#52 Winter, ade!

Ob ich zu Ostern Skifahren werde? Nein, danke. Auch wenn Ostern dieses Jahr auf einen frühen Termin fällt (der frühest möglichste ist der 22. März), so stellt es für mich doch eine gewisse imaginäre Grenze dar. Ostern ist Frühling und da hat Schnee nichts mehr zu suchen und ich habe keine Lust mehr, Schnee aufzusuchen. Denn auch wenn das Wetter schön ist, der Schnee wird in der Sonne nicht besser und alles wird gatschig und plötzlich fährt man durch Wasserlacken, das muss nicht sein.

Also: Winter, ade! Unsere Raben denken auch nicht mehr ans Skifahren, die denken an den Nestbau und zerpflücken dafür unverfroren die Kokosmatten, welche eigentlich die Blumentöpfe am Balkon vor den noch immer frostigen Nächten schützen sollen. Jetzt liegen überall Kokosfasern herum und faustgroße Löcher zeugen von frühmorgendlichen Sammelflügen. Ich würde ihnen ja gerne dabei zusehen, aber sie arbeiten nicht, wenn sie unter Beobachtug stehen, da sind sie streng. Verstehe ich. Ich lege ihnen einen harten Eidotter hinaus, Sekunden später ist Hinkebeinchen da (er hat einen kaputten Fuß) und es braucht nicht viel länger, da ist der Dotter auch schon wieder Vergangenheit. Schnell noch den Schnabel geputzt, und weg ist er. Der Frost bleibt.

Aber lange wird es nicht mehr dauern. Mit dem nahenden Winterende kommt auch wieder Schwung in die Gartenarbeit und auf einmal wird die To Do-Liste dreimal so lang: Tomaten und anderes Gemüse will vorgezogen werden, Kompost beschafft und über den Winter dürr gewordene Stauden zurückgeschnitten werden. Die viel zu trocken stehenden Himbeeren und Brombeeren werden einem neuen Komposthaufen weichen, der alte muss ohnehin noch umgesetzt werden. Ah ja, und der Pfirsich soll gegen die Kräuselkrankheit mit einer Kupferverdünnung behandelt werden, aber bitte bei trockenem, bedecktem Wetter und erst dann, wenn die Knospen geschwollen sind. Da die Wochenenden nicht immer ganz so akkurat fallen, geben wir uns auch mit frostfrei bei Sonne zufrieden. Ob die Knospen schon geschwollen sind? Sagen wir mal ja. Wir sind da nicht so kleinlich.

 

#51 Im Patisseriekurs

Michaela weiß es besser.

Es ist Sonntag und mein Mitmensch nimmt mich mit zu einem Patisseriekurs in Mödling. Die „Schnabulerie“ bietet Kurse im süßen Handwerk an und wir halten das Frühstück klein ob der Dinge, die da kommen mögen. In einer Kursküche in Mödling begrüßt uns Elena, eine durchsetzungskräftige junge Frau, die von einer weiteren jungen Dame unterstützt wird, die sich nur um das Abwaschen kümmert. Die hätten wir alle sofort mitgenommen.

Elena geht sofort zur Sache und erklärt, welche Rezepte wir heute in den folgenden drei Stunden ausprobieren: Eine Schokomousse auf Schokoteigboden, ein Cremedessert und eine Tarte au Citron. Das wird ein fantastischer 5-Uhr-Tee werden heute.

Nach nicht einmal fünf Minuten wissen wir, wer Elena ist – und wir wissen auch, wer Michaela ist. Michaela ist 50 Plus, wohnt in Mödling, kauft offensichtlich regelmäßig bei der dort ansässigen „Schnabulerie“ ein und weiß alles besser. Sie weiß, welcher Ofen der beste ist und hat ihn natürlich zu Hause, sie kennt jede Küchenmaschinenart und bewegt ihre Hände beim Arbeiten so geziert, wie man es eben macht, wenn man zeigen will, dass man eigentlich schon alles kann (wieso macht die diesen Kurs?) und dass das allen anderen aber auch gefälligst auffallen soll. Vor allem aber redet und erklärt Michaela liebend gerne die Welt. „Mansplaining“ ist nichts gegen „Michsplaining“. Elena kennt solche Exemplare aber offensichtlich bereits und reagiert statt mit Engelsgeduld mit Arbeitsanweisungen. Sie hält den Kurs nicht zum ersten Mal ab und sie ist stabsmäßig organisiert: „Ihr zwei macht den Eischnee. Du wiegst die Butter ab. Du wiegst das Mehl ab und siebst es. Ihr beiden kümmert euch um den Zitronensaft.“ Jawoll. Sofort. Zack zack, sonst wird das hier alles in drei Stunden nichts! Also wiegen, rühren und kosten wir uns durch die 180 Minuten.

Einige Zutaten hatte ich so noch nie in der Hand. Eiweiß aus dem Tetra-Pack zum Beispiel. Der Schnee daraus wird interessanterweise sehr viel schneller und schöner steif, als bei unseren aufgeschlagenen Eiern zu Hause (könnte allerdings auch an unserem Handmixer liegen, der gegen Küchenmaschine abstinkt). Elena meint, zu Hause kann man natürlich normale Eier verwenden, für den Gebrauch in der Gastronomie und auch bei Konditoren muss das Eiweiß pasteurisiert sein. Michaela mischt sich ein: Die Gefahr von Salmonellen könne man zu Hause ganz einfach selbst bannen. Die Eier mit 70 Grad heißem Wasser übergießen, dann ist alles ok, weil die Salmonellen ja auf der Schale sitzen. Das zumindest dürfte die Kernaussage des fünf Minuten lang dauernden, sehr repetitiven Vortrags sein. Elena wirkt leicht entnervt. Eine kurze Recherche zu Hause lässt mich in der Apotheken-Umschau den Hinweis finden, dass man Eier von Salmonellen befreien kann indem man sie zehn Minuten lang in 70 Grad warmes Wasser gibt. Zehn Minuten bei 70 Grad? Das hört sich eher nach Eierspeise als nach Schnee an.

Zurück zum Schnee und zum Tetrapack: Das Packerl führt zu neuen Fragen, etwa: Wieviel Gramm Eiweiß enthält ein Hühnerei überhaupt, denn mit Zählen (ein Ei, zwei Eier, drei Eier, fertig) kommt man bei so einer Liter-Packung nicht weit. Es sind 30 Gramm. Elena meint, es sei auch einfacher, mit diesen 30 Gramm pro Ei zu rechnen, anstatt ständig Eier unterschiedlicher Größe aufzuschlagen und dann zu hoffen auf das gleiche Ergebniss zu kommen. Das leuchtet ein.

Was man nicht alles lernt. Auch Mehlsieben sei keine Zeitverschwendung, meint sie, der Teig werde dann fluffiger. Mehlsieben halte ich allerdings weiterhin für übertrieben. Daneben lernt man auch neue Wörter. Auf die Anweisung: „Gib mir bitte die Winkelpalette“, werden suchende Blicke über auf die am Tisch liegenden (Back-) Werkzeuge geworfen. Wie würde ich wohl aussehen, wäre ich eine Winkelpalette? Ah ja, da liegt ja eine: Ein Holzgriff an dem eine gewinkelte Metallplatte angebracht ist, um Teigoberlächen damit glatt zu ziehen. Klar.

Nach 170 Minuten sind Schokomousse auf Schokoteigboden, Cremedessert und Tarte au Citron fertig. Wir bekommen Portionen mit, die eine Großfamilie kalorientechnisch ein Wochenende über die Runden bringen könnte und sind sehr zufrieden mit uns. Der Aufbruch ist etwas hektisch. Michaela hat noch einmal tief Luft geholt – wir verdrücken uns bevor sie nachlegen kann.

Zur Schnabulerie gehts hier.

 

#50 Willhaben

Ich weiß nicht mehr, was das erste Ding war, das ich auf Willhaben gekauft habe. Es war nicht die Semmelbröselmühle und es war auch nicht die Kleiderhaken aus den 70er Jahren, die ich nie montiert habe. Ich weiß nur noch, ich habe sicher zuerst etwas gekauft, bevor ich irgendwann einmal etwas verkauft habe. Aber egal ob man kauft oder verkauft, es ist immer spannend. Die Konversationen über Email mit Menschen, die man sonst nie im Leben getroffen hätte, wäre da nicht das gegenteilige Interesse an einem bestimmten Gegenstand (einer will ihn – der andere will ihn nicht mehr), reichen von nett bis höchst irritierend. Es kann vorkommen, dass man beschimpft wird, weil man in den Augen eines anderen zu viel für etwas verlangt. Es kann vorkommen, dass man sich alles ausgemacht hat und auf die Abholung wartet und niemand auftaucht – ohne sich zu entschuldigen. Es gibt die Informations-Minimalisten: „noch da?“ – „Ja, xy ist noch zu haben.“ – „wo?“ – Adresse – „morgen 8 passt“ – „Ja, morgen 8 Uhr früh passt.“ Und es gibt die, die gerne Begründungen dafür hätten, wieso man gerade diese rote Vase verkaufen wollen würde, als ob sie nicht glauben könnten, dass man auch nur auf die Idee kommen könnte, sich gerade von DIESER roten Vase zu trennen und sofort misstrauisch werden, wenn man es doch tut. Das sind auch meist diejenigen, die noch einmal genauestens informiert werden wollen über Zustand, Größenangaben in Milimeter, Füllvolumen der Vase und die Farbechtheit des Fotos bezweifeln. Ist die in Wirklichkeit denn wirklich SO rot? Ja? Na, das glauben sie nicht so wirklich. Aber gut. Ah ja, ob man nicht auch mit einem Bruchteil des geforderten Preises einverstanden wäre?

So ist diese Plattform dann auch nicht nur eine schräge Ansammlung von Dingen, die sich gerade an einem Scheideweg ihres Daseins befinden – denn was nicht verkauft wird, landet wohl früher oder später im Müll oder auf der Straße – sondern auch eine Lotterie der flüchtigen Begegnungen. Letztens habe ich mich von einer Kamera, einer kaum benutzten Lomo, getrennt. Ein Mensch kam von über der Donau, um sie zu holen, ein junger Mann mit vielen Tattoos und einem netten Lächeln. Wir haben uns kurz über Kameras unterhalten und dann ist er mit der Lomo seiner Wege gegangen. Zurück über die Donau wahrscheinlich. Ein paar Worte mehr und vielleicht wäre es ein Bekannter geworden, den man irgendwo mal wieder trifft und in dessen Beisein man anderen Leuten die lustige Geschichte erzählt, dass man sich das erste Mal bei einem Willhaben-Verkauf gesehen hat. Aber ich bleibe auf der sicheren Seite. Hier die Kamera, danke für das Geld. Viel Spaß! Weg ist er. Schade eigentlich. Ich hätte mir gerne die Tattoos auf seinem Arm noch angeschaut.

Vorbereitung Austria ComicCon

Bei dem ganzen Husten fällt es schwer, den Stift gerade zu halten, muss man sagen! So werkle ich am Tablet herum, da kann man das Herumgekrakle wenigstens rasch wieder rückgängig machen. Ich probiere gerade mich mit Farben anzufreunden, aber das ist schwierig. Es gibt unendlich viele davon und sobald man sich zwei ausgesucht hat, die ganz gut zusammenpassen, kommt eine dritte, die sich sofort mit den anderen zu schlagen anfängt. Alles wieder von vorne dann. Und das alles ohne den Computer so kalibrieren zu können, dass man später weiß was die Druckerei tatsächlich produziert – aber ein bisschen Risiko darf schon sein! Farbtheorie ist einerseits nicht soo schwierig, man muss sich ein wenig mit dem Farbkreis auskennen und Helligkeit und Sättigung beachten, die Praxis ist allerdings eine ganz andere Geschichte und die Menge der Möglichkeiten ist überwältigend. In den nächsten Tagen werde ich ein paar Versuche des Sprungs in die Praxis posten und wenn ich Zeit finde, ein wenig über Farbtheorie schreiben.

Bis bald!

 

 

#49 Villa Fantastica

Anfang Februar war ich mit einer Freundin das erste Mal dort: Die Villa Fantastica ist eine rosarote Villa in Hietzing, Untergeschoss, erster und zweiter Stock sind gut gefüllt mit Büchern und DVDs aus den Genres Sci-Fi, Phantastik, Fantasy und Horror. Eine nette Frau, deren blonde Strubbelhaare unter dem schwarzen Beanie herausschauen, führt uns durch die drei zur Bibliothek gehörigen Stockwerke (das Erdgeschoss ist privat – das macht natürlich neugierig) und zeigt uns, was wo steht. Ich bin hin und weg. So eine Sammlung ist mir noch nicht untergekommen. Es gibt ein ganzes Stockwerk für alles, was auf Deutsch so in der Sammlung vorhanden ist, und das ist nicht wenig, Ein Stockwerk für Werke auf Englisch, ein paar wenige Regalmeter für andere Sprachen, und dann braucht man ja auch nocht Platz für die ganzen DVDs, diverse Sammelbände, Anthologien und Magazine. Wie wunderbar. Es gibt auch zwei oder drei Regale „Fachliteratur“, eine spannende Mischung, die von Stephen Hawking („Das Universum in der Nußschale“) bis Erich von Däniken („Raumfahrt im Altertum“) reicht. Apropos, Erich von Däniken wurde von der „Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften“ 2012 „Das Goldene Brett vorm Kopf“ verliehen – für sein Lebenswerk und den „erstaunlichsten pseudowissenschaftlichen Unfug des Jahres“. Was es nicht alles gibt – und der Preis wird sogar von der Wiener Regionalgruppe „Gesellschaft für kritisches Denken“ organisiert!

(Unfug ist übrigens ein fantastisches Wort. Das benutzt man viel zu selten.)

Zurück zu den anderen Regalreihen. Bradbury, Philip K. Dick, die Sci-Fi Bücher von Scientology-Gründer Lafayette Ronald Hubbard, Douglas Adams, Stanislaw Lem, Isaac Asimov, Robert A. Heinlein – alles ist da und noch viel mehr und natürlich viel zu viel für ein erstes „schau ma mal“. Nach einigem Stöbern nehme ich mir Robert Silverbergs „Dying Inside“ (ein Telepath verliert mit zunehmendem Alter seine Fähigkeit) und einen kleinen Sammelband von Alfred Bester, „The Dark Side of the Earth“, mit. Um Bücher auszuborgen, müssen wir die Lichtbildausweise zücken und unsere Daten angeben. Einen echten Leihausweis bekommen wir erst, wenn wir ein paar Mal kommen, offensichtlich kommt nicht jeder wieder und zugegeben, die Villa liegt auch etwas abseits vom Schuss. Aber hallo, es ist eine rosa Villa in Hietzing – wer will sich da schon beschweren? (Was mich wieder an das private Erdgeschoss denken lässt – was muss man wohl tun, um dort einziehen zu können?)

Bevor wir die Bücher mitnehmen dürfen, werden sie einzeln verpackt: Unsere strubbelige Beanieträgerin müht sich sichtlich ab, die Bücher in durchsichtige Schutzumschläge zu schieben, damit sie Transport und Lektüre möglichst unbeschadet überstehen. Die Schutzumschläge sind aus den USA importiert, erzählen sie und ihr Kollege uns, in Europa haben sie so etwas nicht bekommen, als die Villa Fantastica vor einigen Jahren eröffnet hat. Auf die Frage, wann das denn gewesen wäre, bleibt sie vage. Sie will nicht wissen, wieviel Zeit seit dem schon vergangen sei, ein paar Jahre eben. Auf der Homepage werde ich fündig: Am 4. Oktober 2011 öffnete die Villa Fantastica die Pforten, das ist für eine Bibliothek nun wirklich kein Alter. Übrigens handelt es sich dabei um eine Stiftung und das Haus wird als private Bibliothek geführt – ohne Profitzwecke. Man zahlt hier nichts fürs Ausleihen. So, die Beanieträgerin hat das letzte Buch geschafft, und die Werke dürfen samt Schutzhüllen in unsere Taschen wandern.

Villa Fantastica, es war uns eine Ehre – und wir kommen wieder! (Zwangsweise, denn die Ausleihfrist ist auf vier Wochen beschränkt.) Und da bleiben außerdem noch ein paar unbeantwortete Fragen: Wer stiftet eine Sci-Fi-Bibliothek? Und warum? (Ich habe absolut nichts dagegen einzuwenden, aber kurios finde ich es schon.) Und wer wohnt im Erdgeschoß? Therefore: Stay tuned and don’t miss the next chapter of the SPACE ADVENTURES! (Oder so.)

 

Die SD-Karte ist noch immer nicht ersetzt, mea culpa! Hier dafür ein Foto der wirklich rosarot-rosaroten Villa:

 

Die Homepage und nicht ganz so einfachen Öffnungszeiten der Villa Fantastica findet man hier.

Die Homepage und Informationen zu Treffen der Wiener Skeptiker-Gruppe findet man hier.

 

Intermezzo!

Jahaa die SD-Karte. Ich habe noch keine neue, darum gibt’s auch nichts Neues hier zum schauen :(. Man möchte meinen, es kann nicht so schwer sein, eine zu besorgen. Tja, wenn das nächste Geschäft etwa eine Stunde weit weg ist, dann überlegt man es sich zweimal, ob das nicht bis nächste Woche warten kann. Besonders wenn es draußen minus 15 Grad hat und man sich selber gerade mit hartnäckigem Husten herumschlägt. Wirklich hartnäckig! Vor Hausmitteln wie „Zwiebeln mit Zucker anschwitzen und den Sud als Hustensaft verwenden“ sträube ich mich aber doch noch. Da lieber Tee mit Honig oder Zitrone und Ingwer.

In der Zwischenzeit – also zwischen dem Husten – arbeite ich an einem kleinen, nur drei oder vier Seiten Comic für die Austrian Comic Con im April. Darüber wird jetzt aber noch nichts gesagt, diese Woche will ich die Vorzeichnungen mit Bleistift fertig machen und nächste Woche das Inking.

Außerdem möchte ich einen keltischen Segensspruch bearbeiten und visuell umsetzen, er heißt „Ad·muiniur secht n-ingena trethan“ („The prayer for long life“ – „Gebet für ein langes Leben“). Das passt auch gut zum Husten.

Damit es hier aber trotzdem etwas zum Schauen gibt und weil ich mir gedacht habe, jeder braucht mal eine kleine Aufmunterung, gibt es ein kleines (schon ziemlich altes) Netzfundstück. Kleine Pinguine machen eben immer alles besser!

#48 Die Kulisse

Die Kulisse ist eine der bekanntesten Wiener Kabarett-Bühnen und wurde 1980 von Fritz Aumayr gegründet. Sie liegt in der Rosensteingasse im 17. Bezirk und läuft nach dem Prinzip Gasthaus mit Bühne, aber wenn auf der Bühne geredet wird, wird im Saal bitteschön nicht mehr gekaut. Dafür sorgt die rigorose Kellnerriege, die (fast) immer den Überblick und auf jede blöde Bemerkung – je nach Tagesverfassung – eine launige Erwiederung oder einen eisigen Blick parat hat. Keine Zeit für Späßchen, wir arbeiten hier!, sagt dieser Blick. Zackig geht es zu, sowohl beim Bestellen als auch beim Servieren, denn bis zu Vorstellungsbeginn muss jeder Gast nicht nur versorgt, sondern auch jedes Teller wieder abserviert und alles kassiert sein. Bevor die Teller wieder weggetragen werden findet man auf ihnen gutbürgerliche Wirtshausküche, von Sacherwürsteln über Blunzengröstl bis zum Wiener Schnitzel, aufgepeppt mit einigen vegetarischen Leihgaben anderer Länder. Chili sine carne mit geräuchertem Tofu etwa. Aus welchem Land genau das geborgt ist, darüber habe ich mich jetzt aber nicht erkundigt.

Bevor man zum Essen in den Bühnensaal der Kulisse vorgelassen wird, muss man aber erstmal ein Ticket haben. Das wird einem meistens von einer netten jungen Frau verkauft, die auch gleich die Garderobe abnimmt, wenn man sie nicht haben will. Zwanzig Zentimeter neben der Frau, die die Tickets verkauft, steht der Mann, der sie abreißt. Man nimmt die Tickets also kurz in die Hand, gibt sie am gleichen Fleck stehend dem Herrn in die Hand weiter, der sie kurz anschaut, lächelt, abreißt und einen schönen Abend wünscht. Mit dieser Handlung kommt eine weitere junge Frau ins Spiel, die mit einem Clipboard an der Eingangstür zum Saal steht. Hier soll man nicht noch einmal das Ticket vorweisen, nein, man wird gefragt wieviele man ist (also physisch) und dann zeigt sie einem auf einem Saalausdruck die noch möglichen freien Sitzmöglichkeiten. „Dort drüben sind noch zwei Plätze frei“, sagt sie und deutet mit dem Kugelschreiber herum, „und dort auch noch. Oder lieber hier hinten?“ Man schaut und schaut und ist immer ein wenig überfordert und wählt dann das, was man meistens wählt, weil man immer so spät kommt, dass die besten Plätze auf jeden Fall schon weg sind. Sie lächelt freundlich und nickt, ixt die Plätze auf ihrem Saalplan aus und widmet sich den nächsten Menschen, die ein wenig unschlüssig die nächsten in der Türe zum grün-vertäfelten Saal stehen.

Man nimmt Platz, die Kaffeehausstühle sind schwarz lackiert und die Lehne schwingt sich im Bogen unter die Arme. Ich mag diese Sesseln nicht. Die Lehnenkante schneidet irgendwo zwischen Lenden- und Brustwirbelsäule in den Rücken und ist trotzdem zu hoch, als dass man (oder halt ich) die Arme mit entspannten Schultern darauf liegen lassen könnte. Aber sie sind klug gewählt. Durch die rundherum gehende Lehne ist der Platz, den man damit einnehmen kann, von vornherein beschränkt – um die Tische ökonomisch klug, d.h. engstmöglich zu besetzen. Normale 6er Tische werden hier mit acht Stühlen versehen, manchmal rutscht links oder rechts noch einer dazu. Wer hier ohne Ellbogenkämpfe vor dem Kabarett noch etwas essen möchte, möge früh genug erscheinen.

Um kurz nach acht Uhr ist der letzte Tisch fertig kassiert, es wird dunkel im Saal und alles wartet auf „Jack Nuri, de[n] Mann mit dem Migrationsvordergrund“. Nach einem kleinen und vielversprechenden Aufwärmakt des Kollegen John fängt der gebürtige Türke und nun Österreicher (er hat eine Autowerkstatt in Ottakring) an – entgegen den Erwartungen ist es aber kein Kabarett im klassischen Sinne, das einen irgendwie von A nach B bringt, sondern Standup-Comedy. Tja, schlecht recherchiert. Das heißt für diesen Abend: Eine Reihe erzählter Witze mit ganz viel „Bruder“ (Hörst du, Bruder! Ah, Bruder! Heh komm, Bruder!) und dazwischen etwas Interaktion mit dem Publikum der ersten Reihe, das Süßigkeiten geschenkt bekommt, wenn Jack Nuri aus der Unterhaltung mit Ihnen Lacher kassiert. Der Umgang zwischen in Wien lebenden Menschen mit „Migrationsvordergrund“ und dem Rest ist selten Thema, verstehst du, Bruder! Es gibt keine kritische Stimme oder scharfe Beobachtungen dazu, Bruder, es ist mehr ein Abend der persönlichen Anekdoten mit Pointe und ein durch-den-Kakao-ziehen seiner türkischstämmigen Umgebung hier in Wien. Naja, Bruder. Nächstes Mal, Bruder: Politisches Kabarett, Bruder!

 

Bild ist schon fertig, aber die SD-Karte kaputt… Ich hatte doch noch wo eine zweite…? Arrr!

Der Nachtrag: