#3 Eine Stunde auf der Mariahilferstraße

Ich bin im Thalia, weil ich Klarsichtfolien brauche und wende mich an eine Verkäuferin: „Ich bräuchte Klarsichtfolien in A4, haben sie welche? Ich habe gerade nur A5 gesehen.“ – Verkäuferin, barsch: „Ja, haben wir.“ Ich warte ein bisschen, aber da keine weitere Reaktion kommt, setze ich nochmal nach: „Ich habe gerade nur A5 gefunden, aber vielleicht habe ich sie übersehen oder sie haben im Lager noch welche…?“ Die Verkäuferin sieht mich an. Dann bringt sie sich doch noch in Bewegung und trottet zu den Klarsichtfolien, ich tappe hinter ihr her. Sie sieht, dass nur mehr Folien in A5 da sind, dreht sich um und sagt (barsch): „Nein. Haben wir nicht.“
Ohne mich weiter zu beachten geht sie zurück an ihr Pult. Ok. Gut. Wäre das mal geklärt. Raus aus dem Thalia also, ich bleibe stehen – wo ist hier der nächste Libro. Schwerer Fehler: Ein Keiler in roter Jacke steuert mich an und ich sage: „Nein, nein“ und (noch ein schwerer Fehler) lache dabei. Er sagt: „Mah, du schaust so nett, da will ich dich gleich was fragen“ und ich (mir fällt nichts anderes ein) nochmal: „Nein, nein!“ (Aaah! Was tun?) Ich schalte in den Panikmodus: Als er weiterreden will falle ich ihm ins Wort: „Ich bin hier nur auf Besuch!“ Er stutzt und sagt: „Ah, woher bist du denn?“ Und jetzt streift mich tatsächlich ein Geistesblitz: „Aus Passau.“ Enttäuschung macht sich in seinem Gesicht breit: „Oh, das ist dann Deutschland. Dann geht es leider nicht.“ Ich nicke bedauernd. Seine Kollegin kommt rüber: „Ärgerst du ihn eh nicht, das ist nämlich ein Lieber“ und zieht ihn am Ohr. Er sagt zu ihr: „Sie ist auf Besuch da, sie wohnt in Passau.“ Sie schaut ebenfalls enttäuscht und wir verabschieden uns.
Beim Weggehen übe ich in Gedanken meinen bayrischen Akzent, den ich knappe 300 Meter später auch gleich ausprobieren kann, als eine weitere rote Jacke auf mich zusteuert: „Hey du, du schaust so freundlich“ (merke: ich muss mir einen anderen Gesichtsausdruck zulegen). Jetzt bin ich aber schon in Fahrt: „Ah, wie nett, gerade habe ich mit Kollegen von dir geredet, ich bin auf Besuch da, aus Passau, und sie haben gesagt, dass das dann leider nicht geht.“ Er ist etwas überfahren, nickt aber verständnisvoll und wünscht mir einen schönen Tag. Ich flüchte mich in die Anonymität einer Seitenstraße, die Barnabitengasse:

Und da, endlich! Zwar keine Klarsichtfolien, aber ein Unterschlupft: Der Comic-Treff 🙂
PS.: Ich weiß noch immer nicht, was mir die roten Jacken eigentlich verkaufen wollten.
PPS.: Ein Schulkollege hat Keiler mit den Worten abgeschmettert: „Nein danke, ich bin schon Baumpate.“ Auch einen Versuch wert beim nächsten Mal.

Habt ihr auch eine gute Strategie? Immer her damit!