#60 Videothek

War ich zu Beginn meines Studiums noch davon überzeugt, irgendwann in die Schleifmühlgasse zu kommen und dort die gut sortierte Videothek „Alphaville“ zu besuchen, so habe ich es in den sieben oder acht Jahren, die sich mein Leben in Wien mit der Existenz von „Alphaville“ überschnitten haben, nicht geschafft, einmal hinzugehen. 2010 hat „Alphaville“ (benannt nach einem Sci-Fi-Film von 1965) zugesperrt. Es war nicht die einzige Videothek, die das gemacht hat. In Wien gibt es mittlerweile nicht mal mehr ein Dutzend. Wozu auch, wenn man sich alles bequem von zu Hause aus anschauen kann, über Netflix, Amazon und sonstige Streamingdienste. Da spart man sich auch die Entäuschung, dass der gesuchte Film schon ausgeborgt ist und man sich nach etwas anderem umsehen muss. Schade eigentlich. Gerade diese Momente waren in der Videothek immer die spannendsten. Nach dem „Mäh, zu spät!“ begann die Suche: Was nimmt man stattdessen? Und auf einmal hat man einen Film in der Hand, von dem man noch nie gehört hat. Etwa den norwegischen Film „Kitchen Stories“ (2002): In Schweden ziehen in den 50er Jahren Männer auf Beobachtungssitzen in die Küchen ein, um die Kücheneinrichtung nach den Handgriffen der Hausfrauen zu optimieren. In Norwegen will man ebenfalls optimieren – und schickt die Männer mit den Hochsitzen in Junggesellenwohnungen. Jegliche Kommunikation ist untersagt, um das Verhalten nicht zu beeinflussen. Aber das funktioniert natürlich nicht…

Ich schweife ab. Am Wochenende wollten wir einen Film im Kino ansehen und haben Karten reserviert. Beim Kino angekommen hat sich herausgestellt, dass der Film noch gar nicht läuft und wir Karten für nächste Woche reserviert hatten. Hah. Was nun? Am Land und ohne Internet hat sich die Frage, was gerade auf Netflix läuft, nicht wirklich gestellt. Wir sind also zur nächsten Tankstelle gefahren, in der Hoffnung auf die eine oder andere DVD (bei der Post liegen ja auch immer welche herum). Aber es gab keine.

Da erinnerten wir uns an die Videothek in Krems. „Gibt es die überhaupt noch?“ Tatsächlich, die gibt es noch. Ich war geschätzte 12 Jahre lang in keiner Videothek mehr, aber es hat sich nichts geändert. Ich war auch noch nie vorher in genau dieser Videothek, aber sehen nicht alle ziemlich gleich aus? Teppichboden, lange Regale an den Wänden mit DVDs und BlueRays, vierkantige Pyramiden-Steher mit den aktuelleren Filmen in der Mitte, vor jeder Hülle ein Metallhäckchen mit unterschiedlich farbigen (weil andere Preiskategorie) Plättchen mit Nummern. Alles ein bisschen klebrig, alles riecht ein bisschen komisch.

Wir wollen zwei Filme mitnehmen, die schielende Frau am Schalter nimmt sie entgegen. Und jetzt muss sich mein Mitmensch einen Videotheksausweis machen lassen und sich eine vierstellige Nummer ausdenken. Ja, einen Videotheksausweis. Im Jahre 2018. Großartig.

Im Bewusstsein, etwas für den Erhalt einer aussterbenden Art getan zu haben, treten wir mit zwei DVDs in der Hand beflügelt den Heimweg an.

 

#12 Krems an der Donau

Zwischen dem höchsten und dem niedrigsten Punkt, der noch zu Krems an der Donau zählt, liegen über 350 Höhenmeter. Geländeunterschiede merkt man auch recht rasch, wenn man durch die Altstadt läuft: Je höher gelegen, desto verwinkelter werden die Gassen und Sträßelchen, und es gibt nicht nur hübsche Durchgänge, sondern man kann treppauf, treppab schnellere Wege finden, als man sich zuerst gedacht hat. Zudem machen sie neugierig, legen sie sich doch oft in die Kurve und verhindern so den Über- und Durchblick. Man sieht also oben nicht wo man unten herauskommen wird oder wie lange diese Treppe denn überhaupt ist. Und was man alles wieder hinauflaufen wird müssen, wenn einem unten ein widerrechtlich (das Wort wollte ich immer schon mal verwenden) parkendes Auto den Ausgang versperrt.

Krems hat aber noch mehr zu bieten als nur Treppen. Beim Gang durch die Fußgängerzone entdeckt man bahnbrechende Geschäftsideen:

Lange schon war es überfällig diese Marktlücke zu füllen! Interessant dürfte es auch im Textilhaus Krumbholz zugehen:

Ich bin nicht nur vom Faltenwurf fasziniert, den diese Stickereien verursachen, ich bin hingerissen von „Computer sticken“. Und ich stelle mir so schöne Szenen darunter vor, dass ich mich weigere, mir das vorzustellen, was es wahrscheinlich heißen soll.

Neben Läden besitzt Krems auch noch Statuen. Etwa das ‚Mandl ohne Kopf‘ oder einen wilden Mann über der Mohren-Apotheke. Ecke Landstraße steht ein Brunnen in dessen Mitte ein Statuenpaar steht: eine lachende Frau, vor ihr ein knieender Mann. Darunter entziffere ich „Simandl“, kann mir aber nicht wirklich einen Reim darauf machen, wer oder was das gewesen sein soll. Keine Schilder in Sicht, also hilft mir zu Hause die Website der Stadt Krems weiter. Diese erklärt, dass es sich hierbei um den berühmten „Simandlbrunnen“ handle:

„Ein von der Kleidung und den Attributen gut gekleideter, wohlhabender Mann kniet in dieser Skulpturengruppe vor einer Frau, die ihn von oben herab ermahnt. Er bittet offensichtlich um Vergebung, oder – nach einer anderen Version – um Herausgabe des Haustorschlüssels.“

Eine Statue für die Herausgabe des Haustorschlüssels. Nicht schlecht. „Simandl“ bedeutet, so die Seite weiter, „im bayerisch – österreichischen Sprachgebrauch […] Pantoffelheld“. (So verwendet auch Nestroy den Begriff, siehe unten.) Jemand hat dem Pantoffelhelden hier übrigens eine braune Schirmmütze aufgesetzt, die ihm die Sicht auf die ‚mahnende‘ Frau erlässt. Ich meine eher, sie macht sich über ihn lustig, aber ich bin ja auch keine Kunsthistorikerin.

 

Die Seite zum Simandlbrunnen: http://www.krems.gv.at/Kultur/Geschichte_Stadtrundgang/Stadtrundgang_Krems/Simandlbrunnen

Johann Nepomuk Nestroy: Judith und Holofernes:
„Wie Viele giebt’s jetzt unter unsern Herrn,
Die a Gans mit viel Gold als a Göttin verehr’n;
Das Schicksal thut ihnen d’verdiente Straf’ geb’n,
In Simandl-Ketten führn s’ a elendig’s Leb’n;
[…]“