#65 Kühlen Kopf behalten

Die Anzahl der Hitzetage wird in den nächsten Jahren weiter steigen, 2040 soll im Durchschnitt jeder vierte Tag in Wien ein Hitzetag werden. Pfuh. Meine Lieblingstemperaturen liegen mehr so zwischen 15 und 24 Grad, das könnte anstrengend werden. Bleibt nur auswandern – oder Strategien des Kühl-bleibens zu entwickeln.

Wurde das Büro dank Klimaanlage nicht ohnehin bereits in einen begehbaren Kühlschrank umgewandelt, gibt es während der Arbeit zumindest ein paar  Möglichkeiten, um in der Hitze nicht einzugehen:

  • Man hat z.B. einen Fächer dabei. Ist einem das zu peinlich, weil man nicht ungewollt zweideutige Botschaften mittels Fächersprache versenden möchte oder braucht man beide Hände zum Arbeiten, dann besorge man sich rechtzeitig die elektronische Variante: einen Ventilator. (Die umweltschonende Möglichkeit wäre jemanden einzustellen, der einem mit Bananenblättern frische Luft zufächelt. Fördert auch die Wirtschaft und senkt die Arbeitslosenrate.)
  • Andere Möglichkeit, sofern in der Arbeit möglich: Früh aufstehen, arbeiten, dann – ganz wie die Experten im Süden – eine lange Siesta einlegen und ab ca. halb 5 wieder an den Schreibtisch gehen. Dazwischen bewege man sich so wenig wie möglich. Sonst könnte man natürlich auch den Job wechseln und in einem griechischen Restaurant anfangen. Am besten gleich in Griechenland.
  • Das kenne ich zwar nur aus Lustigen Taschenbüchern, aber ich will es nicht unterschlagen: Donald hält seine Füße in einen Kübel mit Eiswasser. Ich bin skeptisch, denn wenn man die Füße wieder herausnimmt, fördert das doch die Durchblutung und die Füße werden sehr, sehr warm…? Aber wer weiß. Vielleicht darf man auch einfach nur die Kühlkette nicht unterbrechen.
  • Es gibt Mentholsticks, mit denen man sich über die Stirne und den Nacken fahren kann. Wenn man nicht zu empfindlich auf ätherische Öle reagiert, ist das hin und wieder ganz fein.
  • In China trinkt man (heißen) Chrysanthemen-Tee, der kühlt von innen. Wer das nicht glaubt oder falls keine Chrysanthemen vorhanden sind, der mache sich einfach einen Eistee: Am Vorabend (!) Schwarztee machen, über Nacht abkühlen lassen (Teebeutel nicht vergessen!) und am nächsten Tag mit Zitronensaft und Eiswürfeln bestücken. Wunderbar! Am besten gleich ein paar Liter machen. Dann vergisst man auch nicht, genug zu trinken.

Hat man frei, sind die Möglichkeiten etwas breiter gefächert:

  • Man fährt ins Waldviertel. Oder in die Berge. Oder geht schwimmen. Hauptsache weg von Wohnung und Asphalt und Beton.
  • Oder man räumt einfach einmal den Keller zusammen. Und wenn man schon dabei ist, kann man auch gleich eine Leseecke dort einrichten – in weiser Vorraussicht auf das Jahr 2040.
  • Man kann natürlich auch ins Museum gehen, aber da sollte man gut aufpassen, in welches. Die Kunstkammer im Kunsthistorischen Museum in Wien z.B. hat in etwa angenehme 23 Grad. Wenn das nicht ein Grund für eine Jahreskarte ist!
  • In der Nacht zu lüften und während des Tages dafür alle Fenster und Jalousien zuzumachen versteht sich hoffentlich von alleine. Aber es gibt genügend Leute, die die Prinzipien der Thermodynamik ignorieren und tagsüber die Fenster aufmachen, damit es mal schön durchzieht. Weil Luftzug = kühl. NEIN?!
  • Und – das geht natürlich immer -: Eis. Beim Eis sind die Möglichkeiten nahezu endlos: Lieber einen Eisbecher und dabei dem Treiben an der Eistheke zusehen oder doch zum Mitnehmen? Auch auf die Gefahr hin, dass beim Gehen, Schauen und Schlecken nicht jedes Eisrinnsal, das unten strebt, sofort entdeckt wird… Oder doch lieber mal veganes Eis probieren? Frozen Joghurt wäre auch wieder mal fein. Oder ganz klassisch ein Magnum oder Cornetto vom Billa, in der Hoffnung, dass es noch nicht aus ist und man plötzlich mit einem Twini dasteht. Nichts gegen Twinis, aber wenn das gewünschte Eis aus ist, dann ist das schon ein Moment der Entäuschung. So wie wenn im Freibad der Mensch vor einem das letzte Calippo weggekauft hat, obwohl man sich schon so darauf gefreut hat und es das größte Eis war, das man sich noch leisten konnte. Es hat 10 Schillinge gekostet – und der Sprung zum Cornetto mit 14 Schillingen war weit und das Taschengeld knapp.

 

#53 Bärlauch

Sonne im Pötzleinsdorfer Schlosspark. Vorbei an Kindern, aufeinander losgehenden Böcken im Streichelzoo und den ersten Eisessern der Saison (bei ca. 8 Grad Außentemperatur schmilzt das wenigstens nicht so schnell) und hinauf den Hügel! Unterhalten kann ich mich dabei nicht, nach einem langen Husten bin ich etwas kurzatmig. Mittlerweile hat sich auch herausgestellt, dass die Kurzatmigkeit nicht Teil einer wie ich glaubte (Hypochonder vor!) schweren Krankheit sei (man ergoogelt sich ja schnell mal was), sondern nur die Muskeln zwischen meinen Rippen vom Husten schwer verspannt sind und deswegen Dehnung benötigen. Ich atme tief, dehne, huste gleich mal und hechle weiter hinauf. Pause? Brauch‘ ich nicht! Aber ca. hundert Höhenmeter sind für innerstädtische Spaziergänge in meinem Zustand noch nicht ohne, und so bleibe ich, oben angekommen, erstmal schwer schnaufend stehen. Ich brauche wirklich Training. Oder ein paar Träger. Wobei ich mir Sänften ja nicht wirklich bequem vorstelle. Was, wenn die Träger nicht im Gleichschritt gehen? Nichts ist unangenehmer als ein Dreibeinlauf, wenn man sich nicht im gleichen Rhythmus bewegt. Und dann bergauf – muss man sich dann festhalten, damit man nicht herausrutscht? Liegt man auf einer Gummimatte oder ist man – als verantwortungsbewusster Sänftengetragener – dazu angehalten, sich anzuschnallen? Was ist mit den Trauben, die man offensichtlich in Sänften immer mit dabei hat? Sind die denn aus biologischem Anbau? Und wirft man auch den Trägern hin und wieder eine zu, damit sie beim bergaufgehen nicht eingehen?

Ein Geruch reißt mich aus Gedanken, es knofelt. Es knofelt nicht nur, der ganze Waldboden ist mit sattem Grün gesprenkelt: Der Bärlauch ist aufgewacht und schiebt seine lanzenförmigen Blätter aus der Erde. Immer wieder zweigen Menschen vom Weg ab, um junge Blätter fürs Abendessen in Plastitüten zu sammeln. Zumindest sind die meisten von ihnen taktvoll genug, nicht direkt neben den Schildern ins Grün zu laufen, auf denen steht, dass man den Wald um Flora und Fauna willen bitte nicht betreten möge.

Das erste Mal, dass ich Menschen mit Plastiktüten und büschelweise Grün in der Hand gesehen habe, war im Augarten. Was sie dort taten war mir fremd, genauso wie der Bärlauch. Mit höchst skeptischen Blicken habe ich das Treiben beobachtet. Was um Himmels Willen verleitet diese armen Menschen dazu, Gras zu sammeln? Mittlerweile bin ich eines Besseren belehrt worden, weiß, was Bärlauch ist, wie er schmeckt und auch, dass er mir schmeckt.

354.000 Quadratmeter ist der Pötzleinsdorfer Schlosspark groß und wenn der Bärlauch auch nicht auf dem ganzen Gelände wächst, sein Ausbreitungsgebiet ist doch so groß und dicht genug, dass das Pflücken nicht auffällt. Außerdem ist hier die Gefahr gering, den Bärlauch mit den ähnlichen Blättern der giftigen Maiglöckchen oder des Aaronstabs zu verwechseln, keine der beiden Pflanzen scheint hier zu wachsen (zumindest wären sie mir noch nie aufgefallen – sollte es doch welche geben, will ich nicht daran schuld sein, dass jemand die Vergiftungsinformationszentrale kontaktieren muss; die Nr. für den Notruf lautet übrigens 01 406 43 43.)

Hunger auf Bärlauch bekommen? Wem Pötzleinsdorf zu weit ist, der möge den Augarten an der Grenze zwischen 20. und 2. Bezirk stürmen, auf die Steinhofgründe fahren oder den Prater besuchen. Auch im Lainzer Tiergarten oder in den Donauauen findet man Allium ursinum, aber dort ist Naturschutzgebiet, also Finger weg.
Ja, tatsächlich: Wien ist eine Bärlauchstadt.

 

#49 Villa Fantastica

Anfang Februar war ich mit einer Freundin das erste Mal dort: Die Villa Fantastica ist eine rosarote Villa in Hietzing, Untergeschoss, erster und zweiter Stock sind gut gefüllt mit Büchern und DVDs aus den Genres Sci-Fi, Phantastik, Fantasy und Horror. Eine nette Frau, deren blonde Strubbelhaare unter dem schwarzen Beanie herausschauen, führt uns durch die drei zur Bibliothek gehörigen Stockwerke (das Erdgeschoss ist privat – das macht natürlich neugierig) und zeigt uns, was wo steht. Ich bin hin und weg. So eine Sammlung ist mir noch nicht untergekommen. Es gibt ein ganzes Stockwerk für alles, was auf Deutsch so in der Sammlung vorhanden ist, und das ist nicht wenig, Ein Stockwerk für Werke auf Englisch, ein paar wenige Regalmeter für andere Sprachen, und dann braucht man ja auch nocht Platz für die ganzen DVDs, diverse Sammelbände, Anthologien und Magazine. Wie wunderbar. Es gibt auch zwei oder drei Regale „Fachliteratur“, eine spannende Mischung, die von Stephen Hawking („Das Universum in der Nußschale“) bis Erich von Däniken („Raumfahrt im Altertum“) reicht. Apropos, Erich von Däniken wurde von der „Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften“ 2012 „Das Goldene Brett vorm Kopf“ verliehen – für sein Lebenswerk und den „erstaunlichsten pseudowissenschaftlichen Unfug des Jahres“. Was es nicht alles gibt – und der Preis wird sogar von der Wiener Regionalgruppe „Gesellschaft für kritisches Denken“ organisiert!

(Unfug ist übrigens ein fantastisches Wort. Das benutzt man viel zu selten.)

Zurück zu den anderen Regalreihen. Bradbury, Philip K. Dick, die Sci-Fi Bücher von Scientology-Gründer Lafayette Ronald Hubbard, Douglas Adams, Stanislaw Lem, Isaac Asimov, Robert A. Heinlein – alles ist da und noch viel mehr und natürlich viel zu viel für ein erstes „schau ma mal“. Nach einigem Stöbern nehme ich mir Robert Silverbergs „Dying Inside“ (ein Telepath verliert mit zunehmendem Alter seine Fähigkeit) und einen kleinen Sammelband von Alfred Bester, „The Dark Side of the Earth“, mit. Um Bücher auszuborgen, müssen wir die Lichtbildausweise zücken und unsere Daten angeben. Einen echten Leihausweis bekommen wir erst, wenn wir ein paar Mal kommen, offensichtlich kommt nicht jeder wieder und zugegeben, die Villa liegt auch etwas abseits vom Schuss. Aber hallo, es ist eine rosa Villa in Hietzing – wer will sich da schon beschweren? (Was mich wieder an das private Erdgeschoss denken lässt – was muss man wohl tun, um dort einziehen zu können?)

Bevor wir die Bücher mitnehmen dürfen, werden sie einzeln verpackt: Unsere strubbelige Beanieträgerin müht sich sichtlich ab, die Bücher in durchsichtige Schutzumschläge zu schieben, damit sie Transport und Lektüre möglichst unbeschadet überstehen. Die Schutzumschläge sind aus den USA importiert, erzählen sie und ihr Kollege uns, in Europa haben sie so etwas nicht bekommen, als die Villa Fantastica vor einigen Jahren eröffnet hat. Auf die Frage, wann das denn gewesen wäre, bleibt sie vage. Sie will nicht wissen, wieviel Zeit seit dem schon vergangen sei, ein paar Jahre eben. Auf der Homepage werde ich fündig: Am 4. Oktober 2011 öffnete die Villa Fantastica die Pforten, das ist für eine Bibliothek nun wirklich kein Alter. Übrigens handelt es sich dabei um eine Stiftung und das Haus wird als private Bibliothek geführt – ohne Profitzwecke. Man zahlt hier nichts fürs Ausleihen. So, die Beanieträgerin hat das letzte Buch geschafft, und die Werke dürfen samt Schutzhüllen in unsere Taschen wandern.

Villa Fantastica, es war uns eine Ehre – und wir kommen wieder! (Zwangsweise, denn die Ausleihfrist ist auf vier Wochen beschränkt.) Und da bleiben außerdem noch ein paar unbeantwortete Fragen: Wer stiftet eine Sci-Fi-Bibliothek? Und warum? (Ich habe absolut nichts dagegen einzuwenden, aber kurios finde ich es schon.) Und wer wohnt im Erdgeschoß? Therefore: Stay tuned and don’t miss the next chapter of the SPACE ADVENTURES! (Oder so.)

 

Die SD-Karte ist noch immer nicht ersetzt, mea culpa! Hier dafür ein Foto der wirklich rosarot-rosaroten Villa:

 

Die Homepage und nicht ganz so einfachen Öffnungszeiten der Villa Fantastica findet man hier.

Die Homepage und Informationen zu Treffen der Wiener Skeptiker-Gruppe findet man hier.

 

#48 Die Kulisse

Die Kulisse ist eine der bekanntesten Wiener Kabarett-Bühnen und wurde 1980 von Fritz Aumayr gegründet. Sie liegt in der Rosensteingasse im 17. Bezirk und läuft nach dem Prinzip Gasthaus mit Bühne, aber wenn auf der Bühne geredet wird, wird im Saal bitteschön nicht mehr gekaut. Dafür sorgt die rigorose Kellnerriege, die (fast) immer den Überblick und auf jede blöde Bemerkung – je nach Tagesverfassung – eine launige Erwiederung oder einen eisigen Blick parat hat. Keine Zeit für Späßchen, wir arbeiten hier!, sagt dieser Blick. Zackig geht es zu, sowohl beim Bestellen als auch beim Servieren, denn bis zu Vorstellungsbeginn muss jeder Gast nicht nur versorgt, sondern auch jedes Teller wieder abserviert und alles kassiert sein. Bevor die Teller wieder weggetragen werden findet man auf ihnen gutbürgerliche Wirtshausküche, von Sacherwürsteln über Blunzengröstl bis zum Wiener Schnitzel, aufgepeppt mit einigen vegetarischen Leihgaben anderer Länder. Chili sine carne mit geräuchertem Tofu etwa. Aus welchem Land genau das geborgt ist, darüber habe ich mich jetzt aber nicht erkundigt.

Bevor man zum Essen in den Bühnensaal der Kulisse vorgelassen wird, muss man aber erstmal ein Ticket haben. Das wird einem meistens von einer netten jungen Frau verkauft, die auch gleich die Garderobe abnimmt, wenn man sie nicht haben will. Zwanzig Zentimeter neben der Frau, die die Tickets verkauft, steht der Mann, der sie abreißt. Man nimmt die Tickets also kurz in die Hand, gibt sie am gleichen Fleck stehend dem Herrn in die Hand weiter, der sie kurz anschaut, lächelt, abreißt und einen schönen Abend wünscht. Mit dieser Handlung kommt eine weitere junge Frau ins Spiel, die mit einem Clipboard an der Eingangstür zum Saal steht. Hier soll man nicht noch einmal das Ticket vorweisen, nein, man wird gefragt wieviele man ist (also physisch) und dann zeigt sie einem auf einem Saalausdruck die noch möglichen freien Sitzmöglichkeiten. „Dort drüben sind noch zwei Plätze frei“, sagt sie und deutet mit dem Kugelschreiber herum, „und dort auch noch. Oder lieber hier hinten?“ Man schaut und schaut und ist immer ein wenig überfordert und wählt dann das, was man meistens wählt, weil man immer so spät kommt, dass die besten Plätze auf jeden Fall schon weg sind. Sie lächelt freundlich und nickt, ixt die Plätze auf ihrem Saalplan aus und widmet sich den nächsten Menschen, die ein wenig unschlüssig die nächsten in der Türe zum grün-vertäfelten Saal stehen.

Man nimmt Platz, die Kaffeehausstühle sind schwarz lackiert und die Lehne schwingt sich im Bogen unter die Arme. Ich mag diese Sesseln nicht. Die Lehnenkante schneidet irgendwo zwischen Lenden- und Brustwirbelsäule in den Rücken und ist trotzdem zu hoch, als dass man (oder halt ich) die Arme mit entspannten Schultern darauf liegen lassen könnte. Aber sie sind klug gewählt. Durch die rundherum gehende Lehne ist der Platz, den man damit einnehmen kann, von vornherein beschränkt – um die Tische ökonomisch klug, d.h. engstmöglich zu besetzen. Normale 6er Tische werden hier mit acht Stühlen versehen, manchmal rutscht links oder rechts noch einer dazu. Wer hier ohne Ellbogenkämpfe vor dem Kabarett noch etwas essen möchte, möge früh genug erscheinen.

Um kurz nach acht Uhr ist der letzte Tisch fertig kassiert, es wird dunkel im Saal und alles wartet auf „Jack Nuri, de[n] Mann mit dem Migrationsvordergrund“. Nach einem kleinen und vielversprechenden Aufwärmakt des Kollegen John fängt der gebürtige Türke und nun Österreicher (er hat eine Autowerkstatt in Ottakring) an – entgegen den Erwartungen ist es aber kein Kabarett im klassischen Sinne, das einen irgendwie von A nach B bringt, sondern Standup-Comedy. Tja, schlecht recherchiert. Das heißt für diesen Abend: Eine Reihe erzählter Witze mit ganz viel „Bruder“ (Hörst du, Bruder! Ah, Bruder! Heh komm, Bruder!) und dazwischen etwas Interaktion mit dem Publikum der ersten Reihe, das Süßigkeiten geschenkt bekommt, wenn Jack Nuri aus der Unterhaltung mit Ihnen Lacher kassiert. Der Umgang zwischen in Wien lebenden Menschen mit „Migrationsvordergrund“ und dem Rest ist selten Thema, verstehst du, Bruder! Es gibt keine kritische Stimme oder scharfe Beobachtungen dazu, Bruder, es ist mehr ein Abend der persönlichen Anekdoten mit Pointe und ein durch-den-Kakao-ziehen seiner türkischstämmigen Umgebung hier in Wien. Naja, Bruder. Nächstes Mal, Bruder: Politisches Kabarett, Bruder!

 

Bild ist schon fertig, aber die SD-Karte kaputt… Ich hatte doch noch wo eine zweite…? Arrr!

Der Nachtrag:

 

#27 Bücherei

Wieso gibt es jetzt, Anfang September, Schneeglöckchen im Bild? Also. Vor langer, langer Zeit… nein, eigentlich nur seit wenigen Wochen habe ich einen Ausweis für die Wiener Stadtbücherei und bin begeistert. Als Kind war ich in meiner Heimatstadt fast jede Woche in der Bücherei und habe von der Knickerbockerbande über Hanni und Nanni, Burg Schreckenstein, die Pizza-Bande und Asterix alles gelesen. Später kamen dann das Spektrum der Wissenschaft, Wolfgang Hohlbein und Stephen King dazu, und beim Ausleihen habe ich immer gehofft, dass mich kein Bibliothekar oder keine Bibliothekarin über die Brille hinweg ansieht und sagt, dass das wohl noch nichts für mich wäre. Weil die Bücher standen nämlich in der Erwachsenen-Abteilung und ich war mir nicht sicher, ob ich die überhaupt ausleihen durfte. Jaha, unglaublich aufregend. Eine Bibliothekarin hatte übrigens eine blaues und ein braunes Auge – faszinierend! Aber ich habe mich nie getraut länger hinzuschauen.

Irgendwann, mit ca. vierzehn (?), bin ich nicht mehr hingegangen. Unter anderem wegen einer neuen Aushilfe. Das klingt jetzt vielleicht arrogant, aber ich habe nicht verstanden, wieso man einen Menschen, der offensichtlich so wenig weiß, in einer Bibliothek arbeiten lässt. Weil ich es gewohnt war, dass alle anderen hier so viel wussten. (Das war übrigens meine erste Begegnung mit einer Germanistik-Studentin, aber offensichtlich habe ich mich bei der Inskription an der Uni später nicht daran erinnert, sonst hätte ich wohl ein anderes Fach gewählt.)

Das erste Mal, als ich sie gesehen habe, hatte sie ein Sträußchen Blumen in der Hand. Ich bin zum Schalter und wollte meine Bücher ausborgen. Sie hat versonnen auf die Blumen geschaut und mich dann gefragt, ob das Schneeglöckchen wären. Es waren Frühlingsknotenblumen und ich war konsterniert: Wie konnte man denn bitte Frühlingsknotenblumen mit Schneeglöckchen verwechseln? Das mit dem Ein- und Ausbuchen war auch unglaublich schwierig. Das hat gedauert. Und die Zeit, die das gedauert hat, hat sie mit neugierigen und indiskreten Fragen gefüllt. Ich war einsilbig und höchst irritiert. Was machte diese Frau da? Meine Oma hat damals ebenfalls gemeint, dass die Neue in der Bücherei wohl nicht zu den Hellsten gehöre, ich kann mich aber nicht mehr daran erinnern, mit welcher Bemerkung sie die aus der Fassung gebracht hat. Glücklicherweise hatte „die Neue“ keine Vollzeitstelle. Bei unserer nächsten Begegnung, sie lackierte sich gerade die Nägel (während der Arbeit!), hat sie mich gefragt, ob ich denn schon einen Freund hätte. Ich stand da mit einem Stapel Bücher, unter anderem einem Buch über Toxikologie (das ich mir schon mehrmals ausgeborgt, aber nie gelesen hatte, ich fand nur das Thema unheimlich spannend) und war mehr als peinlich berührt. Bitte? Was war denn das für eine Frage? Nein! Aber – kurzes Gedankenspiel – was wenn ja? Hätten wir dann über Beziehungen zu plaudern begonnen? Hätte sie mir ihre Lebensgeschichte erzählt? Ahhh! Ich wollte doch nur Bücher ausleihen! Aber – ich wünsche ihr alles Gute. Und wer weiß. Vielleicht hat sie ja doch noch irgendwann zu lesen begonnen.

Jedenfalls habe ich jetzt wieder einen Büchereiausweis. Und muss mich überhaupt nicht mehr mit den Menschen am Schalter beschäftigen, denn wenn man will geht das alles elektronisch. Zurückbringen, ausborgen – alles wunderbar. Wobei, ich mag Bibliothekare und Innen ja. Nur dieses eine Exemplar war ein Sonderfall, der wohl auch nicht lange dort geblieben ist. Ich glaube, Bücher riechen Ignoranz und fressen einen einfach auf, wenn niemand hinschaut.

#18 Beim Heurigen

Da ich innerhalb von sechs Tagen dreimal beim Heurigen sein sollte, dachte ich mir, das würde sich doch für diese Woche als österreichische Ansicht anbieten. Leider hat sich diese Entscheidung als voreilig herausgestellt. Beim ersten Termin, einer Geburtstagsfeier, bin ich wegen eines Kurses erst später nachgekommen. Da sich der Weg von meinem Ausgangspunkt zum Heurigen bei Neustift am Walde mit ca. einer Stunde als etwas länger herausgestellt hat, war ich erst um dreiviertel 10 dort und bin dann zwanzig Minuten später wieder aufgebrochen, weil meine Mitfahrgelegenheit sich auf den Weg gemacht hat.
Der zweite Heurigen-Termin hat sich als Falschinformation herausgestellt, das Lokal wurde geändert und war ein schönes Restaurant, aber kein Heuriger.
Dritter und letzter Versuch. Wir gehen durch die Grinziger Weinberge hinauf, ein gutes Zeichen. Oben angekommen liegt uns Wien zu Füßen, die Aussicht ist ein Wahnsinn, aber der von mir erwartete Heurige entpuppt sich als hübsches und modernes Weingut.

Na gut. Es sollte nicht sein. Dann gibt es jetzt mangels Geschichten meine persönliche Checkliste für Heurigenbesuche:

  • Ein Heuriger muss im Laufe der Zeit schwarz gewordene Holzbänke oder zumindest Bierbänke haben. Wobei die Holzbänke immer vorzuziehen sind. Besonders dann, wenn man dazu tendiert, ganz außen zu sitzen und nicht mitzubekommen, wenn alle anderen gleichzeitig aufstehen um zu Buffet zu gehen.
  • Es gibt Wein und Wasser in Glaskrügen, die von ständig am Laufen seienden Kellnern und Kellnerin auf den Tisch gestellt (bzw.: geknallt) werden, während ihre Augen schon auf der nächsten Gruppe haften, die etwas von ihnen will (sehr wahrscheinlich: Wein und Wasser in Glaskrügen). Will man also die Zufuhr von Wasser und Wein nicht unterbrechen, achte man darauf, bei ca. halbvollen Krügen den Blick der Kellnerin/des Kellners zu erhaschen, die/der gerade am Nebentisch Krüge (mit Wasser und Wein) auf die Tische stellt. Ist der Blickkontakt hergestellt, reicht es manchmal sogar den Blick auf die Krügen und dann zurück zur Kellnerin/zum Kellner zu lenken und kurz zu nicken. Ein Lächeln erhöht die Wahrscheinlichkeit auf neue Krüge.
  • Es lohnt sich nicht, nachzurechnen und versuchen herauszufinden, wieviel man aus den jeweiligen Krügen getrunken hat. Entweder man findet es heraus und ist bestürzt, oder es lässt sich nicht mehr nachvollziehen. In beiden Fällen lohnt sich das Nachrechnen nicht.
  • Die Essensportionen sind normal bis riesig. Niemals klein. Immer nur mit einem Teller anfangen.
  • Es gibt Gelsen. Myriaden von Gelsen. Man habe also mit: Autan oder ähnliche Gifte (damit es gar nicht erst soweit kommt, dass es juckt). BiteAway (falls es doch soweit gekommen ist, dass es juckt). Falls beides nicht vorhanden: Personen, die Gelsen noch lieber mögen als einen selbst. Da sich in meinem Bekanntenkreis letztere nicht finden, halte ich mich immer an Option 1 und 2.

Und weil ein Heurigenbesuch ohne eine Ständchen zwischendurch – entweder von bezahlten Musikern oder vom Nachbartisch, der gerade den einen Krug zu viel an Wein hatte – wohl sehr angenehm aber kaum denkbar ist, auch hier ein Lied von Hans Moser aus dem Film „Sieben Jahre Pech“ (1940). (Hans Moser, den ich persönlich oft mit kitschigen Heimatfilmen verbinde, hat sich in der Nazizeit übrigens geweigert, sich von seiner jüdischen Frau scheiden zu lassen. Chapeau, Monsieur Moser.)

Anbrechende Nacht in Neustift am Walde:

#10 Café Ritter

Allein aufgrund des Namens musste ich ja mal dorthin. Und erfahre bei einer kurzen Recherche zuvor, dass das Café Ritter in der Ottakringerstraße, Ecke Lambertgasse, erst Ende letzten Jahres, Dezember 2016, renoviert und neu eröffnet wurde. Glücklicherweise, denn bis dahin hatte es so ausgesehen, als würde das heruntergewirtschaftete und heruntergekommene Eckcafé wohl zusperren. Ich bin froh, dass es das nicht getan hat, es ist ein gemütlicher und heller Ort mit hohen Räumen – und freundlicher Bedienung (?!). Ich bekomme einen Grüntee (Gunpowder „Temple of Heaven“ – „zwei Minuten ziehen lassen, bitte“) und ein in Cellophan eingeschlagenes Stück Torte („Ritter“, Minze und Schokolade, inklusive kandiertem Minzblatt, das vor lauter Kristallen kaum mehr als solches zu erkennen ist). Ich bin sehr zufrieden mit der Wahl, auch farblich (grüne 2-Minuten-Sanduhr, grünes Stück Kuchen, Grüntee, vor dem Fenster parkt ein jaguargrüner Mini). Habe ich erwähnt, dass ich Grün ziemlich gut finde?

Ich sehe mich um. Zwei runde Tische in der Mitte sind offensichtlich Spieltische, sie haben zusätzliche Beistelltische zwischen den Stühlen. An der Wand zeigen drei große Fresken einen Locus amoenus, eine Parklandschaft mit Damen in Kleidung von um 1800. Zwei der Damen stehen an einem Bach und füttern Tauben (oder werden von ihnen angefallen, so genau lässt sich das nicht erkennen), rechts zeigt ein Pärchen auf die Tauben-Szene, links sieht man weitere Damen, die ihrem Teeservice die frische Luft zeigen. Daneben hängt eine gerahmte Zeichnung, ein Portrait von Ernst Happel, mit einem Autogramm so groß wie sein Kopf. Herr Happel war hier Stammgast und wird sogar in der Menükarte erwähnt – ich kann es nicht mehr genau wiedergeben, aber sinngemäß steht da in etwa „Ernst Happel lebte und rauchte hier“. (Zitat Ernst Happel zu Hallenfußball: „Da derfst ned rauchen, des halt I ned lang durch.“)

Erst kurz bevor ich zahle bemerke ich drei Spielkarten, die an der Decke kleben: Herz Sieben, Kreuz Neun und eine Karo Dame:

Die Decke ist wohl mindestens fünf, eher sechs Meter hoch. Ich winke die Bedienung heran und frage nach. Sie meint, sie habe zwei Theorien: Entweder die Karten wurden absichtlich dort angebracht, weil darunter immer die Spieler sitzen. Theorie Nr. Zwo: „Ich habe einen Bekannten, Herrn Swoboda, der ist Zauberer. Und der kann das, der nimmt eine Karte, schnippt sie hoch und an die Decke und die bleibt oben für ewig. Und jetzt kann man sichs aussuchen, was einem besser gefällt.“

Ein sehr sympathisches Café.

#5 Straßenbahnhaltestellen

Das Donauzentrum. Ich war schon lange nicht mehr hier und dachte mir, das wäre doch sicher ein interessanter Ort zum Zeichnen. Zuerst bin ich etwas ziellos durch die Gänge gelaufen. Kamera vergessen. Naja. Irgendwann hatte ich genug von den ganzen Schaufenstern und es folgte die strategisch kluge Tischwahl in einem der mittig am Gang platzierten Cafes. Ich habe mich für einen Blick Richtung Rolltreppe entschieden und zur Tarnung ganz unauffällig meine Sonnenbrille aufgesetzt. Es gibt wenige Orte, an denen Menschen so schön still stehen wie auf Rolltreppen. Persönlich gehöre ich zu den Rolltreppen-Geherinnen, sowohl hinunter wie auch hinauf. Meines Erachtens nach sind Rolltreppen dazu da, um durch die Kombination von Technik und Beinen ein schnelleres Vorwärtskommen zu ermöglichen, nicht um beim Gehen Pausen einlegen und Emails checken zu können. Aber da gehöre ich zur Minderheit. In der Zeit, in der ich dort saß (einen Tee und einen Cheesecake lang), fuhren 38 Personen mit der Rolltreppe (ich habe eine kleine Strichliste angelegt). Und keine einzige davon hat sich auf der Rolltreppe auch nur eine Stufe weit bewegt. Erstaunlich. Aber praktisch, wenn man im Freiland-Zeichnen noch nicht wirklich geübt ist.

Hier ein paar schnelle Skizzen von auf der Rolltreppe herumstehende Menschen:

Eine Frau ging an meinem Tisch vorbei und ich war fasziniert: Sie war in Moosgrün gekleidet, von Kopf bis Fuß. Inklusive Strumpfhose und Schuhe. Und Jacke. Nur dazwischen, als optische Bremse quasi, ein silberner Minirock. Habe ich die 80er-Jahre Fönfrisur erwähnt? Genial! Ein echter Hingucker. Ich sollte meine Garderobe überdenken. Hier eine im Original ca. 5cm große Skizze der Dame:

Und eine Skizze der Rolltreppe:

Am Heimweg habe ich mich verfahren. Peinlich. Falscher U-Bahn-Ausgang und dann mit der Straßenbahn, die natürlich sofort gekommen ist, in die falsche Richtung. Dabei habe ich beim Einsteigen noch kurz gestutzt, weil die Oper irgendwie in der anderen Richtung zu liegen schien.

Das hier ist übrigens die Haltestelle Stubentor, Blick nach oben, weil womit beschäftigt man sich sonst, wenn man auf die Straßenbahn in die richtige Richtung wartet und kein Smartphone besitzt.

Dafür bemerkt man wenigstens die Knospen an den Bäumen.

Die breite Seite des Copic-Markers, die ich für das Blau des Himmels verwendet habe gibt einen witzigen Effekt: Sieht fast ein wenig pixelig aus, wenn man schnell hinsieht. (Auf Nachfrage hin: Nein, das ist nicht abgepaust. Pffff.)