#25 Wanderführer

Der Wanderführer verspricht unter „Hollenburger Wetterkreuz und Maria Ellend“ „volkommenes Wanderglück!“ Ja, inklusive Rufzeichen. Die Wanderung dauert am Papier viereinhalb Stunden. Wir starten um halb 9 im schönen Nussdorf und wandern durch die Weinberge auf den Hollenburger Berg. Wir haben bereits drei Wanderungen mit dem Wanderführer hinter uns und wissen um gewisse originelle Formulierungen. Bisher hat das zu nur relativ geringen Verzögerungen geführt. Bisher. ABER! Dieses Mal lässt uns sowohl Wanderführer als auch Wegmarkierung innerhalb der ersten Stunde im Stich. „Rechts haltend in Nordrichtung empor zu einer Anhöhe (400m; Durchblick zur Wetterkreuz-Kirche!) am Plateau des Hollenburger Berges.“ Wir erreichen das Plateau. Zumindest ist es in unseren Augen das erste Plateau, das wir auf dem Weg gesehen haben. Zuerst aufwärts, dann flach. Das verstehe ich unter Plateau. Vorher: Nichts flach. Hier oben aber: flach. Danach geht es auch wieder runter. Das müsste also das Plateau sein. Aber kein Durchblick weit und breit. Und was danach im Wanderführer steht, wirft uns arge Falten auf die Stirn und führt zu weitläufigen Diskussionen: „Jenseits auf Fußweg 40 Höhenmeter steil nach Norden abwärts, dann weniger steil zum rot und blau bez. Querweg Nr. 475 (‚Tullnerfelder Rundwanderweg‘) und diesen rechts haltend in den Sattel (350m; Weingärten) vor dem Schiffberg.“ Vor dem Schiffberg was? Aber soweit kommen wir ja gar nicht, dass uns diese Frage interessieren könnte. Ich stecke schon bei „Jenseits“. Jenseits von was? Vom Plateau? In welcher Richtung bitte liegt denn Jenseits? Metaphysisch gesehen hätte ich ja eine Idee, aber das war eindeutig nicht Ziel dieser Wanderung. Und wenn „jenseits“ einfach „auf der anderen Seite“ heißt, wo ist dann bei einem Plateau, von dem links und rechts jeweils ein Weg wegführt, die andere Seite? Und egal auf welcher Seite vom Plateau – keiner der beiden Wege führt 40 Höhenmeter steil nach unten. Alles schlingert und wellt. Wir versuchen den einen und auch einen anderen Weg – alles seltsam und kein rot und blau bezeichneter Querweg in Sicht. Kein Schild und keine Wegmarkierung weit und breit. Kann doch nicht sein? Der Wanderführer verspricht GPS-Daten. Wir versuchen es. Die Website will ein Passwort aus dem Buch. Wir geben das Passwort ein. Dreimal. Dreimal sagt die Website, das Passwort sei falsch. Wir fluchen auf die beiden Wiener Wanderschreiber, den Verlag und das Buch und stöbern dabei ein Reh auf, das einen Meter neben uns im Gebüsch stand. Alle drei beteiligten Parteien (ich, Mitwanderer, Reh) erleiden einen mittleren Herzinfarkt. Wir geben aus gesundheitlichen Gründen das erste Etappenziel, also die Wetterkreuz-Kirche, auf und schlagen uns der Nase nach Richtung Krustetten – dem nächsten Zielort – durch. Irgendwie landen wir auf der Landstraße und dampfen in einer Mischung aus Zorn und Enttäuschung vor uns hin. Zwischenziele nicht zu erreichen hat etwas deprimierendes.

In Krustetten lauert das nächste Hindernis: Man solle bei einer Verzweigung im oberen Ortsbereich den ‚Canada-Weg’ finden. Wir finden ihn nicht. Wir sehen Menschen, Einheimische, fragen nach. Kopfschütteln. Einen Canada-Weg? Gibt’s hier nicht. Es gäbe einen Oberen und einen Unteren Waldweg, versucht man zu helfen. Wir nehmen den Weg, der am ehesten dem roten Strich auf der Mini-Karte entspricht und hoffen. Der Weg heißt „Göttweig“, weil er Richtung Göttweig führt. Man denkt hier kleiner, alles was über der Donau liegt – geschweige denn über dem Atlantik – ist hier wahrscheinlich schon „jenseits“. „Göttweig“ stellt sich als richtiger Weg heraus und wir wandern über das „Rote Kreuz“, „Maria Ellend“, noch ein „Rotes Kreuz“, das „Rampelkreuz“ über das „abgebrochene Kreuz“ weiter zum „weißen Kreuz“ (alles offensichtlich alte Grenzmarkierungen, von Göttweig katholisch überstrahlt) und schließen die Runde in Nußdorf. Auf dem Weg von der Ortsgrenze Krustetten bis zurück nach Nußdorf begegnet uns auf der ganzen Strecke nur ein einziger Mensch (Ausnahme: der Gasthof bei Maria Ellend, dort war es ein ganzes Dutzend). Wir hegen die schwere Vermutung, dass die anderen Wanderer alle noch immer die Wetterkreuz-Kirche suchen. Mein Mitwanderer ist überzeugt, dass die Verfasser nur bis in die Weinberge von Nußdorf gekommen seien und ab dort alles frei erfunden haben.

16 Kilometer und 25.300 Schritte später sind wir zurück beim Auto. Es ist jetzt halb drei. Nur eineinhalb Stunden länger als geplant. Davon eine Dreiviertelstunde Pause im Gasthof bei Maria Ellend und man weiß nicht wieviel Zeit für Diskussion, Suche, Vor- und Zurückgehen und Stirnrunzeln. So fühlt es sich also an, das „vollkommene[] Wanderglück!“ Ich überlege stark den Wanderführer trotz seiner sich nicht umweltfreundlichen Beschichtung einfach zu verheizen.

Franz und Rudolf Hauleitner: Wachau. Mit Dunkelsteiner Wald, Nibelungengau und Strudengau. München 2011. S. 32-34.

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