#37 Mein Kalender, dein Kalender

Es gibt zwei Fraktionen. Ich gehöre zu der aussterbenden Minderheit. Denn ich habe einen Kalender aus Papier. In Buchform und A6-Format (bei meiner Schriftgröße kann ich in einem der 9×4,3 Zentimeter messenden Felder, die jeder Wochentag darin hat, ganze Romane unterbringen). Ich mag meinen Kalender, 2017 ist außen orange. 2018 wird gelb werden. Ich habe ihn bereits bestellt, weil meine bevorzugte Variante (A6 mit besagten 9×4,3 Zentimeter-Feldern) irgendwie nicht so der Renner zu sein scheint in den Geschäften und es sie nirgendwo lagernd gibt.

Die meisten anderen Menschen, die ich kenne, verwenden ihr Smartphone als Terminkalender. Wenn ich einen Termin ausmache, ziehe ich Kugelschreiber und Kalender aus dem Rucksack und werde von Leuten, die mich nicht gut kennen, ein bisschen belächelt. Manche sagen „cool“. So weit sind wir also schon. Hardwarekalender sind „cool“. Doch niemand, der „cool“ sagt, würde seinen Smartphone-Kalender gegen Papier tauschen. Meistens schauen die Leute ein wenig entrüstet, wenn man ihnen das vorschlägt. Denn das Smartphone ist ja so praktisch. Man kann nicht nur die eigenen Termine eintragen, nein! Man kann auch in die Kalender von anderen Leuten (d.h. vor allem die der Partnerin oder des Partners) schreiben! Als ich das das erste Mal gehört habe, sind mir fast die Augen rausgefallen. Ja genau, das fehlt noch! Irgendjemand (also man kennt die Person ja schon meistens etwas besser, aber trotzdem), der mir – ohne mich fragen zu müssen – meine Woche zukleistert! Die Menschen sind offensichtlich auf Streit aus. Wenn man mir das vorschlagen würde, wäre das Gespräch wohl recht kurz: „Legen wir unsere Kalender zusammen!“ – „Super Idee, ich wollte sowieso mit dir Schluss machen!“

Und bei welchen Gelegenheiten legt man überhaupt seine Kalender zusammen? Muss man da die drei-Monats-Grenze überschritten haben? Macht man das am Jahrestag?
„Du, Schatz, ich muss dich was fragen…“ – (Gehaucht:) „Jaa?“ – „Wollen wir, also du und ich…“ (Gehaucht:) – „Jahaa?“ – „Wollen wir… unsere Kalender synchronisieren?“ (Oder wie immer man das nennt.) Und dann sagt er: „Oh, Olivia, ich dachte du fragst nie!“ und sie fallen sich in die Arme.

Ich habe bereits mehrere unangenehme Situationen, die aus Kalender-Sharing entstanden sind, miterlebt. Da wurde ohne Nachfragen der einzige freie Abend des Monats verplant. Da wurden Termine mit Menschen ausgemacht, die nur die eintragende Hälfte des Paares wirklich mochte. Das ist nicht schön. Das ist sogar ziemlich übergriffig. Aber ist ja nicht mein Mensch. Und Zeit ist für mich offensichtlich ein heikleres Thema als für andere. Kommt mir zumindest so vor. Sonst würden doch viel mehr Menschen wieder auf Papier (eventuell sogar A6-Format, mit 9×4,3 Zentimeter-Feldern für die Wochentage?) umsteigen, um gemeinsamen Kalenderdates ohne den anderen dabei zu brüskieren den Saft abzudrehen. Vielleicht ist genau das aber auch der Grund, weshalb bei Thalia, Kuppitsch und Co. seit Jahren ab Oktober immer mehr Kalender in den unterschiedlichsten Formen, Farben und Größen aufliegen.

Außer Format A6 mit besagten 9×4,3 Zentimeter-Feldern.