#16 Johannesbachklamm

Ich habe mir vorgenommen meine Kondition zu verbessern und finde, dass ein bisschen Wandern nicht schaden könnte. Die Johannesbachklamm stellt sich von Wien aus als öffentlich gut erreichbar heraus – zumindest in der Theorie. Sowohl An- als auch Abfahrt stressen mich ziemlich: Ich fahre zum Wiener Hauptbahnhof und von dort zum Bahnhof Wiener Neustadt, wo genügend Zeit zum Umsteigen in den Zug nach Puchberg am Schneeberg bleibt. Verspätet fährt ein Zug bestehend aus zwei Teilen ein – die Durchsage teilt uns mit, dass der vorder Zugteil nach Gutenstein (oder so ähnlich) fahren wird. Ich knabbere ein wenig an der Frage, wo bei zwei Waggons, die beide jeweils vorne und hinten ein Zugführerabteil haben, wohl vorne ist und wundere mich, wo denn mein Zug bleibt. Der Zug nach Gutenstein fährt ab. Zwei Sekunden später kommt die Durchsage: „Zug nach Puchberg am Schneeberg – fährt ab.“ In diesem Moment leuchtet im zweiten, noch stehenden Zugteil, die Schrift „Puchberg am Schneeberg“ auf – ich springe hoch, denke mir Dinge, die ich hier besser nicht hinschreibe und versuche die Türe zu öffnen. Geht nicht. Ich laufe zur Zugführerkabine und winke. Der Schaffner winkt zurück. Er öffnet das Fenster und sagt: „Ja, wir haben sowieso gerade Probleme.“ Er drückt die Tür manuell auseinander. Das Problem stellt sich als gravierender heraus. Nachdem ich in den Zug eingestiegen bin, steige ich – und alle anderen auch – zehn Minuten später wieder aus. Der Zug wird aufgrund eines Triebwerksschadens ersatzlos eingezogen und wir warten alle zusammen auf den nächsten Zug, der eine Stunde später geht. Kurz nach elf Uhr bin ich in Rothenbach. Soweit zur Hinfahrt. Über die Rückfahrt möchte ich nicht reden.

Dazwischen aber war es sehr nett: Nach einer halben Stunde Fußweg durch die Sonne (die um 10 wohl noch nicht ganz so arg gewesen wäre) komme ich in Würflach und beim Eingang der Johannesbachklamm an. In der Gegend stehen viele Schwarzföhren und Schilder lehren mich, dass man ihnen hier früher das Blut abgezapft hat: Ihr Harz wurde zur Herstellung von Pech verwendet, aus dem man dann unter anderem Terpentin gewinnen konnte. Ich habe keine Ahnung wozu man das andere Produkt (Kolophonium) braucht. Nach jahrelangem Aderlassen sehen die Bäume dann so aus:

Die Klamm ist schön und kühl und bis auf ein paar Hundebesitzer und eine etwas alberne Gruppe 50jähriger (betrunken? man weiß es nicht – und bei dem Kameraziel, das sie haben, muss ich jetzt wohl auf allen ihren Fotos drauf sein) ist es auch sehr ruhig dort. Der Klammweg ist leider nicht sehr lang, nur etwa einen Kilometer weit ist die Strecke zwischen den Felsen, über Holzbrücken und Stege, aber es gibt viele Bänke und man kommt auch zum Wasser runter. 1902 haben die Wiener Naturfreunde die Klamm begehbar gemacht und tun dies auch mit einem Schild kund:

Man sieht, dass nicht nur die Wiener Naturfreunde sich hier verewigt haben, sondern auch Joseph Kyselak. Ich hatte ihn hier nicht erwartet, war aber erfreut, auf ihn zu treffen. Ob die Schrift wirklich von ihm ist? Oder ob sie schon oft nachgezogen und erneuert wurde? Wer ihn nicht kennt, hier kurz die Geschichte: Joseph Kyselak war ein Hofkammerbeamter, der gerne und begeistert Wandern und Bergsteigen ging. Dabei pflegte er stets in großen Lettern seinen Namen zu hinterlassen – man findet ihn in halb Österreich verstreut. Es gibt viele Legenden um ihn und dazu auch eine schöne, aber wohl nicht wahre Anekdote, dass er aufgrund seiner „Schmierereien“ zum Kaiser selbst bestellt worden sei, der ihm alle weitere Verewigungen verboten hätte. Nachdem Kyselak Besserung geschworen und sich wieder entfernt hatte, soll der Kaiser in seinem Schreibtisch „Kyselak“ eingraviert gefunden haben. Samt Datum. Aber wie gesagt, eine schöne Geschichte… 1831 schrieb Kyselak dann nicht mehr – er fiel einer Choleraepedemie zum Opfer. Übrigens: Bei der Wahl zwischen Pest und Cholera immer die Cholera nehmen. Die Überlebenschancen sind deutlich höher.

Mauergewächs in der Steinwand der Klamm, wird in Farbe nächste Woche nachgereicht: