#53 Bärlauch

Sonne im Pötzleinsdorfer Schlosspark. Vorbei an Kindern, aufeinander losgehenden Böcken im Streichelzoo und den ersten Eisessern der Saison (bei ca. 8 Grad Außentemperatur schmilzt das wenigstens nicht so schnell) und hinauf den Hügel! Unterhalten kann ich mich dabei nicht, nach einem langen Husten bin ich etwas kurzatmig. Mittlerweile hat sich auch herausgestellt, dass die Kurzatmigkeit nicht Teil einer wie ich glaubte (Hypochonder vor!) schweren Krankheit sei (man ergoogelt sich ja schnell mal was), sondern nur die Muskeln zwischen meinen Rippen vom Husten schwer verspannt sind und deswegen Dehnung benötigen. Ich atme tief, dehne, huste gleich mal und hechle weiter hinauf. Pause? Brauch‘ ich nicht! Aber ca. hundert Höhenmeter sind für innerstädtische Spaziergänge in meinem Zustand noch nicht ohne, und so bleibe ich, oben angekommen, erstmal schwer schnaufend stehen. Ich brauche wirklich Training. Oder ein paar Träger. Wobei ich mir Sänften ja nicht wirklich bequem vorstelle. Was, wenn die Träger nicht im Gleichschritt gehen? Nichts ist unangenehmer als ein Dreibeinlauf, wenn man sich nicht im gleichen Rhythmus bewegt. Und dann bergauf – muss man sich dann festhalten, damit man nicht herausrutscht? Liegt man auf einer Gummimatte oder ist man – als verantwortungsbewusster Sänftengetragener – dazu angehalten, sich anzuschnallen? Was ist mit den Trauben, die man offensichtlich in Sänften immer mit dabei hat? Sind die denn aus biologischem Anbau? Und wirft man auch den Trägern hin und wieder eine zu, damit sie beim bergaufgehen nicht eingehen?

Ein Geruch reißt mich aus Gedanken, es knofelt. Es knofelt nicht nur, der ganze Waldboden ist mit sattem Grün gesprenkelt: Der Bärlauch ist aufgewacht und schiebt seine lanzenförmigen Blätter aus der Erde. Immer wieder zweigen Menschen vom Weg ab, um junge Blätter fürs Abendessen in Plastitüten zu sammeln. Zumindest sind die meisten von ihnen taktvoll genug, nicht direkt neben den Schildern ins Grün zu laufen, auf denen steht, dass man den Wald um Flora und Fauna willen bitte nicht betreten möge.

Das erste Mal, dass ich Menschen mit Plastiktüten und büschelweise Grün in der Hand gesehen habe, war im Augarten. Was sie dort taten war mir fremd, genauso wie der Bärlauch. Mit höchst skeptischen Blicken habe ich das Treiben beobachtet. Was um Himmels Willen verleitet diese armen Menschen dazu, Gras zu sammeln? Mittlerweile bin ich eines Besseren belehrt worden, weiß, was Bärlauch ist, wie er schmeckt und auch, dass er mir schmeckt.

354.000 Quadratmeter ist der Pötzleinsdorfer Schlosspark groß und wenn der Bärlauch auch nicht auf dem ganzen Gelände wächst, sein Ausbreitungsgebiet ist doch so groß und dicht genug, dass das Pflücken nicht auffällt. Außerdem ist hier die Gefahr gering, den Bärlauch mit den ähnlichen Blättern der giftigen Maiglöckchen oder des Aaronstabs zu verwechseln, keine der beiden Pflanzen scheint hier zu wachsen (zumindest wären sie mir noch nie aufgefallen – sollte es doch welche geben, will ich nicht daran schuld sein, dass jemand die Vergiftungsinformationszentrale kontaktieren muss; die Nr. für den Notruf lautet übrigens 01 406 43 43.)

Hunger auf Bärlauch bekommen? Wem Pötzleinsdorf zu weit ist, der möge den Augarten an der Grenze zwischen 20. und 2. Bezirk stürmen, auf die Steinhofgründe fahren oder den Prater besuchen. Auch im Lainzer Tiergarten oder in den Donauauen findet man Allium ursinum, aber dort ist Naturschutzgebiet, also Finger weg.
Ja, tatsächlich: Wien ist eine Bärlauchstadt.