Spiderman Homecoming

(Achtung, Spoiler. Aber nur ganz wenige. Darum in Klammer. Und ohne Rufzeichen.)

Wunderbar. „Spiderman Homecoming“ war unterhaltsam, hat großartigen Spaß gemacht, hatte unerwartete Twists und viel Witz. Einzig Peter Parkers ständige Abwesenheit bei wichtigen Events wurde von seinen KlassenkameradInnen, vor allem von seinem Schwarm Liz, etwas zu selbstverständlich und sanktionslos hingenommen, hier hat das Echo gefehlt, dass sein Leben tatsächlich in der Pubertät und im Schulalltag verankert hätte. Der Charakter der Figur jedoch kommt wunderbar heraus – Bösewichten und Schurken soll zwar Gerechtigkeit widerfahren, aber sterben soll dabei bitte keiner.

Wie auch bei „Guardians of the Galaxy“ (Teil I wie auch II) geht es um Familie: Tony Stark aka Ironman agiert als (im doppelten Wortsinn) kaum erreichbare Vaterfigur, die sich nur blicken lässt, wenn etwas nicht nach Plan läuft. Sei es im Bösen oder im Guten. Tante May ist so cool, wie es eine Tante nur sein kann. Freund Ned ist Geheimnismitträger und Sidekick (oh yeah, the guy in the chair!). Und Captain America hält immer wieder mal den rechten Zeigefinger hoch, wenn man ihn ins Bild rollt (yahaa). Wer Sitzfleisch besitzt, wird am Ende der Credits auch von ihm „belohnt“.

Was auch Spaß macht, sind die Querverweise auf andere Filme, etwa „Spider-Man“ von 2002, als Spiderman (Tobey Maguire) kopfüber von seinem Faden hängt und von Mary-Jane (Kirsten Dunst) geküsst wird. Im neuen Film werden zwar die Voraussetzungen dafür erfüllt (Spiderman hängt von der Decke, Liz steht unter ihm), aber das Ganze wird ironisch gebrochen: Der im Spiderman-Anzug eingebaute Computer fordert Peter auf, Liz zu küssen – dieser lehnt aufgrund der gerade etwas kritischen Situation ab. Auch ziemlich komisch: Interrogation-Mode à la Batman.

Aber bitte selber anschauen.

Die Straße der Pfirsiche

F. Scott Fitzgerald hat die Geschichte einer Autofahrt in den Süden 1924 unter dem Namen „The Cruise of the Rolling Junk“ veröffentlicht. ‚Rolling Junk‘ ist der Name des Autos, mit dem Scott und Zelda in der Geschichte eine Fahrt zu Zeldas Eltern unternehmen – eine spontane Besuchsfahrt, die sie aufgrund Zeldas Sehnsucht nach den dort wachsenden Pfirsichen starten. Die Geschichte ist erst 2015 ins Deutsche übersetzt worden, und ich habe sie damals als Urlaubslektüre mitgenommen. Und als Urlaubslektüre ist der tagelang dauernde Roadtrip quer durch die Staaten auch sehr passend – wie auch der angehängte Essay von Zelda, in dem sie über das Reisen schreibt.

Hier ein Versuch mit einem Midtone-Papier:

Guardians of the Galaxy 2

Letzte Woche war ich mit einer Freundin „Guardians of the Galaxy 2“ im Kino anschauen. Wer ihn noch nicht gesehen hat lese hier nicht weiter. SPOILER! Der Film war wie sein Vorgänger sehr, sehr bunt und hatte (ebenfalls wie der erste Teil) einen sehr lockeren Umgang mit „töten wir mal schnell ein paar Leute“. Was nicht erst auf Dauer sehr langweilig und ziellos ist – es gibt genügend Geschichten die man erzählen kann, ohne gleich die ganze Crew umzulegen. (Und ganz ehrlich: Wenn so viele Figuren umgebracht werden, bekommt man irgendwann das Gefühl, die Storywriter waren ein bisschen faul und haben den einfachen Weg gewählt. Was nicht heißt, dass niemand sterben darf – aber zehn Minuten Gemetzel ist ein bisschen viel.) Teil 2 hat aber zumindest großteils auf die verbalen Hänger von Teil 1 verzichtet und war wieder sehr unterhaltsam. Ich glaube fast jedes (jedes?) Soundtrackstück kam von einem Gerät, das im Film verwendet wurde – Kopfhörer, Lautsprecher, Autoradio, kleine Anlage – eine wirklich schöne Idee. Das Hauptthema war „Familie“ – von der Zeugung (Ego fliegt in einem Ei durch die Gegend und scheint alles zu begatten was nicht bei drei auf den Bäumen ist – inklusive dem jeweiligen Planeten) über das „Familienleben“ der Guardians bis zur Überwindung der übermächtigen und vereinnahmenden Vaterfigur Ego, dargestellt von Kurt Russell. Es war ein bisschen creepy, ihn zu Beginn als jungen Mann zu sehen. Ich habe ein bisschen recherchiert und offensichtlich war sehr wenig CGI (=Computer Generated Imagery) im Spiel, dafür ein sehr begabter Make-Up-Artist sowie ein „stand-in“, den Schauspieler Aaron Schwartz. Alle Szenen, in denen Russell jung erscheint, wurden von einem stark geschminkten Russell, aber auch von Schwartz gespielt – und anschließend wurden beide im Computer zu einer fusioniert, was die Sache lebendiger wirken lässt. Wahnsinn.

Nur kurz zum Ursprung der „Guardians“: Die Marvel-Comicserie, auf der die Filme lose basieren, hatte ihre Geburtsstunde 1969 und die „Guardians“ hatten damals noch ganz andere Mitglieder, u.a. waren so klingende Namen wie „Major Victory“ oder „Martinex T’Naga“ dabei. Auch Yondu Udonta (ein Name der immer ein bisschen nach Zahnpasta klingt) gehörte damals zur Gruppe – während der blauhäutige Alien mit dem abhnehmbaren roten Irokesen in den Filmen Mitglied der Weltraumpiraten „Ravagers“ und Peter Quills Ziehvater ist und eine entscheidende Rolle in Teil 2 spielt.
Hier ein Bild der alten Guardians, der Iro und die Schulterpartien von Yondu wurden für die Neuauflage leider drastisch eingestutzt:

Von Gruppenbild zu Gruppenbild – hier meine Version:

Und weil der Film so schön bunt ist:

Der Werwolf

Ich weiß nicht mehr, wie ich letztens darauf kam, aber mir ist „Der Werwolf“ von Christian Morgenstern eingefallen. Es gehört zu jenen Gedichten, die sich wirklich WIRKLICH nicht übersetzen lassen – aber das (finde ich) trotzdem so charmant ist, dass ich es gerne übersetzen können würde.

Der Werwolf

Ein Werwolf eines Nachts entwich
von Weib und Kind, und sich begab
an eines Dorfschullehrers Grab
und bat ihn: Bitte, beuge mich!

Der Dorfschulmeister stieg hinauf
auf seines Blechschilds Messingknauf
und sprach zum Wolf, der seine Pfoten
geduldig kreuzte vor dem Toten:

»Der Werwolf«, – sprach der gute Mann,
»des Weswolfs« – Genitiv sodann,
»dem Wemwolf« – Dativ, wie man’s nennt,
»den Wenwolf« – damit hat’s ein End‘.

Dem Werwolf schmeichelten die Fälle,
er rollte seine Augenbälle.
Indessen, bat er, füge doch
zur Einzahl auch die Mehrzahl noch!

Der Dorfschulmeister aber mußte
gestehn, daß er von ihr nichts wußte.
Zwar Wölfe gäb’s in großer Schar,
doch „Wer“ gäb’s nur im Singular.

Der Wolf erhob sich tränenblind –
er hatte ja doch Weib und Kind!
Doch da er kein Gelehrter eben,
so schied er dankend und ergeben.

Einhorn, Sphinx und Salamander

„Einhorn, Sphinx und Salamander“ lautet der deutsche Titel des „Manual de zoología fantástica“ (später „El libro de los seres imaginarios“) von Jorge Luis Borges und Margarita Guerrero, das 1957 zum ersten Mal erschien. Das Buch versammelt in alphabetischer Reihenfolge etwa 120 Fabelwesen, mythologische und literarische, vom „A Bao A Qu“ bis zum „Zaratan“. Doch handelt es sich dabei weder um wissenschaftliche Untersuchungen noch um ein reines Lexikon, die Texte beschreiben die Wesen nicht nur, sie denken über sie nach, wie vielleicht der Beginn des Minotauros-Eintrags zeigt:

„Der Gedanke an ein Haus, das gebaut wurde, damit die Menschen sich darin verirren, ist vielleicht noch sonderbarer als die Vorstellung von einem Mann mit dem Kopf eines Stiers; aber beide fördern einander, und das Bild des Labyrinthes verträgt sich gut mit dem Bild des Minotauros. Es scheint angebracht, daß in einem ungeheuerlichen Hause ein ungeheuerlicher Bewohner sei.“ (S. 123)

Borges und Guerrero zitieren alte Quellen und literarische Texte und geben Hinweise, wer wo wann über welches Wesen schrieb. Beim Minotauros verweisen sie etwa auf Ovid und auf Dante, der das Halbwesen verkehrte (d.h. ihm den Körper eines Stiers und den Kopf eines Menschen gab), weil er – so der Eintrag hier – zwar die antiken Texte kannte, nicht aber die bildlichen Darstellungen.

Ein schönes Buch zum Stöbern und genau richtig für die Badetasche: Die jeweils ein bis zwei Seiten langen Einträge lassen es zu, zwischen den Kapiteln in sommerlicher Hitze wegzudösen und von Feen, chinesischen Füchsen und dem Mandragora zu träumen.

Die von mir verwendete Ausgabe ist diese:
Jorge Juis Borges (mit Margarita Guerrero): Einhorn, Sphinx und Salamander. El libro de los seres imaginarios. Das Buch der imaginären Wesen. Übersetzt von Ulla de Herrera, Edith Aron und Gisbert Haefs. Frankfurt am Main, 2004.

Alien Covenant

Kommentar Kinobegleitung: „Keine Geschichte, keine Action, kein Sex. Ein Nicht-Film. Eine Beleidigung für den anspruchslosen Filmegeher.“

Ich dachte ja „Alien Covenant“ ist ‚erst‘ Nummer sechs der Alien-Filme, aber ich habe die zwei Predator-Filme vergessen. Das heißt „Alien“ hat mittlerweile „Police Academy“ überholt (nur sieben Teile), was nicht unbedingt Gutes verheißt. Einer der Gründe warum es hier so viel Text gibt 🙂

Aber zuerst mal die Vorwarnung: SPOILER ALERT! Wer hier weiterliest, obwohl er sich den Film noch ansehen möchte: selber schuld.

Kurze Zusammenfassung: Das Raumschiff Covenant soll mit Walter (Android), 15 Crewmitgliedern, einer Fracht von 2000 Leuten und ein paar Dutzend Embrionen mittels Terraforming einen fremden Planeten besiedeln, der mehrere Jahre weit entfernt liegt. Es kommt zu einem Zwischenfall, ein paar Menschen sterben, u.a. der Kapitän. Der neue Kapitän ist ein unsicherer Typ, der anstelle weiterzufliegen ad hoc einen anderen Planeten für gut genug zur Besiedelung befindet. Dort trifft man auf das Schiff, mit dem Elisabeth Shaw und der Android David (Besatzungsmitglieder der „Prometheus“) weitergeflogen sind. Elisabeth ist tot (wie alles andere nicht pflanzliche Leben auf dem Planeten, danke David) und David hatte zehn Jahre Zeit sich als egomanische Schöpfernatur zu imaginieren. Bevor die Crew Lunte riecht und die wahre Natur des aalglatten und kalkulierenden Androidens überzuckert, ist bereits die Hälfte tot.

‚Best of“ aus der Rubrik: „Das hatten wir doch schon mal…“

  • Man landet auf dem fremden Planeten – im ärgsten Ionensturm. Anstatt einfach einen Tag zu warten, bis sich das Unwetter gelegt hat (das können sie offensichtlich feststellen à la „es dauert noch acht Stunden bis der Sturm abklingt“), riskiert die Crew Funkausfälle und Übertragungsstörungen. Steht diese Szene im „Handbuch zum Schreiben eines Sci-Fi-Films“? Ich bin ernsthaft versucht nachzuzählen, wie oft das Motiv in den letzten Jahren verwendet wurde. Vorhersehbarer geht’s doch kaum.
  • „Ich gehe mich kurz frischmachen.“ Was, wirklich? Tot? Wie konnte das passieren.
  • Natürlich hängt sich ein Alien an das fliegende Fluchtfahrzeug.
  • Natürlich ist dann noch ein Alien an Bord, das man – wie immer – ins Vakuum befördert.

‚Best of“ aus der Rubrik: „Häh?“

  • Nach dem Zwischenfall im Weltraum, bei dem mehrere Menschen sterben, ist man vom anvisierten Planeten noch sieben Jahre entfernt. Rein zufällig fängt man von einem Planeten in der Nähe eine Voice-Nachricht auf, in der jemand „Country Roads“ von John Denver singt (nein, das riecht überhaupt nicht nach Falle), man findet, der Planet ist doch klasse bewohnbar, wieso fliegen wir nicht einfach dorthin? Und die Crew entscheidet das einfach so – ohne die 2000 in Tiefschlaf befindlichen Menschen zu fragen, die für den anderen Planeten unterschrieben haben. Die Argumente der ersten Offizierin Daniels („aber unsere Ausrüstung und unsere Ausbildung ist auf den anderen Planeten abgestimmt“) werden einfach übergangen. WHAT?
  • Man landet im Wasser. Und die gesamte Crew springt ohne Zögern rein. Auf einem fremden Planeten. In einem unbekannten Ökosystem. Haben die ihren Freischwimmer verschlafen? Die zehnte Baderegel lautet: Geh nie in Gewässer, die dir unbekannt sind! Wenn das schon für die Erde gilt, dann wohl erst recht für fremde Planeten.

‚Best of“ aus der Rubrik: „Offene Fragen“

  • Wieso killt David die „Schöpfer“ bei seiner Ankunft sofort, ohne sie kennenlernen zu wollen, von ihnen zu lernen oder sie für seine Experimente zu nutzen? Aus Rache, weil sie die Menschen umbringen wollten? Weil er das selber erledingen möchte? Aber anders?
  • Ich bin mir nicht ganz klar darüber, ob David jetzt die Aliens erschafft oder nur selbst der Meinung ist, er tue das – denn woher kommen die Eier in „Prometheus“? Oder hat er die Xenomorphs nur verändert?
  • Wieso merkt „Mutter“/“mother“ nicht, dass David nicht Walter ist, und wieso hat David Sicherheitscodes für ein Schiff, dass gebaut wurde, als er schon nicht mehr auf der Erde war?
  • Respekt, Dr. Shaw: Wie konnte die Archäologin (!) David inklusive Neoprenanzug so makellos zusammenflicken, ohne Ersatzteile und an Bord eines ihr unbekannten Alienschiffs mit keinerlei irdischer Ausrüstung?
  • Wieso wachsen Davids Haare?

‚Best of“ aus der Rubrik: „Muss das sein?“

  • Da gibt es eine lustige Szene: Ein Crewmitglied seilt sich ab, um eine zu rauchen, atmet dabei das böse Alien-Virus ein und stirbt als erster daran. Ich muss sagen, dass ich mir aus Zigaretten nichts mache, aber die „No Smoking“-Lobby treibt schon schräge Blüten. Vorbei die Zeiten, in denen die Helden rauchten. Jetzt steht der Raucher als erstes auf der Abschussliste.
  • Die Raumschiffe sehen in den Totale-Einstellungen aus wie aus Lego.
  • Pilzsporen, die eigentlich ein Virus sind, die Schwarmverhalten an den Tag legen?

Bevor wir zu den spannenden Punkten, an denen man ein bisschen herumknabbern kann, kommen, erstmal eine Pause:

(Hier Work in Progress, unten gibt’s das fertige Bild.)

Also weiter.
Der Film knüpft an die anderen Alien-Filme an, indem er wieder eine Frau zur Hauptfigur resp. zur Identifikationsfigur macht, die Terraforming-Spezialistin Daniels (Katherine Waterston). Er ändert aber die Zuschreibungen auf Ebene der Aliens: Bisher waren die Aliens stark weiblich konnotiert, besonders wird das bei „Aliens“ (d.h. der zweite Teil) hervorgehoben, als Ripley erfolgreich mit der Alienkönigin kommuniziert (á la „rühr mein Kind nicht an und ich lass deine in Ruhe“). „Alien Covenant“ aber gibt der Geschichte einen Twist, indem es den Androiden David als „Vater“ der Aliens darstellt. David, wenn nicht Schöpfer (weil die Eier gibt es ja auch schon in „Prometheus“?), so zumindest Manipulateur, wird zum alchemistischen Vater, der versucht mit seinen „Kindern“ zu kommunizieren. Passend dazu sieht Davis Labor so aus wie man sich eine mittelalterliche oder frühneuzeitliche Alchemistenstube vorstellt, mit aufgespannten Fellen, Präperaten, Schriftrollen, anatomischen und naturkundlichen Zeichenstudien, Glasphiolen, Flaschen, Federkielen, Tintenfässern. Wurde die „Schöpferrasse“ als antike Gesellschaft dargestellt, die togatragend über einen riesigen Platz promeniert, bleich wie Marmorstatuen und mit griechischen Nasen, so hängt über Davids Schultern (der seinen Namen übrigens von Michelangelos Statue hat) ein Kapuzenumhang aus rauem Tuch. David, der hier wohl das ‚finstere‘ Mittelalter verkörpern soll, hat mit seiner Ankunft auf dem Planeten die Antike zerstört. Die Crew des Raumschiffts Covenant hingegen trägt das Symbol der Corporation „Weyland Yutani“, welches aus dem alten Ägypten stammt: „Chepre“, der Skarabäus, Erzeuger der Erde, Symbol der Schöpfung und des Werdens. Die Crew, die 2000 Menschen und Dutzende Embrionen an Bord der Covenant (dt. „Zusage“, „vertragliches Abkommen“, „Verpflichtung“) sollen eine neue Welt schaffen.

Die Geschlechter- und Genealogiethematik reicht weiter: „Vater“/“father“ Peter Weyland (Guy Pearce) erweist sich in „Prometheus“ (Teil sieben) als egoistischer Milliardär, dem es nur um die eigene Unsterblichkeit geht. Apfel David fällt nicht weit vom Stamm (Egoist, opfert andere um seine eigenen Ziele zu erreichen, etc). Dies lässt Davids Versuch, sich von der menschlichen Rasse zu lösen, von vornherein scheitern: Er, der eindeutig Wesenszüge seines „Vaters“ ‚geerbt‘ hat, ist Teil der Menschheit, wenn er auch nicht ihren biologischen Mechanismen unterworfen ist (bis auf die Sache mit den Haaren). Davids eigene Schöpfungen, seine Experimente mit den Aliens, stellen sich als ebenso zerstörerisch wie Weylands Egoismus heraus. In der letzten Szene des Films würgt er zwei Alien-Embrios hervor – eine verkehrte, verdrehte Geburt, die schon mal auf den geplanten dritten Prequel-Teil verweist.

Weyland/“Vater“ und David stehen Walter und das Computersystem des Schiffs Covenant gegenüber, genannt „Mutter“/“mother“. Walter, ein Nachfolgemodel von David, wurde die Gabe zur eigenen Schöpfung verwehrt. Walter und „Mutter“/“mother“ sind beide darauf programmiert Leben zu erhalten, nicht neue Dinge zu kreieren. Daniels, Frau und Terraforming-Spezialistin, steht zwischen den Fronten: Sie wird als diejenige inszeniert, die Leben erschaffen, aber auch erhalten kann – implizit weil sie eine Frau ist, explizit weil sie als Terraforming-Spezialistin diejenige ist, die neuen Lebensraum kreiert.

Und weil es die ganze Zeit um Schöpfung, Götter, die Dichotomie zwischen Mann und Frau und die Erschaffung neuen Lebens geht, glaube ich, dass es nicht zu weit hergeholt ist, „Alien Covenant“ zusammengefasst als vegebliche Suche nach dem Paradies zu interpretieren: Der noch sieben (!) Jahre lang dauernde Weg zum neuen Planeten, d.h. zum Paradies, in dem man sich wie Henry David Thoreau eine Blockhütte bauen kann, wird von der Versuchung, schneller zur Befriedigung zu kommen (der neue, nahe Planet), unterbrochen. Das ist die „Sünde“, die begangen und sofort bestraft wird: Denn auf diesem Planeten findet man nicht das Paradies, sondern die Hölle samt Teufel (bilde ich mir das jetzt nur ein, oder wurde David öfter als solcher bezeichnet?). Und als der Weg zum Paradies wieder aufgenommen wird, trägt man das Böse mit sich, das Paradies kann deswegen nie erreicht werden.

So, und das lasse ich mal so stehen, der Post ist lang genug 🙂

P.S.: Ah ja, übrigens: Bechdel-Test: Bestanden. (In etwa: „Lass mich raus!!!“ – „Ich kann nicht!!“)

PPS.: Ein unbekannter Kinonachbar sieht am Ende Films in der Kategorie ‚Cast‘: „David/Walter – Michael Fassbender“ und ruft erstaunt: „Was, der hat beide gespielt?“
Sag mal, wo warst du die letzten zwei Stunden?

PPPS.: Weyland Industries haben übrigens eine eigene, ein bisschen unheimliche Homepage: https://www.weylandindustries.com

Und hier in Farbe und so:

 

Lawrence of Arabia

„Lawrence of Arabia“ wurde unter der Regie von David Lean gedreht und kam 1962 in die Kinos, er war für 10 Orscars nominiert, 7 davon hat er tatsächlich gewonnen, u.a. für besten Film und besten Regisseur. Es ist ein bildgewaltiges Werk, das sich über fast vier Stunden erstreckt. Ich sage bewusst nicht, dass es sich über fast vier Stunden „zieht“, denn das tut es nicht. Es ist ein ruhiger Film, kein langweiliger Film. Was für Einstellungen, was für Landschaften! Der Film wurde zum großen Teil in Jordanien gedreht und es ist ein Film von Männern über Männer. Den sogenannten Bechdel-Test kann der Film aus gutem Grunde nicht bestehen: Es spielt überhaupt keine Frau mit. (Ich zähle die paar Frauen in Zelten nicht mit, die man mal für ein paar Sekunden von hinten sieht.) Für alle, die den Bechdel-Test nicht kennen: Ein Film besteht den Bechdel-Test dann, wenn sich darin mindestens zwei Frauen miteinander (!) unterhalten und das Gespräch sich dabei nicht um Männer dreht. Das ist jetzt auch keine Kritik, sondern mehr eine Feststellung, etwas, was mir nach ungefähr zwei Stunden plötzlich aufgefallen ist: Ah, keine Frauen da.

In „Lawrence of Arabia“ geht es um Krieg, Macht, Einfluss, um Loyalität und Gewissensfragen – und um die Liebe eines Mannes zu einem Land, das nicht das seine ist. Aber es geht auch und vor allem um sein Ego, das im Laufe der Zeit interessante Dimensionen annimmt. Ist zu Beginn an T.E. Lawrence (gespielt von Peter O’Toole) noch der Sympathieträger, so fängt man ab ca. der Hälfte des Films an, etwas unruhig am Platz herumzurutschen, wenn er erscheint. Der zu Beginn als brutal erscheinende Sherif Ali (gespielt von Omar Sharif) hingegen wird immer mehr zur Figur, an der man sich festhalten kann. Interessant dabei ist, dass Sherif Ali über den ganzen Film hinweg seine schwarze Kleidung nicht ablegt – und Lawrence trotz der Auslotung seiner psychischen Abgründe stets in beige bzw. weiß gekleidet ist.

Beim Zeichnen ist mir noch etwas aufgefallen: Der Film ist – wie viele Monumentalfilme seiner Zeit – im Seitenverhältnis 2.20:1 gedreht worden. Versucht man das Ganze dann auf einmal in ein 4:3-Format oder – Gott bewahre – in 1:1 zu übertragen, merkt man sehr schnell, wie sehr das Format die „epische Breite“ beeinflusst. Deshalb auch hier, noch etwas extremer als 2.20:1: