#20 Freiluftkino

Es scheint sich ein Muster zu zeigen diese Woche: Ich gehe raus und es fängt zu regnen an. Natürlich ist das Zufall und man kann keinerlei kausallogische Schlüsse daraus ziehen. Aber mittlerweile bin ich vorsichtiger geworden (vor allem was Regenschutz angeht) und – trotz besseren Wissens – ein wenig misstrauisch.

Also. Regen. Eigentlich mag ich Regen. Außer ich bin gerade auf dem Weg zum Freiluftkino „Kino wie noch nie“. In meiner Heimatstadt hat uns während einer Vorstellung von „Die fetten Jahre sind vorbei“ einmal ein Gewitter erwischt. Ich war so klatschnass, dass ich nach Hause geradelt bin, mich umgezogen habe und wieder zurückgefahren bin. Da aufgrund des Gewitters eine Sendepause gemacht wurde, habe ich gar nicht mal so viel versäumt. Aber das brauche ich nicht nochmal. Ich lasse mich trotzdem nicht abschrecken und außerdem (jaha, siehe oben und ‚Misstrauen dem Wetter gegenüber‘) habe ich diesmal einen Schirm mit. Am Augartenspitz angekommen ist der Regen dort schon vorbei. Ich bin etwas enttäuscht, kaufe mir – zur Aufheiterung (ja, Essen hilft immer!) – einen Brownie und setze mich auf eine trockene Bank. Ich mag die Atmosphäre hier. Freundliches Geplauder, vermischt mit näselnden Kommentaren weshalb dieser Film „total überbewertet“ und jener „ein Geheimtip und überhaupt nicht banal“ ist, wenn man die ganzen Nackt- und Sexszenen „als die totale Offenlegung menschlicher Verwundbarkeit“ betrachtet. Ja, da wird tief geschürft in den Sedimenten der Filmgeschichte. Das alles in Umgebung von vielen Pflanzen und bunter Glühbirnenbeleuchtung, gutem Essen, Besteck- und Geschirrgeklapper, Kindern, die heute etwas länger aufbleiben dürfen, aber ins Bett gebracht werden bevor die Vorstellung anfängt. Die Grünstern-Gartenküche, zusammengezimmert aus Europaletten sieht charmant aus wie immer und es gibt kleine weiß und grün lackierte Gartenbänke. Zwei Männer mit Ziehharmonikern kommen und fangen an, „Que sera, sera“ zu spielen und machen damit der offiziellen Band (einmal Bass, einmal Geige) am anderen Ende des Hofes Konkurrenz, die versucht ein 39-Achtel-Takt-Stück zu spielen (nein, ich habe von Musik keine Ahnung, aber ja, das wurde so erklärt).

Ich flüchte vor der Doppelbeschallung (39-Achtel-Takt zu Ziehharmonikermedley – nein, danke), kaufe mein Ticket und vergesse dabei ganz, dass ich ja noch eines telefonisch reserviert hatte. (Mann am Telefon: „Wieviele? Zwei? Drei?“ – „Eins, bitte.“ – „Eins! Oo-kaay….“ – Ich glaube, fast hätte er mich gefragt, ob ich denn keine Freunde habe.) Am Ticketschalter kann man außerdem um 3€ Gelsenspray kaufen und einen dünnen Regenponcho für 0,45€. Ich erstehe weder noch, auch wenn schon die nächsten dunklen Wolken heranrollen und leichter Donner vernehmbar ist. Der Wind frischt auf – ein schlechtes Zeichen. Dafür macht er den Gelsen das Leben schwer. Um Viertel nach Neun ist Einlass, ich suche einen geschützten Platz am Rand und trockne den Sitz. Wenig später fängt es zu regnen an. Ich sitze unter meinem Schirm, die ersten Leute holen sich Regenponchos von der Kassa. Ich beuge mich dem Gruppendruck, schließlich macht man sich mit aufgespannten Schirmen während Filmvorführungen selten beliebt. Bevor der Film anfängt, wird – passend zum Wetter und zum Film („Swimming Pool“ von Francois Ozon) – ein aufblasbares Kinderplanschbecken verlost. Fast wird meine Ticketnummer gezogen – ich habe 47523, gewonnen hat 47532. Ich schwanke zwischen „Schade“ und „Gottseidank“. Der Regen hört bald wieder auf, aber ich lasse den Poncho an, er erweist sich als guter Gelsenschutz. Man muss nur auf das freie Gesichtsfeld achten. Die Ponchos stellen sich übrigens als nette Popcorn-Ersatz-Geräuschkulisse heraus: Man hört sie den ganzen Film über leise rascheln.

#18 Beim Heurigen

Da ich innerhalb von sechs Tagen dreimal beim Heurigen sein sollte, dachte ich mir, das würde sich doch für diese Woche als österreichische Ansicht anbieten. Leider hat sich diese Entscheidung als voreilig herausgestellt. Beim ersten Termin, einer Geburtstagsfeier, bin ich wegen eines Kurses erst später nachgekommen. Da sich der Weg von meinem Ausgangspunkt zum Heurigen bei Neustift am Walde mit ca. einer Stunde als etwas länger herausgestellt hat, war ich erst um dreiviertel 10 dort und bin dann zwanzig Minuten später wieder aufgebrochen, weil meine Mitfahrgelegenheit sich auf den Weg gemacht hat.
Der zweite Heurigen-Termin hat sich als Falschinformation herausgestellt, das Lokal wurde geändert und war ein schönes Restaurant, aber kein Heuriger.
Dritter und letzter Versuch. Wir gehen durch die Grinziger Weinberge hinauf, ein gutes Zeichen. Oben angekommen liegt uns Wien zu Füßen, die Aussicht ist ein Wahnsinn, aber der von mir erwartete Heurige entpuppt sich als hübsches und modernes Weingut.

Na gut. Es sollte nicht sein. Dann gibt es jetzt mangels Geschichten meine persönliche Checkliste für Heurigenbesuche:

  • Ein Heuriger muss im Laufe der Zeit schwarz gewordene Holzbänke oder zumindest Bierbänke haben. Wobei die Holzbänke immer vorzuziehen sind. Besonders dann, wenn man dazu tendiert, ganz außen zu sitzen und nicht mitzubekommen, wenn alle anderen gleichzeitig aufstehen um zu Buffet zu gehen.
  • Es gibt Wein und Wasser in Glaskrügen, die von ständig am Laufen seienden Kellnern und Kellnerin auf den Tisch gestellt (bzw.: geknallt) werden, während ihre Augen schon auf der nächsten Gruppe haften, die etwas von ihnen will (sehr wahrscheinlich: Wein und Wasser in Glaskrügen). Will man also die Zufuhr von Wasser und Wein nicht unterbrechen, achte man darauf, bei ca. halbvollen Krügen den Blick der Kellnerin/des Kellners zu erhaschen, die/der gerade am Nebentisch Krüge (mit Wasser und Wein) auf die Tische stellt. Ist der Blickkontakt hergestellt, reicht es manchmal sogar den Blick auf die Krügen und dann zurück zur Kellnerin/zum Kellner zu lenken und kurz zu nicken. Ein Lächeln erhöht die Wahrscheinlichkeit auf neue Krüge.
  • Es lohnt sich nicht, nachzurechnen und versuchen herauszufinden, wieviel man aus den jeweiligen Krügen getrunken hat. Entweder man findet es heraus und ist bestürzt, oder es lässt sich nicht mehr nachvollziehen. In beiden Fällen lohnt sich das Nachrechnen nicht.
  • Die Essensportionen sind normal bis riesig. Niemals klein. Immer nur mit einem Teller anfangen.
  • Es gibt Gelsen. Myriaden von Gelsen. Man habe also mit: Autan oder ähnliche Gifte (damit es gar nicht erst soweit kommt, dass es juckt). BiteAway (falls es doch soweit gekommen ist, dass es juckt). Falls beides nicht vorhanden: Personen, die Gelsen noch lieber mögen als einen selbst. Da sich in meinem Bekanntenkreis letztere nicht finden, halte ich mich immer an Option 1 und 2.

Und weil ein Heurigenbesuch ohne eine Ständchen zwischendurch – entweder von bezahlten Musikern oder vom Nachbartisch, der gerade den einen Krug zu viel an Wein hatte – wohl sehr angenehm aber kaum denkbar ist, auch hier ein Lied von Hans Moser aus dem Film „Sieben Jahre Pech“ (1940). (Hans Moser, den ich persönlich oft mit kitschigen Heimatfilmen verbinde, hat sich in der Nazizeit übrigens geweigert, sich von seiner jüdischen Frau scheiden zu lassen. Chapeau, Monsieur Moser.)

Anbrechende Nacht in Neustift am Walde: