#18 Beim Heurigen

Da ich innerhalb von sechs Tagen dreimal beim Heurigen sein sollte, dachte ich mir, das würde sich doch für diese Woche als österreichische Ansicht anbieten. Leider hat sich diese Entscheidung als voreilig herausgestellt. Beim ersten Termin, einer Geburtstagsfeier, bin ich wegen eines Kurses erst später nachgekommen. Da sich der Weg von meinem Ausgangspunkt zum Heurigen bei Neustift am Walde mit ca. einer Stunde als etwas länger herausgestellt hat, war ich erst um dreiviertel 10 dort und bin dann zwanzig Minuten später wieder aufgebrochen, weil meine Mitfahrgelegenheit sich auf den Weg gemacht hat.
Der zweite Heurigen-Termin hat sich als Falschinformation herausgestellt, das Lokal wurde geändert und war ein schönes Restaurant, aber kein Heuriger.
Dritter und letzter Versuch. Wir gehen durch die Grinziger Weinberge hinauf, ein gutes Zeichen. Oben angekommen liegt uns Wien zu Füßen, die Aussicht ist ein Wahnsinn, aber der von mir erwartete Heurige entpuppt sich als hübsches und modernes Weingut.

Na gut. Es sollte nicht sein. Dann gibt es jetzt mangels Geschichten meine persönliche Checkliste für Heurigenbesuche:

  • Ein Heuriger muss im Laufe der Zeit schwarz gewordene Holzbänke oder zumindest Bierbänke haben. Wobei die Holzbänke immer vorzuziehen sind. Besonders dann, wenn man dazu tendiert, ganz außen zu sitzen und nicht mitzubekommen, wenn alle anderen gleichzeitig aufstehen um zu Buffet zu gehen.
  • Es gibt Wein und Wasser in Glaskrügen, die von ständig am Laufen seienden Kellnern und Kellnerin auf den Tisch gestellt (bzw.: geknallt) werden, während ihre Augen schon auf der nächsten Gruppe haften, die etwas von ihnen will (sehr wahrscheinlich: Wein und Wasser in Glaskrügen). Will man also die Zufuhr von Wasser und Wein nicht unterbrechen, achte man darauf, bei ca. halbvollen Krügen den Blick der Kellnerin/des Kellners zu erhaschen, die/der gerade am Nebentisch Krüge (mit Wasser und Wein) auf die Tische stellt. Ist der Blickkontakt hergestellt, reicht es manchmal sogar den Blick auf die Krügen und dann zurück zur Kellnerin/zum Kellner zu lenken und kurz zu nicken. Ein Lächeln erhöht die Wahrscheinlichkeit auf neue Krüge.
  • Es lohnt sich nicht, nachzurechnen und versuchen herauszufinden, wieviel man aus den jeweiligen Krügen getrunken hat. Entweder man findet es heraus und ist bestürzt, oder es lässt sich nicht mehr nachvollziehen. In beiden Fällen lohnt sich das Nachrechnen nicht.
  • Die Essensportionen sind normal bis riesig. Niemals klein. Immer nur mit einem Teller anfangen.
  • Es gibt Gelsen. Myriaden von Gelsen. Man habe also mit: Autan oder ähnliche Gifte (damit es gar nicht erst soweit kommt, dass es juckt). BiteAway (falls es doch soweit gekommen ist, dass es juckt). Falls beides nicht vorhanden: Personen, die Gelsen noch lieber mögen als einen selbst. Da sich in meinem Bekanntenkreis letztere nicht finden, halte ich mich immer an Option 1 und 2.

Und weil ein Heurigenbesuch ohne eine Ständchen zwischendurch – entweder von bezahlten Musikern oder vom Nachbartisch, der gerade den einen Krug zu viel an Wein hatte – wohl sehr angenehm aber kaum denkbar ist, auch hier ein Lied von Hans Moser aus dem Film „Sieben Jahre Pech“ (1940). (Hans Moser, den ich persönlich oft mit kitschigen Heimatfilmen verbinde, hat sich in der Nazizeit übrigens geweigert, sich von seiner jüdischen Frau scheiden zu lassen. Chapeau, Monsieur Moser.)

Anbrechende Nacht in Neustift am Walde: