#13 St. Pölten

Ich war noch nie in St. Pölten. Von meinem Ausflugsvorhaben unterrichtet waren die meisten Reaktion darauf (in beliebiger Kombination): „Ich auch nicht.“ + „Was macht man auch schon in St. Pölten.“ + „Und warum würde man da auch hinwollen?“ + „St. Pölten? Was ist das?“

Eines der kuriosesten Dinge an St. Pölten ist für mich der Name: St. Pölten kommt in meiner Vorstellung nur als Stadtname vor. Aber das „St.“ signalisiert ja, dass es da mal einen Menschen – bzw. Heiligen – namens „Pölten“ gegeben hat. Pölten, komm her und iss deinen Brokkoli auf. Also ich weiß nicht so recht… Und der Spitzname? Pölti? Recherchen ergeben: „Pölten“ ist die eingedeutschte Form von (jetzt festhalten!) „Hippolytus“.
Tja. Die Wege des Herrn sind unergründlich.

Auf dem Weg nach St. Pölten, zur Stadt des Hippolyt, bleibt der Zug in Tullnerfeld stehen (auch auf dem Rückweg übrigens). Tullnerfeld ist – soweit ich sehe – eine sprechende Bezeichnung, das ist nicht viel mehr als ein Bahnhof mit einem großen Parkplatz, umgeben von Feldern. Meines Wissens nach gehört der Bereich zu den Spekulationsflächen der Immobilienwirtschaft – man hofft auf die Stadtflucht um am neuen, (im Moment noch) billigen Speckgürtelteil Tullnerfeld zu verdienen. Der Bahnhof ist ja schon da. Fehlt nur noch alles andere.

Aber widmen wir unsere Aufmerksamkeit wieder St. Pölten: Wir kommen gleich an. Ich bin schon ganz aufgeregt.

Ich hole mir beim Infoschalter einen Stadtplan und laufe los – zu einem der fünf Sehenswürdigkeiten, die mir die vorhergehende Recherche ausgespuckt hat und die mir noch am spannendsten erscheint: Der Stadtwald. Auf dem Weg dorthin sehe ich auf dem Völklplatz einen Bauarbeiter, der wie Andreas Vitasek aussieht. Oder umgekehrt. Bald darauf bin ich im Wald – es riecht nach Bärlauch und die Pappelblätter, noch frisch und grün, blinken in der Sonne. Ich treffe auf fünf LäuferInnen (zwei davon mehrmals, der Wald ist für einen Wald im Stadtgebiet zwar groß, aber so groß dann auch wieder nicht), zwei Radfahrer und mehrere Eltern mit Kind. Es gibt ein Dammwildgehege, und jedes Mal, wenn Kinder vorbeikommen, scheint der dort zuständige Mensch einen kleinen Kübel Futter zu holen, um das Wild zu füttern, damit die Kinder was zu sehen haben. Daneben stehen Hennen mit unglaublich vielen Federn, die alle aussehen wie Plüschtiere.

Was der Wald da gleich neben dem Stadtzentrum macht? Er ist vom „Sparcassen Verein“ für die Ewigkeit, für den Kaiser und „kommenden Geschlechtern zur Freude“ angelegt worden:

Nachdem ich mich genug daran erfreut habe, verlasse ich den Wald wieder und mache mich auf in Richtung Stadtzentrum. Es gibt nette Häuser, ein paar Jugendstilfassaden, verwinkelte Gässchen, einen barocken Dom, von dem aus man den Kreuzgang betreten kann, der mit Buchs und Rosen bepflanzt ist. Es gibt Cafés, Lokale und Eissalons, eine spätbarocke Dreifaltigkeitssäule mit Brunnen, drumherum kleine Enzis. Es laufen erstaunlich viele Touristen herum (also mindestens zwei pro Gasse) und nach einer halben Stunde muss ich nicht mehr auf den Stadtplan schauen, um mich zu orientieren. Hat Krems ein Denkmal für die Herausgabe des Haustorschlüssels, so hat St. Pölten eine Statuengruppe, die „Zwei Frauen beim Tratsch“ (von Hans Freilinger) heißt. Was Statuen angeht findet da offensichtlich ein geheimer Wettstreit unter den niederösterreichischen Städten statt – ich werde das weiterverfolgen.

Als Bild gibt es heute die Vorzeichnung von Brunnen der Dreifaltigkeitssäule und dem dahinter aufgestellten Maibaum – wobei der Maibaum von mir etwas eingekürzt wurde, damit er in den Bildausschnitt passt (das hätte sonst so nach Fahnenstange ausgesehen. Wobei jetzt, wo ich drüber nachdenke, wäre ein oben angeschnittener Maibaum vielleicht auch ganz gut gewesen. Naja. Nächsten Mai dann.).

Fazit St. Pölten: Nett und wenn man Glück hat, trifft man Andreas Vitasek. Aber sonst tatsächlich kein berauschendes Erlebnis.

Ein Wort zur Rückfahrt: Eine Frau hat ein ca. drei Meter langes Holzpaddel dabei. Ich fühle mich irgendwie schlecht vorbereitet.

Das letzte Wort hat der Zugführer: „Meine Damen und Herren, in ungefähr fünf Metern erreichen wir Wien Westbahnhof.“

 

 

#9 Ostermarkt

„Willkommen bei der ÖBB“, eine Fahrt nach Wien. Schräg vor mir sitzen vier Jugendliche, zwei Mädchen, zwei Burschen, ich schätze sie mal auf ca. 17 Jahre. Sie unterhalten sich u.a. darüber, wie verwirrend das Wort „davorstehend“ sein kann, wenn man es aus der Sicht von Wörtern im Satz betrachtet und es dann ja auch das nachstehende Wort meinen kann, weil das ja quasi dann vor dem Wort steht (also wenn das eine Wort das folgende Wort ansehen würde). Offensichtlich wurde einer der Buschen dafür gerügt, dass er die Sache falsch (also aus Sicht des Wortes) verstanden hat. Mit virtuoser Rhetorik kann er alle anderen drei davon überzeugen, dass er Recht hat („Ein Satz ist wie ein fahrender Zug – da ist ja auch dort vorne vorne.“). Jahaaa… Sie wechseln das Thema, es geht jetzt um die Schlümpfe:
Bursche 1: „Ich hab mal gehört, Gargamel ist ein Jude.“
Mädchen 1: „Waaaas?“
Mädchen 2: „Psssst!“
Bursche 1: „Ja, dass er alles erfüllt, wie man sich vorgestellt hat, dass Juden so sind.“
Bursche 2: „Nein, das stimmt nicht. Er hat ja eine Katze, ein Haustier kostet ja was.“
Mädchen 2: „Und die Schlümpfe sind die Nazis.“
Mädchen 1: „Alle gleich!“
Bursche 2: „Genau, alle blau und blond!“
Den Rest der Zugfahrt war ich damit beschäftigt meine erstaunt hochgezogenen Augenbrauen wieder herunterzuholen. Die Schlümpfe sind doch, soweit ich mich erinnern kann, belgisch und in den 60er-Jahren…? Naja, das muss ja nichts heißen. Recherchen zu Hause ergaben, dass vor ein paar Jahren tatsächlich ein französischer Wissenschaftler namens Antoine Buéno diese These vertreten hat: Die Schlümpfe sind eine reinrassige Gesellschaft (wobei – mit wem sollten sie denn sonst…? Bei der Größe…?), Papa Schlumpf ist der Diktator, die blonde Schlumpfine das arische Idealbild (*), etc. Ein launiger Artikel der Presse dazu aus dem Jahr 2011, dem ich diese Informationen entnehme, kommentiert die Aussage, Gargamel sei „eine antisemitische Karikatur“ damit, „dass Gargamel eher aussieht wie Erwin Pröll, wenn er länger nicht beim Friseur war“. Ein Bild, das man auch nicht so schnell wieder los wird.

Übrigens hat sich gegen Ende der Zugfahrt herausgestellt, dass ich mit der Alterseinschätzung etwas daneben lag. Es handelte sich um Ethnologie-StudentInnen.

And now to something completely different:

Der Altwiener Ostermarkt. Ich besuche den Altwiener Ostermarkt / Weihnachtsmarkt ja vorrangig, um dort Scheibbserkugeln zu kaufen (und im Winter mal einen Glühmost). Scheibbserkugeln sind so gut, dass es eigentlich schon fast eine Frechheit ist. Sie bestehen aus zwei Haselnussmakronen, die mit Haselnusscreme zusammengepappt werden, einer Marzipanhülle und dann werden sie noch in Schokolade getunkt. Glücklicherweise haben die Leute am Stand der Konditorei Reschinsky immer einen guten Vorrat parat. Nachdem der Scheibbserkugel-Kauf erledigt war, habe ich mich auf andere Dinge konzentriert: Ostereier, wohin das Auge reicht. Auf der Suche nach einem Motiv für diese Woche habe ich sie mir dieses Jahr tatsächlich auch angesehen. Was es nicht alles gibt. In Schwarz und Gold, mit Häschen-Motiven und Schmetterlingen, mit Häschen aber ohne Schmetterlinge, Blumen überall, mit Perlen, ohne Perlen, mit Glitter in allen möglichen und unmöglichen Farben und natürlich in Pastell:

Naja. Da sind mir die Scheibbserkugeln dann doch lieber.

 

Der Link zum Presse-Artikel über die Schlümpfe: http://diepresse.com/home/meinung/pizzicato/669750/Die-Schluempfe_Nazis

Der Link zur Konditorei Reschinsky: http://www.reschinsky.com/

(*)Man erinnere sich an den Witz, wie ein echter Arier aussehe: Blond wie Hitler, groß wie Goebbels, schlank wie Göring und blauhäutig wie Eva Braun.