#39 Weihnachtsmarkt

Ein Weihnachtsmarkt. Das Thema konnte ich nicht umgehen. Also habe ich mich aufgemacht, bei leichtem Schneefall, um den Kunsthandwerksweihnachtsmarkt am Karlsplatz zu besuchen. Dort angekommen hat sich der leichte Schneefall in Regen verwandelt und ich bin ohne Schirm. Umzudrehen kommt natürlich nicht in Frage. Und siehe da, die Stände haben durch ihre aufgeklappten Läden kleine Vordächer, und darunter steht und schaut man dann eben ein wenig länger, bevor man die vier Schritte zum nächsten Vordach macht. Alles nicht so schlimm. Und Mensch besteht ja aus über der Hälfte aus Wasser, nicht aus Zucker (wobei das nicht ganz stimmen kann, weil wir Kohlenhydrate ja in Zucker umwandeln und so… Aber das ist ein anderes Thema). Es ist Nachmittag und nicht viel los, was mir grundsätzlich lieb ist. Aber wenn man sich so umschaut, stellt man schnell fest, dass die Standelansammlungen doch schöner sind, wenn es etwas dunkler ist, man nicht mehr alles so genau sieht und die Lichter brennen. Zumindest wenn die Lichter noch relativ dezent sind, wie hier am Karlsplatz. Der Rathausplatz ist mir persönlich zu bunt, da fühle ich mich die ganze Zeit angeschrien.

Der Regen bringt Kurioses zum Vorschein. Durch das etwas längere Verweilen bei einzelnen Ständen hört man Gespräche, die man beim Vorbeischlendern im Schneetreiben wohl versäumt hätte. Zum Beispiel erklärt eine Frau einer Standlerin, die Marmeladen, Chutneys, Senf, Schmalz und andere Dinge in Gläsern verkauft, was sie alles nicht braucht, weil sie es schon zu Hause hat. Gut, ich wäre auch ohne diese Information ausgekommen (die Standlerin wahrscheinlich ebenfalls), aber es ist wenigstens netter als das „So a Glumpat“, zu dem sich ein weiterer Weihnachtsmarktbesucher in Anbetracht von ein paar Holzfiguren hinreißen lässt. Da ist wohl jemand noch nicht in friedlich-gelassener Weihnachtsstimmung. Ich verwerfe die Idee, ihm einen Glühwein zu spendieren, sofort wieder, denn ein Blick bestätigt, dass er sich nicht nur wie ein grantiger alter Mann anhört, er sieht auch wie ein grantiger alter Mann aus. Und vielleicht hatte er ja auch schon zu viel Glühwein und ist deswegen in seiner Stimmung verstört. Aber es gibt auch nette Dinge: Kinder bei den Tieren etwa, die verlegen versuchen, eine Ziege zu streicheln, und die Ziege, die ihrerseits nicht ganz so verlegen versucht, einen Handschuh zu ergattern. Vielleicht ist der Weihnachtsmarkt dort am Schönsten, wo gerade nicht versucht wird, etwas zu verkaufen.

Ich verlasse die Vordächer: Ein Holzhäuschen, in dem ein Töpfer seine Schüsseln und Vasen aufgebaut hat, macht mich neugierig. Wir plaudern ein wenig und er erzählt mir über seine Techniken, Raku etwa, bei dem man das Gefäß noch heiß aus dem Brennofen nimmt, damit die Glasur springt (wenn ich das richtig verstanden habe). Es sieht sehr schön aus, allerdings ist das, was ich für einen Suppenteller halte, dadurch kein Suppenteller mehr, sondern eine Obstschale, denn Flüssigkeiten verträgt die Keramik aufgrund die Behandlung dann nicht mehr. Ich bedanke mich für die Erklärung und weiß jetzt, dass ich zwei Schüsseln mit Raku-Technik daheim habe, und was ich mit ihnen nicht (mehr) machen werde.

Der Regen hat aufgehört und die Beleuchtung hebt sich langsam vom dunkler werdenden Himmel ab. Ich hole mir eine Tasse Zirbenpunsch, der nicht zu süß und leicht herb schmeckt. Ein bisschen nach Holz halt, wie sich das für Zirbe gehört. Und mit der Tasse in der Hand gehe ich noch eine Runde. Weihnachtsmärkte sind nicht soo schlimm. Aber beim nächsten Mal gehe ich an einem Tag, der mehr nach Dezember als nach November riecht.