#69 Adlerwarte Kreuzenstein

Da sind wir nun also. Mitmensch, ich und fünf andere Menschen warten um 12 Uhr beim Eingang der Adlerwarte Kreuzenstein in Niederösterreich, um ein bisschen zu lernen, worum es in der Falknerei geht. Die Stimmung ist gut, alle sind ein bisschen aufgekratzt.

Der Halbtagesworkshop besteht aus vier Teilen: Im ersten bekommt jeder von uns einen Falknerhandschuh für die linke Hand, die in Europa traditionelle Seite (weil man ja im Mittelalter, als sich diese Tradition in Europa etabliert hat, in gehobenen Kreisen meist zu Pferd unterwegs war und die rechte Hand für die Zügel brauchte) und Falkner Marek erklärt uns, wie wir die Hand halten müssen, damit der Vogel auch darauf sitzen bleibt. Dann bekommen jeder von uns auch gleich einen Greifvogel auf den Handschuh, den wir  durch die Gegend tragen dürfen, um uns daran zu gewöhnen. Mitmensch bekommt einen Falken mit Haube (‚Chuck‘), ich einen Wüstenbussard – ohne Haube.

Respekteinflößend ist das schon, so ein Schnabel nur wenige Zentimeter weg von den eigenen Augen. Der Wüstenbussard heißt Pepone und schnarrt die ganze Zeit ein bisschen. Statt oben auf der Faust sitzt er eher grätschend auf dem Handschuh, will sich aber nicht wirklich von seinem seltsamen Stand abbringen lassen. Irgendwann zieht er zu meinem Erstaunen dann auch noch ein Bein ein. Hm. Erst später erfahre ich, dass er das nur macht, wenn er sich wohlfühlt. Für den Moment aber halte ich es für seltsam und versuche ihn wieder auf zwei Beine zu bringen, was Pepone irritiert. So sind wir beide etwas ratlos, und Pepone versucht zu starten. Ich halte ihn am Geschüh fest (das sind die Lederfesseln an seinen Füßen) und er setzt sich wieder auf die Hand. Jetzt sind wir beide noch mehr verwirrt. Aber da werden Pepone und seine KollegenInnen aber auch schon wieder in die Voliere zurückgebracht und wir gehen ein wenig Theorie lernen, denn Greifvögel sind nicht ganz so einfach zu trainieren: Sie kennen keine negative Verstärkung, sie verstehen nur Belohnung. Ergo kann man auch nur mit Belohnungen arbeiten. Hah. Sehr intelligent.

Nach der Theorie und einer kurzen Pause fängt die Nachmittagsveranstaltung, die Flugshow an, die wir ebenfalls ansehen. Wahnsinn. Falkner Björn führt schlagfertig durch die Show und achtet darauf, dass niemand einen Greifvogel in die Haare bekommt. Das wäre auch nicht ratsam, denn die und ihre Krallen werden immer größer. Das Kind neben mir duckt sich nicht schnell genug und wird von den Lederfesseln am Kopf gestreift, was es mit „Böser Adler!“ kommentiert. Tja, muttu schneller sein nächstes Mal, aber das sage ich ihm nicht.

Nachdem die Besucher weg sind, geht es für uns weiter, jetzt fliegen wir (so sagt man) mit den Vögeln: Es gibt ein Wiedersehen mit den Wüstenbussarden. Pepone ist zwar nicht dabei, aber eine Hermine, wenn ich mich richtig erinnere und noch ein weiterer Wüstenbussard. Abwechselnd bekommen wir Stubenkückenstücke (also Teile von toten Kücken) in die Handschuhe und die Greifvögel fliegen darauf. Wortwörtlich. Kurz bleiben sie am Handschuh, schnappen sich ihre Belohnung (positive Verstärkung!) und dann lassen wir sie aufs Holzgeländer hinter uns springen. Mitmenschs Bussard verfehlt das Holzgeländer und fällt dahinter herunter. Gut, dass er Flügel hat.

Nach den Würstenbussarden kommt ein Adlerbussardweibchen: Mit ihr wird uns das auf die Faust nehmen nicht ganz so einfach gemacht wie mit den Bussarden. Wieder bekommen wir ein Stubenkückenteil in die Hand, sollen das aber dieses Mal ja nicht loslassen: Wenn die Adlerbussarddame anfliegt, soll sie damit beschäftigt sein, damit wir mit der bloßen rechten Hand das Geschüh nach vorne holen und zwischen Mittel- und Ringfinger des Falknerhandschuhs klemmen können. Manche lassen das Stubenkücken los – oder sie rupft zu stark und Happ! ist das Stubenkücken weg. Und dann ist die Dame nicht mehr beschäftigt und achtet sehr genau auf die bloßen Finger, die sich da nähern. Mancher versucht trotzdem am Geschüh herumzufummeln und dann ruft Björn: „Wenn sie nicht kuckt! Wenn sie nicht kuckt!“ Aber Madame kuckt sehr genau und meistens kommen dann Björn oder Marek zu Hilfe. Die Dame hat nicht nur einen scharfen Schnabel, sondern auch eine imposante Flügelspannweite von etwa eineinhalb Metern. Bei mir funktioniert der erste Anflug tadellos, ich halte das Kükenteil so fest, dass sie gut beschäftigt ist, während ich das Seil durch die Finger fummle. Beim zweiten Mal kriege ich das Geschnüre nicht richtig durch die starren Lederfinger, Marek muss nachhelfen. Dazwischen posen wir, eine freiwillige Helferin macht Fotos von uns.

Nach dem Adlerbussardweibchen kommt der Steppenadler Schnappi. Schnappi heißt so, weil er offensichtlich gerne einmal Finger oder Gesicht ins Visier nimmt, sagt man uns. Wir sind nicht sicher, ob wir es glauben sollen, Schnappi sieht aber respekteinflößend genug aus, um die Sache nicht auf die Probe zu stellen.

Der letzte Flug steht an und Marek bringt einen Weißkopfseeadler. Hallali. Wenn der auf einen zufliegt, das ist schon mehr als beeindruckend. Er setzt sich auf die Hand, kurz nur, sagen sie uns, wir sollen ihm die Beute gleich geben. Und dann stößt er sich kräftig ab und springt einen Meter weiter zur nächsten behandschuhten Hand, entweder der von Marek oder Björn, wo noch ein Kükenteil auf ihn wartet.

Ich könnte ja noch ewig weiterfüttern, wenn sich jetzt nicht mein eigener Magen langsam melden würde. Und da, der Kurs geht dem Ende zu, und es gibt Futter für uns in der Taverne, wo auf Tongeschirr wahlweise Falafel oder Linseneintopf serviert werden. Ohne Stubenkückenteile.