#32 Breitenseer Lichtspiele

Früher war Breitensee mal ein Weinbauort. Das ist jetzt schon ein paar Jahre her, damals lag es noch in „Unterösterreich“ – womit wahrscheinlich vielleicht früher mal Niederösterreich gemeint war (oder nur ein Teil davon?). Wer da Genaueres weiß, bitte melden, denn ich habe meinen Sachkundeunterricht in Oberösterreich genossen und weiß nur über Salz und diverse Vierteln Bescheid.

Vormals Unterösterreich, heute Penzing, dem 14. Gemeindebezirk von Wien – wenn das kein Aufstieg ist. Beitensee hatte übrigens bis 2005 einen eigenen kleinen Prater mit Fahrgeschäften. Seit 2007 ist statt dem Prater dort ein Parkplatz. Wie nett.

Jetzt hat Breitensee noch (Betonung auf „noch“) die Breitenseer Lichtspiele, „das älteste dauernd bespielte Kino der Welt“. Dieses Kino will ich seit Jahren besuchen – und spätestens dann, wenn wieder einmal die Nachricht kommt, dass das Kino eventuell zusperren werde müsse, nehme ich es mir ganz fest vor. Vor dem Sommer war es wieder soweit (das klingt jetzt zynisch, aber das Kino ist regelmäßig in Geldnöten): Man wisse nicht, wie lange man den Betrieb noch aufrecht erhalten könne, bis Oktober kann er noch finanziert werden, was dann passiert, stehe in den Sternen. Ich war motiviert und habe mir sofort das Programm angeschaut. Leider haben die Breitenseer Lichtspiele genau da ihre Sommerpause begonnen.

Na gut. Um es nicht wieder zu vergessen, habe ich es mir diesmal sogar in den Kalender eingetragen und seit September gibt es wieder Kino im Lichtspielhaus. Ich gehe in eine frühe Vorstellung an einem Montag. 16:30. Es spielt „Der Hofrat Geiger“. „Der Hofrat Geiger“ wurde zu einer Zeit gedreht, als Amtsgänge noch so aussahen wie der von Asterix auf der Suche nach dem Passierschein A38 und die SPÖ bei den ersten Nationalratswahlen 1945 mit 44,60% zweite hinter der ÖVP mit 49,80% wurde. Die Geburtsstunde der großen Koalition. (Nein, das ist wirklich kein Grund, sentimental zu werden.) Von Politik aber merkt man ohnehin wenig im „Hofrat Geiger“, auch wenn klar gemacht wird, dass der Herr Hofrat mit Machtergreifung der Nazis sein Amt niederlegte und im Jahr 1947 wieder eingesetzt wird.

Soweit sind wir aber noch nicht. Zunächst einmal stehe ich nämlich alleine vor dem Kino und wundere mich, ob es denn tatsächlich noch offen hat, denn die Türen sind verschlossen, obwohl es schon Viertel nach Vier ist. Dann huscht ein Mann mit Pferdeschwanz heraus, verschwindet kurz um die Ecke und sperrt, wieder zurück, das Kino auf. Ich warte zwei Anstandsminuten lang und folge. Ich kaufe ein Ticket (9 €) und er meint, er drehe mir schon mal das Licht im Saal auf. Ich schaue mich kurz im Eingangs- und Kassenbereich um: Die Holztäfelung ist blaugrün gestrichen, auch die alte Kassa-Box, die offensichtlich nicht mehr verwendet wird. Es hängen Filmplakate an den Wänden, viele Flyer liegen auf. Man kann Erdnüsse, Mannerschnitten, Milka-Tafeln und einzelne Schokobananen kaufen, denen die Zeit einen leicht weißlichen Überzug verpasst hat. Ich gehe in den Vorführungssaal, der sehr lang ist, 20 Reihen mit jeweils ca. 9 Plätzen – es gibt sogar eine kleine Loge ganz hinten. So viel Platz, nur für mich. Aber vielleicht kommt ja noch jemand. Der Boden ist aus schwarzem Linoleum, glaube ich, und die Klappsesseln sind aus Holz. Ganz vorne steht ein Klavier – manchmal werden hier Stummfilme mit Live-Musik begleitet. Die Breitenseer Lichtspiele geben sich Mühe, etwas zu bieten, was man sonst selten oder nie erlebt, um Publikum anzuziehen. So gibt es hier etwa „Strickfilme“, Filme, bei denen das Licht nicht ganz gelöscht, sondern nur gedämpft wird, damit man Stricknadeln und Wolle sehen kann. Heute bleibt die Besucherzahl wohl eher gering, der Film fängt gleich an und ich bin noch immer alleine. Da trippelt es neben mir. Ein pelziges Etwas huscht vorbei: eine Maus! Ich folge ihr durch die Reihen, sie verschwindet in den Lüftungsschlitzen hinter der Heizung. Von dort sieht man zwar nichts, aber vielleicht strickt sie ja daneben, da sind die Bilder eh nicht so wichtig.

Als ich hinausgehe, passt mich die Besitzerin der Breitenseer Lichtspiele, Anita Nitsch-Fitz, ab: „Hat’s Ihnen g’fallen?“, und dann erzählt sie noch, dass an zwei Tagen im November nicht nur Stummfilm-Pianist Gerhard Gruber, sondern auch Stummfilm-Erzähler Ralph Turnheim kommen, um gemeinsam drei Filme von Laurel und Hardy mit Musik und wienerischen Reimen zu untermalen. Einen kleinen Vorgeschmack, wie Herr Turnheim das so macht, kann man sich hier bei einer Tarzan-Vertonung ansehen:

Gespielt wird „Big Business“ (1929), „Liberty“ (1929) und „Leave em Laughing“ (1928), am 24. und 25. November um 18:30 in den Breitenseer Lichtspielen.

 

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