Alien Covenant

Kommentar Kinobegleitung: „Keine Geschichte, keine Action, kein Sex. Ein Nicht-Film. Eine Beleidigung für den anspruchslosen Filmegeher.“

Ich dachte ja „Alien Covenant“ ist ‚erst‘ Nummer sechs der Alien-Filme, aber ich habe die zwei Predator-Filme vergessen. Das heißt „Alien“ hat mittlerweile „Police Academy“ überholt (nur sieben Teile), was nicht unbedingt Gutes verheißt. Einer der Gründe warum es hier so viel Text gibt 🙂

Aber zuerst mal die Vorwarnung: SPOILER ALERT! Wer hier weiterliest, obwohl er sich den Film noch ansehen möchte: selber schuld.

Kurze Zusammenfassung: Das Raumschiff Covenant soll mit Walter (Android), 15 Crewmitgliedern, einer Fracht von 2000 Leuten und ein paar Dutzend Embrionen mittels Terraforming einen fremden Planeten besiedeln, der mehrere Jahre weit entfernt liegt. Es kommt zu einem Zwischenfall, ein paar Menschen sterben, u.a. der Kapitän. Der neue Kapitän ist ein unsicherer Typ, der anstelle weiterzufliegen ad hoc einen anderen Planeten für gut genug zur Besiedelung befindet. Dort trifft man auf das Schiff, mit dem Elisabeth Shaw und der Android David (Besatzungsmitglieder der „Prometheus“) weitergeflogen sind. Elisabeth ist tot (wie alles andere nicht pflanzliche Leben auf dem Planeten, danke David) und David hatte zehn Jahre Zeit sich als egomanische Schöpfernatur zu imaginieren. Bevor die Crew Lunte riecht und die wahre Natur des aalglatten und kalkulierenden Androidens überzuckert, ist bereits die Hälfte tot.

‚Best of“ aus der Rubrik: „Das hatten wir doch schon mal…“

  • Man landet auf dem fremden Planeten – im ärgsten Ionensturm. Anstatt einfach einen Tag zu warten, bis sich das Unwetter gelegt hat (das können sie offensichtlich feststellen à la „es dauert noch acht Stunden bis der Sturm abklingt“), riskiert die Crew Funkausfälle und Übertragungsstörungen. Steht diese Szene im „Handbuch zum Schreiben eines Sci-Fi-Films“? Ich bin ernsthaft versucht nachzuzählen, wie oft das Motiv in den letzten Jahren verwendet wurde. Vorhersehbarer geht’s doch kaum.
  • „Ich gehe mich kurz frischmachen.“ Was, wirklich? Tot? Wie konnte das passieren.
  • Natürlich hängt sich ein Alien an das fliegende Fluchtfahrzeug.
  • Natürlich ist dann noch ein Alien an Bord, das man – wie immer – ins Vakuum befördert.

‚Best of“ aus der Rubrik: „Häh?“

  • Nach dem Zwischenfall im Weltraum, bei dem mehrere Menschen sterben, ist man vom anvisierten Planeten noch sieben Jahre entfernt. Rein zufällig fängt man von einem Planeten in der Nähe eine Voice-Nachricht auf, in der jemand „Country Roads“ von John Denver singt (nein, das riecht überhaupt nicht nach Falle), man findet, der Planet ist doch klasse bewohnbar, wieso fliegen wir nicht einfach dorthin? Und die Crew entscheidet das einfach so – ohne die 2000 in Tiefschlaf befindlichen Menschen zu fragen, die für den anderen Planeten unterschrieben haben. Die Argumente der ersten Offizierin Daniels („aber unsere Ausrüstung und unsere Ausbildung ist auf den anderen Planeten abgestimmt“) werden einfach übergangen. WHAT?
  • Man landet im Wasser. Und die gesamte Crew springt ohne Zögern rein. Auf einem fremden Planeten. In einem unbekannten Ökosystem. Haben die ihren Freischwimmer verschlafen? Die zehnte Baderegel lautet: Geh nie in Gewässer, die dir unbekannt sind! Wenn das schon für die Erde gilt, dann wohl erst recht für fremde Planeten.

‚Best of“ aus der Rubrik: „Offene Fragen“

  • Wieso killt David die „Schöpfer“ bei seiner Ankunft sofort, ohne sie kennenlernen zu wollen, von ihnen zu lernen oder sie für seine Experimente zu nutzen? Aus Rache, weil sie die Menschen umbringen wollten? Weil er das selber erledingen möchte? Aber anders?
  • Ich bin mir nicht ganz klar darüber, ob David jetzt die Aliens erschafft oder nur selbst der Meinung ist, er tue das – denn woher kommen die Eier in „Prometheus“? Oder hat er die Xenomorphs nur verändert?
  • Wieso merkt „Mutter“/“mother“ nicht, dass David nicht Walter ist, und wieso hat David Sicherheitscodes für ein Schiff, dass gebaut wurde, als er schon nicht mehr auf der Erde war?
  • Respekt, Dr. Shaw: Wie konnte die Archäologin (!) David inklusive Neoprenanzug so makellos zusammenflicken, ohne Ersatzteile und an Bord eines ihr unbekannten Alienschiffs mit keinerlei irdischer Ausrüstung?
  • Wieso wachsen Davids Haare?

‚Best of“ aus der Rubrik: „Muss das sein?“

  • Da gibt es eine lustige Szene: Ein Crewmitglied seilt sich ab, um eine zu rauchen, atmet dabei das böse Alien-Virus ein und stirbt als erster daran. Ich muss sagen, dass ich mir aus Zigaretten nichts mache, aber die „No Smoking“-Lobby treibt schon schräge Blüten. Vorbei die Zeiten, in denen die Helden rauchten. Jetzt steht der Raucher als erstes auf der Abschussliste.
  • Die Raumschiffe sehen in den Totale-Einstellungen aus wie aus Lego.
  • Pilzsporen, die eigentlich ein Virus sind, die Schwarmverhalten an den Tag legen?

Bevor wir zu den spannenden Punkten, an denen man ein bisschen herumknabbern kann, kommen, erstmal eine Pause:

(Hier Work in Progress, unten gibt’s das fertige Bild.)

Also weiter.
Der Film knüpft an die anderen Alien-Filme an, indem er wieder eine Frau zur Hauptfigur resp. zur Identifikationsfigur macht, die Terraforming-Spezialistin Daniels (Katherine Waterston). Er ändert aber die Zuschreibungen auf Ebene der Aliens: Bisher waren die Aliens stark weiblich konnotiert, besonders wird das bei „Aliens“ (d.h. der zweite Teil) hervorgehoben, als Ripley erfolgreich mit der Alienkönigin kommuniziert (á la „rühr mein Kind nicht an und ich lass deine in Ruhe“). „Alien Covenant“ aber gibt der Geschichte einen Twist, indem es den Androiden David als „Vater“ der Aliens darstellt. David, wenn nicht Schöpfer (weil die Eier gibt es ja auch schon in „Prometheus“?), so zumindest Manipulateur, wird zum alchemistischen Vater, der versucht mit seinen „Kindern“ zu kommunizieren. Passend dazu sieht Davis Labor so aus wie man sich eine mittelalterliche oder frühneuzeitliche Alchemistenstube vorstellt, mit aufgespannten Fellen, Präperaten, Schriftrollen, anatomischen und naturkundlichen Zeichenstudien, Glasphiolen, Flaschen, Federkielen, Tintenfässern. Wurde die „Schöpferrasse“ als antike Gesellschaft dargestellt, die togatragend über einen riesigen Platz promeniert, bleich wie Marmorstatuen und mit griechischen Nasen, so hängt über Davids Schultern (der seinen Namen übrigens von Michelangelos Statue hat) ein Kapuzenumhang aus rauem Tuch. David, der hier wohl das ‚finstere‘ Mittelalter verkörpern soll, hat mit seiner Ankunft auf dem Planeten die Antike zerstört. Die Crew des Raumschiffts Covenant hingegen trägt das Symbol der Corporation „Weyland Yutani“, welches aus dem alten Ägypten stammt: „Chepre“, der Skarabäus, Erzeuger der Erde, Symbol der Schöpfung und des Werdens. Die Crew, die 2000 Menschen und Dutzende Embrionen an Bord der Covenant (dt. „Zusage“, „vertragliches Abkommen“, „Verpflichtung“) sollen eine neue Welt schaffen.

Die Geschlechter- und Genealogiethematik reicht weiter: „Vater“/“father“ Peter Weyland (Guy Pearce) erweist sich in „Prometheus“ (Teil sieben) als egoistischer Milliardär, dem es nur um die eigene Unsterblichkeit geht. Apfel David fällt nicht weit vom Stamm (Egoist, opfert andere um seine eigenen Ziele zu erreichen, etc). Dies lässt Davids Versuch, sich von der menschlichen Rasse zu lösen, von vornherein scheitern: Er, der eindeutig Wesenszüge seines „Vaters“ ‚geerbt‘ hat, ist Teil der Menschheit, wenn er auch nicht ihren biologischen Mechanismen unterworfen ist (bis auf die Sache mit den Haaren). Davids eigene Schöpfungen, seine Experimente mit den Aliens, stellen sich als ebenso zerstörerisch wie Weylands Egoismus heraus. In der letzten Szene des Films würgt er zwei Alien-Embrios hervor – eine verkehrte, verdrehte Geburt, die schon mal auf den geplanten dritten Prequel-Teil verweist.

Weyland/“Vater“ und David stehen Walter und das Computersystem des Schiffs Covenant gegenüber, genannt „Mutter“/“mother“. Walter, ein Nachfolgemodel von David, wurde die Gabe zur eigenen Schöpfung verwehrt. Walter und „Mutter“/“mother“ sind beide darauf programmiert Leben zu erhalten, nicht neue Dinge zu kreieren. Daniels, Frau und Terraforming-Spezialistin, steht zwischen den Fronten: Sie wird als diejenige inszeniert, die Leben erschaffen, aber auch erhalten kann – implizit weil sie eine Frau ist, explizit weil sie als Terraforming-Spezialistin diejenige ist, die neuen Lebensraum kreiert.

Und weil es die ganze Zeit um Schöpfung, Götter, die Dichotomie zwischen Mann und Frau und die Erschaffung neuen Lebens geht, glaube ich, dass es nicht zu weit hergeholt ist, „Alien Covenant“ zusammengefasst als vegebliche Suche nach dem Paradies zu interpretieren: Der noch sieben (!) Jahre lang dauernde Weg zum neuen Planeten, d.h. zum Paradies, in dem man sich wie Henry David Thoreau eine Blockhütte bauen kann, wird von der Versuchung, schneller zur Befriedigung zu kommen (der neue, nahe Planet), unterbrochen. Das ist die „Sünde“, die begangen und sofort bestraft wird: Denn auf diesem Planeten findet man nicht das Paradies, sondern die Hölle samt Teufel (bilde ich mir das jetzt nur ein, oder wurde David öfter als solcher bezeichnet?). Und als der Weg zum Paradies wieder aufgenommen wird, trägt man das Böse mit sich, das Paradies kann deswegen nie erreicht werden.

So, und das lasse ich mal so stehen, der Post ist lang genug 🙂

P.S.: Ah ja, übrigens: Bechdel-Test: Bestanden. (In etwa: „Lass mich raus!!!“ – „Ich kann nicht!!“)

PPS.: Ein unbekannter Kinonachbar sieht am Ende Films in der Kategorie ‚Cast‘: „David/Walter – Michael Fassbender“ und ruft erstaunt: „Was, der hat beide gespielt?“
Sag mal, wo warst du die letzten zwei Stunden?

PPPS.: Weyland Industries haben übrigens eine eigene, ein bisschen unheimliche Homepage: https://www.weylandindustries.com

Und hier in Farbe und so: