Dante Alighieri: La Commedia

Ich glaube, es war letzten Oktober in San Gimignano in der Toskana, als in einer etwas abgelegenen Ecke – von welcher eine Treppe hinunter und ein schmaler Weg nach rechts in einen kleinen Park führte – ein Mann in Leinenhemd und altrosa Gewandung eine ebenfalls altrosa Linnenmütze aufsetzte. Er ähnelte Dante, wie er von Domenico di Michelino in der Kathedrale von Florenz, der Santa Maria del Fiore, in einem Fresko dargestellt ist:

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/5/58/Dante_Domenico_di_Michelino_Duomo_Florence.jpg/1024px-Dante_Domenico_di_Michelino_Duomo_Florence.jpg

Der Mann, der im Profil eine scharfe Nase zeigte, positionierte sich und fing an, mit großen Gesten und gewaltiger Stimme auf Italienisch aus der „Commedia“ vorzutragen. Nachdem er geendet und wir applaudiert hatten, verständigten wir uns ein wenig mit Händen und Füßen (meine Italienischkenntnisse beschränken sich hauptsächlich aufs Essen). Er zeigte uns daraufhin eine sehr alte Ausgabe der „Commedia“ und wir durften mitlesen, als er den ersten Gesang der „Göttlichen Komödie“ vortrug. Hier ein kurzer Auszug auf Deutsch:

„Da plötzlich, fast noch am Beginn der Anhöhe,
eine Pantherkatze, sehr geschmeidig und flink,
die mit geflecktem Fell bedeckt war;
und ging mir nicht mehr vor dem Gesicht weg,
verstellte mir vielmehr derart den Weg,
dass ich mich unverwandt zur Umkehr wandte.
Es war die Zeit beim Anbruch des Morgens,
und die Sonne stieg auf in den Sternen,
die mit ihr waren, als die göttliche Liebe
diese schönen Dinge zum ersten Mal bewegte.
So gaben mir Tagesstunde und sanfte Jahreszeit
eigentlich Anlass, Gutes zu erhoffen
von diesem Wildtier mit dem gesprenkelten Fell.
Nicht so sehr indessen,
dass mir nicht der Anblick eines Löwen,
der sich mir auftat, Furcht einjagte.
Dieser schien auf mich zuzukommen
mit erhobenem Haupt und mit wütendem Hunger,
sodass die Luft vor ihm zu erbeben schien.
Und eine Wölfin, die in ihrer Magerkeit
mit allen Arten der Gier beladen schien
und schon vielen Leuten das Leben elend gemacht hatte,
die schuf mir solche Bedrückung mit der Angst,
die von ihrem Anblick ausging,
dass ich die Hoffnung auf die Höhe verlor.“ (Erster Gesang, 31-54)

„Die drei Bestien werden gewöhnlich gedeutet als Allegorien der Wollust, des Hochmuts und der Habsucht […]“, wobei neuere Deutungen einen Einfluss von Avicenna geltend machen und die drei Tiere mit drei verhängnisvollen Begleitern, „eine[m] Lügner[], der vorweggeht, eine[m] Zornigen zur Linken und eine[m] Habgierigen zur Rechten“, gleichsetzen. (Siehe Ausgabe S. 14, Fußnote 32)

So denn also auch hier zu dritt auftretend:

Ausgabe: Dante Alighieri: La Commedie / Die Göttliche Komödie. I. Inferno / Hölle. Italienisch / Deutsch. In Prosa übersetzt und kommentiert von Hartmut Köhler. Stuttgart 2010.

Quelle für das Bild des Fresko: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Dante_Domenico_di_Michelino_Duomo_Florence.jpg

 

 

2 Gedanken zu „Dante Alighieri: La Commedia

    • Wie cool! Ich habe mich schon gefragt, ob er wohl dort wohnt oder in verschiedenen Orten vorträgt. Ich muss nachschauen, ich glaube ich habe noch irgendwo ein Foto…

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