#33 Der Hausbaum

Ein Hausbaum gehört am Land eigentlich dazu. Also zum Haus. Früher fungierte er als natürlicher Blitzableiter und sorgte für Schutz vor sonstigen allzu argen Übergriffen der Elemente, wodurch ihm über die Zeit magische Eigenschaften zugeschrieben wurden. Einen Hausbaum fällt man auch nicht einfach so, das bringe Unglück, heißt es. Vom Fällen sind wir aber ohnehin weit entfernt, wir würden jetzt erst mal gerne einen pflanzen. Und das macht auch durchaus Sinn, denn Bäume machen meiner Meinung nach keinen „Dreck“, wie manche Leute das sehen, sondern kühlen und befeuchten ihre Umgebungsluft, geben den besten und vor allem schönsten Schatten (da kann jeder Sonnenschirm einpacken), sind Windfänger und wenn es mal ganz ganz schlecht läuft, dann kann man sie immer noch verheizen.
Aber wie gesagt, vom Fällen sind wir noch weit entfernt. Wir haben jetzt schon einige Übung im Bäumepflanzen und finden: es kann ruhig noch einer her. Vor allem da das nach Süden ausgerichtete Gartenhäuschen, an dem der Baum stehen soll, im Sommer ziemlich von der Sonne malträtiert wird. Ein echter Hausbaum (oder halt Häuschenbaum) also, aber ein nicht allzu großer, der trotzdem das Kleinklima rund um die Hütte etwas verbessern soll.

Beim Baumkauf gibt es ein paar Regeln zu beachten: Die Borke soll keine Risse oder sonstigen Schäden aufweisen, der Stamm schön gerade wachsen (wenn man nicht gerade eine Vorliebe für krumm gewachsene Zwergformen hegt) und so weiter. Die wichtigste Regel aber ist diese: Der Baum wächst noch. Ja. Ohne Scherz, manche Leute denken da wirklich nicht darüber nach, wie groß der am Ende wird. Wenn da steht: Kann bis zu 5 Meter hoch werden, dann ist das ernst gemeint. Aber Bäume sehen halt so klein aus am Anfang. Man glaubt ihnen ja nicht, dass sie größer werden. Aber sie tun es. Beispiel Nussbaum. Ein Nussbaum beim Haus wäre ja schon nett, weil Nüsse und so. Der ist am Anfang so groß wie du. Hübsch, schlank. Und ausgewachsen ist er erst so richtig schön. Aber es stellt sich heraus, dass es keine kleinen Walnussbäume gibt, man sollte pro Baum schon mit so an die 100 bis 150 Quadratmeter Fläche rechnen, die er im ausgewachsenen Zustand über und unter der Erde braucht. Das ist ein bisschen viel. (Außerdem braucht er gute zehn Jahre, bis er überhaupt das erste Mal Nüsse trägt!) An dieser Stelle könnte ich über meinen Opa schreiben: Als meine Schwester und ich klein waren, hat er einen Nussbaum im Garten gepflanzt, der ein paar Jahre später wieder gefällt werden musste, weil er – ahja – zu groß wurde. Aber mein Opa ist von der resistenten Sorte: Vorletztes Jahr hat er wieder einen gepflanzt. In einer Ecke. Spannend.

Na gut, wir nehmen keinen Nussbaum, aber auch bei nur ca. 16 Quadratmetern Fläche sind die Möglichkeit vielfältig. Ein Ausschlussverfahren hilft etwas weiter: Magnolien sind schön, aber sie geben nur sehr lichten Schatten, Weißdorn und Co sind zu niedrig, reine Zierbäume wie Zierkirschen will ich keine. Säulenzüchtungen sehen irgendwie nicht nach echten Bäumen aus. Wir entscheiden uns für einen in der Gegend beliebten Baum: Im Ort steht z.B. die Bank, bei der sich die älteren Anreiner treffen, um zu tratschen und das eine oder andere Gläschen zu trinken, unter einem Kugelahorn. Der wächst zwar langsam, aber entwickelt eine schöne Krone mit dichtem Blätterdach und uns geht es ja häuptsächlich um den Schatten. In einer nahen Baumschule werden wir fündig: Der Stamm ist schön gerade und die Äste sind dicht verzweigt und setzen hoch genug an, um darunter durchlaufen zu können ohne sich eine Auge dabei auszustechen. Die Leute sind sehr nett, sie stellen uns den Baum sogar zu. Vom Gartentor weg müssen wir ihn selber tragen. Man glaubt gar nicht, was so ein dünnes, aber doch schon zwei Meter langes Bäumchen samt etwa fußballgroßem Wurzelballen wiegen kann. Wir holen zum Transport die Scheibtruhe. Nachdem wir uns einig sind, wo es denn hin soll, ist das Loch überraschend schnell ausgehoben, da hatten wir schon ganz andere Grabeerfahrungen (manchmal hat man wirklich das Gefühl, über einem alten Steinbruch zu buddeln). Eine Stunde später sitzt der Kugelahorn fest an seinem neuen Platz. Hallo, Hausbaum.