Vienna ComicCon

Es war ein langes Wochenende: Am Freitagabend haben wir uns den Tisch in der Messehalle C angesehen und uns umgeschaut: Ich finde es immer nett, einen Blick hinter die Kulissen werfen zu können – vor allem hätte mich interessiert, wie sie das riesige Modell eines Star Wars-T-Fighters aufgestellt haben, aber dafür waren wir zu spät:

Also Kabelbinder raus und Äste an den Tischbeinen fixiert, schwarzen Stoff darüber und kurz mit den Tischnachbarn geredet, die aber ohnehin eher mit sich selbst beschäftigt waren. Ahja, ich sitze zwischen zwei Manga-Mädchen 🙂 Die Unterschiede zwischen meinem und den beiden Tischen links und rechts von mir konnte man nicht nur an den Ausstellungsstücken feststellen – dort quietschbunt und pastell, hier eher kräftig und monochrom -, auch das Publikum schien sich daran zu scheiden: Wer auf sie zugesteuert ist und die Tonlage plötzlich eine Oktave höher gelegt hat („Oooh my goood! You’re heeeere!“), hat meinen Tisch links liegen gelassen, wer zu mir kam, hielt eher Abstand von den Nachbarn und hat relativ normal weitergeredet. (Vielleicht lag es aber auch am Gemüse. Hätte ich Knoblauch mitnehmen sollen?)

Der Samstag war laut, voll und beschwingt und dauerte für uns in der Halle von ca. 9 Uhr früh bis kurz nach 19 Uhr. 10 Stunden am Tisch! Aber hinter der Barriere eines Tisches ist die Con wesentlich entspannter mitzuverfolgen als in der Rolle des sich bewegenden Con-Besuchers, auf den von allen Seiten mit Musik, Wort und Bild geschossen wird. So kann man entspannt Cosplayer-Kostüme raten, Bastelaufwand schätzen und sich überlegen, ob man dem einen oder der anderen von der Erfindung des Tangas berichten sollte. Wir entschieden uns dagegen, weil wir nicht wussten, wie gut die Weapon-Control am Eingang tatsächlich funktioniert. Sitzend kommt man außerdem weniger in Versuchung, Geld auszugeben (außer genau gegenüber befindet sich ein Stand, der neonfarbene Katzen-Shirts verkauft; da hilft dann halt alles nichts).

Mein schönstes Erlebnis (um den Volksschulaufsatzthemenbereich Genüge zu tun) war ein Teenager-Mädchen, das mit dieser „lasst mich alle in Ruhe, ihr seid alle uncool und ich weiß überhaupt nicht, warum ich das hier mitmache“-Miene im Gesicht am Tisch vorbeikam. Sie fing an, unsere kleinen Horrorskop-Kommentare zu lesen. Und als sie bei der Jungfrau angekommen war („bevorzugte Mordwaffe: egal was, aber es wird danach desinfiziert und weggeräumt“), hat sie gegrinst.

Yeah.

Nicht ganz so großartig: Es gab einen Menschen, der sich handverlesenen Tischen widmete, seine eigene Zeichenmappe herzeigte und halbstündige Vorträge darüber hielt, was ihn in seinem Oeuvre beeinflusst hat. Dieser Kelch ging am Samstag glücklicherweise an uns vorüber. Aber auch am Sonntag blieb es spannend – der Herr hatte ein Wochenend-Ticket. Doch: Glück gehabt.

Sonntag war die Stimmung nicht ganz so aufgekratzt, es war eben – Sonntag. Alle schienen ein bisschen müde, ein bisschen zurückhaltend. Lag aber vielleicht nur an mir und ich hätte länger schlafen sollen. Da war es nett, dass Familie und Freunde vorbeikamen und man Zeit hatte, sich ein wenig mit neuen Bekannten zu unterhalten, etwa den beiden Köpfen hinter Karrakula (kuckst du Blog hier oder Instragram hier), die unter anderem Postkarten mit wunderbaren Wort-Bildspielereien machen. Und die sich sicher furchtbar über dieses total professional geschossene Foto freuen werden 😉

Fantastisch fand ich auch den Humor von Anna-Maria Jung aus Graz, deren Bilder man u.a. hier auf Instagram sehen kann. Wenn ich groß bin, will ich auch so werden.

Ja und dann – dann war es 17 Uhr und die Vienna ComicCon war vorbei. Ich habe mich gleich für nächstes Jahr angemeldet. Denn es kann kein schlechter Ort sein, an dem Deadpool ein Einhorn umarmt! (Wie war das noch mal, die Sache mit den Einhörnern und den Jungfrauen…?)

Schön war’s! Und ein herzliches Danke meinen beiden großartigen HelferInnen 😉

Einhorn, Sphinx und Salamander

„Einhorn, Sphinx und Salamander“ lautet der deutsche Titel des „Manual de zoología fantástica“ (später „El libro de los seres imaginarios“) von Jorge Luis Borges und Margarita Guerrero, das 1957 zum ersten Mal erschien. Das Buch versammelt in alphabetischer Reihenfolge etwa 120 Fabelwesen, mythologische und literarische, vom „A Bao A Qu“ bis zum „Zaratan“. Doch handelt es sich dabei weder um wissenschaftliche Untersuchungen noch um ein reines Lexikon, die Texte beschreiben die Wesen nicht nur, sie denken über sie nach, wie vielleicht der Beginn des Minotauros-Eintrags zeigt:

„Der Gedanke an ein Haus, das gebaut wurde, damit die Menschen sich darin verirren, ist vielleicht noch sonderbarer als die Vorstellung von einem Mann mit dem Kopf eines Stiers; aber beide fördern einander, und das Bild des Labyrinthes verträgt sich gut mit dem Bild des Minotauros. Es scheint angebracht, daß in einem ungeheuerlichen Hause ein ungeheuerlicher Bewohner sei.“ (S. 123)

Borges und Guerrero zitieren alte Quellen und literarische Texte und geben Hinweise, wer wo wann über welches Wesen schrieb. Beim Minotauros verweisen sie etwa auf Ovid und auf Dante, der das Halbwesen verkehrte (d.h. ihm den Körper eines Stiers und den Kopf eines Menschen gab), weil er – so der Eintrag hier – zwar die antiken Texte kannte, nicht aber die bildlichen Darstellungen.

Ein schönes Buch zum Stöbern und genau richtig für die Badetasche: Die jeweils ein bis zwei Seiten langen Einträge lassen es zu, zwischen den Kapiteln in sommerlicher Hitze wegzudösen und von Feen, chinesischen Füchsen und dem Mandragora zu träumen.

Die von mir verwendete Ausgabe ist diese:
Jorge Juis Borges (mit Margarita Guerrero): Einhorn, Sphinx und Salamander. El libro de los seres imaginarios. Das Buch der imaginären Wesen. Übersetzt von Ulla de Herrera, Edith Aron und Gisbert Haefs. Frankfurt am Main, 2004.