#61 Regen

Wien gehört zu den regenärmeren Teilen Österreichs. Kann man im Bregenzerwald um die 2300 mm Niederschlag im Jahr verzeichnen, kommt man in der Hauptstadt gerade mal auf magere 600. Also im langjährigen Durchschnitt. Ganz praktisch zu wissen, muss man sagen. Denn dann kann man und frau sich ausrechnen, wieviel es dieses Jahr bereits geregnet hat und wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, dass es regnet, wenn man mal – ganz mutig – ohne Schirm aus dem Haus gehen möchte. Im Jänner haben sich 45,8 mm, im Februar 26,2 mm und im März 50,4 mm Regen niedergeschlagen. Das klingt ziemlich brutal. Nach einer richtigen Bande. Vielleicht ist die Hohe Warte auch deswegen ein wenig in Verzug mit ihren Berichten. April habe ich noch nicht gefunden, dabei ist es schon Ende Mai.

Aber egal, wie lange es nicht oder wie wenig es auch immer geregnet hat, jedes noch so klitzekleines bisschen Regen führt zu Aussagen wie „Ned schon wieda“, „Kaum geh I amoi aussi“ (beides im Bus gehört) oder „Im Radio habns aber Sonne angsagt“ (beim Billa). Jetzt kann man einerseits sagen, die Menschen regen sich doch immer über das Wetter auf, egal wie sinnlos das Aufregen darüber auch ist, denn das Wetter hat es sich ja doch (um es auf Bayerisch zu sagen) „nu nia ned anders überlegt“, wenn man nicht seiner Meinung war. Andererseits glaube ich, dass Niederschlag ein Imageproblem hat. Ich persönlich mag Regen, aber „Niederschlag“ klingt nach Krankenhausaufenthalt und Jod. Regen ist da etwas neutraler. Vielleicht ein wenig zu neutral. Fast schon farblos. Liegt vielleicht auch daran, dass guter Regen durchsichtig ist. Reigen aber zum Beispiel hört sich doch fröhlicher an als Regen. Regen zieht sich ein bisschen. Besonders wenn man Schuhe anhat, die nicht dicht sind. Dann dauert die Freude über farbloses Nass nur solange, bis einem einfällt, dass man zwar motiviert per pedes, aber mit falscher Ausrüstung unterwegs ist.

Wann wird Regen von Wasser, das in Tropfen vom Himmel fällt (was ja, wenn man es sich überlegt, schon ziemlich cool ist) und die man als kleines Kind mit dem Mund zu fangen versucht, zu etwas wovor man sich in Hauseingänge rettet oder das einen sogar davon abhält, denselben zu verlassen? Vielleicht liegt es an den Gummistiefeln. Ich hatte als Kind welche. Vielleicht wird es Zeit, wieder welche anzuschaffen. Und dann fahre ich in den Bregenzerwald.

 

Passend dazu ein Regen-Lied vom großartigen Bodo Wartke. Ich glaube, ihm könnten ein Paar Gummistiefel auch nicht schaden:

 

Und noch einen Lesetipp: Ray Bradbury: „The long Rain“ (in: The Illustrated Man). Ein Planet, auf dem es so stark und ohne Pause regnet, dass man davon wahnsinnig wird…