#27 Bücherei

Wieso gibt es jetzt, Anfang September, Schneeglöckchen im Bild? Also. Vor langer, langer Zeit… nein, eigentlich nur seit wenigen Wochen habe ich einen Ausweis für die Wiener Stadtbücherei und bin begeistert. Als Kind war ich in meiner Heimatstadt fast jede Woche in der Bücherei und habe von der Knickerbockerbande über Hanni und Nanni, Burg Schreckenstein, die Pizza-Bande und Asterix alles gelesen. Später kamen dann das Spektrum der Wissenschaft, Wolfgang Hohlbein und Stephen King dazu, und beim Ausleihen habe ich immer gehofft, dass mich kein Bibliothekar oder keine Bibliothekarin über die Brille hinweg ansieht und sagt, dass das wohl noch nichts für mich wäre. Weil die Bücher standen nämlich in der Erwachsenen-Abteilung und ich war mir nicht sicher, ob ich die überhaupt ausleihen durfte. Jaha, unglaublich aufregend. Eine Bibliothekarin hatte übrigens eine blaues und ein braunes Auge – faszinierend! Aber ich habe mich nie getraut länger hinzuschauen.

Irgendwann, mit ca. vierzehn (?), bin ich nicht mehr hingegangen. Unter anderem wegen einer neuen Aushilfe. Das klingt jetzt vielleicht arrogant, aber ich habe nicht verstanden, wieso man einen Menschen, der offensichtlich so wenig weiß, in einer Bibliothek arbeiten lässt. Weil ich es gewohnt war, dass alle anderen hier so viel wussten. (Das war übrigens meine erste Begegnung mit einer Germanistik-Studentin, aber offensichtlich habe ich mich bei der Inskription an der Uni später nicht daran erinnert, sonst hätte ich wohl ein anderes Fach gewählt.)

Das erste Mal, als ich sie gesehen habe, hatte sie ein Sträußchen Blumen in der Hand. Ich bin zum Schalter und wollte meine Bücher ausborgen. Sie hat versonnen auf die Blumen geschaut und mich dann gefragt, ob das Schneeglöckchen wären. Es waren Frühlingsknotenblumen und ich war konsterniert: Wie konnte man denn bitte Frühlingsknotenblumen mit Schneeglöckchen verwechseln? Das mit dem Ein- und Ausbuchen war auch unglaublich schwierig. Das hat gedauert. Und die Zeit, die das gedauert hat, hat sie mit neugierigen und indiskreten Fragen gefüllt. Ich war einsilbig und höchst irritiert. Was machte diese Frau da? Meine Oma hat damals ebenfalls gemeint, dass die Neue in der Bücherei wohl nicht zu den Hellsten gehöre, ich kann mich aber nicht mehr daran erinnern, mit welcher Bemerkung sie die aus der Fassung gebracht hat. Glücklicherweise hatte „die Neue“ keine Vollzeitstelle. Bei unserer nächsten Begegnung, sie lackierte sich gerade die Nägel (während der Arbeit!), hat sie mich gefragt, ob ich denn schon einen Freund hätte. Ich stand da mit einem Stapel Bücher, unter anderem einem Buch über Toxikologie (das ich mir schon mehrmals ausgeborgt, aber nie gelesen hatte, ich fand nur das Thema unheimlich spannend) und war mehr als peinlich berührt. Bitte? Was war denn das für eine Frage? Nein! Aber – kurzes Gedankenspiel – was wenn ja? Hätten wir dann über Beziehungen zu plaudern begonnen? Hätte sie mir ihre Lebensgeschichte erzählt? Ahhh! Ich wollte doch nur Bücher ausleihen! Aber – ich wünsche ihr alles Gute. Und wer weiß. Vielleicht hat sie ja doch noch irgendwann zu lesen begonnen.

Jedenfalls habe ich jetzt wieder einen Büchereiausweis. Und muss mich überhaupt nicht mehr mit den Menschen am Schalter beschäftigen, denn wenn man will geht das alles elektronisch. Zurückbringen, ausborgen – alles wunderbar. Wobei, ich mag Bibliothekare und Innen ja. Nur dieses eine Exemplar war ein Sonderfall, der wohl auch nicht lange dort geblieben ist. Ich glaube, Bücher riechen Ignoranz und fressen einen einfach auf, wenn niemand hinschaut.