#57 Whiskey und Whisky

Ich habe zu Weihnachten eine Whisk(e)y-Verkostung geschenkt bekommen. Der kleine sprachliche Unterschied liegt im Gälischen: Das schottische Gälisch lässt das kleine „e“ im Whisky weg, während das irische Gälisch es drinnen hat. Und da viele Destillerien auf US-amerikanischen Boden irische Wurzeln haben, wird auch dort das kleine „e“ gehegt und gepflegt.

Die Verkostung findet im „Highlander“ statt, auf jedem Platz steht ein leeres Wasserglas, ein Glencairn-Glas und ein kleines schwarzes Heft samt Kugelschreiber, damit man Name, Alter, Fassart, Stärke, Farbe, Nase, Geschmack etc. eintragen kann. Ich will mir schon einen Platz suchen, da werde ich zurückgehalten. Jajaja. Ich suche den Gutschein heraus, mein Name wird abgehakt und Michael Pichler, der heute alles erklären wird, fragt, ob ich alleine hier sei. Ich bestätige und er erklärt, es gibt vier Tische mit je fünf Plätzen. Da sie aber etwas überbucht sind, gibt es noch einen Einzelplatz. Ich freue mich, dass ich den kriege, denn ich hatte mir schon überlegt, dass es – je nach Tischnachbarn – wohl ein anstrengender Abend werden könnte. Aber zu früh gefreut, fünf Minuten später werde ich wieder umgesetzt. Ein nettes Ehepaar und zwei junge Männer, wohl etwa in meinem Alter, komplettieren meinen Tisch. Ok. Besser als gegen die Wand zu schauen.

Ich harre gespannt der Dinge die da kommen, denn das Ganze soll zweieinhalb Stunden dauern. Zur Sicherheit habe ich mir ein Buch mitgenommen, ich weiß ja nicht, wie so etwas abläuft. Ich komme aber nicht dazu, es aufzuschlagen. Wir starten mit einer halben Stunde Theorie, in der u.a. die Sache mit dem „e“ geklärt wird. Weiters erfahren wir, dass ein Single Malt nur aus einer Destillerie kommen, aber nicht zwingend nur aus einem Jahrgang bestehen muss und es Bierhefen gibt, die bis zu 40 oder 50% Alkoholgehalt schaffen (aber nicht für Whisk(e)y verwendet werden). Danach kommt der praktische Teil. Michael schenkt uns je 2cl des „Writer’s Tears Pure Potstill“ ein – ein irischer Blend. Ein schöner Whiskey, der nach Vanille riecht. Und es ist der erste von sechs. Mir wird schon jetzt warm ums Herz und ab dem zweiten ist die Stimmung im Raum deutlich gelöst. Es sind – soweit ich beobachte – drei Vater-und-Sohn-Paare hier (ja, Alkohol verbindet), vier Pärchen, eine Gruppe von vier Männern sowie die beiden jungen Männer bei mir am Tisch. Und ich. Der zweite Gang ist ein Bourbon und Michael meint, das sei jetzt keiner, den man mit Cola verdünnen sollte. Ab diesem Zeitpunkt hat eine der Damen vom Tisch schräg gegenüber wohl jene Menge Alkohol erreicht, die ihre Stimme manchmal etwas in die oberen Register entgleisen lässt. In kicherndem Zustand lässt sie jetzt kenntnisreich Schlagworte wie „Cola-Rum“, „Cola-Rot“ und „Whiskey-Cola“ fallen und schaut verschwörerisch in ihre Tischrunde. Beim nächsten Whisky (Blend Scotch)  riecht besagte Dame am Glas und meint: „Riecht mehr wie ein deutscher.“ Oder meint sie „Deutscher“? Michael liest die Flaschenbeschreibung vor, unter anderem fällt dabei „grüner Apfel“. Die Dame ruft: „Grüner Apfel! Ja, das hat er gesagt!“, und deutet auf ihren Begleiter. „Aber schon beim ersten Whiskey!“

Michael füllt die Zeit zwischen den Fachsimpeleien mit Anekdoten auf. Etwa jene über den Mann, der sich bei einer Verkostung bei jedem Schluck nur geschüttelt habe. Auf die Frage, ob es ihm gut gehe, habe er gemeint: „Ich mag keinen Whiskey.“ – „Dann ist das hier wohl das falsche Seminar für Sie…“ – „Ich habe es mir nicht ausgesucht, ich habe es geschenkt bekommen.“ – „Aber Sie müssen den Whiskey dann ja nicht trinken.“ – „Aber es ist schon bezahlt.“

Ich sehe, lerne und trinke von den noch folgenden vier Whisk(e)ys jeweils nur etwa die Hälfte, das reicht mir dann doch, um mir ein Urteil zu bilden. Ich muss ja noch irgendwie nach Hause kommen. Außerdem werden die gereichten gelblichen und goldenen Flüssigkeiten – zumindest für meinen Geschmack – immer schärfer und der letzte ist so torfig, dass man das Gefühl hat, man würde nach einem Schluck davon anfangen, Rauch zu atmen. Das Glas, das wir mitnehmen dürfen, riecht zu Hause immer noch danach. Für Interessierte: Dieses letzte der verkosteten lebensstiftenden Wässerchen kommt aus der Destillerie Laphroig, ist 10 Jahre alt und ein Single Malt Scotch. Michael erklärt, die Fässer dieser Destillierie werden bei hohem Wellengang vom Meerwasser umspült, also nimmt der Whisky auch etwas salziges Aroma an. Witzig, um daran zu riechen, finde ich. Das noch zu trinken ist eindeutig übertrieben. Kommentar eines Teilnehmers dazu: „Ich schreib bei der Bewertung: Bist du deppat.“