Einhorn, Sphinx und Salamander

„Einhorn, Sphinx und Salamander“ lautet der deutsche Titel des „Manual de zoología fantástica“ (später „El libro de los seres imaginarios“) von Jorge Luis Borges und Margarita Guerrero, das 1957 zum ersten Mal erschien. Das Buch versammelt in alphabetischer Reihenfolge etwa 120 Fabelwesen, mythologische und literarische, vom „A Bao A Qu“ bis zum „Zaratan“. Doch handelt es sich dabei weder um wissenschaftliche Untersuchungen noch um ein reines Lexikon, die Texte beschreiben die Wesen nicht nur, sie denken über sie nach, wie vielleicht der Beginn des Minotauros-Eintrags zeigt:

„Der Gedanke an ein Haus, das gebaut wurde, damit die Menschen sich darin verirren, ist vielleicht noch sonderbarer als die Vorstellung von einem Mann mit dem Kopf eines Stiers; aber beide fördern einander, und das Bild des Labyrinthes verträgt sich gut mit dem Bild des Minotauros. Es scheint angebracht, daß in einem ungeheuerlichen Hause ein ungeheuerlicher Bewohner sei.“ (S. 123)

Borges und Guerrero zitieren alte Quellen und literarische Texte und geben Hinweise, wer wo wann über welches Wesen schrieb. Beim Minotauros verweisen sie etwa auf Ovid und auf Dante, der das Halbwesen verkehrte (d.h. ihm den Körper eines Stiers und den Kopf eines Menschen gab), weil er – so der Eintrag hier – zwar die antiken Texte kannte, nicht aber die bildlichen Darstellungen.

Ein schönes Buch zum Stöbern und genau richtig für die Badetasche: Die jeweils ein bis zwei Seiten langen Einträge lassen es zu, zwischen den Kapiteln in sommerlicher Hitze wegzudösen und von Feen, chinesischen Füchsen und dem Mandragora zu träumen.

Die von mir verwendete Ausgabe ist diese:
Jorge Juis Borges (mit Margarita Guerrero): Einhorn, Sphinx und Salamander. El libro de los seres imaginarios. Das Buch der imaginären Wesen. Übersetzt von Ulla de Herrera, Edith Aron und Gisbert Haefs. Frankfurt am Main, 2004.