#77 Adlerwarte Kreuzenstein Teil 2

Der Falkner-Schnupperkurs hat mich so beeindruckt, dass ich auch den zweiten Teil besuche. Dieses Mal bin ich alleine und öffentlich unterwegs. Die ÖBB-Website spuckt mir horrende Zeiten aus, etwa eine Zug-Bus-Verbindung, die zweieinhalb Stunden dauert und bei der ich eineinhalb Stunden vor Beginn auf der Burg wäre. Ja, nein, eher nicht. Der Bus fährt ungefähr fünfmal am Tag und so verzichte ich auf ihn und gehe lieber eine Stunde zu Fuß von Korneuburg nach Kreuzenstein. Idyllisch. Der Weg führt durch Industriegebiet und über die Autobahn. Ein LKW-Fahrer blockiert meinen Weg (er fährt einfach mit dem ganzen LKW in die Kreuzung) und fragt mich, ob es hier zu MONDI geht. Ich habe keine Ahnung. Er schaut auf seinen Zettel, schüttelt den Kopf und fährt weiter.

Nach der Autobahnüberführung wird der Asphalt weniger, dafür gibt es Felder, Bäume, und Leobersdorf. Verlaufen kann man sich auf der Strecke von Korneuburg zur Burg nicht wirklich, nahe beim Bahnhof beginnt die „Kreuzensteinstraße“. Und die führt tatsächlich die ganze Strecke bis zur Burg. Um 13 Uhr geht es los und wir sind nur zu dritt, Karin, Sabrina (oder war es Sabine?) und ich. Marek – ich kenne ihn schon vom ersten Workshop – gibt uns eine kurze Einführung und nach einer kleinen Wiederholung lernen wir den Falknerknoten. Einhändig und mit rechts natürlich, denn auf der linken Hand sitzt ja der imaginäre Vogel. Danach stellen wir uns draußen in guten Abständen voneinander entfernt auf und üben das Drehen des Federspiels – einem wie zwei stilisierte Schwingen geformten und gepolstertem Lederstück, das man für das Training von Falken verwendet. Das Federspiel hat kleine Taschen, in das man die Schwingen echter Vögel stecken kann, um die Falken auf bestimmte Jagdbeute einzustimmen. Danach wird es spannend. Chuck, ein Falke, wird gebracht und wir üben mit ihm das Einziehen mit dem Federspiel: Das heißt, wir drehen das Federspiel, der Falke wird einige Meter entfernt von der Hand geschickt, wir schicken das Federspiel leicht schräg nach vorne vor uns auf den Boden und der Falke stürzt sich auf das darauf befestigte halbe Kücken. Die Federspielschnur wird mit dem Fuß am Boden befestigt, und während Chuck noch mit dem Federspiel beschäftigt ist, muss man aus der Tasche eine neue Belohnung herausfuzeln, ohne dass er das mitbekommt. Sobald er mit dem Federspiel fertig ist, bietet man ihm am Falknerhandschuh die neue Belohnung an. Chuck kommt auf den Handschuh, und während er frisst, sichert man das Geschüh (die Schnüre am Fuß) zwischen Mittel- und Ringfinger. Fertig. Total einfach – jede darf zweimal. Nach Chuck kommt Hermine, der Adlerbussard, den ich schon vom letzten Mal kenne. Habe ich schon gesagt, dass Karin am linken Arm tätowiert ist? Von oben bis unten – mit Motiven aus „Alice im Wunderland“ von Tim Burton. Hermine zwickt Karin ziemlich heftig in den Arm – nachdem sie mit der Belohnung vom Handschuh fertig war, sah sie sich auf einmal vom Auge des weißen Kaninchens angesprochen und ist mit dem Schnabel darauf losgegangen. Mein Mitmensch meint später dazu: Ein ziemliches Kompliment für einen Tätowierer, wenn seine Arbeit sogar von einem Greifvogel für echt gehalten wird.

Nach einer kurzen Pause (in der wir die Blasen vom Federspieldrehen an unseren Fingern bemerken) arbeiten wir weiter mit Vögeln. Nur etwas anders als vorher. Vicky, eine junge Kollegin von Marek, bringt uns eine Kiste mit toten Kücken und zeigt uns, wie wir den Kücken die Beine ausreißen und dann mit der Schere jedes Bein an den Gelenken in drei Teile (Ober- und Unterschenkel sowie Fuß) zerschneiden. Ja. Hm. Das muss wohl auch sein, wenn man so einen Job macht. Vicky ist übrigens Vegetarierin. Und ich lerne, die Küken haben noch einen Dottersack im Körper – drückt oder zieht man an der falschen Stelle, kann der auf einmal platzen und dann spritzt der Dotter überall dort hin, wo man ihn wirklich nicht haben möchte. Uah. Wir reißen und schnipseln herum – danach packen wir die Ober- und Unterschenkel in die Falknertasche und waschen uns die Hände. Sehr lange.

Mit der Falknertasche, drei Wüstenbussarden (Chilli, Lord und Camillo), Vicky und Theresa fahren wir zu einem Feldweg, um die freie Folge zu üben: Wir beginnen mit Camillo und mir, Karin und Sabine (Sabrina? Sandra?) tragen ihre behaubten Bussarde einstweilen auf der Hand. Bei der freien Folge fliegt der Bussard in einen Baum und man geht ohne ihn weiter. Irgendwann überholt er einen dann und setzt sich auf den nächsten Baum. Dann bleibt man sofort stehen, zeigt ihm die Belohnung am Handschuh (wahlweise Ober- oder Unterschenkel der zerteilten Küken von vorhin), er kommt, frisst die Belohnung, und dann schickt man ihn wieder in den nächsten Baum. Und so weiter. Fehlerfrei geht das erst mal nicht: Camillo kommt zum Beispiel einmal ohne dass ich ihn gerufen hätte. Überrascht biete ich ihm den Handschuh zum Landen, was er auch macht. Und dann frisst er natürlich auch die Belohnung. Was ich eigentlich hätte tun sollen, ist, mich umzudrehen und ihm den Rücken zeigen – eine Belohnung sollte er nur kriegen, wenn er sich an die Regeln hält. Naja. Man lernt. Ein paar Bäume später wird gewechselt, die anderen kommen der Reihe nach dran und ich trage Lord. Mit Lord gibt es dann ebenfalls einen Durchgang, diesmal läuft alles ganz gut (bis auf das, dass ich es irgendwie nicht ganz schaffe, ihn wieder von der Hand weg in den Baum zu schicken – die Bewegung darf nicht ruckartig sein, die Hand soll oben sein, aber höher geht dann fast nicht mehr – ah das ist kompliziert zu erklären und noch komplizierter auszuführen). Lord ist zwischenzeitlich mal abgelenkt – statt der Faust jagt er eine Maus, aber sie entwischt.

Wir bringen die Bussarde zurück zum Transporter – und nachdem wir mit fremder Hilfe die nicht mehr ganz tadellos funktionierende Türe wieder zu bekommen, gibt es noch eine Falknerjause in der Burgtaverne. Feierabend. Vicky erzählt haarsträubende Geschichten aus Afrika, von Spinnenbissen und tierischen Besuchern. Es fängt zu regnen an, wir erhalten eine Urkunde und dann gehe ich mit Theresa nicht eine Stunde nach Korneuburg zum Bahnhof, sondern nur eine halbe zur Bahnstation Leobersdorf Burg Kreuzenstein. Allerdings versäumen wir unseren Zug um ein paar Minuten und warten eine halbe Stunde auf den nächsten.

 

#69 Adlerwarte Kreuzenstein

Da sind wir nun also. Mitmensch, ich und fünf andere Menschen warten um 12 Uhr beim Eingang der Adlerwarte Kreuzenstein in Niederösterreich, um ein bisschen zu lernen, worum es in der Falknerei geht. Die Stimmung ist gut, alle sind ein bisschen aufgekratzt.

Der Halbtagesworkshop besteht aus vier Teilen: Im ersten bekommt jeder von uns einen Falknerhandschuh für die linke Hand, die in Europa traditionelle Seite (weil man ja im Mittelalter, als sich diese Tradition in Europa etabliert hat, in gehobenen Kreisen meist zu Pferd unterwegs war und die rechte Hand für die Zügel brauchte) und Falkner Marek erklärt uns, wie wir die Hand halten müssen, damit der Vogel auch darauf sitzen bleibt. Dann bekommen jeder von uns auch gleich einen Greifvogel auf den Handschuh, den wir  durch die Gegend tragen dürfen, um uns daran zu gewöhnen. Mitmensch bekommt einen Falken mit Haube (‚Chuck‘), ich einen Wüstenbussard – ohne Haube.

Respekteinflößend ist das schon, so ein Schnabel nur wenige Zentimeter weg von den eigenen Augen. Der Wüstenbussard heißt Pepone und schnarrt die ganze Zeit ein bisschen. Statt oben auf der Faust sitzt er eher grätschend auf dem Handschuh, will sich aber nicht wirklich von seinem seltsamen Stand abbringen lassen. Irgendwann zieht er zu meinem Erstaunen dann auch noch ein Bein ein. Hm. Erst später erfahre ich, dass er das nur macht, wenn er sich wohlfühlt. Für den Moment aber halte ich es für seltsam und versuche ihn wieder auf zwei Beine zu bringen, was Pepone irritiert. So sind wir beide etwas ratlos, und Pepone versucht zu starten. Ich halte ihn am Geschüh fest (das sind die Lederfesseln an seinen Füßen) und er setzt sich wieder auf die Hand. Jetzt sind wir beide noch mehr verwirrt. Aber da werden Pepone und seine KollegenInnen aber auch schon wieder in die Voliere zurückgebracht und wir gehen ein wenig Theorie lernen, denn Greifvögel sind nicht ganz so einfach zu trainieren: Sie kennen keine negative Verstärkung, sie verstehen nur Belohnung. Ergo kann man auch nur mit Belohnungen arbeiten. Hah. Sehr intelligent.

Nach der Theorie und einer kurzen Pause fängt die Nachmittagsveranstaltung, die Flugshow an, die wir ebenfalls ansehen. Wahnsinn. Falkner Björn führt schlagfertig durch die Show und achtet darauf, dass niemand einen Greifvogel in die Haare bekommt. Das wäre auch nicht ratsam, denn die und ihre Krallen werden immer größer. Das Kind neben mir duckt sich nicht schnell genug und wird von den Lederfesseln am Kopf gestreift, was es mit „Böser Adler!“ kommentiert. Tja, muttu schneller sein nächstes Mal, aber das sage ich ihm nicht.

Nachdem die Besucher weg sind, geht es für uns weiter, jetzt fliegen wir (so sagt man) mit den Vögeln: Es gibt ein Wiedersehen mit den Wüstenbussarden. Pepone ist zwar nicht dabei, aber eine Hermine, wenn ich mich richtig erinnere und noch ein weiterer Wüstenbussard. Abwechselnd bekommen wir Stubenkückenstücke (also Teile von toten Kücken) in die Handschuhe und die Greifvögel fliegen darauf. Wortwörtlich. Kurz bleiben sie am Handschuh, schnappen sich ihre Belohnung (positive Verstärkung!) und dann lassen wir sie aufs Holzgeländer hinter uns springen. Mitmenschs Bussard verfehlt das Holzgeländer und fällt dahinter herunter. Gut, dass er Flügel hat.

Nach den Würstenbussarden kommt ein Adlerbussardweibchen: Mit ihr wird uns das auf die Faust nehmen nicht ganz so einfach gemacht wie mit den Bussarden. Wieder bekommen wir ein Stubenkückenteil in die Hand, sollen das aber dieses Mal ja nicht loslassen: Wenn die Adlerbussarddame anfliegt, soll sie damit beschäftigt sein, damit wir mit der bloßen rechten Hand das Geschüh nach vorne holen und zwischen Mittel- und Ringfinger des Falknerhandschuhs klemmen können. Manche lassen das Stubenkücken los – oder sie rupft zu stark und Happ! ist das Stubenkücken weg. Und dann ist die Dame nicht mehr beschäftigt und achtet sehr genau auf die bloßen Finger, die sich da nähern. Mancher versucht trotzdem am Geschüh herumzufummeln und dann ruft Björn: „Wenn sie nicht kuckt! Wenn sie nicht kuckt!“ Aber Madame kuckt sehr genau und meistens kommen dann Björn oder Marek zu Hilfe. Die Dame hat nicht nur einen scharfen Schnabel, sondern auch eine imposante Flügelspannweite von etwa eineinhalb Metern. Bei mir funktioniert der erste Anflug tadellos, ich halte das Kükenteil so fest, dass sie gut beschäftigt ist, während ich das Seil durch die Finger fummle. Beim zweiten Mal kriege ich das Geschnüre nicht richtig durch die starren Lederfinger, Marek muss nachhelfen. Dazwischen posen wir, eine freiwillige Helferin macht Fotos von uns.

Nach dem Adlerbussardweibchen kommt der Steppenadler Schnappi. Schnappi heißt so, weil er offensichtlich gerne einmal Finger oder Gesicht ins Visier nimmt, sagt man uns. Wir sind nicht sicher, ob wir es glauben sollen, Schnappi sieht aber respekteinflößend genug aus, um die Sache nicht auf die Probe zu stellen.

Der letzte Flug steht an und Marek bringt einen Weißkopfseeadler. Hallali. Wenn der auf einen zufliegt, das ist schon mehr als beeindruckend. Er setzt sich auf die Hand, kurz nur, sagen sie uns, wir sollen ihm die Beute gleich geben. Und dann stößt er sich kräftig ab und springt einen Meter weiter zur nächsten behandschuhten Hand, entweder der von Marek oder Björn, wo noch ein Kükenteil auf ihn wartet.

Ich könnte ja noch ewig weiterfüttern, wenn sich jetzt nicht mein eigener Magen langsam melden würde. Und da, der Kurs geht dem Ende zu, und es gibt Futter für uns in der Taverne, wo auf Tongeschirr wahlweise Falafel oder Linseneintopf serviert werden. Ohne Stubenkückenteile.