald man den Gürtel von der Innenstadt her kommend zum 16. überquert, ändert sich das Stadtbild gewaltig. Warum? Weil es mit einem Schlag keine Bäume mehr gibt. Die wenigen Parks nahe des Gürtels sind versteckt und mini oder zwischen zwei Fahrspuren eingeklemmt. Ich bin gespannt, was am Johann-Nepomuk-Berger-Platz passiert, der mit der Verlegung der Straßenbahnschienen ja auch umgestaltet werden soll. Mehr Baum? Mal sehen. Aber auch dann ist der Bereich für das, was ich einen echten Park nennen würde (ich möchte mindestens zehn Minuten herumgehen können, ohne ein Auto zu sehen), viel zu klein.

Zurück zu den positiven Wirkungen. Natur und vor allem Wald wirken postiv auf depressive Momente und das ständige repetative Wiederholen negativer Erfahrungen: Etwa 90 Minuten Bewegung in der Natur sollen den Teil des Gehirns deaktivieren, der sich mit negativen Gedanken beschäftigt, weil die Aufmerksamkeit nach außen gelenkt wird: Die Sinne werden wach, man nimmt die Umwelt auf einmal wieder wahr und wird so aus dem negativen Kreislauf gerissen. Die Kontrollgruppe der Studie, deren Teilnehmer 90 Minuten lang in der Stadt herumliefen, konnte keine positiven Wirkungen vermerken. Finnische Wissenschaftler geben als Minimum fünf Stunden im Monat (!) an, die man an der frischen Luft (Park, Wald) verbringen sollte, um präventiv gegen leichte Depressionen zu wirken. Aber auch schon weniger Zeit mit Baum und Blatt helfen, sich zu entspannen und erfrischt ans Werk gehen zu können.

Doch egal ob fünf Minuten im Park oder zwei Stunden Wandern durch den Wiener Wald, wenn man positiven Einfluss auf Gemüt und Denken spüren möchte und dem Frontallappen seines Gehirns die Möglichkeit zu Entspannung bieten will, dann muss man auf Smartphone und Kopfhörer verzichten. Denn die ständige Erreichbarkeit bzw. die fortwährende Beschallung heben den positiven Effekt der Natur offensichtlich ziemlich effektiv wieder auf. Und wenn man schon dabei ist, vielleicht sollte man dann auch die depressiven Teile des Wiener Waldes besser meiden. Richtung Monaco gibt es sicher noch das eine oder andere schöne Waldstück.

 

 

Buch hierzu mitsamt den Studien: Florence Williams: The Nature Fix. Why Nature Makes Us Happier, Healthier And More Creative. 2017.

2 Gedanken zu „#35 Der Wiener Wald

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