#9 Ostermarkt

„Willkommen bei der ÖBB“, eine Fahrt nach Wien. Schräg vor mir sitzen vier Jugendliche, zwei Mädchen, zwei Burschen, ich schätze sie mal auf ca. 17 Jahre. Sie unterhalten sich u.a. darüber, wie verwirrend das Wort „davorstehend“ sein kann, wenn man es aus der Sicht von Wörtern im Satz betrachtet und es dann ja auch das nachstehende Wort meinen kann, weil das ja quasi dann vor dem Wort steht (also wenn das eine Wort das folgende Wort ansehen würde). Offensichtlich wurde einer der Buschen dafür gerügt, dass er die Sache falsch (also aus Sicht des Wortes) verstanden hat. Mit virtuoser Rhetorik kann er alle anderen drei davon überzeugen, dass er Recht hat („Ein Satz ist wie ein fahrender Zug – da ist ja auch dort vorne vorne.“). Jahaaa… Sie wechseln das Thema, es geht jetzt um die Schlümpfe:
Bursche 1: „Ich hab mal gehört, Gargamel ist ein Jude.“
Mädchen 1: „Waaaas?“
Mädchen 2: „Psssst!“
Bursche 1: „Ja, dass er alles erfüllt, wie man sich vorgestellt hat, dass Juden so sind.“
Bursche 2: „Nein, das stimmt nicht. Er hat ja eine Katze, ein Haustier kostet ja was.“
Mädchen 2: „Und die Schlümpfe sind die Nazis.“
Mädchen 1: „Alle gleich!“
Bursche 2: „Genau, alle blau und blond!“
Den Rest der Zugfahrt war ich damit beschäftigt meine erstaunt hochgezogenen Augenbrauen wieder herunterzuholen. Die Schlümpfe sind doch, soweit ich mich erinnern kann, belgisch und in den 60er-Jahren…? Naja, das muss ja nichts heißen. Recherchen zu Hause ergaben, dass vor ein paar Jahren tatsächlich ein französischer Wissenschaftler namens Antoine Buéno diese These vertreten hat: Die Schlümpfe sind eine reinrassige Gesellschaft (wobei – mit wem sollten sie denn sonst…? Bei der Größe…?), Papa Schlumpf ist der Diktator, die blonde Schlumpfine das arische Idealbild (*), etc. Ein launiger Artikel der Presse dazu aus dem Jahr 2011, dem ich diese Informationen entnehme, kommentiert die Aussage, Gargamel sei „eine antisemitische Karikatur“ damit, „dass Gargamel eher aussieht wie Erwin Pröll, wenn er länger nicht beim Friseur war“. Ein Bild, das man auch nicht so schnell wieder los wird.

Übrigens hat sich gegen Ende der Zugfahrt herausgestellt, dass ich mit der Alterseinschätzung etwas daneben lag. Es handelte sich um Ethnologie-StudentInnen.

And now to something completely different:

Der Altwiener Ostermarkt. Ich besuche den Altwiener Ostermarkt / Weihnachtsmarkt ja vorrangig, um dort Scheibbserkugeln zu kaufen (und im Winter mal einen Glühmost). Scheibbserkugeln sind so gut, dass es eigentlich schon fast eine Frechheit ist. Sie bestehen aus zwei Haselnussmakronen, die mit Haselnusscreme zusammengepappt werden, einer Marzipanhülle und dann werden sie noch in Schokolade getunkt. Glücklicherweise haben die Leute am Stand der Konditorei Reschinsky immer einen guten Vorrat parat. Nachdem der Scheibbserkugel-Kauf erledigt war, habe ich mich auf andere Dinge konzentriert: Ostereier, wohin das Auge reicht. Auf der Suche nach einem Motiv für diese Woche habe ich sie mir dieses Jahr tatsächlich auch angesehen. Was es nicht alles gibt. In Schwarz und Gold, mit Häschen-Motiven und Schmetterlingen, mit Häschen aber ohne Schmetterlinge, Blumen überall, mit Perlen, ohne Perlen, mit Glitter in allen möglichen und unmöglichen Farben und natürlich in Pastell:

Naja. Da sind mir die Scheibbserkugeln dann doch lieber.

 

Der Link zum Presse-Artikel über die Schlümpfe: http://diepresse.com/home/meinung/pizzicato/669750/Die-Schluempfe_Nazis

Der Link zur Konditorei Reschinsky: http://www.reschinsky.com/

(*)Man erinnere sich an den Witz, wie ein echter Arier aussehe: Blond wie Hitler, groß wie Goebbels, schlank wie Göring und blauhäutig wie Eva Braun.

Ein Gedanke zu „#9 Ostermarkt

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