#67 Frei!

Montag, 2. Juli, Kassa beim Billa. Wenn die Frau vor mir einen Schritt weiter vorgehen würde, könnte ich meine Sachen schon mal auf das Band legen. Ich verwende natürlich keinen Korb und halte alles in Händen, auch wenn mir gegen Ende des Billas in denselben meistens der Platz auszugehen droht. Mit dem Zeigefinger halte ich einen Flaschenhals. Die Flasche fängt zu rutschen an. Die Frau geht immer noch nicht weiter. Sie ist zu beschäftigt damit, ihr Kind zu ignorieren. Das Kind geht mir etwa bis zur Mitte des Oberschenkels, vielleicht erste Klasse Volksschule. Der Bub hat braune Haare, eine blitzblaue Sonnenbrille aus Plastik auf, bunte Shorts, ein grünes T-Shirt und einen Aktionsradius von etwa drei Metern. Er kugelt auf dem Boden, kräht, zieht an der Leinenbluse seiner Mutter, läuft fast in mich rein, ich halte die Flasche fester, er macht eine Pirouette, läuft fast in die Eskimo-Kühltruhe, singt ein Lied, hängt sich mit beiden Händen an seine Mutter und kugelt schon wieder krähend auf dem Boden herum. Und das alles in einer halben Minute. Dazwischen sagt die Mutter öfter mal „Julian!“ und zieht die Luft zwischen den Zähnen ein. Als ich endlich meine Sachen auf dem Band abstellen kann, meine Finger ausschüttle und die Frau beim Zahlen ist, weiß ich plötzlich was los ist. Ich grinse sie an und frage: „Erster Ferientag?“ Sie verdreht die Augen. „Julian!“ Beide gehen.
„Zwei Monate Ferien“, sage ich zur Frau an der Kassa. „Das war schon ziemlich super.“
Sie lacht und meint: „Ja, und sie fangen erst an!“

Naja. Julian wird das schon überstehen.

 

#17 Bad Ottakring

Das ist es also. Es ist halb zehn, ich stehe im nassen Gras und drehe mich im Kreis, um mich umzusehen und zu orientieren. Eine ältere Dame missdeutet meine Blicke und meint mit Handbewegung zu einer unter einer großen Platane stehenden Liege, dass die noch frei sei. Wenn das Schicksal so zu einem spricht, soll man zuhören. Ich nehme die Liege.

Es wird / soll heute 35° kriegen – für solche Aussichten erscheint mir ein Schwimmbad der passende Ort zu sein. Vor allem da die Schulferien noch nicht angefangen haben und das Bad jetzt, am Vormittag, angenehm halbleer ist. Es sind hauptsächlich Jahreskarten-besitzer über 60 und Eltern mit Kleinkindern im Bad. Und zwei Männer, wohl Mitte 30, mit ihrer jeweiligen Personal Trainerin. Und Eins! Und Zwei! Und Eins! Und Zwei!

Man sieht ziemlich viel. Man möchte meinen: fast alles. Aus den Büstenhaltern (nein, das kann man keinen Badeanzug mehr nennen) herauswogende Busen, Pommes und Riesenlaugenbrezeln, kleine Kinder mit Spielzeuggießkannen und dazugehörende rauchende Mütter, die in kleinen Einbuchtungen der Hecke heimlich rauchen. Es gibt Männer mit Gelhaaren, die viel zu lange in der Sonne waren. Vier Mütter mit Kinder-, Doppelkinder- und Freifachkinderwagen laufen ein. Die Kinder sitzen bereits fix und fertig zum Baden ausgerüstet in den Wägen – inklusive Schwimmflügel. Außerdem erblickt man – für einen nicht am Flughafen liegenden Ort – erstaunlich viele Nackenstützen. Sie werden beim Schwimmen verwendet, um die Frisur vor Wasser zu schützen. Spannend.

Ich dusche mich vorschriftsmäßig ab – huah, kalt, kälter, Schwimmbadduschen. Im Sportbecken, neben dem das Schild „für Schwimmer“ angenagelt ist, stehen etwa drei Dutzend ältere Herrschaften in kleinen Grüppchen gut verteilt herum. Für die Seniorinnen und Senioren scheint das Becken hauptsächlich den Zweck eines Marktplatzes zu erfüllen. Man hört: „Hast schon ghört, die Kathi…“ oder „… und was der Hertha dann wieder passiert ist …“ und „… da sogt er, jo der Kurti, der kennt se aus – sag I: Ja Trottl, des geht se nia aus, dass ma des da drunter stellt…“. Hin und wieder startet jemand einen Schwimmversuch, was sich aber rasch als Pseudomaßnahme entpuppt. Ein, zwei Tempi, die mehr wie Hüpfen als Schwimmen aussehen, offensichtlich um nicht für faul gehalten zu werden. Oder dem Schild „für Schwimmer“ genüge zu tun. Man weiß es nicht so genau. Meistens passiert das, wenn in der Mitte zufällig eine Bahn frei geworden ist, auf der man tatsächlich schwimmen könnte. Hüpf, hüpf, schon wieder ein Hindernis. Die Herrschaften sind überall, nur nicht am Rand und ich und ein weiterer Schwimmer üben uns im SeniorInnen-Hindernis-Parkour. Die beiden Bademeister beobachten uns amüsiert. Die sind übrigens im Dauereinsatz: Zu zweit beobachten sie die beiden Becken mit Argusaugen und sobald auch nur jemand andeutungsweise mit dem Fuß auf den Beckenrand steigt, schrillt auch schon die Pfeife: „Vom Beckenrand springen verboten!“ Ich konnte keinen einzigen Köpfler, geschweige denn eine Arschbombe beobachten!

Da sich das Schwimmen als äußerst schwierig erweist, gebe ich nach zehn Bahnen auf, setzte ich mich zum Trocknen ins Gras (die Liege steht ja im Schatten) und lese. Mich trifft etwas im Rücken. Ein alter Mann zieht zwei Liegen vorbei. Ich sage „Danke“ (und werde, als ich die Geschichte später zu Hause erzähle, als passiv-aggressiv bezeichnet. Ich finde das ist besser, als dem alten Mann aktiv-aggressiv mein Buch an den Kopf zu werfen) und werde nochmal getroffen (die Liegen sind ja relativ lang). Er hat es nicht gehört. Auch nicht gespürt. Oder gesehen. Sein eines Bein ist viel dünner als das andere. Ich sage nichts mehr und wünsche ihm und den Liegen im Stillen einen schönen Tag.

Später gehe ich nochmal ins Becken, es ist besser geworden, die meisten Herrschaften sind jetzt wohl im Restaurant. Ein Mann schwimmt vorbei. Eine Frau (seine Frau?) schwimmt sehr knapp hinter ihm – ihr Kopf muss ungefähr auf der Höhe seines Hinterns sein. Und sie redet. Und redet. Länge für Länge. Faszinierend.

Fazit Bad Ottakring: Mich kann jetzt nichts mehr erschüttern. Der Sommer kann kommen.