#48 Die Kulisse

Die Kulisse ist eine der bekanntesten Wiener Kabarett-Bühnen und wurde 1980 von Fritz Aumayr gegründet. Sie liegt in der Rosensteingasse im 17. Bezirk und läuft nach dem Prinzip Gasthaus mit Bühne, aber wenn auf der Bühne geredet wird, wird im Saal bitteschön nicht mehr gekaut. Dafür sorgt die rigorose Kellnerriege, die (fast) immer den Überblick und auf jede blöde Bemerkung – je nach Tagesverfassung – eine launige Erwiederung oder einen eisigen Blick parat hat. Keine Zeit für Späßchen, wir arbeiten hier!, sagt dieser Blick. Zackig geht es zu, sowohl beim Bestellen als auch beim Servieren, denn bis zu Vorstellungsbeginn muss jeder Gast nicht nur versorgt, sondern auch jedes Teller wieder abserviert und alles kassiert sein. Bevor die Teller wieder weggetragen werden findet man auf ihnen gutbürgerliche Wirtshausküche, von Sacherwürsteln über Blunzengröstl bis zum Wiener Schnitzel, aufgepeppt mit einigen vegetarischen Leihgaben anderer Länder. Chili sine carne mit geräuchertem Tofu etwa. Aus welchem Land genau das geborgt ist, darüber habe ich mich jetzt aber nicht erkundigt.

Bevor man zum Essen in den Bühnensaal der Kulisse vorgelassen wird, muss man aber erstmal ein Ticket haben. Das wird einem meistens von einer netten jungen Frau verkauft, die auch gleich die Garderobe abnimmt, wenn man sie nicht haben will. Zwanzig Zentimeter neben der Frau, die die Tickets verkauft, steht der Mann, der sie abreißt. Man nimmt die Tickets also kurz in die Hand, gibt sie am gleichen Fleck stehend dem Herrn in die Hand weiter, der sie kurz anschaut, lächelt, abreißt und einen schönen Abend wünscht. Mit dieser Handlung kommt eine weitere junge Frau ins Spiel, die mit einem Clipboard an der Eingangstür zum Saal steht. Hier soll man nicht noch einmal das Ticket vorweisen, nein, man wird gefragt wieviele man ist (also physisch) und dann zeigt sie einem auf einem Saalausdruck die noch möglichen freien Sitzmöglichkeiten. „Dort drüben sind noch zwei Plätze frei“, sagt sie und deutet mit dem Kugelschreiber herum, „und dort auch noch. Oder lieber hier hinten?“ Man schaut und schaut und ist immer ein wenig überfordert und wählt dann das, was man meistens wählt, weil man immer so spät kommt, dass die besten Plätze auf jeden Fall schon weg sind. Sie lächelt freundlich und nickt, ixt die Plätze auf ihrem Saalplan aus und widmet sich den nächsten Menschen, die ein wenig unschlüssig die nächsten in der Türe zum grün-vertäfelten Saal stehen.

Man nimmt Platz, die Kaffeehausstühle sind schwarz lackiert und die Lehne schwingt sich im Bogen unter die Arme. Ich mag diese Sesseln nicht. Die Lehnenkante schneidet irgendwo zwischen Lenden- und Brustwirbelsäule in den Rücken und ist trotzdem zu hoch, als dass man (oder halt ich) die Arme mit entspannten Schultern darauf liegen lassen könnte. Aber sie sind klug gewählt. Durch die rundherum gehende Lehne ist der Platz, den man damit einnehmen kann, von vornherein beschränkt – um die Tische ökonomisch klug, d.h. engstmöglich zu besetzen. Normale 6er Tische werden hier mit acht Stühlen versehen, manchmal rutscht links oder rechts noch einer dazu. Wer hier ohne Ellbogenkämpfe vor dem Kabarett noch etwas essen möchte, möge früh genug erscheinen.

Um kurz nach acht Uhr ist der letzte Tisch fertig kassiert, es wird dunkel im Saal und alles wartet auf „Jack Nuri, de[n] Mann mit dem Migrationsvordergrund“. Nach einem kleinen und vielversprechenden Aufwärmakt des Kollegen John fängt der gebürtige Türke und nun Österreicher (er hat eine Autowerkstatt in Ottakring) an – entgegen den Erwartungen ist es aber kein Kabarett im klassischen Sinne, das einen irgendwie von A nach B bringt, sondern Standup-Comedy. Tja, schlecht recherchiert. Das heißt für diesen Abend: Eine Reihe erzählter Witze mit ganz viel „Bruder“ (Hörst du, Bruder! Ah, Bruder! Heh komm, Bruder!) und dazwischen etwas Interaktion mit dem Publikum der ersten Reihe, das Süßigkeiten geschenkt bekommt, wenn Jack Nuri aus der Unterhaltung mit Ihnen Lacher kassiert. Der Umgang zwischen in Wien lebenden Menschen mit „Migrationsvordergrund“ und dem Rest ist selten Thema, verstehst du, Bruder! Es gibt keine kritische Stimme oder scharfe Beobachtungen dazu, Bruder, es ist mehr ein Abend der persönlichen Anekdoten mit Pointe und ein durch-den-Kakao-ziehen seiner türkischstämmigen Umgebung hier in Wien. Naja, Bruder. Nächstes Mal, Bruder: Politisches Kabarett, Bruder!

 

Bild ist schon fertig, aber die SD-Karte kaputt… Ich hatte doch noch wo eine zweite…? Arrr!

Der Nachtrag:

 

MA 2412

1998 bis 2002 flimmerten in vier Staffeln 34 Folgen über „das Amt für Weihnachtsdekoration am Rande der Stadt“ über die Bildschirme österreichischer Haushalte. Da ich in den letzten Wochen mehrmals Gespräche darüber führte (es muss am Alter liegen; oder am Wein; oder so), blieb mir die Serie irgendwie hängen. Ich hatte ihre Entstehungszeit übrigens auf Anfang der 90er Jahre geschätzt, aber so alt sind Roland Düringer, Alfred Dorfer und Monika Weinzettel doch auch wieder nicht…

Das Rennen hat dann aber weder Herr Breitfuß, Herr Weber noch Frau Knackal gemacht, sondern Herr Klaus, gespielt von Karl Ferdinand Kratzl. Ein sympathischer Weihnachtsmann mit fantastisch abstehendem Bart. Er wohnt übrigens im Kopierkammerl, für alle, die sich nicht mehr erinnern: