#34 Am Friedhof

An Allerheiligen besucht man den Friedhof und zündet ein Licht an. Manche Angehörigen kommen schon das Wochenende vorher, um das Grab aufzuräumen, damit man sich nicht schämen muss, wenn alle anderen kommen. Wenn sie an Allerheiligen dann an Gräbern vorbeigehen, bei denen das Heidekraut vertrocknet und das Kerzenglas zerbrochen ist, machen sie „tz tz tz“ und schütteln den Kopf.
Ich mag Friedhöfe, wenn nicht gerade Allerheiligen ist. Es sind sehr ruhige Orte mit meist großen Bäumen und stillen Menschen (also ich meine die, die herumlaufen). Das findet man nicht sehr oft, vielleicht noch bei Mahnwachen, manchen Prozessionen oder sehr langen Wanderstrecken. (Oder dieser kurze Moment, wenn der Vorhang im Theater aufgeht.) An Allerheiligen aber bricht das Chaos aus. Nicht unbedingt am Friedhof, das habe zumindest ich noch nicht erlebt, dort sind die meisten nur am Suchen oder haben schon gefunden. Aber drumherum. Der Vertrauensgrundsatz wird außer Kraft gesetzt und Menschen, deren Reflexe nicht mehr zu den Besten zählen und deren Beziehung zum Auto eigentlich nur mehr platonisch zu nennen ist, finden, es wäre Zeit, die alte Liebe doch noch einmal auszuführen bzw. auszufahren. Wann, wenn nicht zu Allerheiligen. Die Parkplätze sind voll und man muss aufpassen, nicht von älteren Herren angefahren zu werden, welche – andere ältere Herrschaften im Gepäck – den Tunnelblick „freie Parklücke“ entwickelt haben. Menschen, die die Straße queren, oder gar andere Autos haben da keine Relevanz mehr. Von sicherer Position aus betrachtet, bietet sich ein wahres Schauspiel, wenn die anderen Fahrzeuginsaßen mit hektischen Gesten dem Fahrer (mit Hut) quer übers Gesicht wedeln, wo sie denn gerade eine Lücke erspäht hätten, während der Fahrer plötzlich stockend abbremst (ja, das geht), mitten auf der Straße wendet (oder einfach den Rückwärtsgang einlegt), und der vermeintliche Parkplatz sich dann doch als Garagenausfahrt entpuppt.
Einige Städte, zum Beispiel Braunau, ändern zu Allerheiligen im Gebiet der Friedhöfe ihre Verkehrsführung und die Parkplatzregelungen, in Wien fahren die Straßenbahnen zum Zentralfriedhof in kürzeren Abständen und auch hier gibt es Umleitungen vor Friedhöfen, die gröbere Staus vermeiden sollen.
Wir haben uns an Allerheiligen für einen Spaziergang im Wald entschieden.

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