#73 Der Stephansdom

Nach einem Treffen im ersten Bezirk sehe ich aus den Augenwinkeln die gespiegelte Glasfassade des Haas-Hauses. Da kann der Stephansdom nicht weit sein, denke ich mir. Egal wie lange ich schon in Wien wohne, im ersten Bezirk funktioniert mein Straßengedächtnis nicht: Alle Gassen scheinen mich im Kreis zu führen und wenn ich denke, ich weiß, wo ich in etwa wieder zum Ring kommt, macht die Straße eine 90° Kurve und lacht mich laut aus – aber vom Haas-Haus aus den Stephansdom zu finden, das kriege ich auch noch hin. Zum Dom will ich, um ein paar Referenz-Fotos zu machen: Sie sind für einen neuen Comic, der in Wien spielt, und ich habe schon eine ziemlich gute Vorstellung, wie ich den Dom unterbringen möchte. Ich umrunde also (am frühen Nachmittag und bei knalligen 32°) den Dom und suche eine geeignete Ecke, um eine gute Froschperspektivenaufnahme machen zu können. Was anderes als Froschperspektive geht jetzt auch nicht wirklich, da man selbst keine zwei Meter, der Dom aber 136,4 Meter hoch ist – aber ich bin motiviert und kniee mich auch wirklich hin. Leider überfordert der Wunsch nach einem Weitwinkelobjektiv meine kleine Kompaktkamera, das werde ich mir später am Blatt noch zusammenbasteln müssen. Ich bin natürlich nicht die einzige, die dort fotografiert und mit einem Seitenblick auf Dutzende Menschen mit Schirmkappen, Sandalen und riesigen Kameraobjektiven muss ich mir eingestehen, dass ich mir schon lange nicht mehr so touristisch vorgekommen bin. Es hätte gerade noch gefehlt, dass mich einer der Karten verkaufenden Mozarte angesprochen hätte, aber da reicht immer ein Blick, um ihnen zu verstehen zu geben: „Sicher nicht.“

Aber, Touristen hin oder her, wenn ich schon mal hier bin, denke ich, dann schaue ich doch auch gleich noch in den Dom – vielleicht ergibt sich ja noch das eine oder andere Motiv. Schon beim Betreten des Doms bereue ich die Entscheidung, ich werde mit einer Masse an Menschen mitgeschoben. Es ist eindeutig zu warm für Körperkontakt, vor allem wenn zu viel Schweiß, zu viel Parfum und zu viel Deo dabei involviert sind. Innen verteilt sich die Masse glücklicherweise ein wenig und ich wandere in das vom restlichen Stephansdom abgesperrte linke Seitenschiff, das offensichtlich für den profanen Besucherverkehr vorgesehen ist. Ein Gitter trennt vom Mittelschiff und dem rechten Seitenschiff, das im Moment offensichtlich nur von zahlenden Gruppen besucht wird.

Ich stelle mich an das Gitter und beobachte die Leute. Die meisten wirken etwas gehetzt, gelangweilt oder müde, immerhin ist es früher Nachmittag und viele von ihnen sind wahrscheinlich schon den ganzen Vormittag durch die Stadt gelaufen. Ich fühle mich ob der ständig sich vorbeischiebenden Menschen auch gehetzt, gleichzeitig finde ich die Anonymität beruhigend: Hier fällt man mit der Kamera in der Hand nicht auf, ich fotografiere Menschen und Details des Doms und komme mir vor, wie die Museumsbesucher, die mit Blick auf ihr Smartphone durch die Hallen laufen und sich die Gemälde, die sie fotografieren, nur via Bildschirm ansehen. Gruselig. Ich entschuldige mich stumm beim Dom und hänge mich an eine Gruppe an, die dem Ausgang entgegensteuert. Das teilt schon mal den Gegenverkehr und erleichtert das Vorankommen. Außen würde ich wohl tief durchatmen, wenn es nicht so heiß wäre. So aber suche ich die Schattenseiten der Gassen auf und gehe der Nase nach Richtung Ring. Ich komme nicht dort raus, wo ich geglaubt hätte, aber nah genug, um eine passende Straßenbahn zu finden, die mich wieder in absolut untouristischen Straßen des 16. bringt.

 

To be with an Aquarius

Auf der Vienna Comix hatte ich mit ein paar anderen Zeichnerinnen und Zeichnern einen Tisch im zweiten Stock und wir haben uns recht gut unterhalten. Am ersten Tag hat sich eines von sleepycato aufgeklebten Plakaten immer wieder der Schwerkraft gebeugt und  sich losgemacht. Am Abend haben wir dann eine Wette abgeschlossen: Wieviele ihrer Plakate werden über Nacht bis zum nächsten Tag nicht durchhalten? Nachdem sich ja immer das gleiche Plakat gelöst hat habe ich mich darauf verlassen und „eines“ getippt. Der bzw. die Gewinner würden von allen anderen kleine Zeichnungen bekommen.

Tja. Es sind zwei gefallen.

#55 IndieComixDay

Vergangenen Freitag war IndieComixDay. Seit 2012 gibt es ihn, und zum zweiten Mal durfte man dafür die Räume (d.h. den Eingangsbereich und den Veranstaltungsraum, wo auch das Cafe ist) des Wien Museums besuchen. Ich darf nicht nur besuchen, ich habe einen Tisch und laufe so bei schönstem Wetter mit dem Koffer los, in dem mein Stand eingepackt ist, vom Tischtuch über Karten und Comics. Diese zwei neuen hier haben es leider nicht bis zum Wien Museum geschafft, sie sind erst diese Woche angekommen:

Das ist zwar schade, aber im Wien Museum zeigt sich, dass ich ohnehin eine Auswahl hätte treffen müssen: Der Platz am Tisch ist kaum einen Meter breit und neben meinem provisorischen Postkartenständer (Bilderleisten von IKEA, zersägt und auf alte Schuhkartons gestellt) bleibt kaum Platz für die Comics. Es reift die Erkenntnis: Ich brauche größere Tische. Da sich das als schwierig erweist, erwäge ich Plan B: Der Postkartenständer muss überholt werden. Er sieht ja nicht nur etwas sperrig aus, er ist auch nicht wirklich toll zu transportieren. Moment. Habe ich mir das nicht schon mal im Herbst gedacht? Hm. Hat es wohl nicht auf die Neujahrsvorsatzliste geschafft.

Zackig aufgebaut, so viel Platz ist ja nicht da, um den man sich kümmern müsste, und dann kommen um vier Uhr auch schon die ersten Besucher. Also jetzt keine Ströme. Das Wetter draußen ist schön, hier drinnen tröpfelt Mensch an Mensch halt so vorbei. Das Publikum ist bunt gemischt: Ein paar Wien Museums-Besucher, die gerade zufällig da sind und neugierig hereinschauen, ein paar StudentInnen, hier Verwandte und Freunde des einen Zeichners, dort Bekannte einer Künstlerin. Fans und Freunde der Szene marschieren die Tischreihen mehrmals auf und ab und plaudern gerne. Und dann gibt es noch Sammler. Ein ganz eigenes Völkchen.

Bei besucherischer Ebbe wagt man es auch hin und wieder, den eigenen Tisch zu verlassen – um andere Leute zu belästigen. Markus Dressler etwa, der passend zur Anthologie des Comicstammtisches „Tisch 14“ sich eine goldene Jacke besorgt hat. Er trägt sie zwar nur minutenweise, aber dann kann man nicht mehr wegschauen. Thema der Anthologie war „Wiener Moderne“ und Markus hat einen Beitrag zu einem katzenfanatischen Klimt gezeichnet. Drei Tische weiter, neben dem „Nudlmonster“, sitzt Vina Yun, deren Eltern aus Korea stammen. Ich unterhalte mich mit ihr und sie erzählt über ihren Comic „Homestrories. Koreanische Diaspora in Wien“, in dem es über die große koreanische Community hier in Wien geht. Von der ich bis jetzt, zugegeben, nichts wusste. Ich nehme ihren Comic mit – zur Weiterbildung. Man kuckt, man schaut, und dazwischen gibt es kleine Interviews auf dem Podium, geführt von Anna Krupitza, die das Comic-Geschäft (nein, entschuldigung) den Comicbuchladen Bunbury’s in der Lindengasse 34 in Wien führt. Sie ist ein Unikat. Und sie hat Minions dabei. In echt.

Hab ich den Comic-Automaten schon erwähnt? Für jeweils eine halbe Stunde hat man ComiczeichnerInnen in einen bemalten (Kühlschrank?-)Karton eingesperrt und man konnte sich von ihnen zeichnen lassen. Tja, soviel zur „Wiener Moderne“: Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit und die Comiczeichner zurück in die Packung.

Die Anthologie „Wiener Moderne“ wurde übrigens etwas knapp fertig. Um 16 Uhr hat der Comix Day angefangen. Um ca. 18:00 ist Eric Chen zur Anthologie interviewt worden. Um 20 Uhr ist die Anthologie dann geliefert worden. Und um 21 Uhr sind alle nach Hause gegangen.

Valerian et Laureline

Vor zwei Wochen habe ich den Film „Valerian“ gesehen. Regisseur ist Luc Besson, unter allem bekannt wegen seiner Film „Leon der Profi“ (1994) und „Das fünfte Element“ (1997, siehe auch Leeloo). Der Film basiert auf einem Comic: „Valérian et Laureline“ ist eine französische Comic-Serie, gezeichnet von Jean-Claude Mézières (Pseudonym Mézi), geschrieben von Pierre Christin (Pseudonym Linus). Fallen einem Ähnlichkeiten in den Designs der Filme „Das fünfte Element“ und „Valerian“ auf, so liegt das nicht nur am gleichen Regisseur: Jean-Claude Mézières hat für Besson „zwischen 1992 und 1997 Hintergrund- und Kostümentwürfe, Visuals für Einrichtungen und Fahrzeuge aller Art“ (*) für den Film „Das fünfte Element“ entworfen – so viele, dass in Frankreich ein eigener Bildband dazu herausgegeben wurde (Les Extras de Mézières N°2: Mon Cinquième Élément, 1998).

Die erste „Valerian et Laureline“-Geschichte erschien 1967 in der 420. Ausgabe von „Pilote“, einem Comic-Magazin, das zu dieser Zeit von René Goscinny geleitet wurde (genau – das ist der Schreiber von „Asterix“). Diese erste Geschichte schickt Valerian per Zeitreise ins Mittelalter: Dort trifft er auf Laureline, die ihm aus der Klemme hilft und mit ihm zurück in die Zukunft reist. Von nun an ist sie bei jedem Abenteuer dabei und kennt sich mittels der „automatischen Gedankenhaube“ in der Zukunft genauso gut aus wie zuvor im Europa des 11. Jahrhunderts.

Ich muss sagen, der Titel des Films „Valerian“ hat mich durchwegs irritiert und tut es immer noch, vor allem nach den Recherchen zum Comic: Das französische Original trägt den Namen „Valérian et Laureline“. Auf Deutsch heißt der Comic „Valerian und Veronique“ (frei erfundene Namen wurden in den 70ern hier scheinbar eher abgelehnt ^^). Auch auf Englisch lautete der Titel „Valerian and Laureline“ – bis der Film produziert wurde. Jetzt heißt es bei den Neuauflagen auch dort nur mehr „Valerian“. Wieso man auf einmal die zweite, ebenso wichtige Hauptfigur einfach auslässt – keine Ahnung. (Bzw. schon eine Ahnung, aber keine gute. Das wäre in etwa: Wozu brauchen wir die Frau im Titel? Es reicht doch der männliche Held.) War „Valerian and Laureline and the City of a Thousand Planets“ zu lang und umständlich? Wollte man der Dame keinen Platz lassen? Gerade weil der Film eine sehr ausgewogene Partnerschaft zwischen den beiden Hauptfiguren zeigt und der Titel der Comic-Serie (wie auch deren Inhalt) beiden Protagonisten gleiches Gewicht gibt, gibt es meiner Meinung nach kein valides Argument dafür, Laureline unter den Tisch fallen zu lassen.

Zum Film: Der Film ist zwar schnell geschnitten und die beiden Hauptfiguren arbeiten zackig und auf die Minute, doch ist der Streifen mit einigen langwierigen Kampfszenen und v.a. einer Rihanna-Tanzeinlage bestückt, die zwar schön zum Ansehen ist, aber bei der es auch die Hälfte getan hätte. Der Plot der Comicvorlage (Im Reich der tausend Planeten, 1969) ist kaum wiederzuerkennen, ich vermute, es wurden hier mehrere Geschichten eingearbeitet oder eine neue geschaffen. Da ich aber erst drei Comic-Geschichten kenne, kann ich an dieser Stelle nur raten. Glaubt man den Verkaufszahlen, so kommt „Valerian“ in den amerikanischen Kinos nicht so gut an wie in Europa (war das nicht bei „Das fünfte Element“ ähnlich?). Als Grund dafür wird u.a. die Tatsache gehandelt, dass der Comic in den USA weniger bekannt sei als hier (ich hatte vor dem Film aber auch noch nie etwas davon gehört – vielleicht ist das eine Generationensache?).

Der „Hollywood Reporter“ meint, dass mit dem Film der „Euro-trash“ zurück sei. Natürlich hätte man eine bessere Schauspielerin als Cara Delevingne als Laureline casten können, und wenn der „Rolling Stone“ Dane DeHaan (Valerian) „manchild“ nennt, ist das zwar ein bisschen unfair, aber leider auch ein bisschen wahr. Doch ist die Geschichte gesamt gesehen eine, die nicht positiv von unkontrollierten militärischen Machthabern redet und zumindest den stark humanistischen Kern der Comics am Ende einbringt: Auf Laurelines Drängen hin wird zwar nicht ein Fehler wieder gut gemacht, aber zumindest ein weiterer verhindert. Wenn das Euro-trash ist, dann möge man mir Euro-trash geben.

Ein Mini-Sketch dazu:

 

 

*: Jean-Claude Mézières, Pierre Christin: Valerian & Veronique. Gesamtausgabe – Band 1. Hamburg 2011, Seite 11.

ComicCon

Heute gibt es eine Ankündigung: Am 18. und 19. November 2017 habe ich einen Tisch bei der Vienna ComicCon – yeah! Ich bereite Sachen vor und bin schon sehr gespannt.

Großes Ziel sind drei Mini-Comics, das erste ist zumindest im Groben fertig (mein erstes Comic, bitteschön, und ganze sechs Seiten lang!), es fehlt aber noch die Nachbearbeitung am Computer – z.B. muss das Lettering noch ein wenig sauberer werden. Hier ein Foto der ersten Seite von „Fux & Rabe“, eine Äsop-Bearbeitung: