#22 Marillenkirtag Spitz

Am vorletzten Juli-Wochenende ist Marillenkirtag in Spitz an der Donau. Schon seit 1950. 1950 haben sie aber keinen Eintritt verlangt. 2015, als ich das letzte Mal dort war, auch noch nicht. Doch dieses Jahr habe ich mich ziemlich geärgert. Ich war noch nie auf einem Kirtag – habe auch von noch keinem gehört -, bei dem man Eintritt bezahlen muss/-te. Da steht der ÖWD, schaut in meinen Rucksack, ob ich eh keine Sprengstoffe mitführe, will dann fünf Euro (!), und dafür kriegt man ein grünes Festivalschleifchen ums Handgelenk. Wenn man wenigstens eine besoffene Marille noch dazu bekommen hätte. Aber nein. Wenn wir nicht extra wegen dem Marillenknödel-Automaten gekommen wären und ich mich nicht die ganze Fahrt schon auf die Knödel gefreut hätte, wir hätten wieder umgedreht und wären gegangen. So hat der ganze Kirtag, bei dem es ja ohnehin nur darum geht, Dinge zu (ver)kaufen und Essen, Getränke und Lose an Mann und Frau und Kind und Hund zu bringen, einen schalen Beigeschmack bekommen. (Angefangen haben sie mit dem Eintritt offensichtlich letztes Jahr – mit drei Euro.) Kommentar meiner Begleitung: „Eine Goldgrube.“ Ja, tatsächlich. Aber auch eine Möglichkeit, einem den Spaß zu verderben.

Naja. Wir stellen uns an der langen Schlange zum Marillenknödelautomaten an, während die Blaskapelle „I’m a Believer“ spielt (nein, kein Scherz) . Als sie zu „Country Roads“ übergehen (das hört sich mit Blaskapelle wirklich WIRKLICH schräg an), bekommen wir unsere Marillenknödeltaler im Tausch gegen je drei Euro. Wir wechseln von der Taler-Schlange zur Marillenknödel-Automaten-Schlange, es geht recht flott voran, Taler einwerfen, Schublade geht auf und – TADAA! – zwei Marillenknödel für jeden von uns. Plätze zum Essen sind rar – vor allem im Schatten. Wir setzen uns auf die Hausstufen hinter dem Knödel-Automaten, wo sich auch bereits einige andere Knödel-Esser eingefunden haben. Mehreren vorbeikommenden Leuten scheint die Szene pittoresk genug, um sie zu fotografieren. Wir vergraben die Gesichter in die Knödel, um nicht plötzlich auf der Homepage irgendeines deutschen Damen-Kegelclubvereins aufzutauchen. Die Knödel schmecken ausgezeichnet, einzig ein oder zwei Minuten länger hätten sie noch ziehen dürfen. Aber die Betreiber sind im Stress – die Mutter wartet in der offenen Automaten-Türe auf Nachschub, einer der beiden kleinen Söhne trägt die Holztaler vom Automaten zurück zum Vater, der die Taler verkauft. Endlich kommt die Tochter mit einem großen Reindl mit neuen Marillenknödeln (gekocht wahrscheinlich von der Oma) – die Türe geht zu und die Schlange setzt sich wieder in Bewegung.

Wie der Name bereits sagt, dreht sich am Marillenkirtag alles um Marillen. Man bekommt neben besagten und besungenen Knödeln auch Marillenpalatschinken und Marillenkuchen. Vor allem aber bekommt man orange Flüssigkeiten: Die Feuerwehr schenkt fleißig aus – die meisten Getränke sind wesentlich günstiger als das Essen. Eine Ladung Urlauber prostet sich mit riesigen Gläsern Marillen-Bowle zu. Eine Dirndl-Damenrunde stillt den Durst mit Marillensaft mit Schuss. Ein älterer Herr kommt mit vier Gläsern besoffener Marillen vorbei. Es ist gerade mal elf Uhr Vormittags. Und einige sehen nicht so aus, als hätten sie gerade erst angefangen.

Wenn ich Polizist wäre, ich würde den Parkplatz (also „Parkplatz“ ist übertrieben: Man parkt am Rand der Bundesstraße und im Grünstreifen daneben, und am Weg zu Fuß ins Ortszentrum Spitz versucht man nicht überfahren zu werden) – ich würde also am Parkplatz auf und abmarschieren, und jeden, der versucht in sein Auto einzusteigen, blasen lassen. Nüchterne bekämen eine Marille geschenkt. Betrunkene würde ich (nach der Strafzettelvergabe) zurück nach Spitz schicken (denn wo sollen sie sonst hin, man will sie ja nicht in die Donau schubsen und in den Weinbergen tun sie sich nur weh), um dort ihren Kummer in Marillenspritzern zu ertränken. Das wäre ein fantastisches Spiel, das man glaube ich sehr lang spielen könnte. Ich fänd‘ das wahnsinnig unterhaltsam. Vor allem da in der Wachau – das weiß ich aus einheimischen Quellen – ohnehin die Meinung herrscht, dass die Polizei nach acht Uhr Abends auf der Straße nichts mehr zu suchen habe – vor allem dann nicht, wenn sie schlingernde AutofahrerInnen aus dem Verkehr winkt. Weil – Zitat – „das is ja wirklich a Sauerei“ und „jetzt übertreiben’s as aber“ und „das gehört hier halt dazu“. Der gleichen Meinung ist man auch in jeder anderen Wein- und Mostgegend, habe ich mir sagen lassen. Na dann. Wieso nicht mal vor acht Uhr Abends anfangen? Ich vermeide es jedenfalls mich nach Einbruch der Dämmerung in der Wachau (oder auch in jeder anderen Wein- und Mostgegend) ohne Helm auf der Straße zu bewegen.

Zum Abschluss kaufen wir bei „Lucki’s Mehlspeisen“ noch zwei Stück Marillenkuchen – aus Mitleid, weil sich im ganzen Gewusel niemand für sie zu interessieren scheint (und die Schlangen an den anderen Ständen so lang sind). Die beiden Mitarbeiter wirken, als würden sie sich davor fürchten, angesprochen zu werden. Der Kuchen ist trotzdem ziemlich gut.

Hier die Marillenknödel-Automatenschublade. Mahlzeit!

#8 Göttweig

Göttweig, unter schwarzem Himmel. Wolken machen mir immer noch Probleme in der Darstellung, aber da ich sie nicht übe werden sie so schnell wohl auch nicht besser werden. 1072 wurde auf dem Hügel, auf dem Göttweig steht, eine Kirche zu Ehren der hl. Erentrudis geweiht. Erentrudis. Wer kennt sie nicht. Erentrudis ist die Schutzpatronin Salzburgs und war die erste Äbtissin der Benediktinerinnenabtei Nonnberg. Was man so über sie liest, hört sich alles recht brav und ziemlich langweilig an, auch wenn manche Texte alle Register des Spannungsaufbaus zu ziehen versuchen: „Anjetzo, Hochansehnliche! von dem Spiel-Scherz zu dem Ernst. Unsere heilige Erentrudis wird von einer arglistigen Spielerin auch auf ein Schach-Spiel heraus gefordert, nemlich von der Welt. Von der Welt? O förchterliches Spiel vor Erentrude! denn die Welt ist eine so gefährliche Spielerin, und dazu noch eine wohlerfahrne Kriegs-Helding. Wie wird es ergehen Erentrudi?“

Ja, wie wird es Erentrudi wohl ergehen? Genau. Elf Jahre später jedenfalls (also von 1072 weg) wurde Göttweig zum Chorherrenstift, 1094 wurde es den Benediktinern übergeben und die ersten Mönche kamen um 1100 an. Seitdem hat man ein bisschen an- und zugebaut, wie auch auf dem Bild ersichtlich ist: Göttweig sitzt ziemlich breit über dem Tal und droht nach unten, während hier der Himmel über Göttweig droht.

Wenn gerade nichts droht, kehrt man am besten im Stiftsrestaurant ein, von der dortigen Terrasse hat man nicht nur einen wunderbaren Blick auf Krems und die Donau, sondern mit ein wenig Glück auch die Möglichkeit einen Brenzenschmarrn essen zu können. Ein Brezenschmarrn besteht aus altbackenen Brezen, viel Eischaum, viel Zucker und Marillenröster. Himmlisch.

P.S.: Dass es dieses Motiv geworden ist, ist Überlegungen gegenüber einem anderen Fund zu verdanken, den ich dann doch nicht zumuten wollte: Ein kleiner toter Feldhase, wahrscheinlich von einem Auto erwischt. In der Jagdsaison 2015/2016, so der ÖAMTC, wurden in Österreich rund 23.200 Hasen von Fahrzeugen getötet, nahezu 38.000 Rehe und über 7000 Fasane. Wobei ich nicht weiß, was genau mit „Jagdsaison“ gemeint ist, da jedes Tier eigene Schon- und Jagdzeiten hat, die noch dazu von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich sein können. Keine Ahnung, nach was der Beginn der Jagdsaison sich dann richtet?

Das Zitat stamm übrigens aus – und der Titel ist ziemlich ansehlich: „Lob- Ruhms- und Sitten- Predigten, so von verschiedenen Ehren-Canzeln einen Ansehlich zahlreichen Auditorio vorgetragen, nun aber zum öffentlichen Vorschein ausgefertiget worden seyend von A.R.P. Don Jos. Ferdinando Maria Koller, Clericorum Regularium, vulgo Theatinorum Theologo, Predigern, und p.t. des geistlichen Hauses ad. S. S. Maximilianum & Cajetanum zu Salzburg Vicaro mit Beygefügtem Zusatz einiger zu Trost der armen Seelen im Fegfeuer von ermeldten Authore dem Volk verkündigten Octav-Predigten. Zweyter Theil. München und Stadt am Hof, […] 1766, S. 112.