#70 Neuberger Kulturtage oder „Iss mich!“

Vor zwei Wochen wurden die Neuberger Kulturtage eröffnet und ein Freund hat uns zum Eröffnungskonzert im Münster Neuberg eingeladen: Guiseppe Verdis „Quattro pezzi sacri“ und Anton Bruckners „Te Deum“ stehen am Programm.

Unsere Unterkunft ist in Mürzsteg, heißt Villa Violetta und gehört irgendwie mit dem Hotel Appelhof zusammen, wo wir stehenbleiben. Ich springe schnell rein, frage nach der Villa und man erklärt mir, wo sie ist. Ich wieder raus und wir fahren etwa zweihundert Meter weiter. Tatsächlich, da steht ein schönes ehemaliges Gasthaus gleichen Namens und wir parken. Am Hang draußen wird Lavendel geerntet, innen gibt es knarrige, von der Zeit dunkel gefärbte Holzdielen, alles schön hergerichtet, und da treffen wir auch schon die ersten Bekannten. Wo denn hier die Rezeption sei, fragen wir sie, das Gepäck schon in der Hand. Hier gäbe es keine, den Schlüssel hätten sie uns beim Appelhof geben sollen. Ah. Ok. Wie haben die nicht…? Naja. Mitmensch geht zurück, um den Schlüssel zu holen. Als er wieder kommt, stellt es sich heraus, dass wir im Zimmer neben unseren Bekannten schlafen. Und dass wir Bad und Klo haben, sie aber nicht. Dafür ist die Türe zwischen unseren Zimmern offen. Der Bekannte begibt sich ebenfalls wieder auf den Weg zum Appelhof. Als er wieder zurück kommt, ist er ein wenig verärgert, die dachten dort, dass wir das ja gemeinsam nutzen könnten. Und es gäbe ja noch eine Toilette am Gang, einen Stock höher. (Zum gleichen Preis, wohlgemerkt. Und die wussten auch nicht, dass wir uns kannten.) Der Bekannte bestand auf ein Zimmer mit Bad und hat Glück, es gibt noch eines. Ein bisschen schräg, die Leute an der Rezeption dort.

Es wird vier und wir fahren ein paar Kilometer weiter nach Neuberg zur Greißlerei von Traude Holzer, einer wahnsinnig netten Frau, die noch dazu singen kann und bekommen dort im Hof vom unglaublich guten Koch Hubert Holzer Eierschwammerlsuppe und Paprikasuppe serviert. Zum Niederknien. Die Eierschwammerlsuppe kenne ich schon vom letzten Jahr und habe schon mal vorsorglich wenig gegessen bis jetzt. Es fängt ein wenig zu regnen an, aber gleich sind wir ohnehin unter Dach: Um fünf Uhr gibt es eine Führung im Münster – wir dürfen den mittelalterlichen Dachstuhl ansehen, der gerade etwas hergerichtet wird. Die Balken sind jetzt um die 600 Jahre alt und – wie die Holznägel – immer noch wie neu. Zur Zeit Kaiser Franz Josefs hat man entlang des Dachs ‚zur Sicherheit‘ quasi noch zusätzliche Balken mit Eisenschrauben befestigt – völlig unnötig, nach Meinung heutiger Zimmerleute. Das einzige, was das gebracht hat, ist dass jetzt dort die Eisenschrauben vor sich hinrosten und das Holz angreifen.

Nach der Dachstuhlführung geht es zurück zu Traude und es gibt Aufschnitt, Aufstrich und sehr gutes Brot. Ich probiere beim Mitmenschen ein Stück unglaublich guten Marillenkuchen. So. Jetzt bin ich satt, und das trifft sich gut, das Konzert fängt gleich an. Der steirische Landeshauptmann Hermann Schützenhöfer zwängt sich an den Sesseln des Orchesters vorne vorbei und sagt: „Keine Angst, ich dirigier‘ nicht!“ Nach einer sehr kurzen Ansprache folgt das Konzert, sehr schön, sehr gewaltig – manchmal etwas zu gewaltig, für meine Ohren sitzen wir ein wenig zu weit vorne.

Danach geht es zurück zu Traude und es gibt – Essen. Der Freund, der uns zum Konzert eingeladen hat, hat nach der Nachmittagsjause auch noch ein kleines Menu organisiert. Hm. Satt ich bin, eigentlich. Es gibt einen Gabelbissen Saibling und Tafelspitzsulz. Als Vorspeise. Ich esse den Saibling und versichte auf die Tafelspitzsulz. Dann wahlweise ein Hirschragout mit Semmelknödel oder einen Forellenstrudel. Hirschragout! Da kann man nicht nein sagen… Die Dame mir gegenüber bestellt eine kleine Portion – clever! Ich schließe mich an. Ich esse, bin froh ob der kleinen Portion, finde es aber gleichzeitig schade, weil es viel zu gut ist. Es folgt das Desert. Huh. Wieder die Wahl: Himbeertiramisu oder Hollersorbet. Hollersorbet – das ist hauptsächlich Wasser, denke ich mir. Dazwischen wird geredet, erzählt und gelacht. Der Appelhof ist ebenfalls Thema, wir sind nicht die Ersten, die mit der Rezeption dort seltsame Erlebnisse hatten.

Nach einem sehr netten Abend geht es zurück zur Villa Violetta – und im Zimmer will ich die Türe zu unserem Nachbarzimmer aufmachen. Mitmensch hält mich davon ab: „Nicht! Draußen vor der Tür hängt ein ‚Bitte nicht stören-Schild‘!“ Öm. Wie jetzt? Aber die Türe zu unserem Zimmer ist doch offen. Die werden doch nicht jemanden anderen da einquartiert haben? Wir sehen uns an. Lauschen an der Türe. Flüstern ab jetzt nur mehr. Knarrt das da drüben nicht? Die Nacht ist spannend. Kommt jetzt jemand zu uns rüber, um auf die Toilette zu gehen? Am nächsten Tag sehen wir durch das münzgroße Schlüsselloch. Alles aufgeräumt. Ich öffne langsam. Das Zimmer ist nicht bezogen.

Auf Wiedersehen (?), Villa Violetta. Wir gehen jetzt erstmal zu Traude, Frühstücken. Endlich wieder was zum Essen!

 

#69 Adlerwarte Kreuzenstein

Da sind wir nun also. Mitmensch, ich und fünf andere Menschen warten um 12 Uhr beim Eingang der Adlerwarte Kreuzenstein in Niederösterreich, um ein bisschen zu lernen, worum es in der Falknerei geht. Die Stimmung ist gut, alle sind ein bisschen aufgekratzt.

Der Halbtagesworkshop besteht aus vier Teilen: Im ersten bekommt jeder von uns einen Falknerhandschuh für die linke Hand, die in Europa traditionelle Seite (weil man ja im Mittelalter, als sich diese Tradition in Europa etabliert hat, in gehobenen Kreisen meist zu Pferd unterwegs war und die rechte Hand für die Zügel brauchte) und Falkner Marek erklärt uns, wie wir die Hand halten müssen, damit der Vogel auch darauf sitzen bleibt. Dann bekommen jeder von uns auch gleich einen Greifvogel auf den Handschuh, den wir  durch die Gegend tragen dürfen, um uns daran zu gewöhnen. Mitmensch bekommt einen Falken mit Haube (‚Chuck‘), ich einen Wüstenbussard – ohne Haube.

Respekteinflößend ist das schon, so ein Schnabel nur wenige Zentimeter weg von den eigenen Augen. Der Wüstenbussard heißt Pepone und schnarrt die ganze Zeit ein bisschen. Statt oben auf der Faust sitzt er eher grätschend auf dem Handschuh, will sich aber nicht wirklich von seinem seltsamen Stand abbringen lassen. Irgendwann zieht er zu meinem Erstaunen dann auch noch ein Bein ein. Hm. Erst später erfahre ich, dass er das nur macht, wenn er sich wohlfühlt. Für den Moment aber halte ich es für seltsam und versuche ihn wieder auf zwei Beine zu bringen, was Pepone irritiert. So sind wir beide etwas ratlos, und Pepone versucht zu starten. Ich halte ihn am Geschüh fest (das sind die Lederfesseln an seinen Füßen) und er setzt sich wieder auf die Hand. Jetzt sind wir beide noch mehr verwirrt. Aber da werden Pepone und seine KollegenInnen aber auch schon wieder in die Voliere zurückgebracht und wir gehen ein wenig Theorie lernen, denn Greifvögel sind nicht ganz so einfach zu trainieren: Sie kennen keine negative Verstärkung, sie verstehen nur Belohnung. Ergo kann man auch nur mit Belohnungen arbeiten. Hah. Sehr intelligent.

Nach der Theorie und einer kurzen Pause fängt die Nachmittagsveranstaltung, die Flugshow an, die wir ebenfalls ansehen. Wahnsinn. Falkner Björn führt schlagfertig durch die Show und achtet darauf, dass niemand einen Greifvogel in die Haare bekommt. Das wäre auch nicht ratsam, denn die und ihre Krallen werden immer größer. Das Kind neben mir duckt sich nicht schnell genug und wird von den Lederfesseln am Kopf gestreift, was es mit „Böser Adler!“ kommentiert. Tja, muttu schneller sein nächstes Mal, aber das sage ich ihm nicht.

Nachdem die Besucher weg sind, geht es für uns weiter, jetzt fliegen wir (so sagt man) mit den Vögeln: Es gibt ein Wiedersehen mit den Wüstenbussarden. Pepone ist zwar nicht dabei, aber eine Hermine, wenn ich mich richtig erinnere und noch ein weiterer Wüstenbussard. Abwechselnd bekommen wir Stubenkückenstücke (also Teile von toten Kücken) in die Handschuhe und die Greifvögel fliegen darauf. Wortwörtlich. Kurz bleiben sie am Handschuh, schnappen sich ihre Belohnung (positive Verstärkung!) und dann lassen wir sie aufs Holzgeländer hinter uns springen. Mitmenschs Bussard verfehlt das Holzgeländer und fällt dahinter herunter. Gut, dass er Flügel hat.

Nach den Würstenbussarden kommt ein Adlerbussardweibchen: Mit ihr wird uns das auf die Faust nehmen nicht ganz so einfach gemacht wie mit den Bussarden. Wieder bekommen wir ein Stubenkückenteil in die Hand, sollen das aber dieses Mal ja nicht loslassen: Wenn die Adlerbussarddame anfliegt, soll sie damit beschäftigt sein, damit wir mit der bloßen rechten Hand das Geschüh nach vorne holen und zwischen Mittel- und Ringfinger des Falknerhandschuhs klemmen können. Manche lassen das Stubenkücken los – oder sie rupft zu stark und Happ! ist das Stubenkücken weg. Und dann ist die Dame nicht mehr beschäftigt und achtet sehr genau auf die bloßen Finger, die sich da nähern. Mancher versucht trotzdem am Geschüh herumzufummeln und dann ruft Björn: „Wenn sie nicht kuckt! Wenn sie nicht kuckt!“ Aber Madame kuckt sehr genau und meistens kommen dann Björn oder Marek zu Hilfe. Die Dame hat nicht nur einen scharfen Schnabel, sondern auch eine imposante Flügelspannweite von etwa eineinhalb Metern. Bei mir funktioniert der erste Anflug tadellos, ich halte das Kükenteil so fest, dass sie gut beschäftigt ist, während ich das Seil durch die Finger fummle. Beim zweiten Mal kriege ich das Geschnüre nicht richtig durch die starren Lederfinger, Marek muss nachhelfen. Dazwischen posen wir, eine freiwillige Helferin macht Fotos von uns.

Nach dem Adlerbussardweibchen kommt der Steppenadler Schnappi. Schnappi heißt so, weil er offensichtlich gerne einmal Finger oder Gesicht ins Visier nimmt, sagt man uns. Wir sind nicht sicher, ob wir es glauben sollen, Schnappi sieht aber respekteinflößend genug aus, um die Sache nicht auf die Probe zu stellen.

Der letzte Flug steht an und Marek bringt einen Weißkopfseeadler. Hallali. Wenn der auf einen zufliegt, das ist schon mehr als beeindruckend. Er setzt sich auf die Hand, kurz nur, sagen sie uns, wir sollen ihm die Beute gleich geben. Und dann stößt er sich kräftig ab und springt einen Meter weiter zur nächsten behandschuhten Hand, entweder der von Marek oder Björn, wo noch ein Kükenteil auf ihn wartet.

Ich könnte ja noch ewig weiterfüttern, wenn sich jetzt nicht mein eigener Magen langsam melden würde. Und da, der Kurs geht dem Ende zu, und es gibt Futter für uns in der Taverne, wo auf Tongeschirr wahlweise Falafel oder Linseneintopf serviert werden. Ohne Stubenkückenteile.

 

#68 Nachbarn

Zwischen uns und dem nächsten Haus liegt ein Hof. Man muss kein Voyeur sein, um seine Nachbarn und Splitter ihres Lebens kennenzulernen. Was sich dort drüben so abspielt bleibt einem, wenn man das Fenster doch hin und wieder mal zum Hinausschauen benutzt, nicht verborgen, auch wenn wir die einzigen hier sind, die keine Rollos oder Vorhänge haben. Da ist zum einen der sehr dicke Mann, den man leicht oder gar nicht bekleidet durch sein Abstellkammerl hüpfen sieht. Da war die ältere Dame, deren Küche zu uns hinausgeht und die dort regelmäßig mit gesenktem Kopf hantiert hat. Die letzten Wochen war sie nicht mehr da, dafür ein Makler mit einem jungen Pärchen, die sich die kleine Terrasse angesehen und diskutiert haben. Wir haben unsererseits gerade am Balkon zu Abend gegessen und schwer überlegt, ob wir ihnen jetzt winken sollen oder nicht. Bevor wir zu einem Schluss gekommen sind, haben sie mit Schmackes die Terrassentüre hinter sich zugeworfen. Ich weiß nicht, ob wir die nochmal sehen. Die Nachbarn im rechten Winkel zu uns sehen wir auch nicht. Aber sie haben oft das Küchenfenster offen, und wenn sie miteinander reden – was sie nicht oft tun – dann hören wir sie. Meistens aber läuft der Fernseher. Und dann gibt es noch die etwas verrückte Frau von schräg gegenüber. Ob sie wirklich verrückt ist, weiß ich nicht, aber sie macht zwei Dinge, die ich nicht verstehe und das reicht mir mal für ein Vorurteil. Die verrückte Nachbarin hat dieses Frühjahr am Balkon einen kleinen Bambusbaldachin aufgestellt und ihn mit einer elektrischen Lampionkette behängt. So weit so nett, sieht hübsch aus und die Lampions machen ein schönes Licht. Zusätzlich hat sie aber das Balkongeländer mit einer hektisch grün-blau-rot blinkenden Lichterkette verziert, die sie von ihrer Seite sicher nicht sieht, weil da die Pflanzen wachsen. Sowohl Lampions als auch Lichterkette beginnen mit einsetzender Dämmerung zu leuchten, respektive zu blinken. Und das tun sie dann die ganze Nacht. Jeden Tag. Ich habe sie noch NIE am Balkon sitzen sehen. Das ist der erste Punkt den ich nicht verstehe. Der zweite: Wenn ich in der Früh die Tomaten gieße, dann sehe ich manchmal wie sie „gärtnert“. D.h. sie zupft oder schneidet an den Pflanzen herum und wirft die Reste dann auf das Vordach unter ihrem Balkon. Öm. Ok. Will sie, dass sich dort Kompost bildet, um auf dem Humus einen Garten anzulegen? Möchte sie die Vögel damit füttern? Oder einfach nur die Dachrinne verstopfen? Man weiß es nicht. Man muss ja nicht alles verstehen. Aber ein bisschen verrückt ist sie glaube ich schon.

Es würde mich ja schon interessieren, was unsere Nachbarn so von uns und unserer vorhangslosen Wohnung denken. Gestern zum Beispiel haben wir eine Stunde lang händisch die Blättern der Tomaten abgestreift, um der kleinen roten Viecher darauf Herr zu werden. Völlig normal ist das sicher auch nicht.

#67 Frei!

Montag, 2. Juli, Kassa beim Billa. Wenn die Frau vor mir einen Schritt weiter vorgehen würde, könnte ich meine Sachen schon mal auf das Band legen. Ich verwende natürlich keinen Korb und halte alles in Händen, auch wenn mir gegen Ende des Billas in denselben meistens der Platz auszugehen droht. Mit dem Zeigefinger halte ich einen Flaschenhals. Die Flasche fängt zu rutschen an. Die Frau geht immer noch nicht weiter. Sie ist zu beschäftigt damit, ihr Kind zu ignorieren. Das Kind geht mir etwa bis zur Mitte des Oberschenkels, vielleicht erste Klasse Volksschule. Der Bub hat braune Haare, eine blitzblaue Sonnenbrille aus Plastik auf, bunte Shorts, ein grünes T-Shirt und einen Aktionsradius von etwa drei Metern. Er kugelt auf dem Boden, kräht, zieht an der Leinenbluse seiner Mutter, läuft fast in mich rein, ich halte die Flasche fester, er macht eine Pirouette, läuft fast in die Eskimo-Kühltruhe, singt ein Lied, hängt sich mit beiden Händen an seine Mutter und kugelt schon wieder krähend auf dem Boden herum. Und das alles in einer halben Minute. Dazwischen sagt die Mutter öfter mal „Julian!“ und zieht die Luft zwischen den Zähnen ein. Als ich endlich meine Sachen auf dem Band abstellen kann, meine Finger ausschüttle und die Frau beim Zahlen ist, weiß ich plötzlich was los ist. Ich grinse sie an und frage: „Erster Ferientag?“ Sie verdreht die Augen. „Julian!“ Beide gehen.
„Zwei Monate Ferien“, sage ich zur Frau an der Kassa. „Das war schon ziemlich super.“
Sie lacht und meint: „Ja, und sie fangen erst an!“

Naja. Julian wird das schon überstehen.

 

#66 Manner

Das hier soll keine Werbeeinschaltung sein, aber eine offene Packung Neapolitaner-Schnitten liegt neben mir am Schreibtisch. Beim Skifahren war immer eine Packung dabei, die meistens bei der Heimfahrt im Bus gegessen wurde – gut gekühlt (oft ein wenig zu kalt), leicht angestoßen und bröselig vom einen oder anderen Sturz oder einem kleinen Stoß am Sessellift. Im Sommer und beim Baden waren ja eher Leibnitz-Butterkekse dabei, da kann nichts schmelzen und die Ameisen interesserieren sich auch nicht so rasend dafür, aber bei den momentanen Temperaturen sind Mannerschnitten auch mal ok.
Farbe und Form der Verpackung ist ja unverkennbar. Der Geruch auch, aber den kenne ich noch nicht so lange. Also nicht den Geruch von fertigen Manner- oder Mignonschnitten, wenn man die Packung aufmacht, sondern den süßlichen, den schweren der Manner-Fabrik, die im 17. Bezirk steht, und der einem hier in der Gegend des je nach Luftdruck, Windrichtung und Produktionszyklus um die Nase weht. In Kombination mit dem Geruch der Hefe der Ottakringerbrauerei eine manchmal ziemlich schlagkräftige und gewöhnungsbedürftige Mischung.

Ich habe mich ja nie gefragt, warum der Stephansdom auf der Mannerschnittenpackung prangt. Jetzt weiß ich es trotzdem: Das erste Geschäft lag am Stephansplatz (man verkaufte Schokolade und Feigenkaffee, einen sogenannten „Fruchtkaffee“ – wie auch immer man sich das geschmacklich vorzustellen hat) und 1889 hat Herr Manner den Domals als das Markenzeichen von Josef Manner & Comp. AG eintragen lassen. Jahre später, als das Unternehmen wuchs, sagte man sich wohl, es solle der Schaden des Domes nicht sein, dass man unter seinem Zeichen so schön wächst und gedeiht (oder so stelle ich mir das vor, vielleicht sind aber auch die Ministranten des Stephansdoms einmal auf Besuch gekommen und haben den Feigenkaffee ausgeleert): Jedenfalls finanziert Manner seitdem einen Steinmetz der Dombauhütte St. Stephan und trägt somit ständig zur Erhaltung des eigenen Wahrzeichens und dem der Stadt Wien bei. Ja. So ist das.

Und wenn wir schon dabei sind, es gibt ein weiteres Legendenstück: Man munkelt, früher habe es im Mannershop Mannerbruch, die langen Randteile mit gehärteter, überquellender Schokolade in Plastiksackerl zu kaufen gegeben. Heute, auf Nachfrage hin, hat man mir versichert, dass das nicht mehr verkauft werde. Was total gemein ist, denn von allem anderen gibt es Bruch, sogar von Rum-Kokoskugeln! Wohin geht der Mannerbruch, wenn nicht in die Mägen der Kundschaft? Gibt es ihn vielleicht gar nicht mehr, weil milimetergenau produziert wird? Wird der Mannerbruch zu horrenden Preisen am Schwarzmarkt gehandelt? Oder landet er nur mehr auf den Tellern und in den Naschschüsselchen der Schönen und Reichen? Und wieso eigentlich Neapolitaner? Was haben die Italiener damit zu tun? (Jaja, das kommt daher, weil damals, ein paar Jahre vor 1900, die Zutaten dafür noch aus der Gegend um Neapel kamen.) Trotzdem. Irgendetwas stimmt da nicht. Vielleicht sollte man den Ministranten am Stephansdom mal einen Überraschungsbesuch abstatten…

 

#65 Kühlen Kopf behalten

Die Anzahl der Hitzetage wird in den nächsten Jahren weiter steigen, 2040 soll im Durchschnitt jeder vierte Tag in Wien ein Hitzetag werden. Pfuh. Meine Lieblingstemperaturen liegen mehr so zwischen 15 und 24 Grad, das könnte anstrengend werden. Bleibt nur auswandern – oder Strategien des Kühl-bleibens zu entwickeln.

Wurde das Büro dank Klimaanlage nicht ohnehin bereits in einen begehbaren Kühlschrank umgewandelt, gibt es während der Arbeit zumindest ein paar  Möglichkeiten, um in der Hitze nicht einzugehen:

  • Man hat z.B. einen Fächer dabei. Ist einem das zu peinlich, weil man nicht ungewollt zweideutige Botschaften mittels Fächersprache versenden möchte oder braucht man beide Hände zum Arbeiten, dann besorge man sich rechtzeitig die elektronische Variante: einen Ventilator. (Die umweltschonende Möglichkeit wäre jemanden einzustellen, der einem mit Bananenblättern frische Luft zufächelt. Fördert auch die Wirtschaft und senkt die Arbeitslosenrate.)
  • Andere Möglichkeit, sofern in der Arbeit möglich: Früh aufstehen, arbeiten, dann – ganz wie die Experten im Süden – eine lange Siesta einlegen und ab ca. halb 5 wieder an den Schreibtisch gehen. Dazwischen bewege man sich so wenig wie möglich. Sonst könnte man natürlich auch den Job wechseln und in einem griechischen Restaurant anfangen. Am besten gleich in Griechenland.
  • Das kenne ich zwar nur aus Lustigen Taschenbüchern, aber ich will es nicht unterschlagen: Donald hält seine Füße in einen Kübel mit Eiswasser. Ich bin skeptisch, denn wenn man die Füße wieder herausnimmt, fördert das doch die Durchblutung und die Füße werden sehr, sehr warm…? Aber wer weiß. Vielleicht darf man auch einfach nur die Kühlkette nicht unterbrechen.
  • Es gibt Mentholsticks, mit denen man sich über die Stirne und den Nacken fahren kann. Wenn man nicht zu empfindlich auf ätherische Öle reagiert, ist das hin und wieder ganz fein.
  • In China trinkt man (heißen) Chrysanthemen-Tee, der kühlt von innen. Wer das nicht glaubt oder falls keine Chrysanthemen vorhanden sind, der mache sich einfach einen Eistee: Am Vorabend (!) Schwarztee machen, über Nacht abkühlen lassen (Teebeutel nicht vergessen!) und am nächsten Tag mit Zitronensaft und Eiswürfeln bestücken. Wunderbar! Am besten gleich ein paar Liter machen. Dann vergisst man auch nicht, genug zu trinken.

Hat man frei, sind die Möglichkeiten etwas breiter gefächert:

  • Man fährt ins Waldviertel. Oder in die Berge. Oder geht schwimmen. Hauptsache weg von Wohnung und Asphalt und Beton.
  • Oder man räumt einfach einmal den Keller zusammen. Und wenn man schon dabei ist, kann man auch gleich eine Leseecke dort einrichten – in weiser Vorraussicht auf das Jahr 2040.
  • Man kann natürlich auch ins Museum gehen, aber da sollte man gut aufpassen, in welches. Die Kunstkammer im Kunsthistorischen Museum in Wien z.B. hat in etwa angenehme 23 Grad. Wenn das nicht ein Grund für eine Jahreskarte ist!
  • In der Nacht zu lüften und während des Tages dafür alle Fenster und Jalousien zuzumachen versteht sich hoffentlich von alleine. Aber es gibt genügend Leute, die die Prinzipien der Thermodynamik ignorieren und tagsüber die Fenster aufmachen, damit es mal schön durchzieht. Weil Luftzug = kühl. NEIN?!
  • Und – das geht natürlich immer -: Eis. Beim Eis sind die Möglichkeiten nahezu endlos: Lieber einen Eisbecher und dabei dem Treiben an der Eistheke zusehen oder doch zum Mitnehmen? Auch auf die Gefahr hin, dass beim Gehen, Schauen und Schlecken nicht jedes Eisrinnsal, das unten strebt, sofort entdeckt wird… Oder doch lieber mal veganes Eis probieren? Frozen Joghurt wäre auch wieder mal fein. Oder ganz klassisch ein Magnum oder Cornetto vom Billa, in der Hoffnung, dass es noch nicht aus ist und man plötzlich mit einem Twini dasteht. Nichts gegen Twinis, aber wenn das gewünschte Eis aus ist, dann ist das schon ein Moment der Entäuschung. So wie wenn im Freibad der Mensch vor einem das letzte Calippo weggekauft hat, obwohl man sich schon so darauf gefreut hat und es das größte Eis war, das man sich noch leisten konnte. Es hat 10 Schillinge gekostet – und der Sprung zum Cornetto mit 14 Schillingen war weit und das Taschengeld knapp.

 

#64 So ein Mist

2015 hat der durchschnittliche Österreicher etwa 100 Kilogramm mehr Müll produziert als der durchschnittliche Europäer, nämlich 587kg statt 481kg. Und das ist nur der privat produzierte Müll. Aber damit sind bzw. waren wir bei weitem nicht Spitzenreiter – die Dänen hatten 747kg pro Kopf. Das macht über zwei Kilo Mist pro Tag! Woher kommt das alles? Ich würde mir gerne mal ansehen, was da so alles drinnen ist. Meinen eigenen Müll kenne ich ja, und der kann sicher auch reduziert werden – aber zwei Kilo pro Tag? Hallali.

Am anderen Ende der Liste liegt Rumänien mit 272kg pro Mensch und Jahr. Dafür haben die Österreicher und Innen beim Kompostieren die Nase vorne, über der Hälfte des anfallenden Mists landet in der Biotonne oder auf dem Komposthaufen. Noch besser aber ist eine Kombination aus beidem, Müll vermeiden und Recyceln bzw. Kompostieren. So macht man es z.B. in Capannori. Capannori liegt in der Toskana. Wie einige andere Städte in Italien und Spanien hat man dort befunden, dass es einfach zu viel Müll gibt und seit 2004 versucht man dem entgegenzuwirken. Die ganze Stadt engagiert sich, um bis 2020 das Ziel zu erreichen, keinen Restmüll mehr zu produzieren. GAR KEINEN mehr. Und sie sind auf gutem Weg dorthin. Dazu gibt eine interessante Arte-Dokumentation („Zero Waste – Ein Leben ohne Müll“, man findet sie auch auf Youtube).

Aber nicht nur einzelne Gemeinden engagieren sich, auch die EU kümmert sich um den Abfall ihrer Mitgliedsstaaten, was mir bis jetzt weder bewusst noch bekannt war: Ende letzten Jahres wurde eine Neuregelung für den Hausmüll beschlossen, ob das vom Rat schon abgesegnet wurde, habe ich leider nicht herausgefunden, in der letzten von mir gefundenen Meldung dazu vom April 2018 war es noch offen. Ziel der Neuregelung wäre es, dass bis 2025 EU-weit mindestens 55% des Hausmülls recycelt wird (d.h. aber auch, dass er irgendwie recycelbar sein muss…), bis 2030 sollen es mindestens 65% sein und fünf Jahre später (lauter vorauseilende 5-Jahres-Pläne) sollen nur noch maximal 10% des Hausmülls auf der Deponie landen. In der neuen Regelung zählt „Verbrennen“ auch nicht mehr zu „Recyceln“ (ha!) und die Tonnen an Lebensmittel, die im Müll landen, sollen wesentlich reduziert werden. Finde ich gut. Hin zum Klimaschutz, Jobs werden dadurch offensichtlich ebenfalls geschaffen – nur wie kommt das Bestreben auch in der Bevölkerung an? Zumindest an mir ist dieser Beschluss bisher (bis ich jetzt ein wenig recherchiert habe) ziemlich vorbeigegangen. Ich sehe hauptsächlich Mülltonnen, auf deren Deckeln leere Pizzaschachteln und daneben leere Bierdosen liegen, weil jemand zu faul war, den Deckel zu heben (dass die Schachteln meistens auch auf und die Dosen neben der falschen Tonne liegen übergehen wir mal kurz).

Solcher herumliegender Mist macht denn auch Aktionen wie die der MA48 notwendig: Anfang Mai diesen Jahres nahmen 17.000 Menschen an der Aktion „Wien räumt auf – mach mit“ teil – und sammelten Wien-weit unglaubliche 29.000 kg herumliegenden Müll auf. Was für eine Zahl.

Die MA48, die Wiener Magistratsabteilung für Abfallwirtschaft, ist ohnehin meine Lieblingsmagistratsabteilung. Eine gute Marketingabteilung ist ihr Geld schon wert! Heute war ich das erste Mal im 48er Tandler – dorthin kommen alle Dinge, die bei der MA48 abgegeben werden und noch zu brauchen sind (und nicht schon von den eigenen MitarbeiterInnen in Sicherheit gebracht wurden): Vor dem Eingang steht eine Badewanne, die an der Seite aufgeschnitten und zur Bank umfunktionierte wurde. Innen – umtönt von der Musik der 90er – warten riesige Plüschtiere, Bilderrahmen samt Bild, alte Singer-Nähmaschinen, Spiele, Geschirr, Platten, CDs, DVDs, Stereoanlagen, Kameras, Gewand, Vasen, Sesseln, Kleinmöbel. Ich kreise und sehe mich um. Es ist um Mittag und erstaunlich viel los. Kinder laufen herum, ein Dreikäsehoch probiert ein riesiges graues Männersakko an und grinst. In der Mitte des großen Raumes befindet sich ein von vier Seiten begehbares Rund, das aus Bücherregalen besteht. Koch- bis Kinderbücher, Reiseführer, Belletristik, Krimis und Fantasy findet man hier – und eine Dame, die neben mir steht und niest. Das Niesen kommt recht regelmäßig. Nach dem dritten wechsle ich unauffällig den Platz und sehe mich bei den Kochbüchern um. Sie niest weiter. Nach dem sechsten Mal bin ich bei den Krimis. Nach dem neunten Mal finde ich, dass ich 1. zu Hause ohnehin genug Bücher habe und 2. jetzt mal meinen Müll wiegen gehen sollte.

 

Was sie beim 48er Tandler noch haben sind ein bisschen creepy beleuchtete Jagdtrophäen:

#63 Österreich im Ausland

Am Wochenende war Comic-Salon in Erlangen. Die vier Tage, die er dauert, waren mir für einen ersten Besuch dort doch ein wenig zu heftig, so habe ich mir im benachbarten Nürnberg ein Hotel gesucht: Zwei Tage Comic-Salon und zwei Tage Sightseeing in Nürnberg, das geht doch. Schon im Zug bin ich begeistert – von den Dialekten. Ein Mann tritt seinen Koffer liebevoll mehr durch den Gang, als dass er ihn schiebt und meint kopfschüttelnd zu seiner Gattin: „Schatz, bei mir rolllt dat nüscht.“ Ja, ‚rolllt‘ mit drei ‚l‘. Mindestens. Wunderbar.

Im Hotel an der Rezeption wird immer „Guten Tag“ gesagt, nie „Grüß Gott“, wie ich das so mache, ohne es recht ernst zu meinen (ich habe nicht vor, irgendjemanden vorzeitig zu seinem Schöpfer schicken, nur damit ihn der kurz grüßen kann) und danach frage ich mich, ob ich nicht auch lieber „Guten Tag“ sagen sollte. Aber ich vergesse jedes Mal. Am nächsten Tag beim Frühstück sind die meisten – wie ich – entweder alleine oder wortkarg. Ein Ehepaar sieht in die Zeitung, aber einander nicht ins Gesicht. Schade. Wo ich doch so gerne mithören würde. Der Inhalt ist mir egal, hauptsache Hessisch, Schwäbisch, Bayrisch, Platt. Und da, am dritten Tag in der Früh reden endlich zwei miteinander. Sie sind offensichtlich – wie die Hälfte der Gäste in dem kleinen Hotel – nicht zum Comic-Salon sondern wegen „Rock im Park“ hier und blicken mit sehr kleinen Augen aufs Buffet. Die Stimmen klingen nach rostigem Alteisen, aber ich kann sie gut verstehen. Tja. Es sind Salzburger.

Am Comic-Salon lerne ich ein paar nette Leute kennen und werde von diesen ab dem Zeitpunkt anderen nur mehr als „die Wienerin“ vorgestellt. Endlich habe man eine kennengelernt! Ich versuche zu betonen, dass ich ja eigentlich aus Oberösterreich komme, aber das wird als zu kompliziert und wenig griffig abgewunken. Einer meint zu Wien: „Ja, da war ich schon mal. Sind da immer alle so unfreundlich?“ Ich nicke abwägend und erzähle, dass der österreichische Tourismusverband den österreichischen Charme der UNESCO als immaterielles Weltkulturerbe vorgeschlagen hat. Sie lachen. Und ich? Ich lächle charmant.