#72 Am See

Wir sind am Balaton und dürfen dort bei Freunden übernachten. Das ist jetzt zwar nicht in Österreich, aber ehemaliges K&K-Gebiet, da will ich mal nicht kleinlich sein. Der Plattensee, so der deutsche Name, sagt schon alles: Der Plattensee ist platt. Wie die meisten Seen. Außer es geht Wind, dann kommen die Wellen. Das Haus liegt am Nordufer und wenn sich am Nachmittag die Gewitter zusammenbrauen und es auf der Südseite zu regnen beginnt, sagt unser Freund: „Über dem Nordufer lacht die Sonne, über das Südufer die ganze Welt.“ Manchmal bleiben die Gewitter und Wolken aber nicht am Südufer sondern ufern aus und dann sagt die Lautsprecherstimme im Strandbad auf Ungarisch, dass jetzt schon Gewitterwarnstufe 2 bestehe und jeder nur mehr auf eigene Verantwortung hin ins Wasser gehen dürfe. Was ich nicht ganz verstehe, denn wer übernimmt denn vorher die Verantwortung dafür, dass ich ins Wasser gehe? Aber gut. Wer keine Freunde hat, die das Ungarische beherrschen, der weiß leider nichts von der Warnstufe und geht einfach so ins Wasser. Manchmal sagt die Stimme auch „Achtung! Achtung!“ (also auf Ungarisch), „Es herrscht Gewitterwarnstufe 3.“ Gewitterwarnstufe 3 wird dann nach einer kleinen Künstlerpause tatsächlich auch auf Deutsch ausgerufen. Bzw. in einem Idiom, das sich so ähnlich anhört wie Deutsch. Man kann zumindest erahnen, worum es geht. Bei Warnstufe 2 kann man noch schauen, was wettermäßig weiter passiert, manchmal nämlich rein gar nichts und die Wolken verziehen sich (ans Südufer). Stufe 3 ist dann schon nicht mehr zu übersehen, schwarze, tiefhängende Wolken und auffrischender Wind lassen einen dann doch recht flott zusammenpacken. Und was man alles zusammenpacken muss! Da die Freunde öfter am See sind, sind sie bis ins Kleinste ausgerüstet. Glücklicherweise nehmen sie nicht immer alles mit, aber von Campingstühlen bis einem kleinen Sonnenzelt gibt es alles. Sie haben sogar einen kleinen Griller, der etwa so groß ist wie ein aufgeblasener Wasserball. Ich muss sagen, meistens bin ich auch nicht ganz leicht unterwegs, da ich eine ganze Batterie Stifte mit mir herumtrage und mindestens ein Skizzenbuch. Nicht, dass ich mehr als ein paar Seiten schaffe, aber man möchte ja die Wahl haben, ein anderes Format hernehmen zu können. Also ist der Rucksack voll mit Zeichensachen und der Korb muss für alles andere herhalten (Buch, Handtuch, Bikini zum Wechseln, Wasser, Essen).

Apropos Essen. Wieso ist das Essen in jedem mir bekannten Schwimm- und Strandbad eigentlich das schwerste und fettigste, das man sich nur vorstellen kann? Es ist heiß, man läuft im Badeanzug herum, und ich stelle mir dann immer Tomaten mit Mozzarella oder Wassermelone oder Couscous-Salat oder Obstsalat oder Wraps vor. Leicht und erfrischend halt. Aber was gibt es? Pommes, gebackenen Karfiol (am Balaton gesehen und ausprobiert, schmeckt ganz gut, nur ziemlich heiß), Ente mit Rotkraut und Semmelknödel (ich kenne drei Bäder, wo das auf der Karte steht!), Cordon Bleu, Schnitzel, gebackenen Fisch… Ich glaube einfach nicht, dass die Leute bei 34 Grad unbedingt Pommes und Ente haben wollen. Aber es gibt nichts anderes.

Halt. Doch, es gibt etwas anderes. Zumindest am Balaton. Man kann sich auch Palatschinken bestellen. Kein Scherz! Für 150 Forint, also ca. 50 Cent, gibt es eine Marmeladen-Palatschinke. Nutella-Palatschinken kosten 200 Forint. Mangels gesunder Alternativen bestand eines unserer Mittagessen zu viert aus neun Marmeladen- und sechs Nutellapalatschinken. Man gönnt sich ja sonst nix.