#56 Handwerker

Wenn Thermen einmal nicht funktionieren, heißt das nicht, dass sie gleich kaputt sind. Wie bei vielen Maschinen und elektronischen Geräten (z.B. Computern) lässt sich ein guter Teil der Störungen durch das AEG-Prinzip lösen: Ausschalten, einschalten, geht wieder. („Have you tried to turn it off and on again?“) Bei abblätterndem Lack oder morschem Holz ist das leider nicht ganz so einfach.

Nach dem Umzug haben wir uns nicht mehr ganz so schönen Holzfenstern gegenübergesehen, von dem eines bereits ein morsches Stück hatte, da wegen eines abgebrochenen Schraubens durch die Blechverkleidung Wasser einsickern konnte. Nach vielem Hin und Her und einer unglaublich lahmen Hausverwaltung (wir haben den groben Verdacht, dass irgendwo in ihren Statuten steht, dass Mitdenken nicht nur nicht erlaubt sondern strengstens untersagt ist und bei Zuwidernhandeln irgendetwas ganz ganz Schreckliches passiert) hat man allen drei Parteien bei uns im Stock Handwerker geschickt, um die Fenster auszubessern.

Natürlich wurde das günstigste Angebot hergenommen. Ob etwas „günstig“ oder „billig“ ist, stellt sich ja meistens immer erst später heraus. Für die Nachbarin, bei der die Handwerker zuerst waren, hat sich das ganze als etwas aufwändiger erwiesen: Nachdem die Holzfenster mit der Hand (heißt ja Handwerker) abgeschliffen worden waren, wurde – anstelle einer durchsichtigen Lasur – eine lulugelbe Grundierung aufgetragen. Ohne wirklich zu fragen („Das wird ein bisschen heller, ist das eh ok?“). Den Pinsel hat dabei die Chefin persönlich geführt. Es hat ausgesehen, als hätte sie das das erste Mal gemacht: Man hat jeden Strich einzeln gesehen – besonders dort, wo sie Striche vergessen hat oder dem Pinsel plötzlich eine Ecke entgegengesprungen ist. Auf diese also nicht ganz so sauber augetragene lulugelbe Grundierung wurde dann die durchsichtige Lasur gestrichen, damit man auch alles schön sieht. Nach zwei Tagen waren sie fertig, die Nachbarin auch. Die Handwerker durften dann nochmal zwei Tage bleiben, um alles (Lasur und Grundierung) nochmal (mit der Hand) abzuschleifen und dann – diesmal ohne Grundierung – erneut eine Lasur aufzubringen.

Zu uns sind sie dann als nächstes gekommen. Wir haben alle Gedanken an Grundierungen sofort im Keim erstickt: Bitte nur Lasur! Ja ja. Und bitte das morsche Stück Holz austauschen. Ja, der Tischler kommt dann noch, sagt die Chefin. Ah. Ich bin verwirrt. Ich dachte ja, die seien alle Tischler – offensichtlich nicht. Da es ja auch – siehe oben – keine Maler sein konnten, was um Himmels Willen ist das für ein Betrieb? Elektriker? Ich traue mich nicht fragen. Zwei Menschen kommen und schleifen an den Holzfenstern, die alle im Rahmen hängen bleiben, herum. Der Tischler kommt tatsächlich, ist sehr nett und tatsächlich kompetent.

Am Ende des Tages kommt die Chefin und streicht alles mit der durchsichtigen Lasur. Ich bin überrumpelt. Schon fertig? Sie verschwinden, ohne zu bitten, dass man es sich doch mal ansehe. Ich sehe es mir trotzdem an. Die alte Lackschicht wurde nicht ohne Reste entfernt, es sieht etwas seltsam aus, aber man zieht sich zumindest keine Schiefer mehr ein. Ich hätte es schöner machen können. Aber mich zahlt ja niemand dafür. Unsere dritte Nachbarin kommt es sich anschauen und zieht die Augenbrauen zusammen.

Sie freut sich schon.

#55 IndieComixDay

Vergangenen Freitag war IndieComixDay. Seit 2012 gibt es ihn, und zum zweiten Mal durfte man dafür die Räume (d.h. den Eingangsbereich und den Veranstaltungsraum, wo auch das Cafe ist) des Wien Museums besuchen. Ich darf nicht nur besuchen, ich habe einen Tisch und laufe so bei schönstem Wetter mit dem Koffer los, in dem mein Stand eingepackt ist, vom Tischtuch über Karten und Comics. Diese zwei neuen hier haben es leider nicht bis zum Wien Museum geschafft, sie sind erst diese Woche angekommen:

Das ist zwar schade, aber im Wien Museum zeigt sich, dass ich ohnehin eine Auswahl hätte treffen müssen: Der Platz am Tisch ist kaum einen Meter breit und neben meinem provisorischen Postkartenständer (Bilderleisten von IKEA, zersägt und auf alte Schuhkartons gestellt) bleibt kaum Platz für die Comics. Es reift die Erkenntnis: Ich brauche größere Tische. Da sich das als schwierig erweist, erwäge ich Plan B: Der Postkartenständer muss überholt werden. Er sieht ja nicht nur etwas sperrig aus, er ist auch nicht wirklich toll zu transportieren. Moment. Habe ich mir das nicht schon mal im Herbst gedacht? Hm. Hat es wohl nicht auf die Neujahrsvorsatzliste geschafft.

Zackig aufgebaut, so viel Platz ist ja nicht da, um den man sich kümmern müsste, und dann kommen um vier Uhr auch schon die ersten Besucher. Also jetzt keine Ströme. Das Wetter draußen ist schön, hier drinnen tröpfelt Mensch an Mensch halt so vorbei. Das Publikum ist bunt gemischt: Ein paar Wien Museums-Besucher, die gerade zufällig da sind und neugierig hereinschauen, ein paar StudentInnen, hier Verwandte und Freunde des einen Zeichners, dort Bekannte einer Künstlerin. Fans und Freunde der Szene marschieren die Tischreihen mehrmals auf und ab und plaudern gerne. Und dann gibt es noch Sammler. Ein ganz eigenes Völkchen.

Bei besucherischer Ebbe wagt man es auch hin und wieder, den eigenen Tisch zu verlassen – um andere Leute zu belästigen. Markus Dressler etwa, der passend zur Anthologie des Comicstammtisches „Tisch 14“ sich eine goldene Jacke besorgt hat. Er trägt sie zwar nur minutenweise, aber dann kann man nicht mehr wegschauen. Thema der Anthologie war „Wiener Moderne“ und Markus hat einen Beitrag zu einem katzenfanatischen Klimt gezeichnet. Drei Tische weiter, neben dem „Nudlmonster“, sitzt Vina Yun, deren Eltern aus Korea stammen. Ich unterhalte mich mit ihr und sie erzählt über ihren Comic „Homestrories. Koreanische Diaspora in Wien“, in dem es über die große koreanische Community hier in Wien geht. Von der ich bis jetzt, zugegeben, nichts wusste. Ich nehme ihren Comic mit – zur Weiterbildung. Man kuckt, man schaut, und dazwischen gibt es kleine Interviews auf dem Podium, geführt von Anna Krupitza, die das Comic-Geschäft (nein, entschuldigung) den Comicbuchladen Bunbury’s in der Lindengasse 34 in Wien führt. Sie ist ein Unikat. Und sie hat Minions dabei. In echt.

Hab ich den Comic-Automaten schon erwähnt? Für jeweils eine halbe Stunde hat man ComiczeichnerInnen in einen bemalten (Kühlschrank?-)Karton eingesperrt und man konnte sich von ihnen zeichnen lassen. Tja, soviel zur „Wiener Moderne“: Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit und die Comiczeichner zurück in die Packung.

Die Anthologie „Wiener Moderne“ wurde übrigens etwas knapp fertig. Um 16 Uhr hat der Comix Day angefangen. Um ca. 18:00 ist Eric Chen zur Anthologie interviewt worden. Um 20 Uhr ist die Anthologie dann geliefert worden. Und um 21 Uhr sind alle nach Hause gegangen.

#54 Osterbraten

Da das Osterwochenendwetter in der Gartengegend nicht so schlecht war wie angekündigt, haben Mitmensch und ich die meiste Zeit draußen und mit den Händen in der Erde (d.h. beim Jäten) verbracht. Für ein wenig Ansporn hat ein Gartencenterbesuch gesorgt, bei dem etwa eineinhalb Dutzend Pflanzen und Pflänzchen erstanden wurden, um neue Farbe einzubringen. Es sind, wohlgemerkt, gut ausgesuchte Pflanzen: Standort trocken, volle Sonne wünschenswert. Mal sehen wie sie sich schlagen, einige der bisherigen Versuche (von den Gärtner als „lieben volle Sonne“ bezeichnete Pflanzen) waren offensicht von unserer hiesigen vollen Sonne so schwer schockiert, dass sie im Jahr darauf nicht wieder gekommen sind. Aber zurück zum Thema: Da das Einsetzen wesentlich schöner ist als das Ausrupfen, sind die neuen Pflanzen ein guter Ansporn und so landen  Löwenzahn, Ruprechtskraut, Klee und Vogelmiere (die über Herbst und Winter etwa zwei Drittel aller Gemüsebeete eingedeckt hat) scheibtruhenweise im Grünschnitt.

Am Ostersonntag legen wir am Vormittag eine Pause ein und gehen spazieren. Vier echte Osterhasen laufen uns über den Weg, warten aber nicht auf uns, sondern fetzen über Felder und durch den Wald davon, als sie Wind von uns bekommen. Am Nachmittag wird weiter in den Beeten herumgegraben und wir freuen uns auf das Abendessen: Bereits am Freitag haben wir einen Platz in einem sehr guten Gasthof in der Nähe reserviert. Normalerweise hat er nur unter der Woche auf, aber an Ostern, Muttertag oder Weihnachten wird auch an Feiertagen serviert. Und was da serviert wird – das wird ein Fest nach all der Arbeit!

Endlich ist es halb sieben, wir schneckeln uns zusammen, versuchen die Erde unter den Fingernägeln wegzuschruben und fahren los. Wir sind ein wenig zu früh dran und spekulieren, was wohl alles auf der immer ausgezeichneten Karte stehen wird. Die Parkplatzsuche ist kein Problem – alles frei. Mitmensch ist erstaunt. Ich bin ebenfalls erstaunt – ob der dunklen Fenster nämlich. Ah. Und die Türe geht nicht auf. Öm. Tja. Das Gasthaus hat offensichtlich zu. Aber wir haben doch ganz sicher für heute Abend reserviert?

Auf einer Nebentüre steht ein Schild, die Familie B. möge sich bitte bei der Rezeption des zugehörigen Hotels melden. Wir heißen zwar nicht so, aber ich gehe trotzdem zur Rezeption um nachzufragen, was da los ist. Dort werde ich bereits erwartet, ich komme kaum dazu, zu erzählen, da startet die Rezeptionistin schon die Entschuldigung: Es sei etwas schief gegangen, am Sonntag hätten sie nur zu Mittag offen gehabt, aber niemand hatte unsere Nummer und es tue ihnen so leid und ob sie uns zwei Getränkegutscheine geben könne. Und dann schenkt sie uns noch eine Flasche Weißwein. Im Kopf gehe ich die Kühlschrankinhalte durch und frage, ob sie denn am Ostermontag zu Mittag offen hätten. Ja natürlich, ein Tisch für zwei? Ich gehe mit den Gutscheinen und der Flasche Wein hinaus und erzähle. Mitmensch hat inzwischen deduziert, dass mit Familie B. wohl wir gemeint waren, nur die Schreibweise ist sehr phantasievoll geraten.

Tja. Was nun? Flasche Wein als Abendessenersatz? Wieder zu Hause ist nach zehn Minuten eine Nudel-Gemüse-Pfanne fertig und wir grinsen über die Geschichte. Und am nächsten Tag, zu Mittag, schlagen wir zu: Fritattensuppe. Spanferkel mit Waldviertler Knödel und Krautsalat. Und Palatschinken als Nachspeise. Die Hausherrin entschuldigt sich nochmals und wir zahlen weder Getränke noch Nachspeise. Das ist sehr nett – wir lassen extra Trinkgeld zurück und ich freue mich auf das nächste Mal. Das Essen dort ist einfach zu gut!

 

#53 Bärlauch

Sonne im Pötzleinsdorfer Schlosspark. Vorbei an Kindern, aufeinander losgehenden Böcken im Streichelzoo und den ersten Eisessern der Saison (bei ca. 8 Grad Außentemperatur schmilzt das wenigstens nicht so schnell) und hinauf den Hügel! Unterhalten kann ich mich dabei nicht, nach einem langen Husten bin ich etwas kurzatmig. Mittlerweile hat sich auch herausgestellt, dass die Kurzatmigkeit nicht Teil einer wie ich glaubte (Hypochonder vor!) schweren Krankheit sei (man ergoogelt sich ja schnell mal was), sondern nur die Muskeln zwischen meinen Rippen vom Husten schwer verspannt sind und deswegen Dehnung benötigen. Ich atme tief, dehne, huste gleich mal und hechle weiter hinauf. Pause? Brauch‘ ich nicht! Aber ca. hundert Höhenmeter sind für innerstädtische Spaziergänge in meinem Zustand noch nicht ohne, und so bleibe ich, oben angekommen, erstmal schwer schnaufend stehen. Ich brauche wirklich Training. Oder ein paar Träger. Wobei ich mir Sänften ja nicht wirklich bequem vorstelle. Was, wenn die Träger nicht im Gleichschritt gehen? Nichts ist unangenehmer als ein Dreibeinlauf, wenn man sich nicht im gleichen Rhythmus bewegt. Und dann bergauf – muss man sich dann festhalten, damit man nicht herausrutscht? Liegt man auf einer Gummimatte oder ist man – als verantwortungsbewusster Sänftengetragener – dazu angehalten, sich anzuschnallen? Was ist mit den Trauben, die man offensichtlich in Sänften immer mit dabei hat? Sind die denn aus biologischem Anbau? Und wirft man auch den Trägern hin und wieder eine zu, damit sie beim bergaufgehen nicht eingehen?

Ein Geruch reißt mich aus Gedanken, es knofelt. Es knofelt nicht nur, der ganze Waldboden ist mit sattem Grün gesprenkelt: Der Bärlauch ist aufgewacht und schiebt seine lanzenförmigen Blätter aus der Erde. Immer wieder zweigen Menschen vom Weg ab, um junge Blätter fürs Abendessen in Plastitüten zu sammeln. Zumindest sind die meisten von ihnen taktvoll genug, nicht direkt neben den Schildern ins Grün zu laufen, auf denen steht, dass man den Wald um Flora und Fauna willen bitte nicht betreten möge.

Das erste Mal, dass ich Menschen mit Plastiktüten und büschelweise Grün in der Hand gesehen habe, war im Augarten. Was sie dort taten war mir fremd, genauso wie der Bärlauch. Mit höchst skeptischen Blicken habe ich das Treiben beobachtet. Was um Himmels Willen verleitet diese armen Menschen dazu, Gras zu sammeln? Mittlerweile bin ich eines Besseren belehrt worden, weiß, was Bärlauch ist, wie er schmeckt und auch, dass er mir schmeckt.

354.000 Quadratmeter ist der Pötzleinsdorfer Schlosspark groß und wenn der Bärlauch auch nicht auf dem ganzen Gelände wächst, sein Ausbreitungsgebiet ist doch so groß und dicht genug, dass das Pflücken nicht auffällt. Außerdem ist hier die Gefahr gering, den Bärlauch mit den ähnlichen Blättern der giftigen Maiglöckchen oder des Aaronstabs zu verwechseln, keine der beiden Pflanzen scheint hier zu wachsen (zumindest wären sie mir noch nie aufgefallen – sollte es doch welche geben, will ich nicht daran schuld sein, dass jemand die Vergiftungsinformationszentrale kontaktieren muss; die Nr. für den Notruf lautet übrigens 01 406 43 43.)

Hunger auf Bärlauch bekommen? Wem Pötzleinsdorf zu weit ist, der möge den Augarten an der Grenze zwischen 20. und 2. Bezirk stürmen, auf die Steinhofgründe fahren oder den Prater besuchen. Auch im Lainzer Tiergarten oder in den Donauauen findet man Allium ursinum, aber dort ist Naturschutzgebiet, also Finger weg.
Ja, tatsächlich: Wien ist eine Bärlauchstadt.

 

#52 Winter, ade!

Ob ich zu Ostern Skifahren werde? Nein, danke. Auch wenn Ostern dieses Jahr auf einen frühen Termin fällt (der frühest möglichste ist der 22. März), so stellt es für mich doch eine gewisse imaginäre Grenze dar. Ostern ist Frühling und da hat Schnee nichts mehr zu suchen und ich habe keine Lust mehr, Schnee aufzusuchen. Denn auch wenn das Wetter schön ist, der Schnee wird in der Sonne nicht besser und alles wird gatschig und plötzlich fährt man durch Wasserlacken, das muss nicht sein.

Also: Winter, ade! Unsere Raben denken auch nicht mehr ans Skifahren, die denken an den Nestbau und zerpflücken dafür unverfroren die Kokosmatten, welche eigentlich die Blumentöpfe am Balkon vor den noch immer frostigen Nächten schützen sollen. Jetzt liegen überall Kokosfasern herum und faustgroße Löcher zeugen von frühmorgendlichen Sammelflügen. Ich würde ihnen ja gerne dabei zusehen, aber sie arbeiten nicht, wenn sie unter Beobachtug stehen, da sind sie streng. Verstehe ich. Ich lege ihnen einen harten Eidotter hinaus, Sekunden später ist Hinkebeinchen da (er hat einen kaputten Fuß) und es braucht nicht viel länger, da ist der Dotter auch schon wieder Vergangenheit. Schnell noch den Schnabel geputzt, und weg ist er. Der Frost bleibt.

Aber lange wird es nicht mehr dauern. Mit dem nahenden Winterende kommt auch wieder Schwung in die Gartenarbeit und auf einmal wird die To Do-Liste dreimal so lang: Tomaten und anderes Gemüse will vorgezogen werden, Kompost beschafft und über den Winter dürr gewordene Stauden zurückgeschnitten werden. Die viel zu trocken stehenden Himbeeren und Brombeeren werden einem neuen Komposthaufen weichen, der alte muss ohnehin noch umgesetzt werden. Ah ja, und der Pfirsich soll gegen die Kräuselkrankheit mit einer Kupferverdünnung behandelt werden, aber bitte bei trockenem, bedecktem Wetter und erst dann, wenn die Knospen geschwollen sind. Da die Wochenenden nicht immer ganz so akkurat fallen, geben wir uns auch mit frostfrei bei Sonne zufrieden. Ob die Knospen schon geschwollen sind? Sagen wir mal ja. Wir sind da nicht so kleinlich.

 

#51 Im Patisseriekurs

Michaela weiß es besser.

Es ist Sonntag und mein Mitmensch nimmt mich mit zu einem Patisseriekurs in Mödling. Die „Schnabulerie“ bietet Kurse im süßen Handwerk an und wir halten das Frühstück klein ob der Dinge, die da kommen mögen. In einer Kursküche in Mödling begrüßt uns Elena, eine durchsetzungskräftige junge Frau, die von einer weiteren jungen Dame unterstützt wird, die sich nur um das Abwaschen kümmert. Die hätten wir alle sofort mitgenommen.

Elena geht sofort zur Sache und erklärt, welche Rezepte wir heute in den folgenden drei Stunden ausprobieren: Eine Schokomousse auf Schokoteigboden, ein Cremedessert und eine Tarte au Citron. Das wird ein fantastischer 5-Uhr-Tee werden heute.

Nach nicht einmal fünf Minuten wissen wir, wer Elena ist – und wir wissen auch, wer Michaela ist. Michaela ist 50 Plus, wohnt in Mödling, kauft offensichtlich regelmäßig bei der dort ansässigen „Schnabulerie“ ein und weiß alles besser. Sie weiß, welcher Ofen der beste ist und hat ihn natürlich zu Hause, sie kennt jede Küchenmaschinenart und bewegt ihre Hände beim Arbeiten so geziert, wie man es eben macht, wenn man zeigen will, dass man eigentlich schon alles kann (wieso macht die diesen Kurs?) und dass das allen anderen aber auch gefälligst auffallen soll. Vor allem aber redet und erklärt Michaela liebend gerne die Welt. „Mansplaining“ ist nichts gegen „Michsplaining“. Elena kennt solche Exemplare aber offensichtlich bereits und reagiert statt mit Engelsgeduld mit Arbeitsanweisungen. Sie hält den Kurs nicht zum ersten Mal ab und sie ist stabsmäßig organisiert: „Ihr zwei macht den Eischnee. Du wiegst die Butter ab. Du wiegst das Mehl ab und siebst es. Ihr beiden kümmert euch um den Zitronensaft.“ Jawoll. Sofort. Zack zack, sonst wird das hier alles in drei Stunden nichts! Also wiegen, rühren und kosten wir uns durch die 180 Minuten.

Einige Zutaten hatte ich so noch nie in der Hand. Eiweiß aus dem Tetra-Pack zum Beispiel. Der Schnee daraus wird interessanterweise sehr viel schneller und schöner steif, als bei unseren aufgeschlagenen Eiern zu Hause (könnte allerdings auch an unserem Handmixer liegen, der gegen Küchenmaschine abstinkt). Elena meint, zu Hause kann man natürlich normale Eier verwenden, für den Gebrauch in der Gastronomie und auch bei Konditoren muss das Eiweiß pasteurisiert sein. Michaela mischt sich ein: Die Gefahr von Salmonellen könne man zu Hause ganz einfach selbst bannen. Die Eier mit 70 Grad heißem Wasser übergießen, dann ist alles ok, weil die Salmonellen ja auf der Schale sitzen. Das zumindest dürfte die Kernaussage des fünf Minuten lang dauernden, sehr repetitiven Vortrags sein. Elena wirkt leicht entnervt. Eine kurze Recherche zu Hause lässt mich in der Apotheken-Umschau den Hinweis finden, dass man Eier von Salmonellen befreien kann indem man sie zehn Minuten lang in 70 Grad warmes Wasser gibt. Zehn Minuten bei 70 Grad? Das hört sich eher nach Eierspeise als nach Schnee an.

Zurück zum Schnee und zum Tetrapack: Das Packerl führt zu neuen Fragen, etwa: Wieviel Gramm Eiweiß enthält ein Hühnerei überhaupt, denn mit Zählen (ein Ei, zwei Eier, drei Eier, fertig) kommt man bei so einer Liter-Packung nicht weit. Es sind 30 Gramm. Elena meint, es sei auch einfacher, mit diesen 30 Gramm pro Ei zu rechnen, anstatt ständig Eier unterschiedlicher Größe aufzuschlagen und dann zu hoffen auf das gleiche Ergebniss zu kommen. Das leuchtet ein.

Was man nicht alles lernt. Auch Mehlsieben sei keine Zeitverschwendung, meint sie, der Teig werde dann fluffiger. Mehlsieben halte ich allerdings weiterhin für übertrieben. Daneben lernt man auch neue Wörter. Auf die Anweisung: „Gib mir bitte die Winkelpalette“, werden suchende Blicke über auf die am Tisch liegenden (Back-) Werkzeuge geworfen. Wie würde ich wohl aussehen, wäre ich eine Winkelpalette? Ah ja, da liegt ja eine: Ein Holzgriff an dem eine gewinkelte Metallplatte angebracht ist, um Teigoberlächen damit glatt zu ziehen. Klar.

Nach 170 Minuten sind Schokomousse auf Schokoteigboden, Cremedessert und Tarte au Citron fertig. Wir bekommen Portionen mit, die eine Großfamilie kalorientechnisch ein Wochenende über die Runden bringen könnte und sind sehr zufrieden mit uns. Der Aufbruch ist etwas hektisch. Michaela hat noch einmal tief Luft geholt – wir verdrücken uns bevor sie nachlegen kann.

Zur Schnabulerie gehts hier.

 

#50 Willhaben

Ich weiß nicht mehr, was das erste Ding war, das ich auf Willhaben gekauft habe. Es war nicht die Semmelbröselmühle und es war auch nicht die Kleiderhaken aus den 70er Jahren, die ich nie montiert habe. Ich weiß nur noch, ich habe sicher zuerst etwas gekauft, bevor ich irgendwann einmal etwas verkauft habe. Aber egal ob man kauft oder verkauft, es ist immer spannend. Die Konversationen über Email mit Menschen, die man sonst nie im Leben getroffen hätte, wäre da nicht das gegenteilige Interesse an einem bestimmten Gegenstand (einer will ihn – der andere will ihn nicht mehr), reichen von nett bis höchst irritierend. Es kann vorkommen, dass man beschimpft wird, weil man in den Augen eines anderen zu viel für etwas verlangt. Es kann vorkommen, dass man sich alles ausgemacht hat und auf die Abholung wartet und niemand auftaucht – ohne sich zu entschuldigen. Es gibt die Informations-Minimalisten: „noch da?“ – „Ja, xy ist noch zu haben.“ – „wo?“ – Adresse – „morgen 8 passt“ – „Ja, morgen 8 Uhr früh passt.“ Und es gibt die, die gerne Begründungen dafür hätten, wieso man gerade diese rote Vase verkaufen wollen würde, als ob sie nicht glauben könnten, dass man auch nur auf die Idee kommen könnte, sich gerade von DIESER roten Vase zu trennen und sofort misstrauisch werden, wenn man es doch tut. Das sind auch meist diejenigen, die noch einmal genauestens informiert werden wollen über Zustand, Größenangaben in Milimeter, Füllvolumen der Vase und die Farbechtheit des Fotos bezweifeln. Ist die in Wirklichkeit denn wirklich SO rot? Ja? Na, das glauben sie nicht so wirklich. Aber gut. Ah ja, ob man nicht auch mit einem Bruchteil des geforderten Preises einverstanden wäre?

So ist diese Plattform dann auch nicht nur eine schräge Ansammlung von Dingen, die sich gerade an einem Scheideweg ihres Daseins befinden – denn was nicht verkauft wird, landet wohl früher oder später im Müll oder auf der Straße – sondern auch eine Lotterie der flüchtigen Begegnungen. Letztens habe ich mich von einer Kamera, einer kaum benutzten Lomo, getrennt. Ein Mensch kam von über der Donau, um sie zu holen, ein junger Mann mit vielen Tattoos und einem netten Lächeln. Wir haben uns kurz über Kameras unterhalten und dann ist er mit der Lomo seiner Wege gegangen. Zurück über die Donau wahrscheinlich. Ein paar Worte mehr und vielleicht wäre es ein Bekannter geworden, den man irgendwo mal wieder trifft und in dessen Beisein man anderen Leuten die lustige Geschichte erzählt, dass man sich das erste Mal bei einem Willhaben-Verkauf gesehen hat. Aber ich bleibe auf der sicheren Seite. Hier die Kamera, danke für das Geld. Viel Spaß! Weg ist er. Schade eigentlich. Ich hätte mir gerne die Tattoos auf seinem Arm noch angeschaut.